Nr. 260 43. Jahrg. Ausgabe A nr. 133
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Sonnabend, den 5. Juni 1926
Best rn achn tiae verhandelte der Schlid.ung- cusschuß unter Vorsitz des Gewerberats Körner über den Neuabschluß des von den Berliner Metallindustriellen zum 6. Juni gekündigten Lohntarifes der Transportarbeiter in den Metallbetrieben. Genosse Urich als Vorsitzender des Metallfartells beantragte, nach einer furzen Darlegung, in der er feststellte, daß seit dem letzten Schiedsspruch vom 26. März die Verhältnisse sich nicht zugunsten der Arbeiter verändert haben, die Verlängerung des jezigen Lohnabkommens. Der Unternehmeranwalt Oppenheimer versuchte in seiner bekannten Art nachzuweisen, wie„ notorisch schlecht" es den Berliner Metallindustriellen gehe. Der Lohn der Metalltransportarbeiter sei zurzeit relativ höher als bei der Fällung des Schiedsspruches am 30. Oftober 1925, der die Löhne auf 64 bzw. 66 Pf. festsetzte, und der am 13. April durch Verbindlichfeitserklärung verlängert wurde. Eine Herabsetzung der Transportarbeiterlöhne erscheine daher durchaus erträglich. Herr Oppenheimer versuchte außerdem an Hand einer vom BBMJ. aufgemachten graphischen Darstellung nachzuweisen, daß fast im ganzen Reiche die Löhne der Transportarbeiter in der Metallindustrie bedeutend niedriger feien als in Berlin und dadurch der Berliner Metallindustrie die Ronkurrenz mit der Industrie im Reiche unmöglich sei. Daß aber die Löhne der Berliner Metalltransportarbeiter bedeutend niedriger find als in den übrigen Berliner Industrien, fonnte auch er nicht bestreiten, weshalb er die Tatsache unter Be
Locarno im Senat ratifiziert. Briand über den deutsch - russischen Vertrag. Paris , 4. Juni. ( TU.) Der französische Senat hat heute nach einer lehten Erflärung Briands mit 272 gegen
6 Stimmen sein Einverständnis mit den Verträgen von Cocarno erklärt.
Die Rede Briands.
Paris , 4. Juni. ( TU.) Briand gab in seiner heutigen Senats rede zunächst eine umfaffende Darstellung der Berhandlungen, die
den Locarno - Abmachungen vorausgingen und ging jobann auf den
deutsch russischen Bertrag ein. Ich versichere Sie," so fagt er an einer Stelle ,,, daß der deutsch - russische Vertrag im ersten Augenblid
für mich eine fleine Abkühlung
war. Doch darf man Deutschland keinen Vorwurf daraus machen, daß es diesen Bertrag unterzeichnet hat. Ich glaube nicht, daß der Vertrag den Charakter hat, den man ihm mancher feits beimist. Was befagt er? Deutschland erklärt Rußland : Wenn Ihr ohne Herausforderung Eurerfeits angegriffen werdet, so bleibe ich neutral und Rußland verspricht ungefehrt dasfelbe. Glauben Sie, meine Herren, daß Deutschland ohne Locarno es nur bei einem Neutralitätsvertrag hätte bewenden lassen? Man fann gewiß nicht behaupten, daß der Vertrag zu dem Augenblid, wo er unterzeichnet wurde, opportun war. Er hat sogar unter den Signatarftaaten des Vertragswertes von Locarno eine
ziemlich starke Erregung hervorgerufen.
Doch fönnen wir die Zusicherung geben, daß der Bertrag durchaus friedlich ist und daß er feiner der Verpflichtungen Abbruch fut, die sich für Deutschland aus den vorher abgeschlossenen Abmachungen ergeben.
Ich bin ausdrücklich ermächtigt, diese Erklärung abzugeben. Hinzufügen möchte ich, daß, wenn Rußland wirklich eine Stätte des Umsturzes ist, Deutschland durch seinen Vertrag in eine schwierige Lage tommen fann. Was uns anbelangt, so genügt es, daß wir darauf bestehen, daß der Vertrag von Locarno und der Völkerbundspakt respektiert werden, und, wenn Deutschland verkündet, daß es diesen Vertrag getreulich beobachtet, so will ich ihm gern glauben. Trogdem bleibt es mir unbenommen, zu wünschen, daß mein Land auf seine Sicherheit bedacht sein möge."( Lebhafter Beifall.) Die Schlußworte Briands flingen in einer
Aufforderung zur Berföhnung der beiden Bölker aus. Beide Völker haben eine große Bergangenheit und fönnen mit Recht darauf stolz sein. Beide Völker haben Fehler und Vorzüge, daß das deutsche und das französische Bolk jedoch ewig dazu verdammt fein follen, fich gegenseitig zu zerreißen, das fann und will ich nicht glauben.
