Abendausgabe
Nr. 100 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 50
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10 Pfennig
1. März 1926
Vorwärts=
Berliner Volksblatt
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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
Märzsturm gegen Fürstenforderungen.
Die reaktionären Behörden demaskieren sich weiter.- Es muß Ordnung geschaffen werden.
Der Märztampf beginnt. Am 4. März werden die Einzeichnungslisten für das Boltsbegehren aufgelegt. Bolts recht oder Fürstenrecht- in dietem Zeichen wird im März 1926 eine große Auseinandersetzung zwischen den Fürsten und dem deutschen Volke geführt werden. Die Auseinander. fehung geht nicht nur um die Vermögenswerte, die die Fürsten nach der Revolution der Republit entziehen wollen. Sie ist richt nur eine Frage des trodenen Rechtes, wie verknöcherte deutsche Juristen das Recht auffaffen. Sie ist eine politische Auseinandersegung. Die deutschen Fürsten haben noch nicht gelernt, daß sie das Unglück des deutschen Voltes gewesen find. Sie haben nichts gelernt aus der großen Boltsbewegung 1848, nichts gelernt aus der deutschen Revolution von 1918. Sie mögen glauben, daß nach 1918 wieder eine Periode der Reaktion möglich sein werde, wie nach 1848. Sie mögen glauben, daß das deutsche Bolt fich wieder in Ergebenheit und Schafsgeduld unter das Joch von einigen Dugend Landesvätern beugen merde, wie in den Jahren der drückendsten Reaftion nach 1850. Aber die Zeiten einer monarchistischen Restauration in Deutschland sind vorüber. Die Fürsten selbst magen es heute nicht, ihre Hand nach den Kronen auszuStrecken. Heute greifen fie nach Besiz, nach Ländereien, Forsten, Schlössern, Kapitalvermögen. Sie rechnen nicht auf den Willen des Voltes, sie wissen nur zu gut, daß das deutsche Bolk aus jahrhundertelangen Erfahrungen mit ihnen gelernt hat. Sie rechnen auf den Beistand eines überalterten reaftio= nären Juftizapparates, der ein formales Recht handhabt, dessen Grundlagen das Rechtsgefühl des Bolkes längst nicht mehr anerkennt.
In diesen Nebel von Fürstenhoffnungen und reaktionärer Justiz muß ein scharfer Märzwind hineinblasen. Das Bolts begehren muß ein starker Ausdruck des freiheitlich republikani schen Wollens des Volkes gegen Fürstenforderungen und alle reaktionären Pläne werden.
Die beften republikanischen Traditionen im deutschen Bolte bewahren den berechtigten Ingrimm des Volkes gegen die Mißwirtschaft, die Tyrannei, die Habgier und das BlutSaugertum der deutschen Fürsten . Von Friedrich Schiller an, der dem kleinen Tyrannen seines Vaterlandes sein ,, In Tyrannos" entgegenschleuderte, hat ein jeder Freie, der im Reich der deutschen Geister etwas bedeutete, die Sache der Freiheit des Volkes gegen die deutschen Fürsten geführt. Die Landesväter", die ihre Landestinder" als Ranonenfutter an andere Staaten verkauften, denen die Sache des deutschen Boites nichts galt, und die fich Napoleon im Rheinbund anschlossen, die ihre Länder bedrückten und ausfaugten, um ein verschwenderisches Leben zu führen das waren nicht die
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geliebten Fürstengestalten, die eine speichelleckerische Geschichtslegende dem Volfe vorführen möchte.
Die Sache des deutschen Volkes war bei den degtschen Fürsten in schlechten Händen. Als das Volk im Befreiungsfriege von 1813 die äußere Freiheit erftritten hatte, brachen die deutschen Fürsten ihre in der Stunde der Not dem Bolte gegebenen Versprechungen auf das schändlichste. Auf die Auf die Freiheitsfriege folgte nicht die deutsche Freiheit, von der die Freiwilligen geträumt hatten, die 1813 ins Feld zogen, son dern de Metternichsche Reaktionsperiode. Die, die dem Baterland die äußere Freiheit erftritten hatten, wurden beargmöhnt, verfolgt, eingeferfert. Das schwarzrotgoldene Symbol der freien Deutschen war verpönt, wer es am lichten Tage trug, mußte gewärtig sein, in die Kerket der deutschen Reaftion geworfen zu werden.
