Einzelbild herunterladen
 

e. 11343. Jahrg. Ausgabe A nr. 57

Bezugspreis:

Böchentlich 70 Bfennig, monati B. Reichsmart voraus zahlbar. Unter Rreusband für Deutschland , Danzig . Saar und Memelgebiet, Defterreich, Litauen , Luxemburs 4.50 Reichsmart, für bas übrige Ausland 5,50 Reichsmart pro Monat.

-

Der Borwärts mit der Gonntags beilage Bolt und geit mit Gied. lung und Kleingarten fowie der Beilage Unterhaltung und Wiffen und Frauenbeilage Frauenftimme erscheint wochentäglich ameimal, Gonntags und Montags einmal.

Telegramm- Abreffe: .Sosialdemokrat Berlin

Morgenausgabe

Vorwärts

Berliner Volksblatt

10 Pfennig

Anzeigenpreise:

Die einfpaltige Nonpareille Beile 80 Bfennig. Reklamezeile 5.- Reichsmart. Kleine Anzeigen bas fettgebrudte Bort 25 Bfenais ( auläffia awei fettgedruckte Worte). fedes weitere Wort 12 Bfennig. Stellengefuche das erite Wort 15 Pfennig, fedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buch ftaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Reile 60 Pfennig. Familienanzeigen für Abonnenten Beile 40 Bfennia.

Anzeigen für die nächste Nummer müffen bis 4 Uhr nachmittags im Sauptgeschäft, Berlin SW 68, Linben. ftraße 3, abgegeben werden. Geöffnet Don 8% Ubr früh bis 5 Uhr nachm.

Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297.

Reichsschulgeset oder nicht?

Der Leidensweg des Reichsschulgesetes. Bon Dr. Richard Lohmann.

Seif nahezu sieben Jahren wartet die deutsche Volksschule auf das ihr in Artikel 146 der Reichsverfassung verheißene Reichsschulgeset. Wartet die weltliche Schule auf die ihr ebendort verheißene gesetzliche Anerkennung der Gleich berechtigung. Wer weiß es? Wer redet davon? Es ist das Schicksal unserer in politischen Stürmen geborenen und unter politischen Stürmen zu verteidigende Republik, daß zur Be­finnung auf fulturpolitische Notwendigkeiten nicht Zeit blieb, daß zu fchiedlich- friedlicher Schlichtung schulpoli­tischer Streitfragen die Stimmung fehlte.

-

Aber diese man darf sagen: äußerlichen Gründe sind es nicht allein, die den verfassungsmäßigen Aufbau und Ausbau unserer Schule bis auf den heutigen Tag verhindert haben. Die Klüfte, die das Weimarer Schulfompromiß zu überbrücken suchte, bestehen fort. Die Gegensäge, deren Auswirkung es durch das Postulat gegenseitiger Duldung ab zuschwächen suchte, haben sich unter dem Drud innerpolitischer Entwicklungen verschärft. Auseinanderstrebt, mas einst die bittere Not des Augenblicks vor den Pflug ge= meinsamer Arbeit zwang. Vorherrschaft, Allein= herrschaft verlangt man immer deutlicher dort, wo man sich einst unter dem Druck der Not mit der Zusicherung gleichen Rechtes begnügen wollte. Und je mehr die kulturpolitische Reaktion dazu überging, die Schulartikel der Weimarer Ber­fassung als einen Fezen Papier zu behandeln, je mehr sie sich mühte, den flaren Sinn durch juristische Umdeutungen des Wortlauts in fein Gegenteil zu verfehren, um so schwie­riger wurde natürlich die gefeßliche Auslegung des Kompro­miffes, um fo unmöglicher wurde das Reichsschulgesetz.

Nie zuvor traten diese Zusammenhänge so flar und deutlich zutage, als wenn man jetzt die umfassende und akten­mäßige Darstellung der jahrelangen Kämpfe um das Reichs­schulgesetz lieft, die der Vater des Weimarer Kompromisses und der verantwortliche Leiter der Reichsschulpolitik im Mi­nifterium des Innern, Genosse Heinrich Schulz vor furzem der Deffentlichkeit übergeben hat*). Manch einer wird jetzt erst mit Erstaunen oder mit Entsetzen sich dessen bewußt werden, welche Kräfte er selbst entbinden half, als er in allzu ungestümem und darum politisch gefährlichem Vorwärts drang die Basis der Duldung, auf der das Weimarer Kompromiß ruhte, verließ.

Dienstag, den 9. März 1926

Vorwärts- Verlag 6.m.b.H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3

Boftscheatonto: Berlin 37 536- Bankfonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Wallstr. 65; Diskonto- Gesellschaft, Depofitentaffe Lindenstr. 3.

