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Nr. 491 42. Jahrg. Ausgabe A nr. 250

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Telegramm- Abreffe: .Sozialbemokrat Berlin

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Vorwärts

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutfchlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297.

Sonnabend, den 17. Oktober 1925

Vorwärts- Verlag G.m.b.H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3

Boftfchecktonto: Berlin 37 536 Banffonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Ballstr. 65; Diskonto- Gesellschaft, Depofitentasse Lindenstr. 3.

Der Sieg des Friedens.

Westpakt und Schiedsverträge vorläufig unterzeichnet.- Feierlicher Schlußaft.

Das Vertragswert von Locarno ist abgeschlossen. Deutsch land, Frankreich und Belgien garantieren einander ihren gegenwärtigen Befihstand an ihren ge­meinsamen Grenzen. England und Italien übernehmen die Rolle der Garanten. Deutschland schließt mit Frankreich , Bel­ gien , Bolen und der Tschechoslowakei Schiedsverträge ab, die die Kriegsgefahr auf ein Mindestmaß herabdrücken, menn nicht völlig ausschalten follen. Deutschland tritt in den Böllerbund ein und erhält einen Sig im Völkerbundsrat, seine besondere geographische und militärische Lage soll besonders berücksichtigt werden. Die Kölner 3one wird geräumt, nachdem über die restlichen For­derungen der Entwaffnung Deutschlands Einigung erzielt worden ist.

Dies der wesentliche Inhalt der Vereinbarungen. Einzel­heiten werden erst erkennbar sein, wenn die Beröffentlichung erfolgt ist.

Locarno illuminiert.

größten Regierungspartei" Deutschlands bleibt es dunkel. Sie hatte auf ein Scheitern der Konferenz gehofft, weil das für sie eine gewisse Erleichterung in ihrer schwie­rigen Lage bedeutet hätte. Der Erfolg der Regierung, die sie mitträgt und für die sie mitverantwortlich ist, vernichtet ihre Hoffnungen, stellt sie vor die peinlichste Entscheidung.

Die Zustimmung zu dem Vertragswert bedeutet für die Deutsch nationalen zweifellos einen Bruch mit ihren Grundsägen und ungewollt eine völlige Zurüdnahme aller Angriffe, die sie gegen die Linke wegen ihrer auswärtigen Bolitik erhoben hatte: eine Betehrung zu dieser Politik. Rechtstoalition, der sie ihren maßgebenden Einfluß Die Ablehnung bedeutet die 3ertrümmerung der auf die Steuer und 3o11politik und verschiedene an dere Annehmlichkeiten verdanken.

Nun gilt es für sie zu entscheiden. Aber wie immer fie Was bedeutet Locarno ? Bielleicht eins der größten weltschehene tommen sie nicht mehr los. Die Re entscheiden, von der Berantwortung für das Ge geschichtlichen Ereignisse. Vielleicht eine Zeitenwende. Sicher gierung, die das Bertragswert abgeschlossen, den Verzicht auf aber bedeutet es einen Teilsieg der sozialistischen Bewegung, Elsaß- Lothringen ausgesprochen, den Eintritt in den Böller einen Sieg des Prinzips. bund beschlossen hat, war ihre Regierung. Der Sündenfall Mit dem Eintritt Deutschlands in den Bölferbund, mit ist getan. Die ,, nationale Zuverlässigkeit" ist dahin. Der Sieg dem Abschluß von Schiedsverträgen zur Sicherung des Frieder von der Sozialdemokratie geforderten Außenpolitik ist, dens werden Forderungen erfüllt, die die deutsche Sozial unter Assistenz der Deutschnationalen, Tatsachen geworden und demokratie mit unermüdlichem Eifer vertreten hat. Nun ist es an ihr, darüber zu wachen, daß die Ausführung im rechten Geiste geschieht. Sie ist sich dessen gewiß, daß ihre fozialistischen Bruderparteien mit dem gleichen Eier dafür wirken werden, daß das Friedenswert nicht bloß ein Stück Bapier bleibt, sondern daß es in den Willen der Völker auf genommen und immer wirksamer, immer lebendiger wird.

Für die internationale fozialistische Arbeiterbewegung ist bas jüngste weltpolitische Ereignis die stärkste moralische Ermutigung. Denn es ist ein Sieg über die Chauvinis men der ganzen Welt, über die veralteten machtpolitischen

Ideen, über die Mentalität verfalter Militärs.

unwiderruflich.

Das Vertragswert von Locarno ist abgeschlossen worden, während die Deutschnationalen in der Regierung waren. geßt liegt sein Schidsal nicht mehr in ihrer hand. Ablehnung wäre eine leere Gefte. Ihre Flucht vor der formalen Berantwortung fönnte an ihrer sa ch= lichen Verantwortung nichts mehr ändern.

Was bedeutet Locarno ? Den ewigen Frieden Deutsch lands mit allen seinen Nachbarn? Vielleicht! Den Bankerot der nationalistischen Demagogie gewiß, alfo auf alle Fälle einen großen Fortschritt. Des wollen wir uns freuen!

