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Nr. 177 43. Jahrg. Ausgabe A nr. 90

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292–297.

Freitag, den 16. April 1926

An die Arbeiter aller Länder!

Maiaufruf der Internationale.

Das Exekutivkomitee der Sozialistischen Arbeiter Internationale erläßt zum 1. Mai folgenden Aufruf: Wieder naht der Tag, der mehr als jeder andere bestimmt ist, uns aus der Not und Bedrüdung unserer Zeit zu erheben zu den großen Zukunftshoffnungen der internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung.

Die Not der Arbeitslosigkeit hat als Folge des Welt trieges ein Ausmaß erreicht, wie es die Geschichte früher niemals fannte. Millionen und Millionen Menschen verfallen in immer tiefere Berelendung, weil die tapitalistische Gesellschaftsordnung fich als unfähig erweist, ihnen das elementarite Menschenrecht zu sichern: Arbeit!

In zwei Feldlager ist die Welt geteilt. Die einen, die im Namen des Profits die Bermehrung der täglichen Arbeitszeit fordern und sich nicht scheven, damit den Frevel der Vermehrung der Arbeitslosen zu verüben. Die anderen, die den großen Kampf für den Achtstundentag führen, in dem Bewußtsein, daß jeder Schritt vorwärts in diesem Kampf auch die Schmach der Arbeitslosigkeit einschränft. So wird heute jeder, der die

Ratifikation der Washingtoner Konvention. über den Achtstundentag noch weiter hemmt, nicht nur als Feind des allgemeinen Fortschritts der sozialpolitischen Gesetzgebung, fon dern im besonderen als Feind der Arbeitslosen gekennzeichnet werden müssen.

Täglich und stündlich leiden wir unter den Folgen des letzten Krieges. Aber die Hoffnung, daß die Menschen aus dem Unheil, das nun mehr als ein Jahrzehnt auf ihnen lastet, gelernt haben, hat fich nur wenig erfüllt. So schwächlich die Ansäge zum Frieden find, so start treten die neuen Tendenzen zum Kriege hervor. In Matotto und in Syrien fließt Blut. Die Intervention aus­märtiger Mächte verschärft den blutigen Bürgerkrieg in China . Der italienische Faschismus droht offen mit gemaltsamer Expansion. Ein Wettrust en jegt ein, das alles übertrifft, mas die Welt vor dem großen Kriege gekannt. Immer ungeheuerlichere Mittel der Zerstörung und Verwüstung werden ersonnen und tie fapita listischen Staaten verwenden einen Großteil der Steuern des Bolles zum Anlauf immer modernerer Zerstörungsmittel. Einen Lichtpunkt bietet der Beschluß der Abrüftung. den die Sozia listen Dänemarks im Abgeordnetenhaus durchgesezt. Die Heffnung auf die Ueberwindung des militärischen Wahnsinns ist einzig gegründet auf die erstartende Macht der Arbei tertlaffe in allen Ländern. Zu rücfichtslosem Kampf gegen den Militarismus, gegen den Imperialismus, gegen den Krieg

ruft die Arbeiterklasse aller Länder der erste Mail

auf. Der Prozeß von Chieti ist zum Symbol der Strupellosigkeit der Feinde des Proletariats geworden. Aber Giacomo Matte otti wird in den Herzen der Arbeiter weiterleben und sie an­feuern, seinem Beispiel der Arbeitsfreude und Opferwilligkeit für die große Sache des Sozialismus zu folgen. Die Sozialistische Arbeiter Internationale will aber auch in einem äußeren Symbol das Andenten ihres großen Märtyrers ehren und hat tcher be­schloffen,

Giacomo Matteotti

im Boltshaus zu Brüssel ein Denkmal zu seßen, in der Ueberzeugung, daß die Zeit nicht allzufern sein kann, wo sein Denkmal auf dem Boden des vom Faschismus befreiten Italien den ihm zukommenden Platz finden wird.

