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Abendausgabe

Nr. 185 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 91

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Vorwärts

Berliner Volksblatt

5 Pfennig

Montag

20. April 1925

Berlag und Anzeigenabteilung

Geschäftszeit 9-5 Uhr

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutfchlands

Hindenburgs Fiasko.

Mißglückte Vorstellung des Reaktionskandidaten in Hannover .

Der Rechtsblod hat Hindenburg in Hannover der Aus­landspresse vorgestellt. Er hat ihm eine Rede gegeben und Hindenburg hat sie vorgelesen. Es waren etwa 500 Personen anwesend. Darunter befanden sich hervorragende Vertreter der Weltpresse, die sich über die Bedeutung der Kandidatur Hindenburg informieren wollten. Es gibt politische Fragen, die das deutsche Bolt brennend intereffieren. Es gibt politische Fragen, deren Beantwortung für die Zukunft Europas von nicht minderer Bedeutung sind wie für die Zukunft Deutsch­ lands . Die Osterbotschaft Hindenburgs ist die Stellungnahme zu diesen Fragen bewußt ausgewichen.

Die Programmrede, die Hindenburg in Hannover vor­getragen hat, hat ebenfalls feine Antwort gegeben. Oder, wenn man mill, doch eine Antwort. Dieselbe Antwort, die der Reichskanzler Michaelis im Kriege auf den Friedensschritt des Papstes gab, jene bewußt ausmeichende und verschleiernde Antwort, in der der andere nur den bösen Willen hörte.

Der Wille, sich vor der Wahl nicht zu decouvrieren, der Wille, die Stellungnahme zu den brennendsten politischen Pro blemen dem eigenen Volfe und der Welt zu verbergen, ist der wesentliche Inhalt dieser Rede. Die folgenden Säße zeigen

den Grundton, auf den sie abgestimmt war.

,, Als ruhiger Beobachter der politischen Entwicklung der letzten Jahre habe ich geglaubt, immer wieder eine falsche Auf­faffung vom Wesen und von der Bedeutung der politischen Parteien im parlamentarisch regierten Staat fest­stellen zu müssen. Diese führte dazu, das an sich schon zum Zwie­spalt neigende deutsche Bolt noch weiter zu verwirren. Weite Kreise ftreben aber nach großem, gemeinsamem Ziel. Darum scheint mir der Reichsblod, der diesem Gedanken dienen will, die For derungen des Tages richtig erfannt zu haben. Erwarten Sie also, meine sehr verehrten Herren, nicht von mir das Programm eines Parteimannes, der sich mit politischen Fragen auseinandersetzt." Der Monarch eines scheintonstitutionellen Staates fann das Wesen der Demokratie nicht schärfer ablehnen, als es der Statthalter der Monarchie im Auftrage des Reichsblods in diesen Sägen getan hat. Diefe wenigen einfachen Säge ent­halten den ganzen grundfäßlichen Unterschied zwischen der Kandidatur Marg und der Kandidatur Hindenburg . Es ist der Unterschied zwischen der demokratischen Republif und der scheinkonstitutionellen Monarchie, zwischen freier Selbstbestimmung des Volkes und Obrigkeitsherrschaft einer Herrenschicht.

Hinter der Betomung dieses Unterschiedes treten die all­gemeinen, nur auf Täuschung abzielenden Phrasen dieser Rede zurück. Dies Programm paßt nicht in das Deutschland der Weimarer Verfassung , nicht in die demokratische Welt. Hindenburg , die Monarchie und der Sicherheitspakt. Der Reichsblock hat jedoch nicht vermeiden können, wenig­fens einem Bertreter der öffentlichen Meinung eine Anzahl bestimmt formulierten Fragen vorlegen zu lassen. Der Ver­treter des Reuter Bureaus hatte folgendes Interwiem mit Hindenburg :

Frage: Wird Ew. Exzellenz bereit sein, den vorge. schriebenen Eid zu leisten, worin es heißt, daß der Präsident die Verfassung und die Gefeße des Reiches mahren, seine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann

üben werde"?