Der letzte Akt.

V. Sch. Locarno, 16. Oktober. ( Eigener Drahtbericht.) Die Konferenz von Locarno ist am heutigen Abend 7% Uhr glücklich beendet. Schnell änderte sich das Bild im Laufe des Nach­

falls zeigten. Der belgische Jurist Rolin zeigte in der hocherhobenen Rechten das unterzeichnete Dokument. Wieder ertönte jubelnder Beifall.

dann Luther , Stresemann, Bandervelde rourden mit brausenden Nun verließen die Delegierten das Gebäude. Chamberlain, Rufen empfangen. Dann erfolgte ein allgemeiner Sturm der Journalisten nach den Hotels der Delegationen, wo man erst Ein­zelheiten über den Berlauf der letzten Sizung erfuhr. Zunächst hatte die Unterzeichnung stattgefunden, oder beffer gefagt, die Baragraphierung der einzelnen Berträge. Diese Para­Paraphierung der einzelnen Verträge. Diese Paraphierung zelnen Minister, nicht der gesamten Regierungen. bedeutet folgerichtig einstweilen nur die Bindung der ein­einen Minister, nicht der gesamten Regierungen. Ministerreden nach der Paraphierung.

V. Sch. Cocarno, 16. Oftober.( Eigener Drahtbericht.) In der feierlichen Schlußfihung wurden lieben Dokumente unter­zeichnet, und zwar der Patt, bestehend aus 10 Artifein, von allen, die träge sind abgeschloffen zwischen Deutschland und Frankreich , Deutsch­Schiedsverträge von den jeweils zuständigen Ministern. Schledsver­land und Belgien , Deutschland und der Tschechoslowatel fowie Deutschland und Polen . Außerdem wurden zwei Erklärungen Frankreichs an Polen und die Tschechoslowafel von den beteiligten Staaten unterschrieben. Als die Unterzeichnung vollendet war, zeigten sich Briand und Dr. Cuther demonftrativ aus eigener Initiative, unter dem Beifall der harrenden Bevölkerung, Schulfer

an Schulter an einem Fenster des Justizpalaffes. Der Unterzeichnung folgte zunächst

eine Rede Dr. Stresemanns,

in der er die Schwierigkeiten schilderte, die überwunden werden mußten, um den Verhandlungen in der öffentlichen Meinung Deutschlands einen Refonnanzboden zu verfchaffen. Er sprach die Hoffnung aus, daß sich die Alliierten ständig der Hal­tung der deutschen Delegation erinnern werden und baß die Konferenz den Beginn einer neuen Aera bedeuten möge. darauf, mit vollem Herzen mich den Gefühlen anzuschließen, die der Briand führte aus: Als Vertreter Frankreichs lege ich Wert Delegierte Deutschlands dargelegt hat, und ich würde ein Unrecht an dem Geist der Gerechtigkeit begehen, wenn ich nicht in dieser Stunde an die noble Gefte erinnern würde, die am Anfang dieser Konferenz stand. Ich vergesse nicht das Memorandum, das am 9. Februar die Regierung des Deutschen Reiches auf die Initiative des Herrn Stresemann an die franzöfifche Regierung richtete. Dies Memoran­dum war der Ausgangspunkt unserer Bemühungen, und es ist das

Bor sieben Jahren rettete die sozialdemokratische Arbeiter. schaft Deutschland vor Untergang und Zerfall durch die Grün­dung der de motratischen Republit. Nach den For­derungen des Erfurter Programms wurde die deutsche Ver­faffung umgestaltet, das gleiche politische Recht aller Staats­bürger wurde zum Grundsaz erhoben. Damit war für den Stresemann. Die Wolfen vom Donnerstag abend verschwanden, Resultat dieser Beste, der ich heute huldigen will und das wir heute Wiederaufbau Deutschlands der feste Grund gelegt.

Zu diesem grundsätzlichen großen Erfolg auf dem Gebiete des inneren Staatslebens gefellt sich jetzt ein vielleicht nicht weniger bedeutsamer Erfolg auf dem Gebiet der auswärtigen Politit. Es ist die verfemte Politit der Erfüllung, durch die der Unterschied zwischen Siegern und Besiegten ver­wischt, das ganze europäische System geändert, die Gleich­berechtigung des deutschen Boltes wieder hergestellt ist.

Unrecht wäre es, in dieser Stunde derer zu vergessen, die in diesem schweren Kampfe als Bundesgenossen mit uns gegangen und für die gemeinsame Sache gefallen sind: Erz berger und Rathenau !

Das Vertragswert erfüllt nicht alle unfere Hoffnungen. Die Besetzung der zweiten und der dritten Zone, die Trennung des Saargebiets vom Reich bleiben vorläufig weiter bestehen. Sie passen als letzte Reſte des Kriegszustands schlecht in eine Beit hinein, die wirklich dem Frieden gehören soll. Mögen sie bald verschwinden!