In hartem Ringen fämpfen die Arbeiter in allen Ländern der Reaktion. Aber ganz besonders aufreibend und schwer ist der Kampf in jenen Ländern, wo die Demokratie vollständig unter drückt ist, mo nicht nur das Versammlungsrecht und die Presse­freiheit beschränkt, sondern nicht einmal aus dem Parlament die Anklage gegen das Gewaltregime an die Deffentlichkeit fommen, die Massen erreichen kann. Diese Länder bedürfen in noch weit höherem Maße als alle anderen der Bekundung der internationalen Soli­barität der Arbeiterklasse. Die Erefutive der Sozialistischen Arbeiter Internationale hat daher beschlossen, zur Erfüllung dieser Aufgabe einen besonderen Fonds zu schaffen. Er wird den Namen führen: Matteotti - Fonds

Infernationaler Hilfsjonds für die Arbeiterbewegung in den Ländern ohne Demokratie.

Sie ruft die einzelnen Barteien auf, am 10. Juni, wenn sich der Todestag Matteottis zum zmeitenmal jährt, den Grundstein zu diesem Fonds zu legen.

Den Genoffen in den Ländern, in denen die Aktion der Arbeiterflaffe um so viel schwerer ist, wollen wir menigstens materiell in ihrem Kampfe beistehen, wollen die Opfer des Kampfes materiell in ihrem Kampfe beistehen, wollen die Opfer des Kampfes vor dem tiefsten Elend schützen.

Am 1. Mai wollen wir nicht nur Klarheit verbreiten über die Not und Bedrückung, in der die arbeitenden Massen leben, sondern ihnen auch zum Bewußtsein bringen, daß ihre ganze 3ufunfts­hoffnung begründet ist in dem Aufstieg der klassenbewußten Arbeiter bewegung. Die Entschlossenheit und unermüdlichkeit der kämpfen­den Arbeiterklasse wird um so größere Früchte tragen, je mehr verwirklicht wird die

organisatorische Einheit.

Darum rufen wir bei der Maifeier den Arbeitern aller Länder zu: Schafft die Voraussetzungen des Sieges durch zielbewußte Die Bedrückung durch den Faschismus ruft die Organisationsarbeit, rüttelt die Gleichgültigen auf, werbt für die Arbeiterklasse zur immer besseren Organisation ihres Widerstandes fozialistischen Arbeiterparteien!

Vorwärts- Verlag G.m.b.H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3

Boftichedfonto: Berlin 37 536

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Banffonto: Bank der Arbeiter, Angeftelten und Beamten. Wallstr. 65: Diskonto- Gesellschaft, Devoktentaffe Lindenstr. 3.

Versäumte Pflichten.

Rein Kinderschutz in der Landwirtschaft.

Das im Jahre 1903 verabschiedete Gesetz zur Regelung der Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben( Kinderschutzgesetz) hat die Forderung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, die Kinderarbeit in der Landwirtschaft und in haus­lichen Betrieben einzubeziehen, unberücksichtigt gelassen. Bis heute ist nichts geschehen, diese Versäumnis nachzuholen, cbmohl der Reichstag bei Verabschiedung des Kinderschutz­gesetzes den Reichskanzler durch Beschluß ersuchte, eine a II­gemeine Erhebung über die Kinderarbeit in der Landwirtschaft zu veranstalten. Die Erhebung fand zwar am 15. November 1904 statt, das gesammelte Material wurde auch in einer Denkschrift des Reichs­minifteriums des Innern fein fäuberlich verarbeitet, die Denk­schrift selbst aber niemals der Oeffentlichkeit zugänglich ge­macht.

In ihren verdienstvollen Untersuchungen über die land­wirtschaftliche Kinderarbeit hat Dr. Helene Simon die erschütternden Ergebnisse dieser Denkschrift mit verarbeitet und dadurch wesentlich dazu beigetragen, daß die Frage eines ausreichenden Kinderschutzes in der Landwirtschaft in der sozialpolitischen Diskussion wieder mehr in den Vordergrund getreten ist. Die Forderung der sozialdemokratischen Reichs tagsfraktion nach einem Verbot jeder Lohnarbeit chulpflichtiger Kinder auch in landwirtschaftlichen Betrieben, wie es ein im Reichstag eingebrachter Antrag vor sieht. findet in den Untersuchungen von Dr. Helene Simon die stärkste Stüße.