Diplomatennöte in Genf .

Man sucht einen Answeg und findet ihn nicht.

V. Sch. Genf , 8. März.( Eigener Drahtbericht.) Die Eröff nungssigung der außerordentlichen Bölkerbundstagung am heutigen Nachmittag begegnete nur geringem Intereffe. Einmal weil es sich dabei nur um die üblichen Eröffnungsformalitäten handelte Ansprache des amtierenden Ratsvorsitzenden, Wahl der Mandatsprüfungskommission, Wahl des Präsidenten und des Bize­präsidenten, vor allem jedoch, weil die Gemüter nach wie vor und fast ausschließlich durch den Kampf um die Ratssitze in Anspruch genommen sind. Der Reformationssaal bot insofern den Anblick wichtiger Tage, als die Tribünen der Preffe und des Bublifums gut besetzt waren. Dagegen wiesen die Delegierten stühle auffallend viele Lücken auf. Eine ganze Anzahl von Staaten, die zu den gewöhnlichen Tagungen 3 und 4 Delegierte entfenden,

Auch der Montag war gut!

Drei Stichproben von der Einzeichnung am Montag: Prenzlauer Berg .

Sonnabent 6: 068

Sonnabend 7016

Sonnabend -7856

Sonntag 17.355

Friedrichshain . Sonntag 18 002 Wedding. Sonntag

: 20 605

Montag 13 500

Montag 14 975

Montag 17 390

find diesmal mit nur 2 oder gar nur durch einen einzigen Dele. gierten vertreten, namentlich die füd- und zentralamerikanischen Republiken, die meist ihre Pariser oder Berner diplomatischen Ver­treter mit dieser Aufgabe betraut haben.

Das ist jedoch letzten Endes gleichgültig, da jeder Staat sagungs­gemäß nur über eine Stimme verfügt. Gerade die süd- und zentralamerikanischen Staaten sind allerdings so zahl reich, daß sie bei solchen Abstimmungen wie der Wahl eines Brä Die Schrift von Heinrich Schulz zeigt in ihrem Durch- fidenten eine entscheidende Rolle spielen. Das war auch diesmal der schnitt durch die Schulfämpfe eines Jahrhunderts, wie in der Fall: Nachdem sie nämlich am Vormittag beschlossen hatten, für den Schilderung der jüngsten Ereignisse das eine jedenfalls portugiesischen Delegierten Alfonso Cost a zu stimmen, war wieder mit vollster Klarheit, daß der Realisierung unseres eine Gegenfandidatur aussichtslos. Wenn dennoch a cht Stimmen fulturpolitischen Wollens in der Gegenwart Schranten für den dänischen Gesandten in Berlin , 3 a hle, abgegeben gesezt sind, die man wohl in Gedanken, aber niemals in der wurden, so war das gewissermaßen eine Demonstration gegen diese Wirklichkeit überspringen fann, ohne selbst zu stürzen. Für allzu häufige Ausnutzung ihres zahlenmäßigen Verhältnisses durch die geistige Befreiung unserer Volksgenossen aus den Fesseln die Länder spanischer und portugiesischer Zungen, eine Demonstration, Jahrtausende alter Gebundenheit zu kämpfen, zu werben, zu die vermutlich von den kleinen europäischen neutralen Staaten aus­arbeiten, ist unser Recht, ist unsere Pflicht. Aber im ging. Genaues läßt sich zwar darüber nicht in Erfahrung bringen, politischen Kampf des Tages müssen wir mit dieser Ge- da die Wahl geheim ist, doch dürfte Zahle die Stimmen der drei stan­bundenheit breitester Massen unseres Boltes als mit einer dinavischen Länder, Finnlands , Litauens , Hollands und irgendeines geschichtlich gegebenen Tatsache rechnen. Ueber sonstigen Staates erhalten haben. die Grenzen und Möglichkeiten politischer Zusammenarbeit, über die Tragbarkeit von Uebereinkünften und Kompromissen fann man streiten. Aber man fann sich fein fulturelles Wolfenfududsheim erbauen, um von ihm aus ,, voll und ganz und unentwegt" in die Arena schulpolitischer Kämpfe hinab­zuſteigen. Daß ein Teil der deutschen Lehrerschaft, daß Idea­listen und Phantasten dies in entscheidenden Augenbliden nicht erkannten, daß Schuldoktrinäre sich Schul­politiker dünften, war eines der verhängnis= Dollsten und folgenschwersten Momente im Kampf um das Reichsschulgeset. Belege dafür findet man bei Heinrich Schulz in Hülle und Fülle.

