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Abendausgabe

Nr. 27743. Jahrgang Ausgabe B Nr. 136

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Vorwärts

Berliner Dolksblatt

10 Pfennig

Dienstag

15. Juni 1926

Berlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin S. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297

Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Finanzminister Péret zurückgetreten.

zurüfgetreten.

Briands fünfter Finanzminister.

Paris , 15. Juni. ( WIB.) Finanzminister Péret ist| Angst vor den Bauern, und man wagt infolgedessen auch nicht, von der Arbeiterschaft eine Lohnsteuer abzuziehen. Dafür ver­sucht man, die breiten Massen mit indirekten Steuern zu belasten. Aber alle diese Abgaben vermögen nicht das Gleich gewicht des Budgets wieder herzustellen, weil alle Berechnungen nach furzer Zeit durch die Verschlechterung der Baluta über den Haufen geworfen werden. Andererseits ist ein einflußreicher bei uns Stinnes und Genossen- an der Inflations­Teil der französischen Wirtschaft, ebenso furzsichtig wie einst wirtschaft interessiert: das sind die großen Industriellen und Exporteure, die die Scheintonjunktur der Inflation, ohne Rücksicht auf den unvermeidlichen Katzenjammer der Gold­bilanzen nach erfolgter Stabilisierung, ausnußen wollen.

Paris , 15. Jun.( WTB.) Finanzminister Béret erflärte nach dem Kabinettsrat, daß angesichts der Hausse der ausländischen Devisen und des Ausbleibens der tatkräftigen Unterstützung, auf die die Regierung gerechnet habe, es ihm nicht mehr mög lich sei, seinen Posten wirksam auszufüllen. Andererseits halte er es für notwendig, eine parlamentarische und politie Umbildung entsprechend den Wünschen der öffentlichen Mei­nung möglich zu machen, da die Oeffentlichkeit angesichts der gemein­famen Gefahr eine gemeinsame Anstrengung fordere. Aus diesen

Gründen trete er zurück.

*

Mit dem Rücktritt Pérets ist Frankreich innerhalb eines Jahres mun glücklich seinen fünften Finanzminister los. Die Reihenfolge war: Caillaug, Painlevé , Lou­cheur, Doumer und Péret. Jeder kam mit neuen Bor­schlägen, feiner vermochte die Verschlechterung des Franken aufzuhalten, jeder wurde, zum Teil nach sehr kurzer Zeit, durch den Entrüstungssturm der öffentlichen Meinung weggefegt. Das Versagen der einzelnen Finanzminister ist vor allem darauf zurückzuführen, daß teiner den Mut hatte, dem Lande die volle Wahrheit zu sagen, nämlich, daß der Franken­sturz unaufhaltsam sein wird, so lange das französische

Bolt teine Steuern zahlt.

Bas an diretten Steuern in Frankreich aufgebracht wird, ist lächerlich gering, besonders gemessen an Deutschland und England. Man schont bewußt die Besitzenden, man hat

Die dümmsten Lügen.

Gerade gut genug für die Fürstenknechte. Der Lokal- Anzeiger" hat sich dazu entschlossen, die Pros anda gegen den Bolksentscheid für die Fürstenraubgier aufzunehmen. Er spekuliert dabei auf das furze Gedächtnis feiner Leser. Da die Erfahrungen mit dem Boltsbegehren ihm gezeigt haben, daß die betrogenen Inflationsopfer in Massensieliung gegen die Fürsten Stellung genommen haben, jucht er ihnen jezt vorzureden, daß die Sozialdemno fratie schuld sei. Zu diesem 3wed frischt er die folgende blöde, längst widerlegte Lüge auf:

Man hofft, daß vergessen sei, wie der Reichskanzler Dr. Cuno in dem Augenblid gestürzt wurde, als er durch Helfferichs geniales Rentenmartprojekt dem Elend der Inflationszeit ein Ende machen wollte, und daß der sozialdemotra tische Finanzminister Dr. Hilferding es war, der diesen Rettungsplan ablehnte und das deutsche Bolt dadurch in die aller schwersten Inflationswirren erst hineinstürzte."

Es braucht tein Wort über den Schwindel verloren zu werden, daß Cuno sich mit der Absicht getragen habe, der Inflation ein Ende zu machen, derselbe Cuno, auf dem die volle Berantwortung für den ungeheuerlichen Inflations. schwindel während des Ruhrkampfes lastet! Was aber die Stellung Hilferdings gegenüber Helfferichs Brojekt anbelangt, so steht längst fest, daß Helfferichts Projekt, das auf der Roggenwährung aufgebaut war, unbrauchbarmar, einmal, weil es nicht zu einer Stabilisierung führte, dann, weil es die Souveränität des Reiches den großkapitalistischen Spizenverbänden ausliefern wollte. Das Rentenmartproieft aber, das dem Reichsrat vorgelegt wurde, und von dem tie Stabilisierung der deutschen Währung ihren Ausgang nahm, trägt die Unterschrift des sozialdemokratischen Finanzmni sters Hilferding .

Hat der ,, Lokal- Anzeiger" nur die ältesten und dümmsten Lügen zur Verfügung, wenn er die Fürsten verteidigen will? Warum redet er nicht ein wenig von den Fürsten selber und deren habgierigen Ansprüchen?

Loebells Bettler.

Im Auftrage Locbells und des Reichspräsidenten "? Wir haben heute früh von dem Bettelgang des früheren Ober­leutnants v. Falkenhayn Mitteilung gemacht, der im Auf trage Loebells bei Geschäftsleuten für den Wahlfends der Fürsten sammeln geht.

