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Nr. 204 43. Jahrg. Ausgabe A nr. 104

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297.

Montag, den 3. Mai 1926

Vorwärts- Verlag 6.m.b.H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3

Bottiche fonts: Berlin 37 536- Banffonts: Ban! ber Arbeiter, Angestellten unb Beamten, Ballr. 65; Diskonto- Gesellschaft, Devoktentasse Lindenstr. 3.

Riesenkampf in England.

Der Bergbau liegt still.- Vor dem Generalstreik. - Letzte Einigungsversuche.

Condon, 1. Mai.( Eigener Drahtbericht.) Der außer­ordentliche Gewerkschaftstongreß, der von 1500 Dele­gierten als Vertreter von 200 Gewerkschaften befchict war, beschloß am Sonnabend den Generalstreit für Montag mitter­nacht, falls bis dahin keine Einigung in der Kohlenkrise erfolgt. Inzwischen hatten die Bergarbeiter auf allen. Gruben die Arbeit eingestellt.

Dem Beschluß des Kongreffes ging folgende Entwicklung voraus: Am Sonnabend früh beschloß die Bergarbeiterkonferenz, die Führung des Kampfes dem Gewerkschaftskongreß zu überlassen. Er beschloß, nachdem er die Reden von Bromley, Herbert Smith und Macdonald angehört hatte, den Kampf der Bergarbeiter durch eine Proklamation des Generalftreits zu unterstützen und, zum erstenmal in der Geschichte der britischen Arbeiterbewegung, die ge­jamte Vollmacht zur Führung des Kampfes in die Hände des Generalrats der Gewerkschaften zu legen. Die Generalstreit­entschließung wurde mit überwältigender Majorität gefaßt. Für den Generalffreit stimmten die Vertreter von 3 653 000 Arbeitern, dagegen die Delegierten von rund 50 000 Arbeitern.

Der Generalrat erteilte nach dem Beschluß des Kongreffes für den Fall des Generalstreit's fofort die notwendigen Anweisungen. Aus ihnen ergibt sich, daß die Berkehrsorgane, einschließlich Eisenbahnen, Viehtransport, Hafen- und Kanalverkehr, Druderei gewerbe einschließlich fämtlicher Tageszeitungen, Eisen- und Stahlindustrie, Metall- und chemische Industrie, Bauarbeiter mit Ausnahme der mit Spitalarbeiten beschäftigten Arbeiter, auf Anordnung des Generalrates am Mon­tag um Mitternacht die Arbeit einstellen sollen. Alle mit fanitären Arbeiten beschäftigten Arbeitergruppen follen ihre Arbeit fortsetzen, ebenso haben die Gewerkschaften der Lebensmittel­branche Anweisung, die ungestörte Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zu sichern. Insbesondere soll die volle Bersorgung der Spitäler gesichert werden. Der Generalrat warnt am Schluß seiner Proflamation vor der zu erwartenden Tätigkeit von Lodspikeln und anderen Personen, die die Arbeiter durch gewalttätige Mittel zur Arbeit zwingen wollen.

Die Regierung hat noch am Sonnabend den Ausnahme­zustand verhängt und sofort Truppen nach den 3n­dustriegebieten in Südwales , Lancashire und Schottland ent­fandt. Es soll sich hierbei lediglich um Sicherheitsmaßnahmen mit dem Zwed handeln, die Polizei bei der Aufrechterhaltung der Ord­nung zu unterſtüßen sowie das Leben der Staatsbürger und deren Eigentum zu schützen. Ein außerordentlich ernſtes Gefahrenmoment für den Fall des Generalftreits liegt in der geplanten Einfeßung der Technischen Nothilfe durch die Regierung. Die Gewerkschaften haben bereits von sich aus alle Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Betriebe und Transporte getroffen.

Ein letzter Einigungsversuch.