-

Die Achtung vor der geschichtlichen Wahrheit zwingt uns, festzustellen, daß dadurch ein begierig aufgegriffener- Borwand für die Reaktion gegeben war, ihrerseits völlig den Boden des Kompromisses, den Boden der Berfassung zu verlassen und die Bekenntnisschule zur Regel schule zu erklären. Ein Vorwand, fein innerer Grund. Denn auf der Gegenseite war man durchaus bereit, die Ver­faffung zu respektieren. Aber die tragische Entwidlung, weg nom Kompromiß, weg von der Verfassung, war nun nicht mehr aufzuhalten. Sie endete einstweilen mit dem berüch­tigten Schieleschen Gesetzentwurf, den sjeinrich Schulz mit Recht als eine Tragikomödie bezeichnet. Das befreiende Gelächter sargte ihn ein. Und wir stehen nun, ein menig erleichtert, etwa wieder dort, wo der Kampf um den erften Entwurf entbrannte, den Heinrich Schulz , selbstfritish und doch verantwortungsbereit, mit seinem Namen deckte.

Welchen Weg wird die Entwicklung nun nehmen?

Der Leibensweg des Reichsschulgesetes. Bon Heinrich Schulz , Stagtsfefretär im Reichsministerium des Innern und M. d. R. Verlag J. H. W. Die Nachf., Berlin . 160. Breis 2.80 2.

Die Wahl Costas traf übrigens feinen Unwürdigen, denn der portugiesische Minister ist schon seit vielen Jahren als ein aufrichtiger Demotrat bekannt, der bei dem demokratischen Umsturz in seinem Lande vor 16 Jahren eine hervorragende Rolle spielte. Seine An­triftsrede flang in einem Lobe des Werkes von Locarno aus und gab der Genugtuung Ausdruck, die bei dem bevorstehenden Ein­tritt Deutschlands in den Völkerbund allgemein in Bölkerbundskreisen empfunden wird.

Politiker follten sich vor Prophezeiungen hüten, ganz be­sonders in Fragen der Kulturpolitik, deren Lösung mit dem Ballaft der Kompensationen auf anderen Gebieten be­laden ist, weil auch in der deutschen Republik die Adern der fozialen und der weltanschaulichen Struktur unseres Volkes tausendfach durcheinanderlaufen. Jede politische Konstellation, jede Regierungstoalition schafft anders geartete Borbedin gungen für die Lösung der bisher ungelösten Schulfragen der Reichsverfassung. Grund genug für alle fortschrittlichen und insonderheit für alle fozialistischen Schulpolitifer, feine Kulturpolitit im luftleeren Raum zu treiben, sondern dafür zu forgen, daß die kulturpolitische Reaktion nicht fünftlich zusammengeschweißt wird.

-

-

In den sieben Jahren, in denen wir vergeblich um das Reichsschulgesetz ringen, ist die Entwicklung in unseren eigenen Reihen nicht stehen geblieben. Wir haben je länger, je mehr gelernt, daß gerade für uns der Inhalt der Schule nicht minder wichtig ist als ihre Form. Der ganze Fragen fomplex, der sich um die Gestaltung der Arbeitsschule, der Ge­meinschaftsschule gruppiert, ist gegenüber der Frage der welt­lichen Schule im üblichen Sinne des Wortes träftig in den Borbergrund gerüdt. Es ist wohl nicht zu viel be hauptet, wenn mir sagen, daß der geistige Kampf in unseren Reihen über die im Reichsschulgefeß zu lösenden Fragen längst

|

Noch sind die Pläße, die für Deutschland - nach der franzöfifchen alphabetischen Reihenfolge in der vorderen Reihe, unmittelbar vor dem Präsidium, reserviert sind, leer, aber tein Mensch zweifelt daran, daß sie nach Ueberwindung der gegenwärtigen Schwierigkeiten bald von Luther und Stresemann eingenommen werden.

Wie werden sich diese Schwierigkeiten überwinden lassen? Das ist eigentlich das einzige Thema, das in Genf allenthalben er­örtert wird. Um es gleich zu sagen, ist am heutigen Tage keinerlei Fortschritt erzielt worden. Die Lage ist ebenso unflar wie gestern, es ist noch alles in der Schwebe, und das hängt nicht nur mit der Abwesenheit Briands zusammen, sondern es liegt auch an der Berz widtheit des Problems überhaupt. Eine gewisse psychologische Entspannung läßt sich zwar allgemein feststellen, weil man sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt hat, daß große Hindernisse entstanden sind, die sich nicht beim ersten Anlauf überspringen lassen, und weil man aus Erfahrung weiß, daß auf jeder Tagung solche Hindernisse auftauchen, die schließlich stets nach einigem Hin und Her beseitigt werden. Ins­besondere waren diese Hindernisse während der Konferenz von Locarno unzweifelhaft bedeutend größer, und sie sind ja doch durch gegenseitiges Entgegenkommen schließlich überwunden worden.

