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Nr. 353 42. Jahrg. Ausgabe A nr. 181

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

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Mittwoch, den 29. Juli 1925

Die Haussuchung bei Staatsanwälten.

Das Netz der Barmatheter.

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Deutschnationale Ausflüchte.

H

Die Mitteilungen des Borwärts" über die engen Be-| Lotal Anzeiger" dirigiert hat. Caspari, der Chef­ziehungen zwischen den Barmat Staatsanwälten pilot der Fliegerstaffel", war bekanntlich per Flugzeug nach und den deutsch nationalen Pressebureaus Dresden gefahren, wo Werthauer einen Termin marzu­finden volle Bestätigung. nehmen hatte. Bei Casparis Ankunft in Dresden war Werthauer schon auf der Rückreise begriffen. Caspari stieg nun wieder auf, überholte auf dem Rüdflug den 3ug und paßte dann Werthauer am Bahnhof ab. Daß Kluge- Knoll dies nicht wissen und vorhersehen fonnte, wenn ihm nicht Caspari felber oder einer von beffen Beamten sofortige Mittelung machte, liegt auf der Hand. Knoll- Kluge wußte aber bald, daß Caspari früher angelangt war und besorgte den Hugenberg- Reporter, um den großen Schlag" möglichst laut auspofaunen zu lassen.

Die BS.- Korrespondenz berichtet, daß die beiden Justiz beamten, von denen in dem Polizeibericht die Rede mar, die früheren Staatsanwaltsassessoren Caspari und Kußmann find, in deren Wohnungen in der Landhausstraße und am Südwest. forfo gestern früh noch vor 7 Uhr Kriminalbeamte der Abteilung IV des Berliner Polizeipräsidiums Einlaß begehrten, um eine Durch fachung der Räume vorzunehmen. Die beiden ehemaligen Staats­anwälte, die bei den Ermittlungen in Sachen Kutister und Barmat selbst zahlreiche Haussuchungen geleitet hatten, waren aufs äußerste überrascht über die Tatsache, daß sie nun auch cinmal Objekt einer solchen polizeilichen Maßnahme sein mußten. Die Beamten der Kriminalpolizei beschlagnahmten bei beiden Affeffoten eine Reihe von Schriftflücken und Briefen. Im Anschluß hieran wurden die beiden Justizbeamten im Polizeipräsidium einer längeren Bernehmung unterzogen.

Gleichzeitig fanden andere Haussuchungen in dem Nachrichtenbureau eines Herrn Knoll, der sich Dr. Kluge nennt, in der Lüzowftr. 60 in der Wohnung eines Herrn v. Beaulieu statt. Auch hier wurden Beschlagnahmungen von Teilen der Korrespondenz und sonstigen Dokumenten porgenommen. Sowohl Dr. Kluge- Knoll wie v. Beau­Lieu und ein Angestellter dieses Bureaus, Kran3. mußten ebenfalls auf dem Polizeipräsidium zur Bernehmung er­Scheinen. Es handelt sich dabei um gewisse Zusammenhänge, die zwischen dem Barmat- Dezernat der Staatsanwaltschaft und dem Bureau des Dr. Luge bestehen und angeblich dazu ge führt haben sollen, daß amtliche Schriftst üde, die auf die Finanzflandale Bezug hatten, auf diesem Wege einem Teil der Breffe augeleitet wurden. Die geftrigen Bernehmungen im Polizeipräsidium, die bis in die Nachmittagsstunden dauerten und zum Teil von dem Chef der Abteilung IV, Regierungsdirektor Dr. Beiß, persönlich vor­genommen wurden, drehten sich in der Hauptsache um die Veröffent­lichung verschiedener Dokumente, wie des bekannten Beschluffes des Rammergerichts, durch den seinerzeit eine Haftentlassung der Ge brüder Barmat abgelehnt wurde, ferner um ein angebliches Schreiben des Ministerialdirektors Abegg vom Preußischen Ministerium des Innern, und schließlich auch um die persönlichen Beziehungen zwischen Kluge und v. Beaulieu einerseits und Dr. Kußmann an­dererseits.

