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Nr. 580+ 42. Jahrg.sió mag Ausgabe A r. 296

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

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Mittwoch, den 9. Dezember 1925

Riesenkundgebung der Beamten.

Zehntausende auf dem Gendarmenmarkt.- Entschlossenheit und Disziplin!

Zu einer machtvollen Rundgebung gestaltete sich die Brotestversammlung der Beamten der unteren Besoldungs gruppen auf dem Gendarmenmarkt. Der riesige Plaz war hon lange vor 8 Uhr von einer unübersehbaren Menschen­menge gefüllt. Immer neue Züge rüdien im Fadelschein aus den verschiedenen Stadtteilen geschlossen heran und füllten bald auch die Zugangsstraßen. Biele Plakate mit In­fchriften: Wir fordern Einlösung des Ber­prechens der Regierung!", Den Hohen Rollern alles, den Beamten nichts!", Reiner Pfennig den Fürsten , entschädigungslose Enteigning der gesamten Beligungen und Barvermögen, Bereit stellung der Millionen für die ausgebeute ten und hungernden Maffen!", gaben in unverkenn

barer Deutlichkeit von der Erbitterung ber sich in tiefster Not

an

befindlichen unteren Beamten Schulter standen die Kollegen der Post, Bolizei, Eisenbahn , Schulter standen die Kollegen der Post, Polizei, Eisenbahn, Berufsfeuerwehr und der Justiz, um gemeinsam gegen die un­erhörte Besoldungspolitik der Reichsregierung Sturm zu laufen.

Gegen 49 Uhr er ein schmetternder Trom petenitoh als Reichen des Beginns der Reden, die alsbald

von verschiedenen Stellen über den Platz hafften. Bon den Freitreppen und erhöhten Blägen, fomie von Improvisierten Rednertribünen sprach eine große Anzahl der Organisationsvertreter zu der dichtgestauten, in bemerkens­merter Disziplin ausharrenden Menge. Oft von zustimmen­den Burufen unterbrochen, führten die Redner der einheitlich aufmarschierten Beamtenorganisationen etwa folgendes aus: Wir stehen hier in bitterer Kälte, um der Deffentlichkeit zu zeigen, wie groß

unfere und unserer Familien Not

ist. Seit über einem Jahr hat man uns feine nennenswerte Gehalts­erhöhung gewährt und uns somit an den Rand der Ber zweiflung getrieben. Während in unferen Familien Not und

Elend Einzug gehalten haben, schickt man sich an, den davon. gejagten und weggelaufenen Fürften millionen­geschente zu machen. Es ist eine Schande, von den Beamten im Intereffe der Allgemeinheit

Pilichterfüllung bis zum Berhungern

zu verlangen, während eine kleine Volksschicht im Schlemmerleben beinahe erſtidt. Bir wenden uns an das gesamte deutsche Bolt und das Parlament, schleunigst Abhilfe zu schaffen. Wenn das Parlament die Stimmen der um ihre Existenz fämpfenden Beamten

Unehrliches Spiel.

,, Tägliche Rundschau" und Große Koalition. Gestern tagte bis 7 Uhr abends der sozialdemokratische Parteiausschuß; er faßte feine Beschlüsse, da die Entschei­dung über die Frage der Regierungsbildung der Reichstags­frattion vorbehalten bleibt. Aber schon um 4 Uhr nachmittags wußte die Tägliche Rundschau", das Berliner Organ der Wolfspartei, zu berichten, daß der Parteiausschuß daran sei, Forderungen zu stellen, auf die die bürgerlichen Parteien nicht eingehen fönnten.

Die Tägliche Rundschau" hat während der ganzen Zeit, in der die Preffe des Zentrums und der Demokraten für die Croße Koalition eintrat, erflärt, daß für die Volkspartei nur eine Regierung der bürgerlichen Mitte, also eine Regierung ohne Sorialdemokraten, in Betracht tomme. Jekt hat fie aber die Stirn, megen der sozialdemokratischen Forderungen - über die sie sich entrüftet, ohne sie zu kennen, und die sie gar nicht fennen fann weil sie noch gar nicht auf gestellt sind!- folgendes zu schreiben:

Das Zentrum und die Demokraten, die mit nimmermüdem Eifer für die Große Koalition eingetreten sind, werden auch weiter. hin reichlich Gelegenheit haben, sich mit der Sozialdemo­tratie wegen der Art und Weise, in der sie den Koalitionsgedanken, zu sabetieren für gut be findet, auseinanderzusetzen."

