Einzelbild herunterladen
 

39

1

do

Abendausgabe

Str. 470+ 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 232

Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: SW. 68, Cindenstraße 3 Fernfprecher: Dönhof 282-29% Tel.- dreffe: Sozialdemokrat Berlin

int stadestion alls( 10 Pfennig

Vorwärts

Berliner Volksblatt

Montag

5. Oktober 1925

Berlag und Anzeigenabteilung: Gefäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297

Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Beginn in Locarno .

Keine Wiederaufrollung

Eröffnung der Konferenz 11 Uhr vormittags. vormittags.- Keine

V. Sch. Cocarno, 5. Oktober. ( Eigener Drahtbericht.) Die Konferenz von Locarno ist heute vormittag um 11 Uhr eröffnet worden. Die erfte Sigung findet nicht öffent­lich flatt, nur die Beteiligten dürfen das Konferenzgebäude betreten. Der Bürgermeister von Locarno hieß die verjammelten Staatsmänner in einer Ansprache willkommen. Man war schon vorher dahin übereingefommen, daß Cham­berlain den Vorsitz während der Konferenz führen würde, doch trägt diese Stellungnahme feinen offiziellen Charakter, sondern frägt lediglich dazu bei, die Geschäftsführung zu erleichtern. Ueberhaupt ist zwischen den Staaten vereinbart worden, die Konferenz fo inoffiziell wie nur möglich zu gestalten. Im Gegensatz zu den Konferenzen von Spaa, Genua und Condon wurden feine Eröffnungsansprachen gehalten. Ein Aufsatz des Grafen Bestarp in der Kreuz­ Zeitung " vom Sonntag hat hier in den Kreisen, denen er durch drahtliche Uebermittlung befannt wurde, nicht geringes Erstaunen hervorgerufen. Die in diesem Aufsatz enthaltene Behauptung, die deutsche Delegation werde zu Beginn der Ronferenz die Kriegsschuldfrage nochmals aufrollen, ist vollkommen falsch. Man denkt hier nicht daran, die schwie­rigen Verhandlungen der Konferenz durch ihre Berquidung mit einer nochmaligen Diskussion über diese historische Frage noch mehr zu erschweren. Formell dürfte sich nicht einmal eine Gelegenheit dazu ergeben, die Verhandlungen mit irgend­einer feierlichen Deklaration zu eröffnen, da beabsichtigt ist, ohne besondere Formalitäten nach erfolgter Konstituierung am heutigen Nachmittag schon in die sachliche Beratung ein­zutreten. Man legt auf Beremonien und Feierlichkeiten hier überhaupt wenig Gewicht. Darum hat man sich über die Frage, wer den Vorfiz in der Konferenz führen soll, auch nicht sonderlich den Kopf zerbrochen. Zunächst ist vereinbart, daß der englische Außenminister Chamberlain den Borsiz übernehmen soll, dann wird er wahrscheinlich in der Reihe herumgehen.

Die Stimmung der deutschen Delegation scheint feines regs pessimistisch. Offenbar glaubt man, die Opposition daheim nicht allzu tragisch nehmen zu müssen. Immerhin hatten Luther und Stresemann, wie schon gemeldet, den Zug in Bellinzona verlassen und sich per Auto nach Locarno begeben, weil auf Grund gewisser Nachrichten mit der Möglichkeit eines attiven Hervortretens pölfischer Fanatiter gerechnet wurde.( Es handelt sich dabei nicht nur um Drohbriefe, wie fie bei folchen Gelegenheiten zahlreich einzulaufen pflegen.) Aus dem gleichen Grunde maren auch die Bahnhöfe, auf denen der Zug der deutschen Delegation hielt, polizeilich abgesperrt.

Die deutsche Delegation ift von mehreren Kriminal beamten begleitet, die vom Kriminaloberkommissar Weigel geführt werden.

Erklärungen Luthers und Stresemanns. Reichstanzler Luther und Außenminister Stresemann emp. fingen Sonntag vormittag im Hotel Esplanade die Bertreter der Bresse Reichstanzler Luther betonte, daß die Konferenz nielleicht entscheidend für die Erreichung eines endgültigen Friedens merden könne. Bis jetzt bestünden noch große Schmierigteiten, die durch die Forderung der Alliierten auf Eintritt Deutschlands in den Bölterbund bezeichnet würden. Das Bestreben, den westlichen Garantiepaft und die östlichen Schiedsge. richtsverträge miteinander zu verbinden, werde meiterhin er. fdmerend auf die Verhandlungen mirten. Doch habe Deutschland diese Forderung angenommen und sei troß seiner schwierigen Lage, in der es sich durch Besetzung und Eniwaffnung befinde, bereit, an jeder tragbaren" Lösung mitzuarbeiten.