Tatsache ist, daß Kluge- Knoll mit Kußmann feit längerer Zeit eng befreundet ist, daß ferner v. Beaulieu erft vor einigen Tagen von einer mit Dr. Kußmann auf deffen Segeljacht Schwalbe unfernommenen 5wöchigen Ostseefahrt zurückgekehrt ist. Diese Jacht foll übrigens, entgegen anders lautenden Meldungen, schon seit drei Jahren im Besiz des Dr. Kußmann sein, der paffionierter Segler iſt. Die Verhöre, nach deren Beendigung alle Beteiligten wieder ent­laffen wurden, bezogen sich ferner auf Geldsendungen, die von Kluge Knoll im Berlauf dieser Segelfahrt an Bord der Schwalbe nachgesandt wurden. Wie wir hören, murde dabei bestritten, daß dieses Geld, wie behauptet wird, an Dr. Kußmann ge= gangen sei, vielmehr soll es von Beaulieu in Kolberg in Zahlung von rückständigem Gehalt erhalten haben, nachdem Kluge- Knoll zu vor in einem Schreiben nach Danzig zunächst eine Geldsendung ab­gelehnt hatte. Tatsache ist weiter, daß

Teilnehmer an dieser Bergnügungsfahrt auch ein kriminal­assistent Ganß

war. Was die übrigen Veröffentlichungen in dieser Angelegenheit betrifft, so wird u. a. bestritten, daß eine Verbindung zwischen dem Nachrichtenbureau Kluge und einem von einem früheren Ober­regierungsrat Göbel geleiteten Bureau bestanden habe.

Die Straftaten, deren vorliegender Verdacht zu diesen Maßnahmen Anlaß gegeben hat, bestehen in erster Linie in der Beröffentlichung amtlicher Schrifistücke, die durch Gesetz vom 5. April 1888 unter Strafe gestellt ist, wenn es sich um Dokumente eines schwebenden Berfahrens handelt.

Diese Mitteilungen der erwähnten Korrespondenz be ruhen augenscheinlich auf Angaben von einer Seite, die ge­neigt ist, den Weltreisenden Kußmann nach Möglichkeit zu entlasten. Aber selbst sie müssen als das Ergebnis der bis­herigen Ermittlungen die enge Freundschaft des Rußmann mit Beaulien und jenem Knoll zu­gestehen, der sich willkürlich ,, Dr. RIuge" nennt und außer­Dem gelegentlich einen dritten Namen führt! Merkwürdige Freundschaften eines Staatsanwalts mit den parteipolitischen ,, Nachrichtenbureaus", um so fo merkwürdiger, als diese Freunde" allerhand Meldungen verbreiten laffen können, die ganz zufällig in den Amtsbereich des Herrn Kußmann fallen! In Ergänzung der Mitteilungen des Borwärts" fann übrigens der ,, Sozialdemokratische Pressedienst" berichten, daß außer den schon bekannten Indiskretionen der Leiter des Bureaus Kluge alias Knoll auch zur Berhaftung des Justizrats Berthauer durch den Staatsanwalisaffeffor Caspari extra einen Berichterstatter bes, Berliner

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Der deutsch nationalen Parteileitung find die Veröffentlichungen des Borwäris" begreiflicherweise sehr unangenehm. Wird doch durch sie die enge Ber­tnüpfung der Kußmann- Aktion gegen Barmat mit den parteipolitischen Zielen der schwarzweiß roien Reinigungsa postel einwandfrei nachgewiesen. Die Parteileitung der Deutschnationalen weiß sich deshalb nicht anders zu helfen, als durch Ausgabe einer Erklärung, in der sie mit gespielter Rindlichkeit behauptet, die Partei hätte tatsächlich an der Aufhellung der Barmat- Affäre ein Interesse und auch die Unterstützung durch den Bormärts" würde ihr willkommen sein.

Es handelt sich aber jetzt gar nicht mehr um eine ,, Affäre Barmat", sondern um eine Affäre der Staatsanwaltschaft, der Justiz und um eine solche der deutsch nationalen Ehr­a bichneider und ihrer Geldgeber! Diefe Zusammen hänge gilt es aufzudecken. Aber vorsichtigerweise schweigt die deutschnationale Erklärung von den Geldern, die der deutschnationale Abgeordnete eopold aufwandte, wie von denen, die über Bacmeifter famen. Sie schweigt vor von denen, die über Bacmeister famen. Sie schweigt vor allem von den Geldern, die der deutschnationale Geschäfts. führer Dr. Weiß der Mann mit den hundsgemeinen Flugblättern" für den Erwerb gestohlener Atten der Deutschen Berte aufwenden konnte!

