Abendausgabe
Nr. 506+ 42. Jahrgang
Ausgabe B Nr. 251
10 Pfennig
26. Oktober 1925
= Vorwärts=
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Berliner Volksblatt
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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands
Des Bürgerblocks Ende.
Starke Linksmehrheit.- Volkspartei Volkspartei erledigt.
Nach den letzten Zählungen, die ganz Groß- Berlin mit Ausnahme von zwei fleinen Wahlbezirlen umfaffen, ergab die Stadtverordnetenwahl folgendes Bild:
Zentrum usp.
4
Deutschvölkische Deutschsoziale
•
Ev. Gemeinschaftsbund
Rest zersplittert.
589 703
370 604
104 809
332 109
166 896 71 062
61 271 24426
26 411 25 193 1 669
Die abgegebenen Stimmen verteilen fich auf die einzelnen Parteien bei der Stadtverordnetenwahl 1925 im Vergleich zur Reichstagswahl vom 7. Dezember 1924:
Demokraten.
Wirtschaftspartei
Zentrum.
usp..
Deutschvölkische
Deutschsoziale
Evang. Gemeinschaftsbund
25. Ott. 25 7. Dez. 24 in%
6,5
in%
32,7
30,3
20,6
23,9
5,9
18,5
16,3
9,2
19,9
3,9
3,4
3.4
3,9
1,3
0,6
1.4
2,0
1,4
1,6
0,9
Mandatsverteilung.
Nach den bisher vorliegenden Ergebniffen.
74
2. Deutschnall.
47
13
42
5. Demokraten
21
6. Wirtsch. Partei.
9
7. Zentrum
7
8. Usp..
3
9. Deutschvölkische
3
3
10. Deutschsoziale
11. Ev. Gemeinschaftsbund
2 225
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Niederlage des Bürgerblods, entscheidender, nicht wieder einzuholender Rückgang der bürgerlichen
Parteien: das ist das auffallendste Charakteristikum der gestrigen Wahlen zur Berliner Stadtverordnetenversammlung. Der Rud nach links ist so eindeutig zum Ausdrud ge fommen, daß in Zukunft niemand mehr daran wird zweifeln fönnen, daß in Berlin die Arbeiterschaft ausschlaggebender politischer Faktor ist. Die Gegenüberstellung der geftrigen Wahlen mit den beiden letzten Reichstagswahlen zeigt diese Entwicklung deutlich. Bei der Reichstagswahl vom 4. Mai 1924 betrug der Prozentsaz der für die Arbeiterparteien abgegebenen Stimmen nur 40,9 Proz Schon bei der Wahl am 7. Dezember stieg er trotz des Rüd ganges der KPD. infolge des starten Anwachsens der Sozialdemokratie auf 47,2 Pro3. Heute ist die Mehrheit auf seiten der Arbeiterschaft eine so st arte, daß dieser Linksrud das alles überragende Moment zur Beurteilung des gestrigen Wahlergebnisses darstellt.
Am auffälligsten äußert sich diese Entwicklung in dem Rückgang der Rechts parteien. Am 4. Mai 1924 waren die Deutschnationalen in Groß- Berlin noch die stärkste Bartei! Am 7. Dezember werden sie bereits von der Sozialdemokratie wieder weit überflügelt, und jetzt haben sie schon nicht viel mehr als die Hälfte der sozialdemokratischen Stimmen. Doch noch viel fatastrophaier ist der Rückgang der Deutschen Volkspartei . Bon 186 000 Stimmen im Mai 1924 gehen fie im Dezember auf 149 000 Stimmen zurüd, und jetzt überschreiten sie mit Mühe und Not nur gerade 100 000 Stimmen. Sie finken dadurch zu der Bedeutung der kleinen Splitterparteien herunter, ihre Rolle in der neuen Stadtverordnetenversammlung übernimmt die Demokratische Fraktion. Der Linksrud ist ausgesprochen auf Kosten der Rechtsparteien gegangen. Die Wählermassen, die diesen Barteien in den Jahren der Inflation zugeftrömt waren, haben inzwischen erfahren, was es mit der Wirksamkeit dieser Bolts" parteien auf sich hat. Berlin besinnt sich wieder auf fich selber. Wahlbetrug und Demagogie verlieren ihre Wirk famkeit. Die foziale Struktur der Bevölkerung kommt auch im Wahlergebnis immer mehr zum Ausdruck. Berlin wird immer eine Lintsmehrheit haben, und das Bürgertum wird fich mit dieser Tatsache abfinden müssen. Geradezu grotest wirkt nach diesem Wahlergebnis die Erinnerung daran, daß die Volksparteiler noch turz vor Toresschluß ihren famosen Herrn Benete auf den Poften des Stadtschulrats für Groß
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Deutschnationaler Rückgang.
Berlin erheben wollten. Die ehrgeizigen Aspirationen dieser Herrschaften sind, wie wir hoffen, ein für allemal erledigt.