Reichsaußenminister Stresemann äußerte fich über seine mit Ischitscherin geführten Berhandlungen. Der Abschluß des deutsch russischen Handelsvertrages bedeute feine Demonstration gegen Locarno , sondern stelle lediglich den Abschluß zweijähriger Verhandlungen dar. Nach Ansicht Strese manns hat das deutsch - russische Handelsabkommen als erfter Bertrag, der zwischen einem Staat mit einer Privatwirtschaft und einem Etaat mit einem staatlichen Ausfuhrmonopol abgeschloffen wurde, grundsägliche Bedeutung. Deshalb werde dieser Vertrag als Wirtell für andere dienen; das Zustandekommen dieses Vertrages beweise, daß der Weg nach Rußland offen bleibe, was aber feines wegs bedeute, daß die deutsche Regierung Gegensäge zwischen Weft und Ost fonstruieren wolle.

-

Un die deutschen Journalisten richtete Stresemann die Bitte, Erörterungen über die Kriegsschuldfrage in der deutschen Preffe zu unterlassen, da diese geeignet feien, den Verhandlungen in Locarno zu schaden( was von deutschen Regierungserflärungen zur Kriegs. fauidfrage wohl nicht gilt welche Selbsteinschätzung! Red. d. B) Während des folgenden Empfangs nicht reichsdeutscher Journa fiften miederholte 2uther im mefentlichen seine Erklärungen und denfte der Schweizer Regierung für ihre Gastfreundschaft. Strefe manx betonte nochmals, daß feine Ostpofitit dem Westen teinen Riegel vorfdjiebe. Curapa dürfe aber nicht vergeffen, daß Ruß

der Kriegsschuldfrage.

Iand stets ein bedeutsamer Faftor in der internationalen Politit bleiben werde. Das Ziel deutscher Politit bleibe die Ronfolidierung Europas , das teine Santtionen, Repref­alien und Kriegsdrohung mehr fennen dürfe. Der großeuropäische Gedanke müsse über dieser Konferenz in Locano schweben. Auf die Frage, ob die Konferenz als eine Vor fonferenz zu betrachten fei, antwortete Stresemann , daß legten Endes alles von den Berhandlungen abhinge. Wenn man aber Einverständnis erziele, feien endgültige Beschlüsse möglich.

Preffeempfänge Briands und Chamberlains.

Sonntag nachmittag 6 1hr empfing Briand die französische Breffe und entwickelte ihr die Richtlinien der französischen Dele. gation. Er erflärte, daß er mit dem ehrlichen und festen Willen gekommen fei, einen Frieden zu schließen, dessen Europa und die ganze Welt so dringend bedürften. Er sprach die feste Hoffnung aus, daß die Konferenz von Locarno zu einem guten Ende führen werden.

Um 6 Uhr empfing Chamberlain die englische Presse. Auch er unterstrich den ehrlichen und festen Willen der britischen Regierung, die von dem glücklichen Ausgang der Konferenz von Locarno das Heil für die Völker Europas erhoffe. England werde mit allem Nachdrud dafür eintreten, baß auf der Ronferenz bie ehemaligen Alliierten und Deutschland auf dem Fuß der völligen Gleisberechtigung verhandeln würden. Der englische Außenminister schloß: Laßt die Toten ihre Toten begraben", daß wir zu einer glücklichen Zukunft gelangen und unsere Nachkommen die Schrecken des Krieges mie wieder erfahren. Interessant waren einzelne Antworten Chamberlains auf An fragen, die von Vertretern der Breffe gestellt wurden. So erklärte er auf eine diesbezügliche Anfrage, daß er in der Anfündigung der unterzeichnung des deutsch - ruffischen Handelsvertrages tein Hindernis für ein gedeihliches Zusammenwirken auf der Konferenz von Locarno erblicke. Es sei dem Frieden ein Dienst erwiesen durch die Er­flärungen, die Stresemann gestern über diesen Punkt der Breffe gegeben hätte.

