Abendausgabe
Nr. 502 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 249
Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise find in der Morgenausgabe angegeben Redatfion: S. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297 Tel.- Abreffe: Sozialdemokrat Berlin
10 Pfennig
23. Oktober 1925
Vorwärts=
Berliner Volksblatt
Beclag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit 9-5 Uhr
Berleger: Borwärts- Verlag GmbH. Berlin S. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297
Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands
Berliner, rührt Euch!
Am nächsten Sonntag soll die Entscheidung für vier Jahre fallen: Soll die Weltstadt Berlin verwaltet werden nach dem Rezept, das für Krähwinkel paffen mag oder nach großen sozialen Gesichts punkten, die dem Fortschritt die Bahn öffnet?
Die Landtagswahlen in Baden.
Abrechnung mit dem Rechtskurs.
Aus Baden wird uns geschrieben:
Wer das erstere will, wird die Vertretung des Privatkapitals, die Deutschnationalen und die Volks- deshalb dem Ausfall der badischen Landtags- wie der Großpartei wählen.
Wer aber den sozialen Fortschritt in der größten Gemeinde des deutschen Reiches erstrebt, der wählt am 25. Oktober die
Kandidaten der Sozialdemokratischen Partei!
Die Sihung des Auswärtigen Auschusses.
Falschmeldungen und Indiskretionen.
Die Verhandlungen des Auswärtigen Ausschusses sind nach der Verfassung vertraulich. Troßdem folgt jeder seiner Gigungen ein ganzer Schwarm von Falschmeldungen und Indiskretionen. Das Tollste leistet sich diesmal Hugenbergs ,, Tag", der in fetten Lettern meldet, es feien neue Berhandlungen notwendig geworden, der Auswärtige Ausschuß fordere vertragsmäßige Sicherung der durch die Entente. Davon ist fein Wort wahr. Der einzige Redner, dessen im übrigen sehr diplomatisch abgewogenen Worte nach dieser Richtung gingen, war Graf West ar p. Die Regierung vertrat den selbstverständlichen Standpunkt, daß die bekannte Silaufel ne varietur" neue Verhandlungen ausschließe. Es besteht kein Grund, daran zu zweifeln, daß ihr der Ausschuß. der übrigens feine Beschlüsse faßte, darin zustimmte.
Rüdwirtungen
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Jedermann in Deutschland wünscht, daß die Rückwir fungen" so rasch und umfassend wie möglich eintreten. Und ginge es nach den Sozialisten der beteiligten Länder, so müßte Der ganze Befagungsunfug von heute auf morgen ver schwinden. Im Ausschuß aber ist von berufener Stelle Darauf hingewiesen worden, daß die Rückwirkungen" zwar schon vor dem 1. Dezember anfangen fönnten sichtbar zu merden, daß aber ihr Gesamtablauf eine viel längere Zeit erfordern werde. Daraus folgt, daß die Zustimmung zum Ver trag nicht von dem Maß dessen abhängig gemacht werden fann, was bis zum 1. Dezember an Rückwirkungen sichtbar geworden ist, sondern von dem Maß des Vertrauens, das man in den neuen Vertrag, die neuen Verhältnisse und ihre logischen Konsequenzen für das besezte Gebiet ſetzt. Mit dem Abschluß des Bertrags soll diese Entwicklung nicht schon abgeschlossen sein, sondern erst beginnen. Und darum ist es falsch, von Rückwirkungen so zu sprechen, als ob sie als Ganzes für das Zustandekommen des Vertrags Borausfegungen wären.
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gegen bar abhandeln zu laffen. Beweis: Das Verhalten der Deutschnationalen bei der Entscheidung über die Dawes- Berträge. Vor der entscheidenden Abstimmung waren die Dames: Berträge für sie das zweite Versailles ", eine schmachvolle Angelegenheit, der man grundfäßlich die Zustimmung verweigern mußte. Ale fie aber schriftliche Zusicherungen über ihre Aufnahme in die Reichsregierung und damit über die Einführung von Schutzöllen erhielten, befannen sie sich eines anderen. Auf dieses Papierchen hin gaben sie ihre Grundsätze preis.
