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Sr. 277 42. Jahrg. Ausgabe Afr. 143

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

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Sonntag, den 14. Juni 1925

Der Kampf gegen die Zölle.

Die freien Gewerkschaften in der Front.

Die Bundesausschußfizung des ADGB. befaßte fich gestern mit der Schußzollvorlage der Regierung. In der Aussprache tam die entschiedene Ablehnung der Regie­rungsvorlage durch die Zentralvorstände scharf zum Ausdrud. Sie fand in der nachfolgenden Entschließung ihren Niederschlag:

Der Bundesausschuß des Allgemeinen Deutschen Gewerkschafts­ bundes billigt die Haltung seiner Vertreter im Vorläufigen Reichs­wirtschaftsrat, die in ihrer Stellungnahme zu einem Zolltarif für den Abschluß von Handelsverträgen bestrebt waren, den Massenverbrauch in Deutschland nicht zu belaften und dem zollfreien Waren= austausch unter den Völkern die Wege zu ebnen. Wo fie bei den Abstimmungen in der Minderheit blieben, haben sie ihren Gland

punft duro ausführliche Erklärungen begründet.

Die nunmehr veröffentlichte kleine 3ollvorlage der Regierung steht im Widerspruch zu dem Standpunkt, der von den Vertretern der freien Gewerkschaften im Zollausschuß des Vor­läufigen Reichswirtschaftsrats verfochten worden ist. Sie ist

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unvereinbar mit den Lebensintereffen der großen Volksmaffen. Sie geht nicht nur bei einer großen Anzahl industrieller Positionen - Eisenwaren, Holzwaren, Textilien über die vom Zollausschuß in feinen Gutachten an die Regierung vorgeschlagenen Zollfätzen weit hinaus, fie sieht auch ungemein hohe, die Lebenshaltung der Arbeiterschaft unmittelbar belastende Agrarzölle vor, Zölle of Bich, Fleisch und Mehl, besonders aber die Borfriegszölle auf Brotgetreide als Mindestfäße. Diese Zollvorlage, zum Gesetz erhoben, würde in ihren Auswirkungen zu einer unerträglichen Lebensverteuerung der Arbeiterschaft, in weiterer Folge zur Berminderung der Kauftraft des deutschen Volkes, zur Berhinderung eines aufnahmefähigen Inlandsmarktes, zur Beein­trächtigung der Exportfähigkeit Deutschlands führen.

Zudem hat die Bereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände an Regierung und Arbeitsministerium das eindringliche Ersuchen gerichtet, den Drängen der Arbeiterschaft nach einem Ausgleich ihrer Lebensverteuerung mit Entschiedenheit entgegenzutreten.

Der Ausschuß des Algemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes erhebt hiermit scharfften Einspruch gegen eine Wirtschafts­politik, die auf der einen Seite durch Schutzölle die Lebensbedin­gungen der Arbeiterschaft verteuert, auf der anderen Seite einen Ausgleich in Form von Lohnerhöhungen ablehnen möchte.

Verzögerung der Paktnote.

Noch eine Inhaltsangabe. Paris , 13. Juni. ( Eigener Drahfbericht) Das Außenministe­rium teilte joeben mit, daß die französische Antwort auf das deutsche Garantieangebot, der nunmehr alle Alliierten zugestimmt haben, aus technischen Gründen erst am Sonnabend nächster Wo dhe überreicht werden kann.

Paris , 13. Juni. ( WTB.) Matin" glaubt in der Lage zu fein, den Inhalt der von der französischen Regierung an die Reichsregierung zu richtenden Note, verglichen mit den deutschen Borschlägen, wie folgt charafferifieren zu können:

1. Garantiepakt zwischen den am Rhein inferessierten Mächten. Dieser Patt ist nicht mehr auf 30 Jahre beschränkt und die Möglichkeit eines Krieges durch Boltsabstimmung ausge­fchloffen. Dadurch unterscheidet sich der jetzige Vorschlag von den ehemaligen Borschlägen des kabinetts Cuno. Dieser Gedanke mird refilos in der französischen Note aufgenommen.