An einer anderen Stelle fagte Briand: Frankreich zählt 40 Millionen Einwohner, während Deutschland 60 Millionen hat. Das müssen wir uns immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen, wenn es auch Anlaß zur Bewunderung sein kann, daß wir 1914 tro numerischer Unterlegenheit dem Anprall des Feindes standhielten. Wir dürfen das um so weniger vergessen, weil wir ein zweites Mal diese Kraftprobe nicht mehr werden ablegen fönnen. Aus dieser Erkenntnis heraus ergab fich für uns die Notwendigkeit, den Weg von Locarno zu beschreiten.
Ein großer Teil der Sigung wurde mit der Rede des Gene rais Bourgeois ausgefüllt, der zahllose Daten und Angaben über die„, militärischen Rüstungen Deutschlands verlas. Unter anderem behauptete er, daß erst unlängst im Schwarz wald große militärische Manöver" stattgefunden hätten. Schwarzwald sei von Batrouillen durchzogen worden, die von Offi zieren der Marine geführt worden feien Diele Patrouillen hätten
Der
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Wie Ehrhardt einen ,, kommunistischen Putsch" provozieren wollte. Nicolai macht deutschrussische Kriegspläne
Der Hochmeister des Jungdeutschen Ordens , Herr Mahun, hat den Fehdehandschuh, den ihm der Alldeutsche Verschwörerverband zuwarf, aufgenommen. Er beginnt in seiner Zeitung„ Der Jungdeutsche auszupaden. Mit einem vehementen Angriff wendet er sich gegen den moralischen Niedergang unserer Zeit" und seine Auswirkung in den„ vaterländischen" Verbänden. Wie sie den Kampf untereinander führen, darüber sagt er:
rufung auf die angebliche Eigenart der Berliner Metallindustrie abzuschwächen suchte. Wenn schließlich die anhaltende Wirtschaftsfrisera und die mit ihr in Zusammenhang stehende Arbeitslosigkeit behoben werden sollen, müsse schon die Schlichtungsinstanz ihre Sanktion zur Herabsetzung der Transportarbeiterlöhne geben. Ob die Lohnherabfeßung das geeignete Mittel dazu fei, laffe sich allerdings nicht poraussagen, es müsse jedoch endlich der Versuch gemacht werden, aus dem Wirtschaftsdilemma herauszukommen.
Der Genosse 11 rich, wie auch der Genosse Fromte vom Deut schen Verkehrsbund traten dieser sattfam bekannten Unternehmerargumentation in längeren Ausführungen entschieden entgegen. Allein die Unternehmervertreter waren zu einer besseren Einsicht nicht zu bewegen, so daß eine Verständigung auch hier unmöglich war.
Der Schlichtungsausschuß fam nach längerer Beratung zu folgender Entscheidung: Der Schiedsspruch vom 26. März wird verlängert mit 14tägiger Frift und ist erstmals zum 31. Juli fündbar.
Die Erklärungsfrist endet am Montag, den 7. Juni. Die Arbeit nehmervertreter erklärten sofort ihre Zustimmung zu dem Schiedsspruch, während die Arbeitgebervertreter sich ihre Erklärung vor behielten.
Die Annahme des Schiedsspruches bedeutet daß die bis herigen Löhne zunächst bis Ende Juli weiterzuzahlen find.
lebungen an Hand von Karten abgehalten und seien dabei stets in allernächster Nähe der Eisenbahnstränge zu sehen gewesen. Wahrscheinlich seien fie damit beauftragt gewesen, die Möglichkeiten zur Beförderung der Artillerie durch die Eisenbahn zu studieren. Beachtung fanden auch die Ausführungen des Senators Chene. benoit, der auf die deutsch österreichischen Anschlußbestrebungen hinwies. Chenebenoit sagte, es dürfe nicht der Fall eintreten, daß Deutschland den Krieg geminne, indem es Defter. reich sich einverleibe. Es würde sich daraus eine Bedrohung des europäischen Friedens ergeben.