Der Preis, den fie für ihre Zustimmung zu jenem zweiten Bersailles" erhielten, war reichlich hoch. Jetzt handeln sie um ihre Zustimmung zu dem dritten Ver= failles" des Nie- wieder- Krieg- Vertrages, der den aber maligen Verzicht auf Eisaß- Lothringen einschließt. Es gelüftet sie danach, wieder umzufallen und sich dafür wieder hoch bezahlen zu lassen. Diese Absicht wird etwas zu deutlich in einer Betrachtung der Deutschen Tageszeitung" zu dem Ergebnis der Abstimmung über die Mißtrauensanträge gegen Severing im Breußischen Landtag bekannt gegeben. Dort heißt es:
So lange die Möglichkeit naheliegt, daß dort die gegen. märtige Regierungstoalition an Meinungsverschieben heiten in der Außenpolitit zusammenbricht, ist fchwerlich an eine Annäherung zwischen Deutschnationalen und Sentrum in Breußen zu denken. Die preußische Regierungsfrage wird also zunächst ruhen, bis die Einwirkung der Abmachungen wird also zunächst ruhen, bis die Einwirtung der Abmachungen von Locarno auf die parlamentarische Lage im Reichs. tage feststeht; was freilich vielleicht schon sehr bald der Fall fein tann. Der positive oder negative Charakter dieser Einmirfung fein tann. Der positive oder negative Charakter dieser Einwirkung aber wird auch von erheblicher Bedeutung dafür sein, wie sich na ch der Klärung der Situation im Reich die Lage in Preußen der Klärung der Situation im Reich die Lage in Preußen
weiter entwidelt.
Herr Paul Baecker, der Verfasser des Artikels, hat vielleicht gemeint, daß seine vorsichtige, absichtlich etwas dunkel gehaltene Fassung nur den Eingeweihten verständlich sein würde. Aber die Kenner der deutschnationalen Taktik verstehen sehr gut, daß ein neues Handelsgeschäft beabsichtigt ist. Die Deutschnationalen möchten, da sie auf Grund der Mehrerzwingen können, und nach einer etwaigen Neuwahl noch heitsverhältnisse den Eintritt in die Preußenregierung nicht weniger denn jetzt, sich die Teilnahme an der Preußenregie rung erschleichen, erfchachern, erpressen. Ein solches Handelsgeschäft dürfte ihnen etwas schwerer fallen als feinerzeit das Geschäft mit Herrn Stresemann, das ihnen den Eintritt in die Reichsregierung und die Schutzölle gebracht hat. Denn darüber werden sie sich wohl selbst klar sein: In die Breußenregierung fommen sie nicht, ohne das Fegefeuer der Volksbefragung durchschritten zu haben. Dann aber
In der Breffe finden sich auch Mitteilungen darüber, welche Stellung Herr Stresemann zur Frage des Berzichts gesagt, der Patt enthalte nichts als einen Verzicht auf Anauf Elsaß- Lothringen eingenommen hat. Herr Stresemann habe griffstriege und aggressive Gewaltanwendung, er beschränke aber in keiner Weise das Selbstbestimmungsrecht der Bölker. Herr Stresemann hat in der Tat etwas ähnliches gesagt, und ungefähr so stimmt es ja auch. Der Baft bedeutet allerdings nicht nur den Verzicht auf Revanchetrieg und Eroberung, sondern auch den Verzicht auf eine Unterstützung von Lostrennungsversuchen. Beispielsweise wäre es ein glatter Vertragsbruch, wenn Frankreich nach Abschluß des Vertrags Lostrennungsbestrebungen im Rheinland weiter erst recht nicht. fördern wollte. Dasselbe märe es, wenn eine deutsche Regie- d rung irgend eine gleichgerichtete Bewegung jenseits der Grenze unterstützte.
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Will man sich ganz genau ausdrücken, so muß man sagen: Der Vertrag bedeutet insofern nicht einen Verzicht auf ElfaßLothringen, als Deutschland das Recht bleibt, dieses Land anzunehmen, wenn es Frankreich einmal mit Zustimmung seiner Bevölkerung an Deutschland abzutreten geneigt wäre. So lange aber Frankreich auf dem Standpunkt steht, daß es Elsaß- Lothringen ohne einen verlorenen Krieg nicht herausgibt, bleibt es eben beim Verzicht. Ein Opfer tann aber und darin glauben wir wieder mit den maßgebenden Stellen ganz übereinzustimmen in dem Vertrag nicht erblickt werden, denn es ist fein Opfer, auf etwas zu verzichten, was man sowieso nicht haben kann.
