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Jaberi

Str. 252+ 43. Juhen Ausgabe A nr. 129

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297.

Dienstag, den 1. Juni 1926

BVorwärts- Verlag G.m. b. H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3 in Boftschecktonto: Berlin 37 536 Banktonto: Bank ber Arbeiter, Angeftelten und Beamten, Wallftr. 65; Distonto- Gesellschaft, Devoktentaffe Lindenftr. 3.

Wirrwarr in Warschau .

Die Menge demonstriert.

Warschau , 31. mai, 11 Uhr abends.( Eigener Draht-| bericht.) Die Ablehnung des Präsidentenamtes durch Pilsudski fam aller Welt vollkommen unerwartet und wirkte dadurch um so aufregender. Die erfte Berwirrung war un­geheuer, bis sie einer schweren Enttäuschung bei den Linksparteien und einer fichtlichen Erleichterung bei den Real­tionären-wich. Wenn die Rechtsparteiler nicht gerade offen zu triumphieren wagen, so ist das die Folge der ge­waltigen undgebungen, die am heutigen Nach­mittag das Straßenbild der Hauptstadt beherrschten. Die Arbeiter schloffen sich sofort an den Fabrifstoren zu gewaltigen Umzügen zufammen, die mit roten Fahnen durch die Stadt marschierten, dabei unausgefeht die Annahme des Präfi­dentenamtes durch Pilsudski forderten und die revolutionären Kampflieder der pps. fangen. Das polizeiliche Verbot von Anjammlungen fonnte diese Demonftrationen nicht verhindern, deren Teilnehmerzahl gegen 70 000 betragen hat unge. rechnet die dichten Zuschauerspaliere, aus denen unausgesetzt sympathische Zurufe tamen.

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Ueber das Ergebnis der morgigen zweiten Sihung der tationalversammlung läht fich zur Stunde noch gar nichts fagen, Alle Fraktionen halten andauernd im Sejmgebäude an der Wieeffaftraße Beratungen und Besprechungen ab. In der polnischen- jozialistischen Fraktion ist eine starke Stimmung dafür vorhanden, einen eigenen kandidaten aufzustellen, der dann wahrscheinlich Jgnaz Daszynski oder Dr. Maret sein würde. Wenn auch die Ablehnung Pilsudskis die Rechte mit Hoffnungen erfüllt, so ist der Sieg ihres Kandidaten doch sehr wenig wahrscheinlich. Eher ist es möglich, daß schließlich ein kompromiß kandidat durch dringt, und es läßt sich nicht bestreiten, daß der von Pilsudski mit vorgeschlagene Profeffor Mojzisko- Lemberg in diesem Fal ziemlich gute Aussichten hätte.

Bis zur Stunde kann eine Geneigtheit Pilsudskis , dem Drängen der Boltsmaffen Folge zu leisten und das Präfi­dentenamt anzunehmen, nicht gemeldet werden. Jedoch ist es nicht ausgeschlossen, daß bis zum Beginn der mor­gigen Nationalversammlug doch noch eine solche Wendung do

einfritt.

Pilsudskis Ablehnungsschreiben. Warschau , 31. Mai. ( Eigener Drahtbericht.) In dem Ab­lehnungsbrief Pilsudskis an den Sejmmarschall Rataj, der am Dienstag in der neuen Sigung der Nationalversammlung ver­lesen werden foll, heißt es:

Das zweilemal in meinem Leben ist mir die Möglichkeit geboten worden, meine Tätigkeit im Sinne meiner hiftorischen Ziele zu legalisieren. Leider stieß ich, wie immer, auf wider­ffand und böjen Willen. Dieses Mal ist meine Wahl nicht einstimmig erfolgt wie im Februar 1919. Das bedeutet, daß es jeht weniger Falschheit und Berrat in Polen gibt. Jedoch bin ich nicht in der Lage, die Wahl anzunehmen. Ich konnte das Bertrauen zu meiner Arbeit nicht erringen, die ich bereits einmal geleistet habe. Auch fonnte ich kein Vertrauen zu denen haben, die mich zu diesem Amte wählten. Vor meinen Augen fleht noch die tragische Gestalt meines ermordeten Borgängers Narutowifc3, den ich nicht vor seinem Schidial reffen fonnte." Am Schluß des Briefes heißt es, daß ihm die Präsidentschaft nicht die Verfolgung feiner historischen Aufgabe erlaube, da die gegen­wärtige Berfaffung dem im Wege stehe. Pilsudski spricht schließ lich allen, die ihn gewählt haben, seinen Dank aus und bittet seine Anhänger um Entschuldigung für die Enttäuschung, die er ihnen bereite.

Joseph Pilsudsti, einst revolutionärer Kämpfer gegen die zaristische Fremd- und darum auch Gewaltherrschaft, dann Freischarenführer gegen Rußland im Bewegungskrieg, darauf, im Zwischenstadium der Okkupation Polens durch zwei andere fremde Miltärmächte, Opponent gegen irgendwelche Angliede­rung Bolens an diese Mächte, endlich Feldmarschall im neu erstandenen Bolen und Bekämpfer der riefig aufgewucherten Rorruption; fordert und erzwingt mit den Waffen und dank feiner Volkstümlichkeit und gerecht erscheinenden Sache den Rüdtritt einer nicht genug antiforruptionistischen Rechtsregie­rung. Dann bildet er, unter einwandfreier Beobachtung der Berjafungsvorschriften, die er unmittelbar vorher gebrochen, eine neue Regierung und läßt, da der Präsident der Republik gleichfalls zurückgetreten ist, vollkommen gesetzmäßig den neuen Präsidenten wählen. Aufgefordert, selbst zu kandidieren, erflärt er sich nach ziemlich ftarfem Sträuben dazu bereit ftellt jedoch, mie man im Ausland erst spät pernimmt, die

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Die Fraktionen beraten.lers with

Bedingung einer Erweiterung der Präsidentenrechte, be-| sonders dahin, daß er das Parlament vor Ablauf seiner Wahl­periode und, was für den jeßigen Sejm notwendig wäre, ohne dessen Zustimmung, auflösen fönnte. Diese Bedingung tommt der kotegorischen Forderung der Sozialisten nach schleunigster Parlamentsauflösung und Neuwahl entgegen. Vor der Wahl fagt Pilfudski den Bertretern der Parlamentsfraktionen ins Geficht, daß das Parlament vom Lande über alles gehaßt werde. weil es gegen verbrecherische Korruption nichts getan habe und daß es auf einige Zeit verschwinden müsse, um des angehenden Präsidenten Kampf gegen diese Uebel nicht zu stören; Dittatur und Terror liege ihm durchaus fern. Das hat er bis jetzt seit dem Marsch auf Warschau auch be wiesen.

Die Wahlhandlung erfolgt denn auch in voller Freiheit und ergibt für Pilsudski 99 Stimmen mehr als für seinen Gegenkandidaten, aber dank den 61 sich Enthaltenden, nur 18 Stimmen über die absolute Mehrheit. Darauf lehnt der regelrecht zum Präsidenten der Republik Polen Gewählte die Wahl ab, weil diese Mehrheit zu flein sei, um ihm die Durch führung seiner Absichten zu verbürgen.