Antwort: Natürlich bin ich dazu bereit, denn im anderen Falle hätte ich gar nicht das Recht gehabt, mich als Kandidat aufstellen zu lassen.

Frage: Würde Em. Erzellenz es vorziehen, den früheren Raiser wieder auf den Thron zu sehen, lieber als jelbst Präsident der Republif zu werden?

Antwort: Die Frage Republit oder Monarchie steht m der deutschen Politik gegenwärtig nirgends zur offi atellen Erörterung. Persönliche Wünsche spielen deshalb feine

Rolle.

Frage: Ift Ew. Exzellenz bereit, den vorgeschlagenen Sicher­heitspaft zu unterzeichnen, der Frankreichs und Belgiens Grenzen

garantiert?

Antwort: Die Sicherheitsfrage befindet sich gegen wärtig noch im Stadium der internationalen Erörterun gen. Ich fann infolgedessen durch eine eigene Stellungnahme nicht in solche Fragen eingreifen, die zunächst Sache der Regierungen sind. Selbstredend verfolge ich diese wichtige Auseinandersetzung mit besonderer Aufmerksamkeit.

Frage: 3ft Em. Erzellenz der Ansicht, daß die gegenwärtigen Grenzen im Osten zugunsten Deutschlands geändert werden Grenzen im Osten zugunsten Deutschlands geändert werben

müssen?

Antwort: Dieser Ansicht bin ich ebenso wie jeder Deutsche , ohne Unterschied der Partei. Damit der Friede dabei nicht gefährdet wird, muß man den Berhandlungsweg einschlagen. Frage: Bird Ew. Exzellenz als Präsident alles, was in seiner Macht steht, tun, daß die militärischen Klauseln des Ver­failler Bertrages erfüllt werden?

wählt werden soll. Hindenburg sagte ungefähr:

Antwort: Der Versailler Vertrag ist solange für uns| nes, der nach Ansicht vielet Leute zum Reichspräsidenten ge­bindend, bis er durch neue Abmachungen zwischen den Bertragsmächten geändert wird. Zur Bertragserfüllung gehören natürlich auch die militärischen Bestimmungen.

Frage: Wird die Politik Ew. Exzellenz den früheren Feinden Deutschlands gegenüber eine der Verständigung und der Bölferverföhnung gewidmete sein?

Antwort: Ich habe schon in meiner Osterbotschaft an das deutsche Volt gesagt, daß ich dem inneren und äußeren Frieden dienen will.

Frage: Ist es die Ansicht Ew. Exzellenz, daß Deutschland nur etwas von einer friedlichen Entwicklung nach innen und außen zu erwarten hat, und daß es töricht sein würde, Deutschland in friegerische Abenteuer zu stürzen?

Antwort: Ich bin dieser Ansicht durchaus und habe mich in den ganzen Nachkriegsjahren gegen friegerische Abenteuer gewandt, weil ihr Verlauf für Deutschland nur unglücklich sein

fönnte.

Frage: Ist Deutschland nach Ew. Exzellenz Meinung imstande, auch nur einen Berteidigungsfrieg gegen irgendeinen seiner Nachbarn zu unternehmen.

tärischen Ansicht nicht einmal in der Lage, sich gegen Antwort: Deutschland ist nach meiner fachmännischen mili­irgendeinen fleinen Nachbarstaat friegerisch zu nerteidigen, denn auch Staaten wie etwa Polen und die Tschechoslowakei haben ein viel größeres stehendes Heer als wir und find durch militärische Bündnisse gesichert, so daß wir uns in jedem Falle einer weit überlegenen Kriegsmacht gegenübersehen würden.

In den beiden entscheidenden Bunkten weichen die Ant norten Hindenburgs aus. Immerhin lassen sie zweierlei er­tennen:

Er bekennt sich persönlich zur Monarchie, ver­Schantzt sich aber dahinter, daß die Frage Republik oder Monarchie nicht zur offiziellen Gröterung stände. Natürlich nicht, ein Antrag auf Abschaffung der Republik liegt nicht vor. Aber inoffiziell" steht sie schon zur Erörterung mit der Präsidentschaftskandidatur des Mon­archisten.