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Im übrigen wäre es besser, die Verhandlungen des Aus wärtigen Ausschusses öffentlich zu führen, wenn man sie nicht vor Indiskretionen und Falschmeldungen schützen
fann.
Ein neues deutschnationales Handelsgeschäft beabsichtigt. " Deutsch sein, heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun" das ist das Wort, das die Führer der Deutschnationalen im Munde zu führen pflegen. Aber deutsch sein, heißt noch nicht. deutschnational sein. Deutsch national sein, heißt, eine Sache nicht um ihrer selbst willen, sondern nur gegen Bezahlung tun, versteht sich, gegen jeweils höchste Bezahlung.
Die Deutschnationalen besigen politische Grundsätze, aber nicht zu dem zwed, sie anzuwenden, sondern nur dazu, sie sich
Die Krifengerüchte erhalten fich. Paris , 23. Ottober.( Eigener Drahtbericht.) Das Gerücht von
dem bevorstehenden Rücktritt Caillaur' hat neue Nahrung erhalten durch eine neue Konferenz, die am Donnerstagabend Ministerpräsident Painlevé mit dem Finizminister gehabt hat. Diese Aussprache, die nicht weniger als drei Stunden dauerte, hat ausschließlich der Erörterung der finanziellen Sanierung und dem Programm Caillaug' gegolten. Der Quotidien" glaubt zu wissen, daß es zwischen Painlevé und Caillaug darüber zu sehr tief gehenden Meinungsverschiedenheiten gekommen sei. Unter diesen Umständen sieht man dem Ministerrat am Freitag mit großer Spannung entgegen, und ein Teil der Morgenblätter gibt der Vermutung Ausdrud, daß, wenn es nicht gelänge, die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten zu überbrücken, Caillaug viel leicht schon heute seine Demiffion geben werde. Auch von der Möglich feit eines Rücktritts des gesamten Kabinetts ift verschiedentlich die Rede.
Der mazedonische Grenzkampf. Bulgarien nimmt das Ultimatum an? London , 23. Oftober.( UB.)„ Daily Expreß " meldet aus Athen , der bulgarische Gesandte habe dem Ministerpräsidenten Gene ral Bangalos mitgeteilt, die bulgarische Regierung nehme die Bedingungen des griechischen Ultimatums an, d. h. erstens offizielle Entschuldigung für die Angriffe auf den griechischen Grenzposten, zweitens Bestrafung der Schuldigen, drittens Bezahlung einer Entschädigung von 20 000 Pfund.
der erste größere Wahlkörper in Deutschland sein, der nach der Der Freistaat Baden wird mit der Stadt Berlin Entscheidung von Locarno zu einer Kundgebung seines politischen Willens berufen ist. Und es ist begreiflich, daß man Berliner Gemeindewahlen in den weitesten Kreisen des Reiches mit Spannung entgegensieht. Es wird sich dabei zudem um die Feststellung handeln, inwieweit im Reiche die großen innerpolitischen Entscheidungen und schweren Kämpfe der feit der Hindenburg - Wahl verflossenen sechs Monate, die Entlarvung des deutschnationalen Erfüllungs- und Aufwertungsschwindels, der Steuer- und Zollpolitik der Rechtsparteien und des Zentrums, die Behandlung der Beamtenforderungen usw., die politische Einstellung der Wählerschaft beeinflußt und zu einer Veränderung des Stärkeverhältnisses der Par
teien geführt haben.
tik im badischen Landtagswahlkampf eine entscheidende Rolle Es ist erklärlich, daß nach Lage der Dinge die Reichspoligespielt hat. Sehr zum Leidwesen freilich der Rechtsblöckler und Bentrums. Daß die Sozialdemokratie deren brünstiges Flehen nicht erhörte, das, was in Berlin geschah", doch aus dem badifchen Wahlkampf hübsch herauszulassen, ist begreiflich. Und die Rechtser sind denn auch in den letzten Wochen in Baden gehörig mit den Ruten gezüchtigt worden, die sie im Reiche für das Volk gebunden hatten. Aber auch dem Zentrum bekam seine Hollpolitik vom Hochsommer sehr übel.