her in der konstitutionellen Monarchie oder in der Republik die treuesten Hüter des Bestehenden wurden, weil die glücklich er­langte Demokratie ihnen das Endziel war, oder weil sie über­zeugt waren, daß die Demokratie aus und durch sich selbst alles Schlechte mit der Zeit aus merze. Pilsudski jedoch scheint des festen Glaubens zu sein, der nach 150 Jahren der Zer­reißung und Fremdherrschaft aus faiserlichen und königlichen Wetten als demokratische Republit wiedererstandene Polen­staat müffe etwas ganz Anderes sein, dürfe um mit Laffalle zu sprechen die Laster der Unterdrückten, will hier sagen, die Korruption, nicht weiterschleppen. Su solch idealistischer Auffassung fönnte aber auch die sehr realpoli­tische Erioägung führen, daß ein Staat mit hineingezwungenen Minderheitsvölkern und mit verelendeten Kleinbauern und Arbeitermassen durch die Nachbarschaft Sowjetruß­lands um so mehr bedroht ist, als man deffen Nichtfennern im Ausland leicht vorerzählen kann, dort lebten die Arbeiter und Bauern wie im Paradies. Dazu kommt, daß unmittelbar jenseits der Grenze jene in Polen schwer benachteiligten Weiß­ruthenen und Ütrainer in scheinbar eigenen und freien Nationalstaaten leben!

Diese Begründung wird man zutreffend so verstehen, daß ihm diese Mehrheit wohl nicht ausreicht zu jener Bermögen die Tat an und für fich wirft immer viel meiter faffungsänderung, die notwendig ist zu der periang ten Erweiterung der Präsidentenrechte. In einer dafür aus reichenden Mehrheit hätte Pilsudski wohl die Sicherheit für die Erfüllung seiner Bedingung erblickt.

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Biljudstis Berhalten seit seiner militärischen Aktion deren Auslösung durch die Beschießung seines Hauses und die Beschlagnahme seiner Aeußerungen in der Presse wir ebenso wenig vergessen wollen wie ihre Zweckbestimmung, eine ver­mutete drohende Rechtsdiftatur zu vereiteln ist einwand­frei tonftitutionell, ja es erscheint noch über die bloße Beobachtung der Berfassungsbuchstaben hinauszugehen. Da er nicht die Sicherheit erhält, durch baldige oder auch öftere Bolts befragung ein Parlament mit einer ihm gleich gesinnten Mehrheit zu erhalten, verzichtet er auf das Bräsidentenamt, das ihn, bei unveränderter Verfassung, ver­pflichten würde, auch mit einer ihm nicht passenden Mehrheit zusammenzuarbeiten.

Es mag in der Geschichte nicht allzuselten vorgefommen sein, daß revolutionäre Rämpfer gegen den Absolutismus nach

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Was aber auch Pilsudstis Gründe zum Amtsverzicht sein als ihre Begründung. Und diese Tat dürfte sehr vielen von denen, die Pilsudskis Aktion zugejauchzt haben, erstaunlich und, weil unverstanden, be fremdlich sein. Der Nimbus des fest entschlossenen Tatmenschen, ja Retters, den viele in ihm fahen, ohne daß Barteireflame, ungeachtet des Fehlens aller Erfordernisse, ihn als solchen auspofaunt hätte, das felfenfeste Vertrauen fann der Enttäuschung gewichen sein. Und wer weiß, ob heute noch, wie vor nicht allzulanger Zeit, ein Buch zur Würdigung der Persönlichkeit Joseph Pilsudskis lapidar und unzweideutig überschrieben werden würde: Bolens Großer Mannia sia

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Nachtfizungen der Fraktionen.

Warschau , 31. Mai. ( WTB.) Die Lage in Warschau ist vollständig ungeklärt. Ein flares Bild wird sich erst nach den interfrattionel len Besprechungen, die heute abend stattfinden und voraus fichtlich bis in die frühen Morgenstunden dauern merden, ergeben. Auf den Straßen bewegen fich Tausende von Neu­gierigen, die von der Polizei in Schranken gehalten werden.

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Menschenopfer fallen unerhört!

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Jahresbilanz im preußischen Bergban: 113 169 Unfälle! the busi

mit 984 tödlich Verletzten von 1180.

Für den Brauntohlenbergbau ist bezeichnend, daß die Zahl der Unfälle im Tagebau mit 4121, wovon 50 tödlich, ungleich größer ist, als die unter Lage mit 1650, wovon 33 tödlich. Die Braunkohle wird freilich meist im Tagbau gewonnen, der jedoch an fich weit geringere Gefahren bietet, als der Untertagebau. Durch verlängerte Arbeitszeit und stärkere Antreiberei wird der ver­minderte Gefahrenmangel im Tagebau reichlich ausgeglichen.