Laffen wir zunächst einige Tatsachen aus jener amtlichen Erhebung sprechen.

Die amtliche Erhebung vom 15. November 1904 umfaßt die Bolksschüler, die vom 15. November 1903 bis 14. No­Dember 1904 im Haushalt oder in der Landwirtschaft und ihren Nebenbetrieben gegen Lohn, auch Naturallohn, be schäftigt waren, soweit es sich nicht um den Unterhalt im Elternhaus handelt. Nicht erfaßt sind also die eigenen Kinder in landwirtschaftlichen Mittel- und Kleinbetrieben, die Kinder der Bauern. Die Ausfertigung der vorgelegten Fragebogen besorgten die Lehrer an den Volksschulen. In 180 342 Schulflaffen mit 9 296 579 Schülern wurden 1 769 803 in der Landwirtschaft gegen Lohn beschäf tigte Kinder ermittelt, d. f. 19 Proz. aller Schüler dieser Schulklassen im Reich. Davon waren 1 073 364 Knaben und 696 439 Mädchen. Die Altersgliederung war folgende:

276 100 Knaben und 168 771 Mädchen unter 10 Jahren, 369 137 Rnaben und 238 333 Mädchen von 10-12 Jahren, 428 127 Rnaben und 289 335 Mädchen über 12 Jahre. Bon 126 010 Rindern fonnte Winterarbeit be­richtet werden, davon wurden 41,6 Proz. über 3 Stunden täglich und drei Tage wöchentlich beschäftigt, und zwar 17,6 Proz. bis zu 4 Wochen, 10,3 Proz. bis zu 13 Wochen und 13,7 Broz. mehr als 13 Wochen.

Auf zum Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und reaktionäre Unterdrückung! dovon wurden 64 Broz. über 3 Stunden täglich und drei Tage Auf zum Kampf für die neue Gesellschaftsordnung des Sozialismus!

Ueberfall auf Vandervelde. Faschisten attackieren den Spaziergänger. Brüffel, 15. April. ( Eigener Drahtbericht.) Im Anschluß an eine Faschistenversammlung, in der maßlose Hetreden gegen die Minister und die Sozialistenführer gehalten wurden, begegneten die Anhänger Mussolinis zufällig dem einfam einhergehenden Außenminifter Vandervelde , den sie sofort umringten, beschimpften und sogar fäflich angriffen. Vandervelde wurde von hinten der Hut abgeriffen; außerdem erhielt er mehrere Schläge auf die Beine. Der Außenminifter verteidigte sich energisch und wußte sich die faschistischen Rohlinge mit seinem Spazierstod vom Leibe zu halten, bis die Polizei eingriff. Die Arbeiterschaft hat bereits Abwehrmaßnahmen getroffen.

Neue südslawische Regierung. Spaltung der kroatischen Bauernpartei wahrscheinlich. Belgrad , 15. April. ( WTB.) Das Kabinett Ujunowitsch hat demiffioniert. Der König unterzeichnete die Demission und genehmigte bie Zusammensetzung des neuen Kabinetts Usunowitsch. Stephan Raditsch ist aus dem Rabinett ausgetreten und wird durch Trifunowitsch ersetzt werden. Es treten ferner aus dem Rabinett aus Baul Raditsch und Kranatich, die vorläufig durch zwei Mitglieder der Raditsch- Partei ersetzt werden. In der Regierung Berbleiben Boftminister Schuperina und der Forstminister Nititsch. Die übrigen Minister behalten ihre Portefeuilles. Da Schuperina und Rititich gegen den Wunsch Stephan Rabitschs und der Zeitung der kroatischen Bauernpartei im Rabinett verblieben sind, hält man eine Spaltung der Bartei für unvermeidlich, die möglicher

weise annähernd 20 bis 30 Abgeordnete auf die Seite Schuperinas und Nititschs bringen wird. Bei einer Sizung der Raditsch- Partei tam es zu heftigen Szenen, die eine derartige Entwicklung zu bestätigen scheinen.

Gesang im Unterhaus.