London , 2. mai.( Eigener Drahtbericht.) Der Generalrat der Gewerkschaften, dem durch die Außerordentliche Gewerkschafts­konferenz am Sonnabend die Führung des Arbeitskampfes über­tragen worden ist, hatte am Sonnabend in der Nacht noch eine Be­sprechung mit dem Ministerpräsidenten Diese Besprechung wurde nach 5% stündiger Dauer am Sonntag um 2 Uhr früh vertagt und am Sonntag abend auf Einladung Baldwins wieder aufgenommen, nach furzer Zeit jedoch wieder vertagt und in später Nachtstunde am Sonntag neuerdings einberufen.

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alten Bedingungen ermöglicht würde. Das Blatt fündigt die Fort-| stand geschaffen würde, der den Frieden im Bergbau sichert, jehung der Besprechungen für heute mittag an. Die Sunday das heißt, der einerseits den Zechenbefizern eine Rapital. Times" berichten, das Baldwin morgen im Unterhause eine ausführ- rente, andererseits den Bergarbeitern austömmliche liche Darlegung des Bergbaukonflikts und der Gründe zum Abbruch Lohn- und Arbeisbedingungen gewährt. der Berhandlungen geben werde.

In der Geschichte der Arbeiterbewegung hat die englische Arbeiterschaft mehr als einmal mit 3ähigkeit und Ent­fchloffenheit die opfervolle Aufgabe des Borkämpfers der Ar­beiterklasse der ganzen Welt zu erfüllen gehabt. Wir er­innern nur an die Kämpfe der englischen Arbeiter um das Roalitions- und Streitrecht, um das Recht des Streifpoften­stehens, um den gesetzlichen Arbeiterschutz usw. Der Kampf, der jetzt in England nach langen, ungemein zähe geführten Berhandlungen aufflammt, der in der Geschichte der Lohn­kämpfe an Ausdehnung nicht seinesgleichen haben wird, ist - um es mit einem Wort zu sagen ein Kampf um die Rosten der notwendigen technischen Entwicklung, der soge­nannten Rationalisierung.

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Es ist noch in Erinnerung, daß im Juli des Vorjahres der Kampf im englischen Bergbau und sein hinübergreifen auf die gesamte englische Industrie nur dadurch vermieden oder vielmehr verschoben wurde, daß die englische Regierung sich bereit erklärte, bis zum 1. Mai 1926 an die Bechenbefizer staatliche Zuschüsse zu zahlen, damit die Löhne und Arbeitszeit der Bergarbeiter in der bisherigen Höhe bestehen bleiben. Es wurde damals außerdem von der Regierung be­fchloffen, eine Kommission einzusetzen zur Untersuchung der wirtschaftlichen Lage des englischen Bergbaues. Diese Rommission sollte praktische Vorschläge ausarbeiten, damit ab 1. Mai, d. h. mit Fortfall der staatlichen Zuschüsse, ein 3u­

Der Bericht der Kohlenkommission geht darauf hinaus, die Löhne der Bergarbeiter um 11 Broz. zu reduzie= ren, daß heißt, diese Löhne auf den Stand von 1921 zurüd­zuführen, wo sie sich zwanzig Prozent über dem Stand der Löhne von 1914 befanden.

Die Unternehmer hatten von der Kommission eine Ber­längerung der Arbeitszeit und eine Beseiti gung des nationalen Lohnabkommens ver­langt. Dieses nationale Lohnabkommen besteht darin, daß für alle Bergbaureviere ein einheitlicher Minimal­ohn festgesetzt wird, zu dem in den verschiedenen Distrikten noch Buschläge kommen. Dieser Minimallohn wird auch dort gezahlt, und zwar aus einer gemeinsamen Kasse, wo die Bechen mit einer Unterbilang arbeiten.

Die Kohlenkommission hat diese beiden Vorschläge der Unternehmer abgelehnt. Sie hat auch die Vorschläge der Bergarbeiter abgelehnt, die die Sozialisierung des Bergbaues und die Beseitigung der Bergregale forderten, das heißt einer Abgabe von 55 Pf. pro Tonne ge­förderter Kohle an die Grundbefizer, die nicht immer identisch find mit den eigentlichen Zechenbefizern.