Dieser plumpe Eifer, mit dem die Tägliche Rundschau" die Berantwortung für das von ihr gewünschte Scheitern der Großen Koalition der Sozialdemokratie zuschieben möchte, beweist jedem objektiv Urteilenden, in welchem Maße das Mißtrauen, das in sozialdemokratischen Kreisen der Bolts­pertel entgegengebracht wird, berechtigt ist.

Aber nun höre man, welcher Art die Forderungen find, über die fich das rolfsnarteifiche Blatt fo fehr entrüftet: Im einzelnen wird gemeldet, daß sozialdemokratischerseits die Einbeziehung der Kurzarbeiter und der Beur laubten in die Erwerbslosenfürsorge verlangt mer. ben soll, ferner eine wesentliche Erhöhung des Beitrags. fages für die Erwerbslofen fürforge, die Ausfüh­rng von Rotstandsarbeiten aller Art, die Fortlegung

nicht hören sollte, trägt es die Berantwortung, wenn es in den nächsten Tagen zu Berzweiflungsausbrüchen in der Beamtenschaft tommt. Die Beamten erwarten gespannt die Entscheidung des Reichstages in der Frage der Beamtenbesoldung. mögen fich die Parlamentsvertreter ihrer hohen Berantwortung bewußt sein. Das Barometer zeigt auf Sturm! Einmütig fand folgende

Entschließung

die Zustimmung der Demonstranten:

Die am& Dezember in Berlin auf dem Gendarmenmarkt zu vielen Taufenden demonstrierenden Beamten der unteren Be­foldungsgruppen richten in ihrer verzweifelten Notlage

an Regierung und Volksvertretung in letzter Stunde noch einmal den dringenden Ruf, daß wirksame und sozialgerechte fammenbruch der unteren Beamtenschaft und unermeßlicher Schaden Silfe fofort erfolgen muß, wenn nicht der völlige Zu­

für das Boltsganze entstehen foll."

Als die Redner geendet hatten, formierten sich die faft endlosen Züge, um in muſtergültiger Disziplin abzurücken. Seit langer Zeit hat keine so gewaltige Rundgebung, die so einmütig und störungslos verlief, stattgefunden. Sie hat die Berliner Beamtenschaft, die sich in größter Not befindet, in einer vorbildlichen Solidaritätstunt gebung gezeigt. Regierung und Reichstag aber mögen daraus, bevor es zu spät ist, die Stonsequenzen ziehen und es nicht zum Aeußersten kommen laffen.

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Kein Geld für Arbeitslose und Beamte! Während die Massen der Beamten aufmarschirten, um ihre Notlage in der Deffentlichkeit zu befunden, hatte der Reichskanzler des Rumpfkabinetts eine Besprechung mit Abgeordneten, um sie über die Absichten der Rest­regierung hinsichtlich der Erwerbslosenfürsorge zu informieren. Nach Dr. Luthers Mitteilungen will die Regierung für Erwerbslose nur einen 3uschlag Don 20 Prozent( statt der vom Sozialen Ausschuß des Reichstags beschlossenen 30 Prozent) bewilligen.

Bei der Gelegenheit tamen auch die Beamten wünsche zur Sprache. Dr. Luther erklärte, die in De miffion befindliche Regierung fönne über eine finanziell jo meit reichende Frage wie diese teine Bor­chläge machen. Das würde die Befugnisse eines Ge schäftsministeriums überschreiten, und außerdem sei schäftsministeriums überschreiten, und außerdem sei für solche Mehrausgaben teine Deckung vorhanden!

großer Kanalbauten, der Bau neuer Eisenbahnlinien, Wohnungs­bauten, ein weiterer Preisabbau usw. usw."