Auf der anderen Seite steht eine unzweifelhafte Arbeitermajorität, deren Arbeitsunfähigkeit als geschloffene einheitliche politische Macht leider bei dem Charafter der Kommunistischen Partei vorläufig noch mehr als frag lich ist. Selbstverständlich hat die Sozialdemokratie das größte Intereffe daran, auch die Kommunisten zu praktischer Gemeindearbeit heranzuziehen. Viel zu groß ist das Interesse der gefamten Arbeiterschaft an der Berliner Kommunalpolitit, als daß nicht jeder Bersuch gewagt werden müßte, dieses Interesse auch politisch zur Geltung zu bringen. Trotz Etti- Brief und anbefohlener Rechtsschwenkung wird aber jeder ein großes Fragezeichen hinter. die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit der KPD . machen. Die Erfahrung wird uns sehr bald lehren, ob wir uns wider Erwarten in ihnen getäuscht haben sollten. Die Kommunisten haben sich besser behauptet, als wie sie selber angenommen haben. Ihr Rückgang, der von der Maiwahl des vergangenen Jahres bis zur Dezemberwahl Man fann leider faum die Hoffnung hegen, daß diese Tatsache ein direkt fatastrophaler war, ist zum Stillstand gekommen. die Entwicklung zur Vernunft in der KPD. fördert.
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Sozialdemokratie und den Rückgang der Rechtsparteien. Es erhielten an Stimmen: SPD . 6283, Gemeinschaftliche Liste der Rechtsparteien 7517, Mieter 1666, Rommunisten 925, Zentrum 576, Demokraten 764.
Das neue Stadtparlament besteht danach aus Demokraten 2( 0), 3entrum 1( 0), Sozialbemofraten 13( 9), Rommunisten 2 ( 1), Arbeitsgemeinschaft 16( 21), Mieter 4( 7).
Die badischen Landtagswahlen. Allgemeiner Stimmenverluftam größten bei den Dentschnationalen.
Karlsruhe , 26. Oftober.( Eigener Drahfbericht.) Das vorläufige amtliche Wahlergebnis in Baden ist folgendes:
Zentrum 283 404( am 7. Dezember 1924: 342 698), Demokraten 66 842( 92 535), Deutsche Volkspartei 72 882( 97 719), Wirtschaftliche Bereinigung 22 858( 16 697), Aufwertungspartei 4 176(-), Nationalsozialisten 8 896( 19 160), Sozialdemokraten 160 553 ( 198 593),„ Rechtsblod", d. h. Deutschnationale und Landbund 93 727 ( 147 697)." Kommunisten 47 304( 64 952), Deutvölkische Freihells gegeben 770 041 Stimmen gegenüber 996 627 in der letzten Reichs( 147 697). Kommunisten 47 304( 64 952), Deutvölkische Freiheitsbewegung 6 590( 3 405), Pächterverband 2 829. Insgesamt ab
tagswahl.
Un Abgeordneten find gewählt: Zentrum 28( 34), Sozialdemofraten 16( 21), Demokraten 6( 7), Rechtsblod 9( 15), Deutsche Volkspartei 7( 5), Wirtschaftliche Vereinigung 2( 1), Rommuniffen 4( 4).
Einzelergebnisse.
Der Sozialdemokratie ist es gewiß gelungen, ihren Stimmenanteil gegenüber der Wahl vom Dezember 1924 zu steigern. Aber diese Steigerung entspricht nicht den Er. martungen, die die Partei nach dem Verlauf des Wahltampfes hegen durfte. Gewiß die Sozialdemokratie ist auch in Berlin wieder auf dem Marsch. Die nationalistische Hochflut ebbt weiter ab. Aber in eine Stadt mie Berlin fann Karlsruhe: Zentrum 14 720( 17 364), Demokraten 6470 die Sozialdemokratie nicht eher mit sich zufrieden fein, bis sie( 8805), Deutsche Boltspartei 14 848( 18987), Wirtschaftliche Bereinidie Mehrheit erobert, die ihr als die Partei der Argung 2647( 2299), Aufmertungspartei 402( 283), Nationalsozialisten beiterschaft zukommt. Die verhältnismäßige Stärke der RD. 1660( 2408), Sozialdemokraten 26 207( 28 555), Rechtsbind geigt, eine mie ftarte politische Erziehungsarbeit in Berlin 10 456( 17 507), Rommunisten 5474( 7584), Deutschpölfische 1272 von uns noch geleistet werden muß, ehe das Zentrum der ( 935), Bächterverband 111. Republik über eine zuverlässige republikanische und sozialistische Mehrheit verfügt.
Die Schwierigteiten der neuen Parteiverhältniffe werden sich im Rathaus sehr bald zeigen. Schon die Berhand lungen über den neuen Berliner Etat werden die Probe aufs Exempel dafür sein, ob das Anwachsen der Arbeiterstimmen im Interesse der Arbeiterschaft auch wirklich ausgewertet werden kann. Die geftrige Wahl ist gewiß ein Fortschritt, aber ein ungenügender. Angespannteste Arbeit wird geleistet werden müssen, um diesen ersten Erfolg so auszubauen, daß bei einer neuen Wahl der endgültige Sieg ficher iſt.