Die Politit des Sicherheitspattes verfolgt er, aber er unterstügt sie nicht. Er nimmt flar Stellung est grenzen. Das Ausweichen hier ist so beredt wie das zu der Frage der Ost grenzen, aber nicht zur Frage der Reden dort.

Vor den Kulissen und hinter den Kulissen. Es versteht sich von selbst, daß vor den Kulissen für Auf­machung gesorgt war. Kundgebung vor der Stadthalle in Hannover . Filmregie:

" Da steht auf dem Treppenaltan der schlichten Billa ein Mann, schon förperlich weit über seine Umgebung ragend. Straff auf­gerichtet die mächtige Gestalt, wie einst, als er die Parade ab. abnahm, Hand auf den Degentnauf. Scharlachtof leuchten die klappen des Generalmantels, die Ordenssferne, Denkmäler welt­geschichtlicher Siege funkeln im Sonnenlicht."

Das ist der Hindenburg , den man dem Bolte zeigt. Diese Regie ist Programm genug.

Der Reichstagsabgeordnete Schmidt- hannover redet:

Er hielt euch die Treue in schwerster Zeit, nun haltet sie ihm. Geächtet sei der Deutsche , der am nächsten Sonntag nicht seine vater­ländische Pflicht tut."

Aechtung für alle, die nicht Hindenburg wählen! Kom mentar zu den Sägen der Hindenburg - Programmrede über die Einigkeit. Ankündigung neuer gefährlicher nationalistischer Berhebung. Rillinger- Methoden. Auch ein Pro­gromm!

Aber die Journalisten des Rechtsblocks verderben die schönste Regie. Kaum haben sie die, riefenhafte Per­fönlichkeit" herausgestellt, so machen sie ihn schon wieder klein:

Nur eines prägt sich noch tief in die Erinnerung ein: Wie der Atchundfiebzigjährige, der sich nach seiner Rede wieder in den Lehn­ftuhl niedergelassen hatte, als der erfte der Redner sich persönlich an ihn wendet, aufsteht und eine Stunde hindurch an ihn die ihn Jünglinge beneiden tönnten." gerichtete Worte in einer Straffheit anhört, um

"

So zu lesen im Lokal Anzeiger". Der große Menn hat eine Stunde lang Reden anhören tönnen. Rön nen!

,, Bon einem alten Soldaten fönnen Sie nicht viele Worte er marten. Was ich will, habe ich gesagt. Ich will Frieden in Ehren. Ich will nicht militarist sein. Ich habe in meiner Jugend und im After genug Krieg und Elend gesehen, um ihn nochmals erleben zu mollen. Aber wie ich nicht der Massenmörder bin, so bin ich auch lange nicht der alte Mann, der im Rollmagen gefahren werden muß."

An dieser Stelle verlor Hindenburgden Faden und wandte sich an einen Herrn zu seiner Rechten mit den Worten:

" Ja, was war das doch, woran Sie mich erinnern sollten, was ich noch sagen sollte?"

Der Herr zur Rechten flüsterte Hindenburg einige Morte zu und dann sagte der Präsidentschaftskandidat des Reichs­blockes in dieser Rede an die Bertreter der Presse des Auslandes noch folgendes:

Ja, richtig! Einzelfragen! Auf Einzelfragen lasse ich mich nicht ein. Das wäre gegen die Berfassung, die ich beschwören muß. Da muß ich zuerst mit meinem Ranz­ler und mit meinen Ministern sprechen. Also, gute Nacht, meine Herren! Ich habe mich gefreut, sie fennen zu lernen!" Diese traurige Nebenzimmergeschichte ist teine Erfindung: denn die Telegraphen- Union berichtet:

,, Während des Zusammenseins bei einem Glas Bier empfing Generalfeldmarschall von Hindenburg die Vertreter der Presse noch einmal besonders in einem anderen Saal, um einige Worte an sie zu richten:

,, Bon einem alten Soldaten fönnen Sie nicht viele Worte er­warten. Ich will den Frieden in Ehren halten und ich hoffe, daß der Versuch, ihn zu erreichen, gelingen wird. Sie werden sehen, daß ich nicht der Militarist bin, der Krieg will. Ich habe ihn( den Krieg), in meiner Jugend und im Alter fennengelernt, und ich kenne das Glend, das er unvermeidlich mit sich bringt. Schon deshalb wünsche ich ihn nicht noch einmal zu erleben. Wenn man etwas anderes behauptet, so sind das Verleu.ndungen, die ich zurückweise. Ich bin nicht der Massenmörder, zu dem man mich gestempelt hat. Ebensowenig bin ich auch der alte Mann im Rollwagen. Mein politisches Programm steht fest, soweit man ein solches Programm Cache." feststellen kann; denn die rauhe Wirklichkeit ist eine vielgestaltige

Generalfeldmarschall von Hindenburg schloß mit einer humor­vollen Wendung, in der er sagte, auf Einzelheiten fönne er sich deshalb jetzt nicht einlassen, weil das gegen die Verfassung verstoße."

Sein Reichstanzler, seine Minister! Wie Wilhelm II ! Wer wird es sein? Tirpig und West ar p und Loebell? Ludendorffs Erledigung im Nebenzimmer des Bürgerbräufaales war fomischer, verdienter, und darum Anlaß zu befreiendem, politisch reinigendem Gelächter. Hinden­burgs Zusammenbruch im Nebenzimmer in der Stadthalle in Hannover ist tragischer. Das Versagen des alten Mannes, mit dem gewissenlose politische Spieler ein Volk betrügen wollen.

Sie streichen die schwarzweißrote Flagge!

Bei der Hindenburg - Ausstellung in Hannover war in dem Saale , in dem Hindenburg sprach, feine einzige schwarzweißrote Fahne zu fehen.

Die Leute, die täglich deflamieren, man müsse dem Ausland schwarzweißrot fommen, fürchteten sich, den Bertretern der Auslandspresse die schwarzweißrofe Fahne zu zeigen!

Sie ffreichen ihre Parteifahne, fie streichen die schwarz­weißrote Flagge vor dem Ausland!

Stresemann gegen Hindenburg .

Eine lendenlahme Zustimmung.

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Der gegenwärtig noch immer als Außenminister amtierende Dr. Gustav Stresemann seine deutsch­nationalen Freunde fordern offen, daß er mit der Präsi dentenwahl erledigt werde veröffentlicht in seinem Leibblatt einen Auffah über die Präsidentenwahl, in dem er den ganzen Schmerz einer vergewaltigten Partei zum Aus­drud bringt.

Bis zuletzt hat Stresemann an Jarres festgehalten, von dem er sagt, daß er glaubte, mit ihm siegen zu können". Aber:

Die Aufstellung der Kandidatur des Generalfeldmarschalls von

Hinter den Kulissen aber spielt sich eine Tragi­tomödie ab, die Illustration zu der Persönlichkeit des denburgkundgebung in Hannover hat ihre Nebenzi mim Gegenfah zu uns Bedenken über die Sicherheit des Sieges von geistigen Riesen, der Hindenburg ist. Die Hin Hindenburg geschah von denjenigen Gruppen des Reichsblocks, die mergeschichte, wie die Bürgerbräuversammlung Hit Dr. Jarres halten. Sie glaubten, daß der Name des verehrten lers und Ludendorffs beim Novemberputsch von 1923, Generalfeldmarschalls weit über alle Barteien und Spaltungen des Die Montagspost" berichtet: deutschen Volkes hinaus cuf der weitesten Linie einigend wirken würde. So sehr wir uns in dieser Hoffnung mit anderen Parteien einig wiffen, so start haben wir andererseits die Bedenken betont, die wir gegen die Kandidatur geltend zu machen hatten... Wir haben diese Bedenken auch nicht irgendwie hinter den Kulissen geltend

Spät abends wurden Bertreter der Presse in ein Nebenzimmer gebeten und hier hielt hinden burg eine furze Ansprache. Gie foll im Wortlaut folgen, denn es handelt sich doch schließlich um Gedanken eines Man­