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fr. 525 42. Jahrg. Ausgabe A nr. 268

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

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Freitag, den 6. November 1925

Attentat oder Spizeltat?

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Angebliches Komplott gegen Mussolini . Seltsame Polizeiversionen. Die italienische Sozialistenpartei aufgelöst- am Vorabend des Matteotti Prozesses ! Rom . 5. November. ( WIB. Nach einer Meldung der Agenzia näherer Einzelheiten über die Person diefes früheren Abge­Stefani hat die Polizei in Rom den ehemaligen sozialistischen Ab. ordneten 3aniboni, der jedenfalls eine führende Rolle in der geordneten 3 aniboni verhaftet, der vorbereitende italienischen Partei nicht gespielt hat, muß man mit der Handlungen unternommen habe, um einen Anschlag auf starken Möglichkeit rechnen, daß es fich entweder um Muffolini zu begehen. einen Berrüdten oder noch wahrscheinlicher um einen zum Faschismus übergelaufenen agent provocateur handelt. Die offizielle Darstellung der italienischen Regierung ft intt jedenfalls auf hundert Schritt nach einer Polizeifpigel­geschichte.

Rom . 5. november.( WTB.) Zur Berhaftung des Abgeord­neten Zaniboni meldet die Agenzia Stefani( offizios) noch folgende Einzelheiten: In den letzten Tagen war zur Kenntnis der Polizei gekommen, daß während der Siegesfeierlichkeiten am 4. no­nember ein Attentat auf den Ministerpräsidenten Muffolini geplant war. Die Polizeidienststellen erhielten Befehl, verdächtige Person­lichkeiten festzunehmen. Am Mittwochmorgen gegen 9 Uhr drang die Polizei in das Hotel Dragoni, das sich in unmittelbarer Nähe des Palastes Chigi, in dem das Auswärtige Ami untergebracht ift. befindet, ein und überraschte den langjährigen Abgeordneten der Opposition, Zaniboni, bei den Borbereitungen für das Attentat auf Muffolini. Auf Grund der polizeilichen Nachforschungen wurde zur selben Zeit in Turin der General Couis Capello verhaftet, der im Begriffe war, ins Ausland zu reifen. Auf Grund der ersten Untersuchungen ist an sämtliche Präfekten der Befehl er­gangen, fofort alle Freimaurerlogen, die von der römischen Loge Großer Orient abhängig sind, zu besetzen.

Ram , 5. November. ( Meldung der Agenzia Stefani.) Die Regierung hat die Auflösung der Geeinigten Sozia­fiffifchen Partei an ihrem Hauptfit und ihren Zweigstellen verfügt.

( Weitere Meldungen auf der 3. Seite.)

Bis zur Erbringung des pofitiven Gegenbeweises be trachten wir alle Melbungen über die Aufbeckung eines Atten. tatsplanes gegen Muffolini als einen echt faschistischen Schwindel. Ganz abgesehen davon, daß es höchst un­wahrscheinlich ist, daß Sozialisten, zumal Mitglieder der sehr gemäßigten unitarischen Partei, die auf dem rechten Flügel der Arbeiterbewegung steht, zu Akten des individuellen Terrors übergehen würden, sprechen die verschiedensten poli­tischen und psychologischen Gründe gegen die Richtigkeit der offiziellen Attentatsversionen.

Eine gewaltsame Bernichtung des Lebens Mussolinis tommt schon deshalb faum in Betracht, weil seine Lebenszeit fowieso nur noch nach Monaten berechnet wird. Das meiß man auch in den maßgebenden politischen Kreisen Italiens , und selbst die Gegner des Faschismus sehen dem nahenden Ende Mussolinis insofern mit Sorge entgegen, als sie wissen, daß er im Vergleich zu solchen Geistern wie Farinacci, die er gerufen hat und nicht mehr los wird, das fleinere Uebel ist. So seltsam es flingt: Mussolini gilt feit einiger Zeit als der Bremser, dessen Einfluß allein im­ffande ist, die bewaffneten Apachen, die heute den Kern der faschistischen Miliz bilden, im Baume zu halten. Auch bei einem natürlichen Tode Mussolinis befürchten die waffenlofen Gegner des Faschismus eine Entfesselung der übelsten Instinkte, die von der Farinacci - Klique planmäßig umschmeichelt werden.