Wenn die Meinung der Täglichen Rundschau" die Meis mung der Volkspartei ist, dann ist die Große Roali tion heute schon erledigt. Denn mit einer Partei, die der Not der Arbeiter und Angestellten so fühllos gegen­über steht, daß fie derartige Forderungen von vornherein ver­wirft, fann es für die Sozialdemokratie feine Gemeinschaft geben. Dann fann die Sozialdemokratie das, was zugunsten des elendesten und unglücklichsten Teils des deutschen Volkes geschehen muß, nicht in Gemeinschaft mit dieser Partei, sondern nur im Rampfe gegen sie durchsetzen.

Fraktionskrise der Labourparty.

Macdonald wird vermitteln. Condon, 8. Dezember. ( M.) Die Labourfrattion Der fammelte sich zur Neuwahl des Präsidiums heute vormittag unter dem Borsik Clones im Unterhause. Es fonnte aber fein Be­Schluß gefaßt werden, da eine Reihe von Abgeordneten unter der führung Wheatins erklärt haben, sie würden die Wahl in das Bräfibium ablehnen, bis die Bartei eine schärfere Stellungnahme gegen die tonservative Re gierung und entschiedenes Borgehen in der Arbeitslosen. frage befchloffen haben. In der Diskussion fonnte trog einiger versöhnlicher Reden eine Einigung nicht erzielt werden. Die Ber Jammlung wurde auf Dienstag vertagt. Dann wird voraussichtlich Macdonald, der heute abwesend war, versuchen, die Spaltung der Partei(?) zu verhüten.

Obstruktion im Unterhause?

London , 8. Dezember. ( BTB.) Die Barlamentsfraktion der Arbeiterpartei erörterte heute eine Entschließung Lansbury , wonach der Haupteinpeitscher der Arbeiterpartei eine Ber handlungen mit der Regierung über parlamentarische Gschäfte führen soll, also die Arbeiterpartei den bisher üblichen Berkehr mit den fonfervatiren Einpeitschern einstellen soll. Die Entschließung befagt, daß die Regierungsgefdäfte auf diele Weife ständig aufgehalten werden sollen, bis die Arbeitslosigkett in einer für die Arbeiterpartei annehmbaren Weise behandelt wird. Nach einer Blättermeldung wird dieser Vorschlag von 30 bis 40 Barteimitgliedern unterstüt Cine Abstimmung murbe nicht vorgenommen.

Vorwärts- Verlag G.m.b.H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3

Boftichedtonto: Berlin 37 536- Bankfonto: Bank der Arbeiter, Angeftenten und Beamten, Wallstr. 65; Distonto- Gesellschaft. Depofitenkaffe Sinbenste. S.

Eine Wendung der Orientpolitik.

England und Frankreich in Vorderasien.

Bon Dr. Artasches Abeghian.

Es hat eigentlich nie, nicht einmal während des Welt­frieges, in der orientalischen Frage eine Alliance cordiale" zwischen den Alliierten gegeben. Schon 1915/16 trat mehr als einmal die Uneinigkeit der Berbündeten hin­fichtlich der Teilung der ottomanischen Erbschaft" zutage. Die von den Bolschemisten veröffentlichten Geheimatten des russischen Außenministeriums werfen ein helles Licht auf die alliierte Orientpolitit jener 3eit.

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Das fogen. Sytes Picot- Geheimabkommen Dom Februar 1916 zwischen England und Frankreich be zweckte, die Grenzen der beiderseitigen Interessengebiete fest­zusetzen und die bestehenden Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen. Durch dieses Abkommen wurden Syrien , Cilicien und Nordmesopotamien einschließlich des Mossulgebietes als französische Einflußsphären anerkannt. Aber kaum mar der Weltkrieg zu Ende, als die alte Rivalität der Berbündeten das inzwischen bolfchemisierte Rußland aus der Beteiligung wieder zutage trat. Sie wurde noch verschärft dadurch, das an der türkischen Beute ausschied. Die französisch- englischen durch die Besetzung sowohl Syriens als auch des Moffulgebietes Beziehungen wurden um so verwidelter, als die Engländer Die Franzosen vor vollendete Tatsachen gestellt hatten. Die Engländer schienen auch feineswegs gewilt zu sein, diese mit Waffengewalt eroberten Gebiete der französischen Einfluß sphäre ihrem Rivalen zu überlassen. Deshalb war auch Clemenceau heftig angegriffen worden, weil er 1918 den englischen Marschall Allenby allein, also ohne einen franzö­fischen Bariner in Syrien hatte einziehen lassen.