Dorpmüller, Generaldirektor der Reichsbahn Der Verwaltungsrat hat es eilig.
Noch ist der verstorbene Generaldirektor Dr. Deser, für den am nächsten Montag vormittag eine Trauerfeier stattfinden soll, nicht bestattet und schon kommt die Nachricht, daß der Verwaltungsrat der Reichsbahn in seiner gestrigen Sitzung bereits seinen Nachfolger in der Person des bisherigen stellvertretenden Generaldirektors Dr. Dorpmüller erforen hat. Selbst die Reichsregierung empfindet offenbar dieses Berhalten des Verwaltungsrates als eine Tattlosigkeit. Ründigt fie doch an, daß sie erst nach der Bestattung des verstorbenen Deser, also erst nach Montag abend, sich mit der Wahl des Nachfolgers beschäftigen wird. Die Eile, mit der der Berwaltungsrat der Reichsbahn seinen Entschluß gefaßt hat, ist nicht geeignet, das Vertrauen in die Persönlichkeit des neuen Mannes zu stärken. Weiß man doch, daß die Industrie ein starkes Intereffe daran hat, die Leitung der Reichsbahngesellschaft in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Ueber den neugewählten Generaldirektor, dessen Wahl durch den Reichspräsidenten noch bestätigt werden muß, ist aus seiner letzten Tätigkeit nur wenig bekannt geworden. Er verstand es bei den großen Entscheidungen in den wichtigsten Lohnfragen der Reichsbahn, sich immer im Hintergrund zu halten, ohne daß seine eigene Stellungnahme erkennbar geworden wäre. Seine Laufbahn ist die eines Fachingenieurs und Beamten. 1869 in Elberfeld geboren, war er 1898 bis 1907 in der preußischen Eisenbahnverwaltung tätig, ging dann nach China , wo er sich zum Leiter des geſamten chinesischen Bahnwesens emporarbeitete und wo er bis 1917 leitend im Bahnwesen tätig war. Dann trat China in den Krieg leitend im Bahnwesen tätig war. mit Deutschland ein. Es gelang Dorpmüller mun, nach Deutschland zu flüchten, wo er noch im Heeresbahnwesen eingesetzt wurde. Später war er leitend bei der Eisenbahndirektionen Essen und Etettin tätig, um 1922, also in der Zeit der größten Wirren, in Oberschlesien zum Präsidenten der Reichsbahndirektion Oppeln aufzurücken. Von dort wurde er zum zweiten Vorsitzenden der Reichsbahngesellschaft am 1. Juni 1925 gewählt, nachdem er schon vorher als Sachverständiger an den Beratungen über das Dames- Gutachten und an der Umorganisation der Reichsbahn tätigen Anteil genommen hatte.
Nachfolger Dorpmüllers als stellvertretender Direktor der Reichsbahngesellschaft wird der bisherige Personalreferent der Reichsbahn, Dr. Weirauch. Er ist der Arbeiterschaft nach dem rücksichts. los durchgeführten Personalabbau und seit den schweren, nicht immer rein sachlich von der Reichsbahn geführten Kämpfen um die Gehalts- und Lohnstaffelung keineswegs in angenehmer Erinnerung. Die Zusammensetzung des neuen Direktoriums zeigt so eine wesentliche Schwenkung nach rechts. Jedenfalls wird man von dem Fachbeamten Dorpmüller faum erwarten dürfen, daß er entschiedener als sein Vorgänger die ozialen Forderungen der Arbeiterschaft berücksichtigen
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Doch nicht genug, die Zerrüttung geht weiter. Ein neues politisches Kampfmittel ist die Anschuldigung vom Landesverrat. Wenn heute ein nationaler Führer in irgendeiner Form um des Baterlandes willen gegen Abenteuer Stellung nimmt, dann nannten ihn gewisse Kreiſe früher schlapp und pazifistisch, heute werfen sie ihm Landesverrat vor. Der Jungdeutsche Orden geht einen Weg, der mit Abenteurer utopien nichts zu tun haben will. Auf der anderen Seite wiegen sich gerade die Abenteurer in der Hoffnung, die Brüder des Jungdeutschen Ordens für ihre Pläne zu gewinnen.
Ich habe in vielen Fällen dagegen gestanden und den Jungdeutschen Orden davor bewahrt, in die katastrophenpolitik dieser Kreise verstrickt zu werden. Darum hassen sie mich mit einer Leidenschaft, die man in solchen Fällen stets findet.