Die gerechte Empörung und der Ingrimm gegen die schändliche Wirtschaft der deutschen Fürsten hat den März um von 1848 herbeigeführt. Was damals nicht erreicht Sturm murde, das hat nach dem Ende des Weltkrieges das deutsche Bolf errungen: die demokratische Republik unter den schwarzrotgoldenen Farben.
Heute wollen die deutschen Fürsten , denen die Revolution mehr Langmut gezeigt hatte, als nötig war, die Republik langsam unterhöhlen. Ein neuer Märafturm muß ihnen zeigen, daß ihre Zeiten für immer vorbei sind.
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erhalten heute folgende Abschrift eines Antwortschreibens veröffentlicht fie eine Anzahl von Schreiben von Gutsbehörden, einer pommerschen Gutsbehörde an den Sozialdemokratischen die sich offen weigern, ihren gesetzlichen Verpflichtungen nachParteivorstand: zukommen. Regin bei Gr. Rambin, Kr. Belgard( Pommern ). Die Aufforderung zur Nichtausführung eines ReichsgeAn die Sozialdemokratische Partei Deutschlands . feges durch die Pommersche Tagespost" ist eine Sache für sich. Berlin , Lindenstr. 3. Der Tatbestand des 8 110 des StGB. - öffentliche AuffordeWir erhielten von Ihnen per Einschreiben zugesandt die fogerung zum Ungehorsam gegen die Gesetze- ist in diesem Falle nannten Eintragsliften- Entwurf eines Gefeges über unzweifelhaft gegeben, und wir nehmen an, daß die preußische Enteignung der Fürstenvermögen. Regierung das meitere veranlassen wird.
Seit wann haben Sie, die Sozialdemokratische und die mit Ihnen laufende Kommunistische Partei das Recht, selbst im neuen Deutschland der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, ein derartiges Ersuchen an eine Gemeindebehörde oder an einen Gutsbezirt zu stellen. Unsere vorgesetzte Behörde ist das Landratsamt, und nur allein dieses hat das Recht, in Wahlsachen anzuordnen und zu verfügen. Wir verbitten uns in Zukunft ganz energisch solche Belästigungen durch Ihre Partei.
Die Listen hätten Sie lieber im dunklen Berlin am besseren Drt laffen sollen, ficher hätten Sie damit den Hintern Ihrer noch immer mitlaufenden Leute flüger gemacht als hier in Pommern den Kopf der treudeutschen Bauern und Landarbeiter. Ihr Anschreiben wanderte ins Feuer. Die Listen stehen hier zu Ihrer Verfügung und Abholung bereit.
Die Gemeinde und Gutsbehörde Regin. gez. Nähring.
Ein Beispiel unter vielen. Diese offene Berlegung der Dienstpflichten durch Behörden der Republik findet bei der reaktionären Presse ungeteilten Beifall. Die Bommeriche Tagespo ft" fordert die Gutsbehörden in Pommern auf, den Beispielen der Dienstverweigerer zu folgen. Sie redet den Gutsbehörden vor, sie hätten das Recht, die Einzeichnungslisten in den Papierforb zu befördern. In einem Bravo" überschriebenen Artikel
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Die reaktionären Tendenzen, die sich in der Verwaltung immer noch breit machen, treten jetzt flar hervor. Durch das Boltsbegehren ist eines schon erreicht. Die republik. feindlichen reattionären Behörden demastieren sich Sie verweigern die Durchführung der Reichsgesetze, die Durchführung ministerieller Anordnungen. Wir nehmen an, daß das preußische Ministerium des Innern diese Demastierung zum Ausgangspunft eines großen Reini gungsfeldzuges machen wird.
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Entweder sind die Behörden, die offen fabotieren, so unfähig, daß sie die Reichsgesetze und ihre Verpflichtungen nicht tennen dann ist es höchste Zeit, daß sie vom Amte entfernt werden. Oder sie kennen die Gesetze und ihre Verpflichtungen, fommen ihnen aber aus politischen Gründen böswillig nicht nach, dann müssen sie unverzüglich disziplinarisch bestraft und entfernt werden, und so weit in ihrer Haltung Berstöße gegen das Strafgesetz enthalten sind, müssen sie der Bestrafung zugeführt werden.