Chamberlain hatte während seiner Ausführungen nur von fünf Mächten gesprochen. Er wurde gefragt, ob nicht noch andere Mächte hinzukommen würden. Er bejahte dies insofern, als er fagte, es mürde wohl noch ein Zeitpunkt tommen, wo die Arbeit auf der Konferenz auch die Interessen anderer Staaten berühren

würde.

3m übrigen ist der Bürgermeister von Locarno all diesen Er­örferungen zuvorgekommen, indem er auf das Konferenzgebäude neben den Fahnen der fünf Hauptmächte bereits die Flaggen der Tschechoslowakei und Polen hat hissen lassen.

Erste vertrauliche Besprechungen.

Die deutsche Delegation hat am Sonntagabend den offiziellen Berkehr mit den alliierten Delegationen durch Kartenüberreichung aufgenommen. Die alliierten Minister hatten am Sonntagnachmit tag die erste vertrauliche Besprechung. Deffentliche Sitzungen der Konferenz sind vorläufig nicht vorgesehen. Die Bresse bleibt auf offiziöse Mitteilungen und private Informationen angewiesen. Durch ihr gemeinsames Friedensbedürfnis feien alle miteinander vereint. Keiner werde dulden, daß Bergangenes fförend eingreife.

Warnungen der englischen Presse.

Condon, 5. Oftober.( WIB.) Anläßlich der heutigen Er öffnung der Konferenz von Locarno bringen die Morgenblätter lange Auffäße über die Aussichten der Konferenz. Der Ton ist der eines gemäßigten Optimismus.

Daily Rems" fagt, trog aller Schwierigkeiten sei die Stimmung in britischen diplomatischen Kreifen hoffnungsvoll. Ber­schiebene Blätter, wie Daily Telegraph ", Morning Bost" und Westminster Gazette" find beunruhigt megen der Möglichkeit, daß Deutschland versuchen könnte, die Frage der Kriegsschuld aufs Tapet zu bringen.

Morning Post" fagt, die einzige Folge davon würde fein, ernste Zweifel bezüglich der Ehrlichkeit der deutschen Re­gierung zu erregen.

Daily Telegraph fagt in einem Leitartikel: Die deutsche Regierung hat leider schädliche 3ugeständnisse an den chauvinistischen Geist in Deutschland gemacht, aber Stresemann ist zweifellos überzeugt, daß der Erfolg des Pattunter­nehmens von ausschlaggebender Bedeutung für Deutschlands Stellung in der Welt und besonders für die Eröffnung der Quellen internationalen Kredits ist, dessen die deutsche Wirtschaft so dringend bedarf. Stresemann spielt in der deutschen Po litit ein Spiel, das voll von Schwierigteiten und vielleicht von persönlicher Gefahr für ihn selbst ist. Schon allein aus diesem Grunde kann nicht erwartet werden, daß die Berhandlungen einen leichten und sicheren Fort gang nehmen werden und wenn irgendetwas als sicher erwartet werden tann, ift es das, daß irgendein Ergebnis, das ehrliche Freunde des Friedens als befriedigend erachten würden, die Spieß ruten einer scharfen und entschloffenen Oppofition in Deutschland wird passieren müssen, bis bas Ratifitationsfiegel barunter gesetzt werben fann.

Tagesbefehl nach Locarno .

Weftarp befiehlt eine neue Kriegsschulderklärung.

In der Kreuzzeitung " und bezeichnender Weise auch in der völkisch- radikalen Deutschen Zeitung" vom Sonntag ver­öffentlicht der Vorsitzende der deutschnationalen Reichstags­fraftion, Graf West arp, einen Aufsatz, in dem er u. a. erklärt:

Da in Cocarno der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, von dem ja auch der Sicherheitspatt abhängig gemacht ist, im Vorder­grunde der Erörterungen stehen wird, so ist der Sinn der geftrigen 2infündigung( gemeint ist die deutsche halbamtliche Erklärung am lehten Freitag. Red. d. B."), daß nunmehr gefchehen wird, was von Anfang an nicht verlangt worden war und erst durch die aus­ländischen Antworten nötig geworden ist:

In Cocarno wird die deutsche Regierung den Widerruf des Schuldbekenntniffes erneut aufrecht erhalten und dadurch 3 um Gegenstande der Besprechung machen. Da der Widerruf eine der Borausjehungen für die deutsche Gleichberechti­gung ift, wird das an die Spike der Erörterungen zu ftellen, wirkungsvoll zu gestalten und in flarer und kraftvoller Form öffentlich bekanntzugeben fein.