Dieses Schweigen ist auch schon ein Schuldbekennt nis. Aber da die Deutschnationalen nach Aufklärung im Landtag verlangen, so fann ihnen diese hoffentlich recht bald werden. Denn daß es sich bei der ganzen Sache nicht so sehr um die Feststellung irgendwelcher frimineller Bergehen handeln kann, leuchtet ohne weiteres ein. Aber die poli. fische Giftmischerei, die durch die deutschnationalen Bureaus mit Unterstügung von Diebstahl und Aftenunter Schlagung betrieben wurde, gilt es aufzudecken, und vor allem die politische Rolle, die jene beiden Staatsanwaltschafts­affefforen dabei spielten. Der Landtag hat die Möglichkeit,

durch

einen Untersuchungsausschuß auch die Brunnenvergifter zu entlarven, die den ganzen Standal an gezettelt haben um ihrer Barteiinteressen willen. Er wird die Möglichkeit hoffentlich nicht ungenutzt lassen!

Bon der Chefredaktion der Telegraphen- Union" erhalten wir in bezug auf unsere Mitteilungen, die den Redakteur Kames be treffen, ein Schreiben, in dem es heißt:

Da wir annehmen, daß es auch Ihnen erwünscht sein wird, über die tatsächlichen Verhältnisse unterrichtet zu werden, so teilen wir Ihnen mit, daß die beiden unterzeichneten Chefrebat. teure der Telegraphen Union überhaupt erst aus Ihrer heutigen Veröffentlichung von dem Vorhandensein des von Ihnen erwähnten Bureaus Kenninis bekommen haben. Auch feiner der in Ihrem Bericht genannten Mitarbeiter des Bureaus ist uns dem Namen oder der Person nach bekannt. Besonderen Wert legen wir darauf, Ihnen mitzuteilen, daß Herr Kames nicht Redattionsmitglied der Telegraphen­Union ist, er gibt vielmehr in dem in unserem Haus befindlichen Dammert- Verlag zwei Korrefpondeazen heraus und ist gleich zeitig Berliner Bertreter verschiedener Provinzzeitungen, zu denen übrigens, wie wir festgestellt haben, die Bergisch- Märkische 3ei tung" in Elberfeld nicht gehört.

"

Wir geben von dieser Mitteilung unseren Lesern Kenntnis. Das ist um so notwendiger, als ja auch der Vorwärts" den De­pefchendienst der Telegraphen- Union" abonniert hat. Aber leider umgeht auch die Erklärung der TU." die Tatsache, daß sich in der Dachgesellschaft Telegraphen- Union" ein ganzes Netz Don Korrespondenzen- und Nachrichtenagenturen zusammenfinder, von denen Herr Rames einen Teil herausgibt. Hugenberg und seine Helfer haben in der TU." wirklich ein System geschaffen, in dem immer der eine Verantwortliche nichts von der Tätigkeit des anderen weißz. Aber schließlich gehören alle Unterabtei Iungen zu der großen Firma. Und die Tatsache, daß die Chef redakteure des Depeschendienst es nicht verantwortlich find für die Korrespondenzen, die nur bestimmten Baiteiblättern zu gehen, ändert nichts daran, daß das Il. Unternehmen durch Herrn Kames mit dem Bureau Knoll- Kluge in engster Ber bindung stand. Denn der sogenannte Dammert- Berlag" ist von der U." aufgekauft und ist ihr Glied!

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Vorwärts- Verlag G.m.b. H., Berlin SW. 68, Lindenstr. 3

Pofticheckkonto: Berlin 37536

Bankkonto: Direktion der Diskonto- Gesellschaft, Depofitenkaffe Lindenstraße 3

Der Verständigung näher!

( Bon unserem französischen Mitarbeiter.) Paris , 26. Juli. Die deutsche Antwortnote hat eine politisch- diplomatische Entspannung gebracht, die den Optimismus, den der französische Außenminister Aristide Briand im Laufe der legten Wochen nie aufgegeben hatte, rechtfertigt. Man ist hier natürlich erst aunt darüber, daß die nationalistischen Monarchisten, unter Führung des Grafen Westarp, dieser Note zustimmten, da die wilden Heßfeldzüge gegen die Note des Herrn Briand vom 16. Juni und gegen die ganze Strese­mannsche Außenpolitit bis jetzt nicht vergessen wurden, Immerhin ist man in gewissen Pariser Kreisen im Begriff, das nationalistische Getobe für einen Bluff zu halten, durch den die Führer ihre Anhänger über die Rückzugsoperation, die sie gezwungen sind, auf dem Gebiete der Sicherheitsfrage durchzuführen, hinwegtäuschen wollen.