Das allein würde schon genügen, um ein Attentats­komplott gegen das Leben Mussolinis als im höchsten Grade unwahrscheinlich zu bezeichnen. Alle Kenner der italienischen Berhältnisse, mit denen man vor Mussolinis Ankunft in Locarno , die lange Zeit zweifelhaft blieb, die Frage er­örterte, ob er denn nicht beim Berlassen seines Diftatur­bereiches sehr viel risfiere, waren übereinstimmend der Mei­nung, daß das nicht der Fall sei, eben weil sich jeder etwaige Attentäter dessen bewußt sein müßte, daß er das Leben Zehntausender gänzlich unschuldiger und unbeteiligter Gegner des Faschismus verwirken mürde, die der blutgierigen Maffenvergeltung zum Opfer fallen würden. Dabei wäre es sowohl auf der Fahrt nach Locarno wie in Locarno selbst ein leichtes gewefen, Muffo­lini umzubringen.

Was bisher von offizieller italienischer Seite über das angebliche Romplott gegen das Leben Mussolinis an Einzel­heiten gemeldet wurde, ist nur geeignet, das allgemeine Mi B trauen, das ohnehin gegen alle faschistischen Nachrichten herrscht, in diesem Falle zu steigern.

Da soll ein ehemaliger Abgeordneter der Sozialistischen Partei, 3 ani boni, in einem Hotelzimmer, das gegenüber dem Palais des Ministerpräsidenten liegt, angetroffen worden sein, als er Bomben zurecht machte, mit denen er Musso­ lini beim Verlassen des Palais töten wollte. Nach einer an­deren Version, die ebenfalls offiziell ist oder zumindest von Der offiziellen Zensur genehmigt wurde, hatte diefer Atten­täter in seinem Zimmer ein Gewehrgestell gufgebaut, das gegen das Arbeitszimmer Mussolinis gerichtet mar(!), um diesen bei seiner Arbeit zu erschießen. Das eine flingt ebenso phantastisch wie das andere. In Ermangelung

Die Angelegenheit wird dadurch noch fomplizierter und noch fauler, daß der General Cappello, weil angeblich in das Komplott verwidelt, in Turin verhaftet wurde, als er im Begriff war, nach Frankreich zu reisen. Dabei ist dieser General Cappello ein Faschist der ersten Stunde, der bereits für die faschistische Bewegung nicht mur in Italien , fondern auch im Auslande zu einer Zeit tätig war, in der Muffolinis Staatsstreich noch nicht geglückt war. So ift er im Sommer 1922, in der Zeit des Rathenaumordes, in Deutsch land gewesen, wo er mit deutschen faschistischen Kreisen Füh­lung nahm. Seine unterirdische Tätigkeit wurde zum ersten Male im ,, Borwärts" aufgedeckt. Nun soll er ausgetreten fein, als die Faschisten auch die Freimaurer verfolgten. Der ehe­malige fozialistische Abgeordnete, der sich mit einem ehemaligen faschistischen General verbündet, um ein ausgesprochen anarchi­ftisches Attentat zu verüben- daneben flingt ja das Komplott märchen der dem Faschismus so wesensverwandten Sowjet regierung, das als Anklage gegen die deutschen Studenten Wolfcht und Kindermann diente, geradezu glaubwürdig. Attentäter, sondern gegen Mussolini Besonders verdächtig nicht gegen die angeblichen Meldungen über die sofort ergriffenen Gegenmaßregeln flingen vor allem die der Regierung. Wohl hat Mussolini es an der noblen Gefte" nicht fehlen lassen, indem er sofort seine Anhänger im ganzen Lande energisch davor warnte, Repreffalien auf eigene Faust zu begehen. Hätte er das nicht getan, dann würde er die Verantwortung auf sich geladen haben, daß auf Grund einer wahrscheinlich erdichteten Attentatsgeschichte zehntausende von mehrlofen politischen Gegnern des Faschismus Sozia listen, Republikaner, Freimaurer , Katholiken, Liberale, Kom­munisten von der bewaffneten Horde der Schwarzhemden noch heute im ganzen Lande massatriert worden wären. Die von der Zensur sorgfältig unterdrückten Borfälle in Florenz im September, bei denen sieben politische Gegner der Regie­rung grundlos erschossen, zahlreiche verwundet und über sechzig Häuser bzw. Lokale verwüstet und in Brand gesteckt wurden, zeigen, wozu der Faschisten- Böbel fähig ist.