Daß von solchen Absichten in Locarno selbst nicht das geringste befannt war, geht aus unseren, an anderer Stelle wiedergegebenen Meldungen aus Locarno flar hervor. Die Erklärung vom Freitag ist bekanntlich nach der Abreise Luthers und Stresemanns nach Locarno veröffent­licht worden, und wir haben sofort die Frage aufgeworfen, ob die Veröffentlichung noch in Anwesenheit dieser beiden verant mortlichen Männer beschlossen worden sei. Diese Frage ist bejaht worden. Nun aber ergibt sich, daß zum mindesten über den Sinn oder Unsinn- dieser Erklärung zwischen dem Chef der Regierung und dem Chef der größten Regierungs­partei erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestehen.

-

Nach der Darstellung des Grafen Westarp soll die neue Aktion in der Kriegsschuldfrage notwendig geworden sein, weil die Antworten auf das deutsche Memorandum zu ab­weisend und unhöflich ausgefallen feien. Unmittelbar nach der Veröffentlichung dieser Antworten erflärte fich aber die deutschnationale Breffe für zufriedengestellt: nur Kinds­töpfe", fo fonnte man damals dort lesen, hätten etwas anderes erwarten dürfen. Es war die sozialdemokratische und die demokratische Presse, die sofort der Kaze die Schellen um­hängten und den wahren Charakter der Antworten signali­

fierten.

Jezt auf einmal findet die deutschnationale Presse diese Antworten so unerhört, daß unbedingt etwas gegen sie geschehen müsse. Die Tägliche Rundschau", die das Organ Stresemanns ist, wenigstens wenn der Minister in Berlin weilt, geht zwar nicht so weit, eine neue Attion zu fordern, findet aber jetzt euf einmal auch die Sprache der Antworten unerhört scharf und gereizt".

Damit ist auf der ganzen Linie eine Schwenfung ein­getreten. Es mird jezt zugegeben, daß sich die deutsche Regie­rung mit ihrer mißglückten Aktion, vor der sie jeder Verständige gewarnt hatte, eine Abfuhr geholt hat. Ein ganz uns erlaubtes Manöver vollzieht aber die Rechtspresse, menn sie die Dinge so darstellt, als empfänden mir über diese Abfuhr schadenfrohe Genugtuung. Der als Stilkünstler bekannte Graf Bestarp spricht in diesem Zusammenhang sogar von Purzelbäumen, die lächerlich sein würden, wenn sie nicht verbrecherisch sein würden". Ganz abgesehen von der Frage, ob ein Purzelbaum ein Verbrechen sein kann, finden mir, daß die Burzelbäume ganz wo anders geschlagen werden. Unfer aufrichtiges Bestreben war, die deutsche Außenpolitik vor den Erzessen der deutschnationalen Kinderstube zu bewahren. Darum haben wir eben gewarnt und warnen wir weiter.

97

Der unangebrachte schnodderige Ton der englischen Ant­wort ist im Borwärts" schon zurückgewiesen worden, als sich die deutschnationale Breffe noch trampfhaft bemühte, so zu tun, als regnete es, wenn gefpuct wird. Diese Presse ist also in feiner Weise berufen, andern über die Wahrung der natio­nalen Würde" Belehrungen zu erteilen. Sachlich bleiben wir dabei, daß die ganze Kriegsschuldaktion in diesem Augenblick f- nur innerpolitischen, parteiagitatorischen Bedürf niffen entspringt und daß sie Deutschland weder Ehre noch Nußen bringen kann. Wir haben gewarnt und warnen weiter.

Erfurt, 5. Oktober .( TU.) Der erweiterte Vorstand der Deutschnationalen Boltspartei Landesverband Thürin gen, verstärkt durch zahlreich anwesende Parteimitglieder des Bahltreises, hat in der Tagung vom 4. Oftober 1925 zu Erfurt nach eingehender Berichterstattung durch die Reichstagsabgeordneten Graef und Dr. Schneider deren Verhalten in der Fraktion poll gebilligt und denen volles Vertrauen ausgesprochen wurde, nachstehende Entschließung gefaßt:

Nachdem durch das Memorandum nom 9. Februar 1925 ber Reichsaußenminister Dr. Stresemann die unter Teilnahme unserer