Die reaktionären Gutsvorstände und ihre Hintermänner werden die Durchführung des Boltsbegehrens nicht durchtreuzen tönnen. Sie erreichen nur eins: mit Empörung sieht die Bevölkerung, daß in der Republif Behörden versuchen, Fürstenpolitik zu treiben. Der Märzfturm des Voltsbegehrens dreht sich auch gegen fie. Gegen Fürstenhabgier und gegen Fürstenknechte!
Gedächtnisfeier für Friedrich Ebert .
50 000 Teilnehmer im Treptower Park.- Am Grabe Eberts.
Ein echter Trauertag mar aud) äußerlich der geftrige Sonntag| Bentrumsorganisation: Bir Männer Dom Bentrum wollen mit Regen und tiefhängenden grauen Wolken. Dennoch, mer es sich vorgenommen hatte, ging trotzdem hinaus auf den grünen Plan von Treptow, zu der Stelle, an der Friz Ebert dereinst zu den
Maffen gesprochen hatte. Galt es doch, seinem Andenken eine Weihe stunde zu bereiten. Das Reichsbanner, das den Rahmen für die Feier bildete, marschierte in mächtigen Rolonnen an, insgesamt nicht viel weniger als 18 000, vorweg Spielleute und viele Fahnen. Auch Parteiabordnungen und Jugendabteilungen mit roten Bannern rüdten an. weit größer aber war die Volksmenge, die sich der rüdten an. großen Spielwiese im Treptewer Part zubewegte. Sie ftrömte in großen Spielwiese im Treptower Barf zubewegte. Sie strömte in das weitgezogene Karree ein, das das Reichsbanner gebildet hatte, hielt sich aber vielfach, um ein wenig Schuß gegen die Witterungs. unbilden zu bekommen, in den den Platz umziehenden Gängen auf und säumte die weite Wiese dicht an dicht. Nach zuverlässiger Schäßung fonnte man mit insgesamt 50 000 Teilnehmern rechnen. Schußpolizei sorgte für freie Paffage. Vor der Rednertribüne hatten die Parteibanner, darunter das Treptower, unter dem Friz Ebert so manchesmal geftanden hatte, Aufstellung gefunden. Auf der Tribüne sah man neben den Bartel- und Reichsbannerfahnen auch den schwarzrotgoldenen Führerwimpel des Windhorst bundes, sowie die Fahnen des Republikanischen Studenten. bundes und der demokratischen Jugend.
Kurz nach 4 Uhr eröffnete der Arbeiter- Sängerbund GroßBerlin, 12. Bezirk" mit dem prächtig vorgetragenen Lied" Sturm" von Uthmann den Weiheaft. Dann bestieg als erster Redner der bemokratische Reichstagsabgeordnete Nuschte das Bodium:" Be „ Gemeinsam gedenken wir heute der im Weltkrieg gefallenen Söhne, Bäter und Brüder und des vor einem Jahr dahingegangenen ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert . Er ist ein spätes Opfer Der Märzfturm des deutschen Boltes richtet sich nicht mur des Weltkrieges geworden und das Wort Freiligraths gilt gegen die Fürsten , sondern gegen alle Reaktionäre, die mit für ihn: Ihn fällte nicht das offene Schwert, ihn fällten die Rüden den Fürsten in der Republik im Bunde stehen. Er richtet sich und Tüden!" Wo wir stehen, ist geschichtlicher Boden. Hier sprach gegen die reaktionäre Justiz, deren Dienstleistungen für die Friedrich Ebert in den legten bangen Tagen des großen Bölfer Fürsten nicht mehr im Einklang mit dem allgemeinen Rechts- ringens. Bon heißer Liebe für sein Bolf erfüllt, hat er in unermüdempfinden stehen. Er richtet sich gegen alle reaftio licher Arbeit versucht, Einheit, Frieden und Versöhnung zu erreichen, nären Behörden, die unter dem Deckmantel der Loyali um den Hunger abzuwehren. Wie grausam wurde ihm dafür geLoyali- licher tät gegenüber ber republikanischen Verfaffung der Republik lohnt. Seine eble Tat wurde entstellt und daraus eine furcht und die Verfassung von innen heraus unterwühlen möchten. bare Hege und Berleumbung gegen ihn gemacht, die