Stadtverordnetenwahlen in Landsberga.W.
Aufstieg der Sozialdemokratie.
Landsberg a. d. W., 26. Oftober.( Eigener Drahtbericht.) Hier erfolgten am Sonntag die Neumahlen zum Stadtverordne tenkollegium. Das Ergebnis zeigt den Aufstieg der
Mannheim : Zentrum 21 357( 26 156), Demokraten 9405( 13 366), Deutsche Volkspartei 17 403 ( 21 454), Wirtschaftliche Bereinigung 4325( 3387), Aufwertungspartei 1543( 1058), Nationalsozialisten 1600( 3430), Sozialdemokraten 38 232( 45 422), Rechtsblod 7004( 10 417), Rommunisten 14 935( 18 400), Deutschvölkische 603 ( 44), Bächterverband 130.
Deutsche Volkspartei 3678( 6093), Wirtschaftliche Bereinigung 2753 Freiburg : Zentrum 19 588( 25 376), Demofraten 3356( 5759), ( 2469). Aufwertungspartei 378, Nationalsozialisten 249( 607), Rommunisten 1331( 2952), Deutschvöltische 387( 128). BächterSozialdemokraten 8291( 11128), Rechtsblod 4796( 7836),
verband 416.
Der neue Landtag tritt bald zusammen.
Nach der badischen Verfassung tritt der neugewählte Landtag spätestens zehn Tage nach der Wahl zusammen, somit spätestens am 4. Rovember. Eine der ersten Handlungen des Land. tages ist die Wahl der Regierung.
Ministerrat über die Krise.
Reichstagswahlen in Sicht.
Heute mittag 12 Uhr begann eine Besprechung der Reichsminister. Der Reichskanzler teilte mit, daß die anwesenden Kabinettsmitglieder Schiele, Neuhaus und Schlieben ihre Demission eingereicht hätten. Daraufhin verabschiedeten sich diese drei Herren vom Kabinett. Danach trat ein Miniffertat zufammen. Man wird damit rechnen können, daß das kabinett nicht beabsichtigt, seinen Gesamtrücktritt zu erklären, sondern vielmehr seine Aufgabe darin fieht, die außenpolitischen Arbeiten fortzusehen und dem Reichstag rechtzeitig vor dem 1. Dezember das Gesamtergebnis diefer 2rbeit zur Beschlußfassung zu unterbreiten. Der Reichskanzler wird sich nach Beendigung der Minifterfihung zum Reichspräsidenten begeben, um ihm Bericht zu erstatten.
Nicht viel mehr als die Hälfte der deutschnationalen Reichstagsfrattion hatte sich gestern nach Berlin bemüht, um in einer Frage, die nicht nur für die eigene Partei, sondern für das ganze Bolf von außerordentlicher Bedeutung ist, ihre Entscheidung zu fällen. Die ungefähr 60 Mitglieder des offiziellen Fraktionsberichts sind sicher weniger als 60. Das heißt, daß mehr als 50 deutschnationale Abgeordnete es nicht für nötig gehalten haben, nach Berlin zu fommen, um an dieser bedeutungsvollen Entscheidung mitzuwirken. Trotzdem wird man die Lage vom Standpunkt der Rechtsfoalition aus als nicht wiederherstellbar betrachten müssen. war ist die deutschnationale Politik ein Feld der unbegrenzten Möglichkeiten, aber daß sich die Fraktion nach allem Borangegangenen schließlich dennoch für Locarno entscheiden tönnte,
ift einstweilen nur eine Idee für Humoristen. Auch Herrn D. Hindenburg dürfte es nicht mehr gelingen, die ZuStimmung der Deutschnationalen zu der Politik zu gewinnen, ber er selber zugestimmt hat. Wo der See der nationalistischen Demagogie rast, ist auch der Retter" machtlos.
Wie der Zustand außen- und innenpolitischer Berwirrung, der durch den deutschnationalen Kopfsprung herbeigeführt wor den ist, wieder beendet werden soll, ist vorläufig ein ungelöstes Rätsel. Ein Troft bleibt, daß das Reich, dant der Stabili. tät der Regierungsverhältnisse in Breußen, schon so manche Krise überstanden hat. Man stelle sich aber vor, den wiederholten Bemühungen der Rechtsparteien märe es gelungen, das verhaßte System Severing" zu beseitigen dann allerdings wäre der Kladderadatsch fertig!
Wie immer sich nun die Krise im Reich weiter entwickeln mag, jedenfalls ist die Auflösung des Reichstags in unmittelbare Nähe gerückt. Dem Volt wird Gelegenheit ges geben werden zu entscheiden, ob es auf der betretenen Bahn einer Berständigung mit seinen Nachbarvölkern verharren mill oder ob es den Selbstmord durch eine illufionäre Revanche friegspolitik vorzieht. Deutschnationale und Kommu nisten werden dann wieder in gemeinsamer Front kämpfen und gemeinsam geschlagen werden.
Sigung des sozialdemokratischen Fraktionsvorstandes.
Der Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion tritt Mittwoch nachmittag 3 Uhr zu einer Sigung zusammen.