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Nr. 276 43. Jahrg. Ausgabe A nr. 142

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Sozialdemokrat Berlin

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297.

Bir marschieren!

Dienstag, den 15. Juni 1926

Vorwärts- Verlag G.m.b. H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3 Bottichedtonto: Berlin 87 536- Banffonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Wallstr. 65; Diskonto- Gesellschaft, Depoktentaffe Lindenstr.&.

Mit uns das Volk!

Ein großer Tag der Sozialdemokratischen Partei Berlins .

Die Demonstration, zu der die Sozialdemokratische Partei aufgerufen hatte, war ein wuchtiger Auftakt zu der Ent­scheidung des 20. Juni. Berlin stand im Zeichen dieser De­monstration. Nach Arbeitsschluß begann es sich zu regen. Sammlung, Anmarsch, Aufmarsch. Die Straßen umjäumt von dichten Scharen von Zuschauern. Anmarsch in geschlossenen, endlosen Zügen, davor, daneben, dahinter, ungeordnet von allen Seiten: ein Ziel der Luftgarten.

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Eine große Demonstration!

Aufmarsch im Lustgarten. Ein imposantes Bild! Ueber den Massen ein Wald von roten und schwarzrotgoldenen Fahnen. Der Anmarsch will nicht enden. Schon sprechen die Redner zu den Massen, und noch immer ziehen in geschlossenen Reihen die Demonftranten heran.

Bon diesem Anmarsch und Aufmarsch ging eine Bewe­gung aus, die sich der ganzen Stadt mitteilte. Ueber Mil­lionen haben sich in Berlin für das Boltsbegehren einge zeichnet. Etwa der achte Teil dieser Million zog gestern zum Lustgarten, um zu demonstrieren für die Enteignung der Fürsten durch den Boltsentscheid. Mit ihnen war die Sym­pathie der Bevölkerung der Reichshauptstadt.

Die Agenten und Beauftragten der Fürsten haben am Sonntag auf dem gleichen Plage eine Kundgebung für die Fürsten gegen den Bolfsentscheid unter der schwarzweißroten Fahne inszeniert. Sie haben Demonstration gespielt. Sie haben das Urteil herausgefordert, auf welcher Seite das Bolk fsteht. Es folgte ihnen ein winzig fleines Häuflein von Menschen, das sie sich erfauft haben: Angehörige ihrer Dr­ganisationen, auf die sie putschistische Hoffnungen sehen, An­gehörige von gelben Wertvereinen. Das war ein flägliches Spiel fein Ausdruck einer Bewegung, die tief im Bolte verankert ist und die Massen des Volkes ergreift und bewegt. Es war eine befohlene, eine gemachte Demonstration, ohne Anteilnahme der Bevölkerung. Sie endete mit Hohn und der Mißachtung des Berliner Volfes.

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Diese Episode ist versunken vor der mächtigen Demon­firation, zu der die Sozialdemokratische Partei gerufen hat. Es war seit langem wieder eine stolze Massenfundgebung. Es ist fein Bergleich möglich zwischen diesem Aufmarsch der Hun­derttausende und dem Häuflein der Fürstenknechte und Schwarzweißroten vom Sonntag. Man tann Ünvergleichbares nicht meffen.

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strömten, folgten ihrem Rufe. Die Kommunistische Partei hat sich nicht in die Front eingeordnet. Sie hatte ihre Anhänger zu gesonderter Demonstration am Sonntag aufgefordert. Sie hat damit ebenfalls eine Frage gestellt, und hat gestern eine Antwort darauf erhalten. Die Antwort lautet: die Massen des Boltes folgen der Führung der Sozialdemokratischen Partei im Kampfe gegen die Fürstenforderungen. Ihr ver­trauen sie, und mit ihr gemeinsam protestieren und demon­strieren sie für das Recht des Boltes gegen die Fürsten sei es in mächtigen Rundgebungen auf der Straße, sei es im Kempfe mit der Waffe des demokratischen Stimmrechts.

Wir marschieren, und mit uns marschiert die Demokratie,

rielle Güter

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das Recht und die republikanische Gesinnung des Boltes. Denn der Kampf, der seinen Gipfelpunkt am kommenden Sonntag erreichen wird, ist nicht nur ein Kampf um mate­Es war demokratisch- republikanische Gesinnung, die gestern die Hunderttausende in den Luftgarten geführt hat, fester innerer Glaube an das Recht der Forderung nach der Enteignung der Fürsten . Wo die feste Ueberzeugung des Rechts ist, da ist der Mut zum Bekenntnissei es in der Straßenfundgebung, sei es mit dem Stimmzettel.

Diefe Ueberzeugung und dieser Mut ist auf der Geite des Boltes- nicht auf der Seite der Fürsten und ihrer Agenten.