Die Anschuldigung des Landesverrats ist nicht neu. Neu ist nur, daß sie jetzt nicht mehr bloß gegen linksgerichtete Politiker, sondern auch gegen Führer vaterländischer" Verbände als schmutzigstes aller Kampfmittel verwendet wird. Auch die Behauptung, daß gewiffenlose Abenteurer von rechts eine Ratastrophenpolitit zum Schaden Deutschlands treiben, ist nicht neu. Neu ist nur, daß sie von einem„ paterländischen" Führer bestätigt wird.
Die geheimnisvolle Denkschrift Mahrauns soll eine Stelle
enthalten, die sich auf den Major v. Sodenstern, den Redakteur der Claß- Ehrhardtschen„ Deutschen Zeitung", bezieht. Der Jungdeutsche hatte Herrn Sodenstern seine Bereitwilligfeit erklärt, diese Stelle zu veröffentlichen, falls er es wünsche. Herr v. Sodenstern hat darauf verzichtet. Jetzt erfolgt die Beröffentlichung ohne seinen Wunsch. Es handelt sich um ein vom Genossen Heilmann in seiner Landtagsrede schon an
deutungsweise erwähntes Protokoll über eine Erklärung Sodensterns. Nach dem Protokoll hat Sodenstern gesagt:
Ich spreche hier nur als Sprachorgan und als ausführendes Orgm meines Chefs, des kapitans Ehrhardt. Meiner Meinung nach ist ein putsch, der von nationaler Seife veranlakf wird, so lange von vornherein zum Scheitern verurteilt, jo lange nicht ein kommunistenputsch vorhergeht. Sollte dieser von uns erwähnte Kommunistenputsch nicht von selbst
tommen,
dann muß er eben provoziert werden, dann müffen die Großzindustriellen Berlins , wie Borsig, Siemens, Schwarhtopff, knorrbremse und sonstige Unternehmer, die der Deutschen Industriellenvereinigung angeschloffen find, nochmals größere Arbeitermassen auf die Straße werfen. In demselben Augenblid, wenn fommunistische Unruhen einfetzen, wird das Wachregiment der Reichswehr aus Berlin herausgezogen und nach Döberih verlegt. Berlin ift schutzlos, da wenigstens 50 Prozent der grünen Polizei nicht ganz sicher find. Der„ Wifing" wird erst dann seine Hilfe zur Niederschlagung des Kommuniffenpuffches zur Verfügung stellen, wenn von Regierungsfeite aus den Verbänden Garantien gegeben werden, in der Richtung, daß ganze Arbeit geleistet wird, d. h. 3 erfchlagung des Parlamentarismus, Absetzung nicht nationaler Oberpräsidenten und Landräte ufw.
Das Protokoll sagt zum Schluß: Obwohl er nicht ausdrücklich darauf hinwies, mußte der Einbrud erwedt werden, als ob dieser beabsichtigte Regierungswechsel von Hindenburg veranlaßt bzw. gutgeheißen werde.
Was hier geplant wurde, war der infamste Schurtenstreich, der jemals gegen ein Bolt geplant worden ist. Keine Maßnahme der Entente im Kriege fann sich an Verruchtheit mit diesem Plane messen. Herr v. Sodenstern aber versucht den Anschein zu erwecken, als ob der Reichs= präfident auch im Komplott sei.
Und so etwas läuft frei herum!
Während sich Claß, Ehrhardt, Sodenstern in ihrer Art auf die Innenpolitif geworfen haben, treibt der Oberst a. D. Nicolai in gleich verbrecherischer Weise Außen= politif auf eigene Faust. Ueber sein Treiben berichtet ein Jungdeutscher an seinen Hochmeister Mahraun in einem Brief aus Erfurt vom 27. Februar d. J.:
Den Transport der in der Schweiz arbeitenden russischen Bolsche wisten durch ganz Deutschland 1917 über die Ostfront nach Rußland im gefchloffenen Eisenbahnwagen erzählte er, als sein Bert, mit viel Behagen. Auch betonte er seine Neigung zur Ostpolitit, sprach von dem großen, russischen Heer und der kommenden kriegerischen Auseinandersetzung mit Frankreich , die allerdings bei den Geschwindigkeiten, mit denen man jetzt Heere nach vorne werfen tönne, in unjerer Gegend( Elblinie) auszufechten jei. Er wolle das