Aber auch im Innern ist das große Ringen, das den Ber: handlungen von Locarno vorausging und sie begleitete, noch nicht abgeschloffen. Schon die Art der Berichterstattung aus dem Konferenzort war ein Zeichen für die Schärfe der Span nungen. Welchen Vorwürfen war der Bormärts" aus­gefeht, weil er in seiner Berichterstattung, unbeirrt durch alle unvermeidlichen Zwischenfälle und tendenziöse Schwarzfeher fünfte, einen Optimismus befundet hatte, der nun recht be­halten hat!

Locarno mar gestern abend illuminiert. Bei der

die Deutschen ließen von den neuen Forderungen ab, die Polen

hatten auf ihre für Deutschland unannehmbaren Klauseln verzichtet, die die Arbeit der ganzen Konferenz in Frage zu stellen schienen. Kurz nach 2 Uhr, wenige Minuten nachdem Stresemann das Palace hotel verließ, verbreitete sich in den Kreisen der französischen und englischen Journalisten die Nachricht, daß die Unterzeichnung tion versicherte man, die Lage sei stationär und es liege nichts noch heute erfolgen würde. Nur in der deutschen Delega

Neues vor!

Um 4 Uhr trat bie Bolltonferenz wieder zusammen.

Jetzt endlich wurde auch deutscherfeits bestätigt, daß die Unter zeichnung bevorstehe. Nach einer Stunde verließen die Dele gierten jedoch wieder das Gebäude, allerdings nur auf furze Zeit. Man erfuhr, daß die technische Ausfertigung der Dokumente noch eine urge Berzögerung erfahren habe und daher eine zweite Sigung auf 6% Uhr anberaumt werden mußte.

fand- als erfte Sigung seit Konferenzbeginn nach Eintritt der Die letzte Sigung Dunkelheit statt. So war der Justizpalast festlich beleuchtet und eine für Locarno ungeheure Menschenmenge umfagerte das Ge­bäude und die Zufahrtsstraßen. Nach etwa einstündiger größter Epannung hörte man, wie aus dem Konferenzfaal hände flatschen ertönte. Die Menge antwortete darauf mit lautem Beifall. Die Fenster öffneten sich, die Delegierten zeigten sich an den Fenstern und wurden lebhaft begrüßt.

Ein Orfan der Begeisterung etbrauffe, als Cuther und Briand allein Schulter an Schulter im gleichen Fenster fich zeigten und der Menge freundlich zuriefen. Alle Hüte wurden geschwenkt und der Jubel nahm erst ein Ende, als beide Minister sich wieder zurüdzogen. Er brauste wieder besonders lebhaft auf, als Cham. berlain und Bandervelde auf einige Augenblicke fich eben

erreicht haben.

paraphiert, die in Locarno ausgearbeitet worden sind. Damit ist Ich habe foeben die Berträge, Ronventionen und Abkommen mein Mandat erfüllt Infolgedeffen rede ich jetzt in meinem persön lichen Namen, aber mit der Gewißheit, die Gefühle nicht allein meiner Regierung, sondern auch der großen Mehrheit meiner Landsleute wieberzugeben. Wenn wir hier nur die Sagungen unser Land zurückkehren würben, um es glücklichen Zufällen zu eines Bertrages verhandelt hätten und wenn wir danach jeder in

überlassen, daß die Verpflichtungen erfüllt werden, die er enthält, nicht einem neuen Geist entspricht, wenn sie nicht den Anfang würden wir nur eine leere Geste getan haben. Wenn diese Geste einer Aera von Vertrauen und Zusammenarbeit bedeutet, dann wird fie nicht die großen Wirkungen hervorrufen, die wir erwarten.

Es muß aus Locarno ein neues Europa erstehen. Herr Luther und Herr Stresemann, mit benen ich außerhalb dieser Konferenz offiziöse Unterhaltungen gehabt habe, in denen wir uns ganz offen auseinandergefeßt haben, haben mir gesagt, mit welchen Hoffnungen Deutschland das Werk betrachtet, das sich hier vollzog. Und ich habe ihnen mit absoluter Loyalität geantwortet. 3wischen unseren beiden Ländern bleiben Reibungsflächen und schmerzliche Punkte. Der hier unterschriebene Paft muß ein Balsam auf diese Wunden sein. Die noch bestehenden Schwierigkeiten müffen beseitigt werden.

Mit einer Disfretion, für die ich ihm Dank schulde, hat Herr Stresemann auf gewiffe Gegenden Ihres Landes angespielt, an denen Sie nicht Recht haben, sich zu desintereffieren. Auch ich habe nicht das Recht, mich für diese Gegenden zu des. intereffieren. Ich bin sicher, daß ganz Frankreich die Tragweite dieses Bettes begreifen wird und bestrebt sein wird, alles zu tun, was in seiner Macht liegt, damit zwischen uns ein Gefühl der Be ruhigung und der Entspannung entsteht.