Gestern die Demonstration, am Sonntag die Abstimmung! Eine mächtige, aufrüttelnde Wirkung ging von der wuchtigen Demonstration unter den roten und schwarzrotgoldenen Fahnen aus. Die letzte, entscheidende Woche des Kampfes gegen Fürstenraubgier und Fürstenübermut ist angebrochen. Der Kampf geht seinem Höhepunkt entgegen. Am Sonntag fällt die Entscheidung. Gestern sind die Massen aufmarschiert, um den Fürsten und ihren Agenten ihren Protest und ihren unbeugsamen Willen in die Ohren zu schreien, um die letzten Säumigen aufzurütteln. Am Sonntag werden sie in vielen Millionen zu den Wahlurnen strömen, um ihr Ia für die Fürstenenteignung, ihr Votum gegen die Fürsten in die Wag­

Wir marschieren! Mit stolzer Zuversicht sehen wir der Entscheidung des Boltes entgegen. Der gestrige Tag mit seiner gewaltigen Kundgebung war ein großer Tag im Kampf um Wolfsrecht und Fürstenhabgier, ein großer Tag der Sozial­demokratie Berlins !

Schacht als Demokrat z. D.

Ein Brief an Koch- und Kochs Antwort.

von jeher für einen auf Freiheit und Ordnung aufge

Der Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat in einem Brief| meine Sympathien nach wie vor mit denjenigen Männern sind, die an den Parteiführer Koch , den der Demokratische Zeitungs­Dienst" wiedergibt, seinen Austritt aus der Demokratischen Partei ausführlich begründet. Schacht zitiert dabei zunächst einen Brief, den er am 19. Mai an Koch geschrieben hatte, in dem es heißt:

Es handelt sich beim Volksentscheid um etwas Grundsätzliches, und ich glaube, die Demokratische Partei tann bei aller radifalen Haltung gegenüber den Fürsten , die ich durchaus verstehen würde, gar nicht scharf genug in dieser grundsätzlichen Frage betonen, daß fie eine Bartei ist, die auf dem Boden des Privateigen. tums steht und sich ganz scharf trennt von allen grundsäßlichen sozialistischen und fommunistischen Anschauungen in dieser Frage. Es ist deshalb auch eine offizielle Parole, die Stimmabgabe freizugeben, nach meiner Auffaffung für die Partei nicht tragbar.

Aber dieser trübfelige verlorene Versuch der Agenten der Fürsten am Sonntag und der Massenaufmarsch des Volkes am Montag das ist symbolisch für die große Entscheidung, die am Sonntag gefällt werden muß. Auf der einen Seite die wenigen, die Herrenkaste von einst, die voll Berachtung auf Da die Partei dennoch die Stimmabgabe freigab, vollzog das Volk herabsah, es fnechtete und drückte, und nun einen Schacht am 21. Mai seinen Austritt und fügte hinzu, daß seine legten großen Raubzug gegen das Bolt durchführen möchte- grundsäglichen Anschauungen unverändert blieben. Eine Ber­auf der anderen Seite das Bolt. Wird entschieden nach demo- öffentlichung unterließ er, weil er eine parteipolitische Aus­fratischem Recht, so fällt die Stimme des Volkes wuchtig und nutzung gegen die ihm nahestehende Partei nicht wünsche. schwer gegen die Fürsten . Nach diesen Feststellungen fährt Schacht fort:

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Es marschiert niemand für die Fürsten aber wir, das Volk, wir marschieren! Am 20. Juni werden viele, viele Millionen für den Volksentscheid gegen die Fürsten ihre Stimmzettel abgeben, werden ihr I a für die Enteignung der Fürsten in die Wahlurne werfen aber wenige, ein fleines, fleines Häuflein nur, werden sich mit dem Nein schützend vor die Fürsten stellen. Denn die Fürsten und ihre Agenten wagen es nicht, ihre Anhänger zur Zählung, zur Stimmabgabe auf zufordern. Sie wissen, daß sie unterliegen würden, und wie fie unterliegen würden!

Die Agenten der Fürsten haben mit ihrem Demonstra tionsexperiment vom Sonntag eine Frage gestellt: eine Frage an ihre Anhänger, eine Frage an die Bevölkerung der Reichs­hauptstadt. Sie haben am Sonntag die erste Antwort von ihren Anhängern und von der Bevölkerung Berlins erhalten. Die Zahl ihrer Anhänger ist verschwindend klein, ist verwirrt und entmutigt, und die Bevölkerung Berlins will von ihnen nichts missen.

Gestern erhielten sie die zweite Antwort, eine wuchtige unzweideutige Antwort: das Bolt ist für den Boltsentscheid, für die Enteignung der Fürsten ; der Partei die dem Rampf gegen die Fürstenforderungen führend vorangeht, gehören die Sympathien der Bevölkerung der Reichshauptstadt.

Wir marschieren!