Dagegen hat die Kohlenkommission eine Reihe von Vor­schlägen zur Rationalisierung des Kohlenberg baues in England gemacht. baues in England gemacht. Diese Vorschläge, wenn fie durchgeführt werden, find freilich auf lange Sicht ge=

Der deutsch - russische Vertrag.

Stresemann im Rundfunk.

Der Reichsaußenminifter führte am Sonnabend abend im Ber I erwachenden Mißtrauen, zu dem ein Grund nicht vorhanden ist. liner Rundfunk über den deutsch - russischen Vertrag u. a. fol. Er liegt nicht im Vertrag, weil der Vertrag mit den Satzungen des

gendes aus:

Der Vertrag ist eher eine Selbstverständlichkeit, als eine Sensation. Zwischen Deutschland und Rußland besteht eine jahr hundertelange traditionelle Freundschaft. Die beiden Staaten und vordem Preußen und Rußland haben seit der Zeit Friedrichs des Großen bis zum Weltkriege die Waffen nicht gegeneinander gekehrt. Durch den Vertrag von Rapallo erklärten Deutschland und Rußland trotz des Weltkrieges und seiner Erschütterungen, daß sie wieder auf die alte Grundlage guter Beziehungen zuein­ander treten wollten.

Um den Berliner Vertrag zu diskreditieren, munkeln einige Leute von Geheimabkommen, die mit ihm verbunden seien. Das war früher Unfinn und ist jetzt Unsinn. Die deutsche Politit ging eine bestimmte Linie, sie hat das Ziel verfolgt,

aus der Gewalt des Vertrages von Versailles zu einem Neben­einanderleben mit den Mächten des Versailler Friedens

zu kommen. Sie hat versucht, die Verständigung mit diesen Mächten In welcher Richtung fich die Haltung der Gewerkschaftsvertreter auf dem Wege des Friedens und auf dem möglicher späterer Freund­bei diesen Besprechungen bewegt, fann aus dem Leitartikel des schaft, statt auf dem Wege neuer Gewalt und der Revanche herbei­zuführen. Deshalb hat die deutsche Regierung jene Politik mit " Daily Herald" vom Montag früh geschloffen werden. Das geführt, die vom Ruhreinbruch und der Santtionspolitik zu der Blatt stellt fest, daß für die Regierung noch immer eine Möglichkeit Londoner Konferenz, zum Dawes Abkommen und zu Locarno führte. bestehe, den Generalstreit zu verhindern und fordert den Minister­Rußland hat seinerzeit diese deutsche Politit mit Mißtrauen präsidenten auf, eine Konferenz zwischen Vertretern des Generalrats angesehen. So unberechtigt, wie dieses Mißtrauen war, so un­der Gewerkschaften, Bergarbeiter, Bergbauunternehmer und der Re- berechtigt sind heute die Aufregungen in der öffentlichen Meinung gierung einzuberufen, die den Bericht der Kohlenkommission zur verschiedener Mächte. Man stellt die Frage, ob die Leiter der Grundlage haben müßte. Die Regierung müffe jedoch gleichzeitig die heutigen deutschen Regierungspolitik das Werk von Locarno Truppenverschiebungen und ihre Vorbereitungen zwecks Einfehung aufgeben oder zerstören wollten. Es gibt keine unsinnigere Frage der Technischen Nothilfe einstellen, da die gesamte Lebensmittelver­forgung der Bevölkerung von den Gewerkschaften selbst vollkommen gesichert sei.

Die Arbeit im Bergbau ruht in ganz Großbritannien . Die Berg­arbeiter haben überall die Weisungen des Bergarbeiterverbandes be­folgt. Es ist aus den bei dem Generalrat der Gewerkschaften am Sonntag abend eingelaufenen Nachrichten aus allen Teilen des Landes in den vom Generalftreit betroffenen Gewerkschaften voll­tommen klar, daß die Arbeiter der Generalftreitparole Folge leiffen

werden.

als diese.