Die Warnung durch den Austritt Dr. Wirths aus noch zur rechten Zeit. Längst hatte man gemerkt, daß es der dem Reichstagszentrum fam für die badischen Wahlen gerade Bentrumsleitung im Musterländle" in der Koalitionsgefellschaft mit der Sozialdemokratie nicht mehr recht wohl war, und daß sie, wie im Reiche unter dem Einfluß der Herold, Stegerwald usw., nach rechts drängte. 3um mindesten, um neben der Sozialdemokratie auch noch die Deutsche fo= genannte Boltspartei in die Regierung mit hineinzu bekommen.„ Deckung nach der protestantischen Seite hin" chefs, des Freiburger Prälaten Dr. Schofer. Wer die nennt man das im politischen Jargon des badischen ZentrumsDeutsche Boltspartei aber, von Berlin her, etwas berartigen großen Koalitions"-Experiment zunächst hergab, sie genauer fennt, der weiß, daß, menn sie sich auch zu einem demit ohne jeden 3weifel den Hintergedanken verband, so rasch als möglich die Deutsch nationalen hinter sich herzuziehen. Und daß die Sozialdemokratie in demfelben Augenblid zur linken Tür der Koalitionsstube hinausgehen würde, in dem zur rechten die Mampisten hereinfämen, darüber kann doch wohl weder in Baden noch außerhalb jemand im Zweifel sein.
Es drohte unter folchen Umständen der politischen Zukunft unseres Landes immerhin eine gewiffe Gefahr. Die Art nun, wie das Gros der badischen Zentrumsanhänger auf den demonstrativen Schritt Dr. Wirths reagierte, und die„ Fraktur", in der sie auf der genannten Offenburger Tagung der in denen die sozialistische Presse des Landes auf Klarheit über Barteileitung ihre Meinung unter die Augen hielt, hat diese Gefahr sichtlich gemildert. Gerade in den allerletzten Tagen, die Bläne des Zentrums hinsichtlich seiner Stellung zur Regierungsfrage nach den Neuwahlen drängte, ist ein deutlicher Umschwung in den Intentionen Dr. Schofers offenbar geworden. Er faßte die Sozialdemokratie jüngst in der großen politischen und tattischen Kundgebung, zu der er sich den mit auffällig zarten Händen an, während er den politischen Nibelungensaal des hiesigen Rosengarten ausgewählt hatte, mit auffällig zarten Händen an, während er den politischen Nachfahren der alten badischen Nationalliberalen, die sich jetzt in der Curtius- Partei zusammengefunden haben, rechte bittere und wenig versprechende Wahrheiten fagte. Vielleicht hat ihn dazu im allerletzten Augenblid auch noch der auffällig schlechte Besuch der Versammlung bestimmt, aus dem der Zentrums chef, wie aus den oben erwähnten Vorgängen in Offenburg , folgsam an der Hand hat, wenn er von der Wirth in die gemerkt haben mag, daß er seine Anhänger nicht mehr so Fehrenbach- Linie der Reichspolitik einschwenken wollte.
Koalitionsparteien in Baden freilich: die bürgerlichen Ein schwache Seite hat die Rechnung der Weimarer Demokraten, die im Lande von Wahl zu Wahl weniger nach einem Ersatz zwingen. Bringt uns der 25. Oktober gar werden und dadurch das Zentrum immer wieder zur Umschau nach einem Ersatz zwingen. Bringt uns der 25. Oktober gar fratische Fraktion in den Landtag - zuletzt waren es sieben eine erheblich stärkere deutsch - volksparteiliche als deutsch - demoDemokraten und fünf Volksparteiler, so wird die Versuchung im Lande, in die Koalition hereinzunehmen, zweifellos eine im Zentrum, nun die Curtius- Leute, als die drittstärkste Partei erhebliche Verstärkung erfahren. Und daß die letztere die Aufforderung zum Eintritt in die Regierung nach dem 25. Oftober erwartet, das geht schon aus dem Umstand hervor, daß sie die Einladung von rechts, von den Deutschnationalen her, mit in den Badischen Rechtsblod" einzutreten, den diese mit dem Landbund gebildet haben, ohne langes Besinnen abgelehnt hat. Die Boltsparteiler haben Regierung auch für das Zentrum eine zu starke moralische fich offenbar gesagt, daß ein folcher Rechtsgroßblock in der Belastung wäre, und so zogen sie es vor, sich das deutschnational- bündlerische Gewicht vom Hals zu halten, um sich der Schofer- Partei nach der Wahl in ihrer ganzen nationalliberalen Reinheit" zur Aufnahme in die Regierung präsentieren zu Lönnen.