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Indessen wird die ,, noble Gefte" des Tragikomödianten Mussolini niemand täuschen. Die von ihm sofort angeordnete Auflösung der Sozialistischen Partei zeigt deutlich genug, wohin die Reise geht und läßt in die wahren Zusammenhänge diefes feltsamen Attentates" tief blicken. Es drängt sich die Annahme auf, daß das der eigentliche Zweck der Uebung war. Mussolini , der sich gern mit Napoleon vergleicht, glaubt auch Bismard nachahmen zu fönnen und scheint einen Fall Nobiling tonftruiert zu haben, um die bisherigen Verfolgungen der sozialistischen Arbeiter­schaft mit einem Sozialistengeset" zu frönen, sofern man in Italien überhaupt noch von Gefeß sprechen kann.

Je gründlicher man über die Dinge nachdenkt, desto stärker drängen sich die Zweifel auf: War nicht gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo nach den plumpesten Ver­fchleppungsversuchen endlich der Prozeß gegen die Mörder Matteottis zur Verhandlung fommen sollte? Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis die Anklageschrift ver­faßt und publiziert wurde. Der schamlose Bersuch Mussolinis, die Affäre Matteotti in eine allgemeine Amnestie einzube­ziehen, war gescheitert. Jetzt stand die öffentliche Berhand­lung bevor, und vor dieser Berhandlung hatte Muffolini allen Anlaß, sich zu fürchten. Denn es ist durch die Denkschriften zwei hervorragender Täter Cefare Rossi und Filipelli, die zu den in­timften Mitarbeitern des Diftators gehörten, nachgewiefen, daß Mussolini felbst der Anstifter des scheuß lichen Verbrechens war. Diese Denkschriften sind nur im Ausland befannt geworden, vor allem durch die Enthüllung im ,, Borwärts"; in Italien zirkulieren sie nur von Hand zu Hand, weil sie die Zensur sorgfältig unterdrückt hat, und das allein läßt tief bliden.

Für uns besteht bis zur Erbringung des Gegenbeweifes zwischen dem Attentatsplan" der Zaniboni und Cappello und dem drohenden Matteotti- Prozeß ein offentundiger 3 ufammenhang.

Daß Mussolini ermordet werden sollte, ist im höchsten Grade zweifelhaft, daß er ein Mörder ist, steht außer Zweifel!

Vorwärts- Verlag G.m.b.H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3

Boftichedtonto: Berlin 37 536

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Liebesgaben an die Hohenzollern

Ein neuer Bergleich vor dem Abschluß? Bon Otto Meier .

Seit Wochen muntelt man davon, daß ein neuer

Ber

gleich" zwischen dem preußischen Staat und dem weggelaufe­der üblichen zuständigen Stelle noch unmittelbar nach dem nen König furz vor dem Abschluß stände. Zwar wurde von ersten Auftauchen der Meldung bestritten, daß der Vergleich fertig fei. Aber man fann faum noch daran zweifeln, daß im preußischen Finanzministerium alles daran gesetzt wird, um die ungeheuerlichen Ansprüche der jetzt abge­stammten Landesvaterfamilie in irgendeiner Weise zu be­friedigen. Sieben Jahre, nachdem Wilhelm II. , dem es wie Napoleon III. nicht vergönnt war, an der Spike seiner neutralen Holland aufsuchte sieben Jahre nach Wilhelms II. Truppen zu sterben", der aber dafür den sicheren Siz im Flucht soll jetzt mittels ,, Bergleichs" ein ungeheures Vermögen der Hohenzollernfamilie ausgeliefert werden. Ein Rückblick auf die bisherigen Auseinandersetzungs­verhandlungen" ergibt dieses Bild:

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Am 13. November 1918 murden von den Boltsbeauf­tragten sämtliche zum preußischen Kronfideifommißvermögen gehörigen Gegenstände" mit Beschlag belegt. Nicht unter die Beschlagnahme sollte das unzweifelhafte Privat­eigentum der Hohenzollern fallen. Die Unmöglichkeit, Brivat- und Staatseigentum voneinander zu scheiden, bewog Die Boltsbeauftragten, am 30. November 1918 die Beschlag­nahme auf sämtliche Gegenstände, die zum Sondervermögen fowohl zum Privateigentum wie zum Fideifommiß- des vormaligen Königs von Preußen, des königlichen Hauses und feiner Mitglieder gehören und in Preußen befindlich find", auszudehnen. Die Beschlagnahme sollte bis zur endgültigen Feststellung von Staats- und zweifellosem Privateigentum eine 3ersplitterung der Bermögensmasse verhüten.

der Auseinandersetzungsfrage Vergleichsverhand. Unmittelbar nach der Beschlagnahme setzten zur Lösung Iungen ein, die durch eine fogenannte Auseinandersetzungs­fommission vorbereitet wurden. Diese bereitete in lang­wierigen Beratungen einen Vergleich vor, der am 22. Januar 1920 der Verfassunggebenden Landesversammlung vorgelegt wurde. Um das Ergebnis dieser Verhandlungen richtig zu würdigen, muß man die Tatsache berücksichtigen, daß außer den Delegationen der beteiligten Ministerien auch Vertreter des vormaligen Königshauses in dieser Kommission faßen. Der Borsigende, Dr. Kübler, feinerzeit Ministerialdirektor im Juftizministerium, war mit dem Hohenzollernhaus durch seine vormalige Stellung im Heroldsamt eng verbunden; natürlich Anhänger der Monarchie und überzeugter Gegner der Republit. Es ist bezeichnend, daß der General­referent Dr. Seelmann erst nach Beendigung der Kommissionsarbeiten aus dem Staatsdienste schied, weil er der Republit seine Dienste nicht widmen wollte. Er ist später als Gutachter für einen Hohenzollernprinzen in Prozessen gegen den Staat aufgetreten.

Die Hohenzollern wußten also ihre Interessen schon damals in treuen Händen. Es ist begreiflich, daß sie noch por Beendigung der Kommissionsarbeiten durch ihren Rechtsbeistand Bergleichsverhandlungen einleiteten. Der Schlußsatz des merkwürdigen Berhandlungsprotokolls nimmt fich wie grausamer Spott aus:

Das Königshaus hat in verständnisvoller Würdigung der fchwierigen Finanzlage des Staates beim Abschluß des Bergleiches den Bedürfniffen der Allgemeinheit ein weitgehendes und dankens­wertes Entgegenkommen gezeigt."

,, Die verständnisvolle Würdigung der schwierigen Finanz­lage des Staates" fah so aus, daß der sich rentierende Grundbesih den Hohenzollern , dagegen der erheblichen 3u= fchuß erfordernde Besiz dem Staate zugesprochen werden sollte! Für den Berzicht auf angebliches Privateigen­tum" sollte der ehemalige König mit der Kleinigkeit von 100 millionen Mart abgefunden werden!

Dieser merkwürdige Bergleich" wurde von der Landes­versammlung selbstverständlich nicht verabschiedet. Wenn der Doltsparteiliche Abgeordnete Dr. v. Richter den So­zialdemokraten damals die heftigsten Borwürfe wegen ihres Widerstandes gegen einen solchen Bergleich machte, so hat er später als preußischer Finanzminister die Richtigkeit der sozialdemokratischen Stellungnahme in der bekannten Denkschrift des Finanzministeriums über die Auseinander­fehung mit den Hohenzollern mit folgendem lapidaren Satz bestätigen müssen:

Bel der darauf vorgenommenen fyftematischen Prüfang aller einschlägigen Rechtsfragen ergab sich, daß der Vorschlag vom 22. Januar 1920 nicht aufrecht zu erhalten war."

Hierbei darf aber nicht vergessen werden, daß bereits im Laufe des ersten Jahres nach der Revolution zur Behebung eines bringenden Rotstandes" 70 millionen Marf in barem Gelde nach Holland gegangen waren, ganz abgesehen von den vielen Möbelwagen, die mit Möbeln, Teppichen, Weißzeug und Silbergeschirr aus preußischen