2. Schiedsgerichtsvertrag zwischen Frankreich und Deutschland . Dieser Vorschlag wird angenommen und vervoll­ftändigt durch den Vorschlag des Abschluffes eines deutsch­belgischen Schiedsgerichtsvertrags.

3. Schiedsgerichtsvertrag mit verschiedenen Staaten. Frankreich erklärt, daß Berträge dieser Art mit Polen und der Tschechoslowakei unerläßlich sind. Es wünscht hier als Garant aufzutreten und betrachtet dies als die Vorbedingung selbst für den Abschluß eines Sicherheitspattes am Rhein .

Er fordert insbesondere

Zollfreiheit für alle induftriellen Rohffoffe, Halbzeuge und not­wendigen Bedarfsgegenstände, ferner für Brofgetreide und alle wichtigen Lebensmittel, besonders Mehl und Kartoffeln, Schlachtvieh und Fleisch und für alle notwendigen Futtermittel. Er richtet an Regierung, Reichsrat und Reichstag das dringliche Ersuchen, die Zollvorlage in diesem Sinne umzugestalten und weiterhin Vorsorge zu treffen, daß in den Handelsverträgen nicht Induſtriölle festgesetzt werden, die zur Verteuerung der Lebenshaltung der arbeitenden Bevölkerung führen. Der Aufbau der Wirtschaft in Deutschland erfordert ge bieterisch eine Wirtschaftspolitik, die das höchste Gut des deutschen Boltes, die Arbeitstraft, schützt und stärkt."

Bung einstimmig bereit erklärt, sich an der planmäßigen Die Zentralvorstände haben sich im Geist dieser Entschlie­Abwehraktion gegen die schutzöllnerischen Bestrebungen von Regierung, Industrie und Landwirtschaft nachdrück­lich zu beteiligen und für diese Zwecke zehn Pfennig pro Mitglied, insgesamt also 750 000 Mart, zu bewilligen.

Reichswirtschaftsrat gegen Zolltarif. Ablehnung durch den zollpolitischen Ausschuß. Der zollpolitische Ausschuß des Reichswirtschaftsrats hat gestern feine Beratungen über die Zollvorlage der Regierung abgeschlossen. Dem Ausschuß lagen eine große Anzahl von Anträgen vor. Seine Entschließungen bedeuten eine glatte Ablehnung der zollpolitischen Pläne der Reichsregierung.

Der Ausschuß hat erftens die 301lvorlage der Regierung als Ganzes glatt abgelehnt

tein geeignetes handelspolitisches Jaffrument Er hat weiter ausgesprochen, daß die Vorlage der Regierung zur Herbeiführung langfristiger Handelsverträge sei

Schließlich hat er erklärt, daß für die augenblickliche Situation freidebau nicht erbracht fei. der Nachweis der Notwendigkeit des Zollschutzes für den Ge­

Die Regierung befindet sich mit ihrer Zollpolitik aljo nicht nur in Widerspruch mit der Wissenschaft, sondern auch mit der obersten gutachtenden wirtschaftlichen Körperschaft des Reichs.

Kämpfe in Kanton.

Vertreibung der Yunnantruppen.

New York , 13. Juni. ( WTB.- Funkspruch.) Wie die Asso­3iated Expreß" aus Kanton meldet, haben Kwantung- und Kanton­truppen unter bolfchewift ifchen Offizieren nach hartnädigem Kampf die Yunnanleute zur Uebergabe der Stadt kanton gezwungen und sind nach der Einnahme gegen Militär- und Zivil­perfonen mit äußerst er Grausamkeit vorgegangen.

Es ist schon vorher behauptet, auch photographisch dargestellt worden, daß Rotarmisten in chinesischen Truppen dienen".

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Machtkampf der Unternehmer.

Die Aussperrung in der Holzindustrie.