Solange nicht feststand, ob die Herren Westarp, Hergt und Genossen ihre feierlichen Protefte im entscheidenden Augen­blick nicht durch einen Austriit aus der Regierung und aus der Koalition bekräftigen würden, war man in Paris nicht ganz ohne Sorgen über die fommende Entwicklung der Dinge. Nachdem man nun gesehen hat, daß die Deutsch­nationalen nicht daran denten, das, was sie seit dem Waffenstillstand gegen die Erfüllungspolitik gepredigt haben, zu verwirklichen, sie vielmehr einer Note zugestimmt haben, die in ihrer entgegenkommenden Höflichkeit auch nicht das geringste Echo jenes antifranzösischen Gebrülls enthält, durch das sich die ganze deutschnationale Propaganda seit Jahr und Tag auszeichnete, ist man sich über deren inner­strategischen Charakter flar geworden. Allerdings wollen die Blätter des Nationalen. Blocks das immer noch nicht gelten laffen. Die deutschnationale Agitation hat ihnen allzu große Dienste geleistet, hat den Herren Reibel, Maginot, André François- Poncet und anderen Bortführern der Poincaré­und der Millerand- Truppen das Propagandahandwerk gar zu sehr erleichtert, als daß fie nun ohne Bedauern den Zu­fammenbruch des deutschnationalen Befreiungs"-Bluffs zu­geben tönnten. Deshalb darf man sich auch nicht wundern, wenn im nationalistischen ,, Echo de Baris" die Stresemannsche Note als Triumph der Deutschnationalen(!) hin gestellt und die französische Regierung dringend aufgefordert wird, dem Abschluß des Sicherheitsvertrages mit Deutsch­ land , wenn es noch irgendwie möglich wäre, aus dem Wege zu gehen.

Herr Briand ist noch viel entschlossener, als das bei seinem deutschen Kollegen den Anschein hat, den Einflüste­rungen und Drohungen der nationalistischen Clemente fein Gehör zu schenken. In den Rechtstreifen wird ihm jetzt vor­geworfen, er habe sich in feiner offiziellen Mitteilung an die Bresse über die Note allzu optimistisch ausgesprochen. In Wirklichkeit hat sich der franzöfifche Außenminister vor allem befriedigt darüber gezeigt, daß nun die Anknüpfung von Ver­handlungen zwischen Frankreich und Deutschland endgültig gesichert erscheint. Das heißt feineswegs, daß er sich im Un­flaren ist über die einzelnen wichtigen Fragen tiefgehender Berschiedenheiten, die noch zwischen der deutschen und der Inhalt des Sicherheitspattes bestehen. Ebensowenig wie die französischen Auffassung, insbesondere über den endgültigen allgemeine Genugtuung, die in der Linkspresse wort Tür und Tor zur Verständigung voll offen läßt, etwa darüber zum Ausdrud gebracht wird, daß die deutsche Ant­fo gedeutet werden darf, als ob man auf der Linken den ganzen Inhalt der deutschen Note gutheißt. Bor allem herrscht, mas den Eintritt Deutsch­ lands in den Bölterbund anbeiangt, in allen Links­freisen vollste Einmütigkeit, daß irgendwelche Vorbehalte der deutschen Regierung unmöglich angenommen werden können, ohne daß man dadurch die Grundlagen des Bölkerbundspattes in Gefahr bringt. In den politischen führenden Kreisen weist man darauf hin, daß der Text des Böllerbundspaftes selbst im Konfliktsfall es nicht nur er­möglicht, sondern notwendig macht, daß der besonderen Lage, in der sich Deutschland infolge seiner Entwaffnung befindet, durch den Bölkerbundsrat Rechnung getragen wird und infolgedessen Deutschland nicht zu befürchten braucht, etwa militärische Aufgaben augeteilt zu be= kommen, denen es nicht gewachsen wäre. Der deutsche Hin­weis auf Artifel 16 der Bölferbundsatte wird von den fran­ zösischen Nationalisten natürlich wieder als Beweis dafür aus­gebeutet, daß geheime Abmachungen" mit Rußland be ständen, durch die Deutschland in dieser Frage gebunden wäre und durch die es verpflichtet sei, im Falle eines selbst durch Rußland heraufbeschworenen Konfliktes mit Polen auf seiten der Sowjetregierung zu stehen. In ruhiger denkenden Kreisen nimmt man aber an, daß die deutsche Regierung wirklich befürchtet, Deutschland fönne im Kriege zwischen Dritten hineingezogen werden, ohne die Mittel zu haben, sich gegen irgendeinen Angriff zu schüßen. Darauf wird er widert, daß Deutschland in diesem Falle ja den ganzen Völkerbund auf seiner Seite habe Frankreich einge