Nur ist diesmal die Lage insofern eigenartig, als zwar die Sache selbst, um die es sich dreht, nicht die große Aufregung wert ist, die ihretwegen überall entstanden ist, indessen ein gegenseitiges Ent­gegenkommen, ein Kompromiß, schwer durchführbar ist. Das bestätigte mir heute nachmittag einer der führen­den Staatsmänner, den man zwar nach der allgemein bis­her gültigen Klassifizierung als zur Gegenseite gehörend ge­rechnet, der aber in der Frage der Ratssige dem deutscher Standpuntf durchaus gerecht wird. Diese Persönlichkeit sagte mir, daß eine Kompromißformel bisher nicht gefunden wurde, und daß er sich auch noch gar nicht recht vorstellen konnte, wie ein solches Kompromiß aussehen könnte.

Fast übereinstimmend hört man die Ansicht, daß die Angelegen­heit der Ratssitze sehr ungeschickt aufgerollt wurde. Die Vorwürfe, die hierin erhoben werden, richten sich noch mehr gegen Chamberlain als gegen Briand , der wenigstens die Entschuldigung hat, daß er in den letzten sechs Wochen Dinge innerpolitischer Art im Kopfe hatte, daß er diesem heiflen Problem nicht jene behutsame Behandlung zuteil werden laffen konnte, die es verdiente. Diese ungeschickte Regie ist schuld daran, daß sich die öffentliche Meinung in allen Ländern vorzeitig erhigte, und unter dem Druck der Preffe haben sich einzelne Regierungen derart festgelegt, daß sie glauben, gar nicht mehr zurüd zu können. Der polnische Minister­präsident Strzynsti versichert überall, und vielleicht mit Recht, daß er sofort gestürzt würde, wenn er mit leeren Händen nach; Warschau zurückkehrte, und daß die gefährlichsten Spannungen, auch außenpolitischer Natur, aus einem Sturz seines Koalitionsfabinetts entstehen könnten. Die Franzosen jagen, daß, wenn Deutsch­ land seinen Standpunkt vollkommen durchsetzen würde, Stellung der neuen französischen Regierung von Aanfang an aufs schwerste gefährdet wäre; ja, es wird sogar von der Möglichkeit eines gefährlichen Vorstoßes Poincarés und Millerands Senat bei der noch ausstehenden Locarnodebatte und der Möglich­feit gesprochen, daß der Senat sich weigern fönnte, die Locarno­verträge zu ratifizieren. Man braucht natürlich diese Behauptungen nicht allzu ernst zu nehmen, sie sind aber typisch für die Argumente, die in die Debatte geworfen werden.

die

im

Auf deutscher Seite weist man mit nicht geringem Nach­druck auf die Beschlüffe des Reichskabinetts und des Auswärtigen

hinausgewachsen ist. Um so schwerer vielleicht, den Weg zurückzufinden. Und doch gibt es darin stimmen wir Heinrich Schulz durchaus zu für die Gegenwart feine andere Lösung als die, in ehrlicher Auslegung der Weimarer Verfassung allen weltanschaulichen Richtungen gegenüber Duldung und Freiheit der Entwicklung zu gewährleisten. Es gilt, die Formen zu finden, die den freien Wettbewerb der Schulen aller Weltanschauungen gewährleisten.

Wir sind bereit, einen solchen Weg in ehrlicher Durch­führung der Weimarer Vereinbarungen zu gehen, weil wir im tiefften Innern davon überzeugt sind, daß die weltliche Schule sich durchsetzen, sich auch ohne 3wang als die Schule der 3 ufunft bewähren wird. Wer diesen Weg nicht gehen will, beweist, daß er der Schule seiner Welt­anschauung nicht dieselbe innere Kraft zutraut, daß er an ihre Selbstbehauptung ohne äußeren 3wang und ohne Brivilegien nicht zu glauben vermag. Er verläßt daher den Boden des Weimarer Kompromisses, dessen tieffter Sinn ge­rade in diesem Nebeneinander" beschlossen liegt.

,, Und darum," ruft Heinrich Schulz , an die Arbeit für ein Reichsschulgeset, in dem das Streben nach größter Leistungsfähigkeit des deutschen Schulwesens und der Wille zu verständnisvoller Duldsamkeit gegenüber der Weltanschau­ung des anderen einander die Hände reichen!"