In Dänemark ist der große Wahlkampf zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft dadurch beendet worden, daß die Unternehmer ihre mit seltener Energie und Rücksichtslosigkeit durchgeführte Aussperrungsparole selbst wieder aufheben mußten, weil sie auf Granit bissen". In Deutschland glaubt man jetzt die Zeit gekommen, überwundenen Zeiten angehören. mit Riefen aussperrungen die Arbeiter schrecken und fie in wirtschaftliche Zustände zurückwerfen zu können, die

Einen Vorkampf dieser Art soll augenscheinlich der Aus­sperrungsbeschluß in der Holzindustrie ein­leiten. Am gestrigen Sonnabend sollte er nach dem Willen der Scharfmacher in ganz Deutschland durchgeführt sein. Der 13. Juni war also ein ,, fritischer Tag" für die gesamte deutsche Arbeiterschaft. Aber gerade in kritischen Zeiten gilt es, be­sonders ruhig die Lage zu überschauen, sich nicht durch Drohungen und Experimente der Gegenseite beirren zu lassen.

der Holzindustrie nicht isoliert für sich betrachten. Man darf den jetzt begonnenen Arbeidskampf in Er ist ein Teil des großen Feldzuges, den das deutsche Unter Arbeitszeit und niedrige Löhne sind nach der Lehre, die die nehmerium führt, um die Arbeiter zu entrechten. Lange Bereinigung der deutschen Arbeitgeberver­bände mit unermüdlichem Eifer propagiert, die unumgäng liche Boraussetzung für das Gedeihen unserer Wirtschaft. Der Widersinn dieser Wirtschaftslehre, nach welcher die Blüte der Wirtschaft davon abhängig jei, daß ihr hauptsächlichster Träger, die Arbeiterschaft, im Elend vorkommt, ist schon so oft dargelegt worden, daß sich ein näheres Eingehen darauf in diesem Zusammenhang erübrigt. Wir müssen mit der fragen, sondern um jehrreale Forderungen handelt, Tatsache rechnen, daß es sich hier nicht um theoretische Streit< denen die in der Bereinigung der deutschen Arbeitgeberver­Geltung zu verschaffen suchen. bände" zusammengeschlossenen Unternehmerorganisationen

Mit der Aussperrung der Arbeiter in der Holzindustrie wird ein Kampf eröffnet, der möglicherweise dazu bestimmt ist, weitere Kreise zu ziehen, jedenfalls darf angenommen werden, daß die Unternehmer im Holzgewerbe nicht selbständig vorgehen, sondern daß sie in engem Einvernehmen mit dem gesamten Unternehmertum handein, das in der ,, Bereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände" zu­sammengeschlossen ist.

Bei den Kennern der Berhältnisse mag es Verwunde rung erregen, daß gerade die Holzindustriellen dazu bestimmt wurden, den Vorkampf zu führen, denn ihre Organi­sation ist nichts weniger als mustergültig. Der ,, Arbeitgeberverband der deutschen Holzinduftrie" erhebt woh! den Anspruch, als die maßgebende Organisation der Unter­nehmer in der holzverarbeitenden Industrie angesehen zu werden, aber dieser Anspruch wird ihm von vielen Seiten be­ftritten. Für die Sägewerksindustrie kommt er überhaupt nicht in Betracht, dort gibt es andere Orga­nisationen. Aber auch in der holzverarbeitenden Industrie ist sein beruflicher Herrschaftsbereich nicht genau zu umschreiben. Er erstreckt sich auf die Tischlerei, diesen Begriff im weiteren Sinne genommen, aber von der Musik­instrumentenindustrie gehört ihm nur ein kleiner Teil der Unternehmer an; die meisten Klavierfabrikanten sind ander­

Kanton, 13. Juni. ( WTB.) Die örtlichen Feindseligkeiten sind eingestellt. Sämtliche Bunnanesen haben die weiße Flagge gehißt und haben fluchtartig die Stadt in nördlicher Richtung verlassen, von tausenden der Kantonieute verweitig organisiert. folgt, die über den Fluß fehlen. In öftlichen Teilen der Stadt hatten noch heftige kämpfe stattgefunden, bei denen etwa 100 Ceute verletzt wurden.

Die Entente fragt China um Rat.