legten Endes Die unverschämten Versuche von unteren Behörden in dieses edle Herz vorzeitig zerbram Und so rüdhaltlos er die Bateragrarischen Gebieten, entgegen der Reichsgefehgebung unter landsverteidigung betrieb, ein so glühender Freund war er der Berlegung ihrer Dienstpflichten die Durchführung des Bolts Sicherung des Weltfriedens. Bir fönnen den teuren Toten nicht begehrens zu verhindern, sind durch die Erlaffe der Reichs beffer ehren, als daß wir geloben, für Freiheit und Glück unferes regierung und der preußischen Staatsregierung nicht aus der Bolles, aber auch für den Frieden in der Welt zu arbeiten."- Welt geschafft worden. Sie gehen immer noch weiter. Wir Als zweiter Redner sprach Dr. Kellermann, der Leiter der Berliner
Friedrich Ebert Treue übers Grab hinaus wahren. Für uns ist Ebert der republikanische Staatsmann von großem Ausmaß. aber auch der liebenswerte Mensch, der treue Sohn seiner
Es war
schönen Heimat am Redar. Mögen uns auch Weltanschauungs. gegenfäße getrennt haben, wir achten in ihm doch den reinen edlen, den im Grund fittlich- religiösen Menschen. Wir haben stets seine Ruhe, Besonnenheit und politische Klugheit bewundert. sein großes Bemühen, die Autorität des Reiches nach innen und außen zu wahren und zu mehren. Um so schmählicher ist es, daß gerade jene, die ouf die Wahrung dieser Autorität stets den allergrößten Wert legten, die Autorität des Reichspräsidenten Ebert mit ben schmutzigsten Mitteln befämpft haben. Unter dem Dach der Republik wollte er das deutsche Bolt einigen. Ihm ist es gelungen, das deutsche Volt vor dem Chaos zu bewahren und aus den Trümmern das Reich neu zu bauen."
Als letter Redner sprach der Borfizende des ADGB. , Reichs. tagsabgeordneter Genoffe Peter Graßmann: In beredten Worten haben die Vertreter der republitanischen Parteien das Andenken unfres Ebert geehrt. Ich will Eberts als des Parteimannes, des Vertreters des vierten Standes gedenken. Unsere Partei hat mit der mußten aber auch, daß er ein Fähiger und ein Berufener war. Er Hergabe Eberts als Reichspräsident das größte Opfer gebracht. Bir hatte in der Bartei von der Biete auf gedient. Er war durch die Gewerkschaft gegangen. Eine ganz glänzende Befähigung war ihm eigen, offenbar ausweglose Situationen zur annehmbaren Lösung und scheinbar unvereinbare Gegenfäße zu einem Ausgleich zu bringen. Das sind die Fähigkeiten, die ein Staatsmann braucht. Das größte Berdienst Eberts war es aber, daß er unmitte bar nach dem Zusammenbruch gemeinsam mit den andern von dem Arbeiter und Soldatenrat gewählten Boltsbeauftragten
alle Kräfte eingefeht hat, um das Volk vor dem Hunger, dem Chaos und allen ihren entfehlichen Folgen zu bewahren. Als in der Nationalversammlung in Weimar die Frage des Reichs präsidenten atut wurde, da konnten wir feinen anderen wählen als ihn, ber fich in der schwersten Strife to glänzend bewährt hatte. Wer Gelegenheit gehabt hat, mit ihm zusammen zu sein, der mußte immer wieder die abfolute persönliche Bescheidenheit bewundern, die sich ideal vereinte mit der Wahrung der Würde eines großen Amtes. Und getreu dem großen französischen Sozialisten Jean Jaurés , der da gesagt hatte: Man fann nur dann ein guter Internationaler fein, wenn man zuerst mit beiden Beinen im eigenen Boltstum steht", verstand er es glänzend, ble Rechte seines eigenen deutschen Boltes energisch zu wahren, und dennoch den vieltausendfachen Beziehungen gerecht zu werden, die unser Volt und jedes Bolt mit allen anderen Böllern der Erde unlöslich verbindet. Sein Wirken ist besonders