Die Sozialdemokratische Partei hat zu dieser Kundgebung gerufen. Die Hunderttausende, die gestern durch die Straßen Berlins unter den roten und schwarzrotgoldenen Fahnen

Bon Jugend auf habe ich unverändert da s Privateigen­tum und die Erweckung des wirtschaftlich individuellen Intereffes tum und die Ermedung des wirtschaftlich individuellen Intereffes nicht nur als eine der unerläßlichen Grundlagen des Staates, sondern auch als Vorausseßung menschlichen Zusammenlebens überhaupt verfochten. Nur auf Grund dieser innersten Ueberzeugung habe ich in den letzten Jahren gegen unsere ausländischen Widersacher den in den letzten Jahren gegen unsere ausländischen Widersacher den Rampf zu führen versucht für die Anerkennung der wirtschaftlichen Notwendigkeiten des deutschen Belkes. Nur aus dieser Ueberzeugung heraus fonnte ich die wegnahme deutschen Eigentums im Kriege als den größten Schlag gegen das fünftige friedliche Busammenleben der Völker bezeichnen und seine Wiedergutmachung fordern. Ich will und kann mir auch nicht im kleinsten die mo ralische Basis für meine weitere Tätigkeit in dieser Richtung dadurch nehmen lassen, daß ich bei einer politischen Aktion passiv bleibe, die gegen meine Bemühungen ins Feld geführt werden könnte.

Ich hoffe, daß diese kurze Begründung meinen Schritt für unsere politischen Freunde verständlich macht.

Daß dieser Schritt von rechts her zu Angriffen auf die Deutsche Demokratische Partei benutzt wird, wird hoffentlich auf hören, wenn ich hier ausdrücklich feststelle, daß von allen Barteien, die auf dem Boden des Privateigentums stehen, die Deutsche Demokratische Partei diejenige gewesen ist, die die mög­lichen Folgen einer nicht rechtzeitig ergangenen gesetzlichen Fürsten­abfindung erkannt und ihre Bemühungen am stärksten für eine solche Regelung eingefegt hat. Unsere Partei hat auch hier gezeigt, daß fie ven staatspolitischem Berantwortungsgefühl beseelt ist, und des halb bitte ich, meine Ausführungen damit schließen zu dürfen, daß

bauten Boltsstaat gefämpft haben, und denen wir es in erfter Linie zu verdanten haben, daß im November 1918 das deutsche Bolt nicht nach der äußeren auch noch in den Strudel der inneren Zerstörung hineingetrieben ist.

Roch hat in einer Rede in Frankfurt a. d. D. zu dieser grundsätzlichen Frage Stellung genommen, indem er er­flärte:

Die Parteileitung vermag bei dieser Sachlage zu einer bejahen­den Beteiligung am Boltsentscheid nicht zu raten, weil sie das Brinzip des Privateigentums als der unentbehrlichen Grundlage jedes wirtschaftlichen Fortschritts auch in einem so be­sonders gelegenen Fall nicht angetastet wissen will. Aber sie weist es von fich, von denjenigen ihrer Parteimitglieder abzurücken, die diese Frage anders beurteilen. Es gibt viele Demokraten, die glauben, daß die Rechte einen Sieg als einen Sieg der Mon archie über die Republit auswerten werde. Es gibt ferner viele, die glauben, daß mir dann nach der zu erwartenden Ablehnung des Boltsentscheids eine angemessene Regelung zustande käme, wenn fich für den Boltsentscheid eine große Menge Wähler erklärten. Sie weisen darauf hin, daß nicht nur Fürst Bismard diejenigen verspottete, die solche politischen Fragen vom Standpunkt eines Kreisrichters beurteilen, sondern daß auch der Fürst Bülow in der polnischen Enteignungsfrage diejenigen tadelte, die in abstraktem Formalismus aus einem uns Deutschen eigenen Trieb auch große Fragen vom Standpuntt des Kreisrichters beurteilten, während es die erste, oberste und vornehmste Pflicht des Staates sei, sich selbst zu behaupten.

Bei dieser ohne unsere Schuld verwirrten Sachlage wird jeder Wohlwellende verstehen, daß die Deutsche Demokratische Partei von einer Festlegung ihrer Anhänger absehen mußte.

Wir möchten zu diesem Streit bemerken, daß sich mit dem Begriff des Privateigentums hier nicht viel anfangen läßt. Das Privateigentum überhaupt will niemand zerstören. Für die Ueberführung von Produktionsmitteln aus dem Privateigentum in das Gemeineigentum ist die Frage der Entschädigung nicht entscheidend. Die Enteignung der Fürsten­vermögen hat aber mit sozialistischen oder indi= vidualistischen Wirtschaftsprinzipien nichts zu tun. Schachts Auffassung läuft darauf hinaus, daß aller Besitz ohne weitere Prüfung seiner Entstehungsgrundlagen als unantastbares Privateigentum angesehen werden müßte. Aber da er den demokratischen Antrag zur Fürstenabfindung lobt, der jener Auffaffung feineswegs entspricht, gerät er mit sich selbst in Widerspruch. Er beweist damit nur, daß mit dem tapitalistischen Dogma von der ,, Unantastbarkeit" jedes foge= nannten Privateigentums den Problemen der Gegenwart nicht beizukommen ist.