T

London, 13. Juni. ( Eigener Drahtbericht.) Die Antwort der Entente auf die dritte chinesische Brotestnote enthält eine An frage an die chinesische Regierung, durch welche Mittel der Ron flift am schnellsten und besten zu lösen sei. Vor aktiver oder Faffiver Unterstügung der Aufstandsbewegung durch die chinefi­schen Behörden wird gewarnt.

Regierung bleibe hart!

4. Deutschland hat verlangt, daß die Bereinigten Staa. Beting, 13. Juni. ( WTB.) Vertreter aller Geschäfts­ten Schiedsrichter und Garanten dieser Pakte feien. Da Frank- meige zogen heute vor das Regierungsgebäude und forderten, reich weiß, daß diese Einmischung in die europäischen Angelegen- daß die Regierung bei den Verhandlungen über die Lage in heilen der amerikanischen Politik zuwiderläuft, begnügt es fich da­milt in seiner Note darauf hinzuweisen, daß es mit Freuden fehen werde, wenn die große amerikanische Nation an dem Sicher­heitspakt sich beteiligen würde.

changhai eine feste Haltung bewahre. In Beting herrscht

Ruhe.

Englischer Glückwunsch an die chinesischen Arbeiter.

Mafin" fügt diefer Inhaltsangabe noch hinzu, da Frankreich London , 13. Juni. ( WTB.) Der Generalrat des britischen Ge­das Recht erhalten werde, die ent militarisierte 3one bei merijchaftstongreifes fandte an das chinesische Arbeiter elner Berletzung des zwischen Deutschland und Bolen abzuschließen- tomitee in Befing ein Telegramm, worin die chinesischen den Schiedsgerichtsvertrags zu überschreiten, begreife man Arbeiter zu ihrer Entschloffenheit, den internationalen nicht die Erregung der polnischen Preise Das Blait ist der Ansicht, Rapitalismus zur Befferung der Arbeitsverhältniffe zu be daß es notwendig ist, in die Schiedsgerichtsverträge eine farge fämpfen beglüdwünscht und Abscheu liber die in den fältig abgewogene Begründung des Begriffes chinesischen Fabriten herrschenden furchtbaren Zustände aus des Angreifens einzufügen. gefprochen wird.

Roch heftiger wie sein berufliches Herrschaftsbereich ist fein räumliches Ausbreitungsgebiet umstritten. In Berlin z. B. hat der Arbeitgeberverband herzlich wenig zu sagen. Hier arbeitet die Mehrzahl der Holzarbeiter in Be­trieben, deren Inhaber den Bereinigten Verbänden der Berliner Holzindustrie" angeschlossen sind. In dieser unter der Leitung des Obermeisters Baeth stehenden Organisation ist seit einiger Zeit ein 3wift ausgebrochen. Eine Gruppe, die Freie Vereinigung Berliner Holzindustrieller", deren Mit­glieder allerdings eine ansehnliche Zahl von Holzarbeitern be­schäftigen, hat sich von Baeth losgesagt und Beziehungen zum Arbeitgeberverband angeknüpft.

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In Ostpreußen hat der Arbeitgeberverband gar feinen Anhang, in ganz Bommern befigt er nur eine Ortsgruppe in Swinemünde . In Niedersachsen ( han­ nover , Braunschweig und angrenzende Gebiete) ist er von anderen Organisationen verdrängt. In Rheinland- Westfalen dominiert der Rheinisch- Westfälische Tischlerinnungsverband; neben dieser Organisation spielt der Arbeitgeberverband im linfsrheinischen Gebiet nur eine bescheidene Rolle.

Aber auch in den Landesteilen, in denen der Arbeit­geberverband start vertreten ist, ist er feineswegs Alleinherricher. Neben sehr vielen fleinen, felbitän digen Unternehmerverbänden gibt es insbesondere in Süd­ deutschland selbständige Schreinermeisterverbände, die, meist in fleineren Betrieben, doch eine ansehnliche Zahl von Arbeitem beschäftigen. Diese Schreinermeisterverbände werden mang­mal vom Arbeitgeberverband zum Bertragsabschluß gleich­