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Schließlich verständigten sich dennoch wenn auch mur scheinbar bię rivalisierenden Berbündeten, nachdem von Frankreich wichtige Konzessionen an England gemacht worden maren. Frankreich erhielt zwar in San Remo( 1920) das Brotektorat über das eigentliche Snrien, aber nur unter der Bedingung, daß es sowohl das naphthareiche Moffulgebiet als auch die früheren syrischen Landesteile, Balästina und Transjordanien als britische Schußgebiete anerkannte. Eng­land hat auch seitdem nicht aufgehört, in Syrien eigene Bläne zu verfolgen. Schon ein Blick auf bie politische Starte ma- ht die Bedeutung Syriens für das britische Weltreich flar. Die englische Diplomatie hat sich immer bemüht, um jeden Preis Befizungen Großbritanniens hineinragt, zu beseitigen. Die den französischen Keil Syrien , der in die vorderasiatischen Episode Faissal König von Syrien " 1919/ 1920-, die groß­arabischen Pläne Englands in ihrem Anfangsstadium und die fortwährend inszenierten 3wischenfälle in Syrien find nur Etappen auf dem Wege zum Endziel gewesen. Aber auch Frankreich hat nicht gezögert, Gegenmaßnahmen zu treffen. Der französisch- türkische Angoravertrag vom Oktober 1921 umb die Räumung Ciciliens 1922 waren als solche gedacht. Die bald danach folgende militärische Niederlage Griechenlands und die diplomatische Niederlage Englands von seiten der Türkei war nicht zum mindesten die Folge dieser Rivalität.

Auch wegen der legten Ereigniffe in Syrien gibt die französische Bresse England die ganze Schuid. Aber auch in einem Teile der englischen Presse wird dieselbe Meinung vertreten. Es wäre trotzdem verfehlt, zu glauben, England beabsichtige bereits, seine Hand auf Syrien zu legen. Die britische Diplomatie hatte sich in den letzten Monaten in Syrien die Aufgabe vorgenommen, Frankreich in eine mög lichst schwierige Lage zu bringen und damit seine Unterſtügung in der Mossulfrage zu erzwingen. Zuerst in Syrien Unruhen anzuftiften, dann aber zu deren Unterdrückung Frank­ reich Beistand zu versprechen, damit es auch feinerseits in der Mojjulfrage den englischen Standpunkt unterstüße, das ist die Politik Amerys" fo faßte vor furzem das oppofitionelle Organ Daily News" die syrische und Mossuipolitik ber britischen Regierung zusammen.

In der Tat hat die englische Orientpolitt einen Erfolg gehabt. Er besteht in dem Abtommen mit Frant reich, das der neue franzöfliche Oberfommissar Henry de Jouvenel vor seiner Reise nach Syrien in London abschloß. Dieses Abkommen bedeutet zugleich auch eine Wendung in der bisherigen englisch - französischen Beutif im Orient. 3mar ift der volle Tert des neuen Bertrages noch unbekannt, feine Aufgabe aber ist tlar: Nichteinmischung in die gegenseitigen Angelegenheiten, dafür gegenseitige Unterstügung. Der englische offizielle Bericht besagt: nunmehr dürfen die( syrischen ) Aufständischen nicht mehr in Palästina Zuflucht finden. Diefem Sag hat die Dally News" mit vollem Recht hinzugefügt: Das heißt also, daß sie wirklich bis jetzt in Balästina Buflucht fanden, daß auch England mittelbar die Aufständischen unterstütztet" Nichts anderes will auch der Times Bericht besagen: Der Oberkommissar Palästinas, Lord Blumer, hat schon den Belagerungszustand in den( syrischen ) Grenzgebieten erklärt. Außerdem hat die englische Regierung dem militä rischen Oberbefehlshaber Transjordaniens befohlen, das Borrüden der Drusen zu hindern."