In der Nachfriegszeit, während der Ruhrbesetzung, sind die| bezirken, mit 62 745 Unfällen, nahezu der Hälfte aller Unfälle, und Kohlenbergwerke, die durch den in der Kriegszeit betriebenen Raub bau vernachläffigt worden waren, überholt worden. Nachdem setzte der große Abbau ein. Gruben ließ man ,, verfaufen" und Berg­arbeiterfamilien hungern. Nach allem müßte man annehmen, daß wenigstens die Zahl der Unglücksfälle im Bergbau fich wesentlich verringert hätte. Leider läßt sich dies an Hand der vorläufigen Nachweisung der Unfälle im preußischen Bergbau im Jahre 1925", die das preußische Handelsministerium erstmals im Deutschen Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger" veröffentlicht hat, nicht nachprüfen. Es fehlen in dieser vorläufigen Nachweisung nicht nur die Vergleichsziffern aus dem Borjahre, sondern felbst die Belegschaftsziffern der Bergbaubetriebe.

Neben dem Ruhrkohlengebiet im Dortmunder Bezirk ist der niederschlesische Kohlenbergbau im Bezirk Breslau den größten Gefahren ausgesetzt. In diesem Bezirk ereigneten sich im letzten Jahre 15 005 Unfälle, wovon 139 tödlich.

In den übrigen Bergbauzweigen, den Erzberg. bau unter Lage mit 2420 Unfällen, wovon 65 tödlich, und 3407 Un­fällen, wovon 75 tödlich, insgesamt ausgenommen, sind die Unfälle our weniger zahlreich. Im Salzbergbau waren insgesamt 1491 Un­Obenan stehen natürlich die Unfälle im Steinkohlenberg fälle, 25 davon tödlich, zu verzeichnen; im Erdölbergbau 151 Unfälle, bau mit 82 213 von den 113 169 Unfällen insgesamt. Und von wovon 3 tödlich, und im sonstigen Bergbau 297 Unfälle, movon den 1564 tödlichen Unfällen überhaupt, entfallen allein 1180 auf 15 tödlich. den Steinfohlenbergbau. Als Ursache der Unfälle wird in 27 446 Fällen Steinfall" angegeben, in weiteren 24 153 Fällen in föhligen Strecken" und in 12 045 Fällen im Abbau". In nur 328 Fällen find die Unfälle durch Sprengstoffe und Zündmittel her. vorgerufen, in 313 Fällen durch Gase und Kohlenstaub und in 25 Fällen durch Grubenbrand. Dem Laien fönnte es mithin fcheinen, als seien die Unfälle im Steinfohlenbergbau in ihrer überwiegenden Mehrzahl auf höhere Gemalt" zurüd zuführen, gewissermaßen unvermeidlich, und nur zu einem ver­schwindend geringen Teil auf abstellbare Mängel, ungenü­gende Beaufsichtigung, mangelnde Schußvorrichtungen und Antrei­berei.

Wie der Steinkohlenbergbau oben an steht nach den Berufs zweigen, so der Bezirk Dortmund unter den Oberbergamts­

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So töricht es auch wäre, nun ausnahmslos alle Unfälle und Todesfälle auf das Verhalten der Unternehmer zurückzuführen, so gewiffenlos wäre es, diefe mehr als 113 000 Unfälle im preußischen Bergbau in einem Jahre und die 1564 Todesfälle als unvermeidlich und unabwendbar hinzustellen. Die Kohlenbergarbeiter miffen es beffer. Ihren Forderungen auf vermehrten Schuh, sei es in tech­nischer oder betrieblicher Hinsicht, muß stattgegeben und alles daran­gesetzt werden, die Unfallziffern menschenmöglichst abzu. bauen. Hier lohnt sich der Abbau, hier begrüßen und fordern wir ihn. Th jun mis ala i do te slid