Die Sommerarbeit beanspruchte 1 552 376 Schulpflichtige, wöchentlich beschäftigt, und zwar bis zu 4 Wochen 36,6 Proz., bis zu 13 Wochen 14,5 Proz., bis zu 26 Wochen 7,9 Proz. und mehr als 26 Wochen 5,0 Proz

Von den 446 575 zeitweise über 6 Stunden am Tage beschäftigten Schülern arbeiteten bis zu 4 Wochen 34,5 Proz., bis zu 13 Wochen 28,4 Proz., bis zu 26 Wochen 26,1 Proz. und mehr als 26 Wochen 11,0 Proz.

38 482 Kinder arbeiteten 7 Tage in der Woche, also auch am Sonntag. davon 20 179 bis zu 26 Wochen.

Die Ergebnisse dieser amtlichen Erhebung aus dem Jahre 1904 haben leider auch für die Gegenwart noch volle Geltung. Eine vom Deutschen Kinderschutzverband im Jahre 1922 veranstaltete private Erhebung bestätigt das in vollem Umfange. Die Umfrage erfolgte mit Hilfe eines Fragebogens, der an Lehrer, Geistliche, Arbeitgeber und Ar­Wohlfahrtsämter, Krankenkassen, Kreisärzte, Gewerbeaufsicht und freie Wohlfahrtspflege ging. Trotz erheblicher Wider­stände gelang es, auf diesem Wege umfangreiches Material zusammenzutragen. Man gewinnt auf Grund dieser Er­hebung die Ueberzeugung, daß die Kinderarbeit zu genommen hat.

Dreizehn Arbeiterparteiler ausgeschlossen. London , 15. April. ( WTB.) Bei der die ganze Nacht durch dauernden Kommissionsbebatte über die Sparsamteits vorlage der Regierung trat um 6 Uhr morgens eine Bage ein, die zur Ausschließung von 13 Mitgliedern der Arbeitnehmer und deren Verbände, Landrats, Gemeinde- und beiterpartei führte, weil sie eine ganz neue Obstruktions­methode in Anwendung brachte. Bei der Abstimmung über den von der Arbeiterpartei eingebrachten Bertagungsantrag blieben Lans­burn, Wheatlen und elf andere Mitglieder der Arbeiterpartei in der Halle vor der Abstimmungstür zurück, wo sie über eine halbe Stunde unter Späßer und Gesängen verblieben, modurch die ganze Sigung aufgehalten wurde. Der Vorsitzende der Rommiffion und die Minister berieten längere Zeit und entschlossen fich schließlich, den Sprecher des Unterhauses aus dem Bett zu holen. Unter lärmendem Widerspruch der Arbeiterpartei stellte Neville Cham­ berlain den Antrag, die 13 Mitglieder der Arbeiterpartei von der Eigung auszuschließen. Die Arbeiterpartei griff darauf zur felben Tattit. Nachdem eine weitere halbe Stunde verlaufen. mar, gab der Sprecher den Stimmzählern die Anweisung, das Abstimmungs­ergebnis befanntzugeben. Es ergab sich, daß der Antrag Chamber­lains mit 163 gegen 76 Stimmen angenommen war. Die 13 aus­geschlossenen Mitglieder der Arbeiterpartet wurden darauf aufge. fordert, den Saal zu verlassen, und die Beratungen wurden wieder aufgenommen.

In den Vorschlägen des Deutschen Kinderschutzverbandes und des Deutschen Verbandes für Schulkinderpflege wird ebenfalls einleitend festgestellt, daß auf Grund der vorliegenden Berichte eine zunehmende Erwerbsarbeit der Kinder festzustellen ist, die für die förperliche, geistige und fittliche Entwicklung unseres Nachwuchses von außerordentlich chwerwiegendem Schaden ist und daß ernste volfswirtschaftliche Nachteile damit Hand in Hand gehen.

Die Vorschläge der beiden genannten Organisationen um fassen Grundsäße zur allgemeinen Regelung der Kinder­arbeit, Borschläge zur Erweiterung des Gesetzes betr. Kinder­arbeit in gewerblichen Betrieben" und" Grundsätze zur Rege lung der Kinderarbeit auf dem Bande". Auch die Gesellschaft