Der Name der deutschen Staatsmänner, welche die Locarno­Politit inaugurierten, ist mit diesem Werk mindestens so ffart verbunden, wie der Name irgend eines anderen Staatsmannes auf der Gegenseite.

Die Initiative zu dieser Politik ist von Berlin aus gegangen und nicht von irgend einer anderen Macht inspiriert. Locarno und der Berliner Vertrag find nicht Gegenfähe, sondern ge­hören zufammen. Beide zusammen aber geben auch Europa die Gewähr friedlicher Entwicklung. Wenn jetzt ein gewisser

Bölferbundes und dem Locarno- Bertrag durchaus übereinstimmt. Man mußte schon zu Fälschungen des Tertes greifen, um einen anderen Eindruck hervorrufen zu wollen, oder man muß sich auf den Standpunkt stellen, daß Deutschland nicht dieselben Rechte hat

Was soll die Kritit, die beanstandet, daß Deutschland selbst ent­scheiden wolle, ob im gegebenen Fall ein Staat Angreifer sei oder nicht.

Dieses freie Entscheidungsrecht ist seit Bestehen des Bölfer­bundes stets als zweifelloser Grundfah anerkannt worden. Dieses Recht besteht für alle im Völkerbund vertretenen Nationen, also selbstverständlich auch für Deutschland . Jede Nation hat ge­wiffenhaft zu prüfen, ob sie das folgenschwere Berdiff ausfprechen fann, einen Staat als Angreifer zu bezeichnen. Niemand wird Deutschland zumuten, daß es anders als nach Wissen und Gewissen diese Entscheidung seinerseits trifft.

Unsere Politik war das

System friedlicher Abmachungen auf ganz Europa zu erftreden. mit nahezu allen unseren Nachbarstaaten haben wir weitgehende Berhandlungen mit ihnen darüber. Welch eine andere europäische Schiedsverträge abgeschlossen oder stehen in fortgeschrittenen Broßmacht fann ein gleiches Bekenntnis zur Schiedsidee aufweisen? Diese Idee ist' Basis unserer Friedenspolitit. Darüber hinaus ist Diese Idee ist Basis unserer Friedenspolitik. Darüber hinaus ist Deutschland traft seiner geographischen Lage der gegebene große

Mittier und die Brüde zwischen Ost und West. Man vergesse auch

das eine nicht: gegenüber der früheren völlig aggressiven Haltung

Rußlands gegenüber dem Bölkerbund ist

die Hinnahme der deutschen Erklärung über friedensichernde Tendenz des Völkerbundes auch ein Stück politischer Entwid­lung und fann Grundlage fünftiger Entwicklung sein. Wir haben ein ganz bestimmtes Ziel europäischer Entwicklung vor Augen. Wir verfolgen es gradlinig und ohne Schwanken. Wir wissen, daß wir machtpolitit nicht treiben tönnen, aber wir wollen in der Politit der Friedenssicherung unseren eigenen Weg gehen. Wer guten Willens in der Welt das­selbe Ziel verfolgt, fann und muß uns unterstützen. Er möge mur Berständnis dafür aufbringen, daß neben dem Wunsch der Friedenssicherung für alle Bölter, dieser Weg ge

London , 2. Mai. ( EP.) Dach der Daily Mail" soll sich die Disfuffion auch auf die Frage einer Berlängerung der Staats­subsidien um 14 Tage erstreckt haben, wobei den Bergleaten während der weiteren Verhandlungen die Fortjehung der Arbeit unter den ist, so liegt das nicht an diesem Bertrag, sondern nur an dem wieder kennzeichnet ist durch die Lebensintereffen Deutschlands .

Umschwung der Stimmung bemerkbar