Gleichzeitig ist das Berliner Tagesblatt in der Lage, von ähnlichen Besuchen durch frühere Offiziere in Provinzstädten zu berichten, nur mit dem fleinen Unterschied, daß dort der ge­brudten Karte Staatsminister v. Loebell bittet, Herrn.. empfangen zu wollen" noch mündlich hinzugefügt wird, daß das Betteln im Auftrage des Herrn v. Loebell und des Reichs= präsidenten " erfolgte.

Ist dem Bureau des Reichspräsidenten auch von diesem Miß­brauch des Namens Hindenburg nichts befannt geworden?

Popolo d'Italiagegen Genfals Völkerbundsit Wegen der Zwischenfälle bei der Matteotti- Feier. Rom , 15. Juni. ( BIB.) Popolo d'Italia" veröffentlicht heute einen Artikel zu den antifaschistischen Rundgebungen gegen Italien in Genf . Das Blatt fragt, ob heute noch Genf den Bertretern der verschiedenen Staaten beim Bölferbund bie not. pendige Gewähr dafür biete, baß fich die Unterhandlungen

bid And

Wie es war.

Und wie die anderen es gewünscht hätten.

Die große Bewegung, die die machtvolle Demonstration der sozialdemokratischen Partei Berlins gegen die Fürsten­der Bresse von heute morgen. Gegenüber der Wucht und forderungen hervorgerufen hat, findet ihren Widerhall in der Größe dieser Demonstration gibt es kein Kopf- in- den­Sand- Stecken und Vertuschen. Das Volk wurde aufgerufen, und das Bolt marschierte, es marschierte mit uns gegen die Fürsten . Verbisfen schweigt die Fürstenpresse gegenüber der

Stimme des Boltes.

So war es, und wer aus verbissenem engstirnigem Fana­tismus die Größe der gewaltigen Rundgebung trozdem noch verkleinern möchte, der mag sich die Stimmen der bürger­lichen Breffe ansehen, aus denen der Respekt vor dem ein­drucksvollen Massenaufmarsch hervorleuchtet.

So berichtet die bürgerliche Preffe, wie es war: ,, Vossische Zeitung":

Die Sozialdemokratische Partei veranstaltete gestern abend

Briand , der vor allem ein Taktiker und fein Tatmensch ist, und der überdies bei aller hervorragenden Intelligenz auf allen Gebieten der Politik von Finanz und Wirtschaft wenig gemeinsam mit den freien Gewerkschaften und dem Reichsbanner versteht, hat sich der Finanzkrise offenkundig nicht ge= Schwarz- Rot- Gold eine Kundgebung für die Fürstenenteignung im wachsen gezeigt. Er begnügte sich damit, seinem jeweiligen Lustgarten. Der gestrige Aufmarsch dürfte der größte Finanzminister. freie Hand zu lassen, ihn vor der Kammer durch seit jener dentwürdigen Rundgebung nach dem Stellung der Vertrauensfrage zu decken, und ihn, wenn es Rathenau - Mord im Lustgarten gewesen sein. Als der weite nicht mehr weiterging, hinauszufomplimentieren. Es ist aber Blak vom Alten Museum bis zum Schloß, vom Spreeufer bis zum feineswegs sicher, daß ihm diese Tattit diesmal wieder gelingen Dom vollständig überfüllt war, stauten sich die Massen in den An­wird, und es ist durchaus möglich, daß diese neue Finanz- marschstraßen, so daß es in der Nähe des Schlosses kaum noch ministerkrise eine Gesamtkrise der Regierung Briand möglich war, den Berfehr aufrechtzuerhalten. Erst gegen 48 Uhr zur Folge hat

An der heutigen Berliner Börse notierte das englische Pfund gegenüber dem französischen Franken 175( gestern 173%).

im Böllerbund in einem Milieu der Zurückhaltung und Objektivität vollziehen tönnten. Es sei unmöglich, daß ein Minister als Gast in einer Stadt weile, in der öffentliche Kundgebungen gegen sein Land, gegen deffen Regierungschef und König geduldet würden. Für Italien , sagt Popolo d'Italia", sei die Lage um so heiffer, weil gelegentlich der Bölkerbundssitzungen gewiffe politische und gebungen in Genf stattfanden, um die italienische Re­gierung und ihr System vor der gesamten Welt anguflagen. Endlich macht Popolo d'Italia" darauf aufmerksam, daß Bestrebun­gen beständen, den Sitz des Völkerbundes von Genf nach Wien zu verlegen, wo man in den ehemaligen kaiserlichen Palästen Blaß genug für sämtliche Bedürfnisse des Bölferbundes haben würde. Die Zwischenfälle bei der Matteotti - Gedenkfeier sind durch faschistische Beamte des Internationalen Arbeitsamtes pro poziert worden, die unter Führung des italienischen Bize konsuls de Vinzi in die öffentliche Versammlung gekommen waren, offenfundig in der Abficht, sie zu stören. Anscheinend war Don Rom der Befehl gekommen, eine Wiederholung der wuchtigen Protestdemonstration, die im März während der Tagung des Böller­

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bundes gegen den Faschismus veranstaltet worden war, um jeden Breis zu verhindern. Das ist den Faschisten gründlich vorbei. gelungen und daher die But.

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Gebt ihm nichts! Er füttert damit nur seinen Affen!"

war der Aufmarsch beendet."

,, Morgenpo ft":

,, Die Zahl der Teilnehmer überstieg die Rundgebun. gen der Rechtsradikalen und der Kommunisten am Sonntag um ein Bielfaches. Der Luftgarten war dicht gefüllt.

,, Berliner Tageblatt":

gebung gestalteten fich gestern abend die Demonstrationen des

3u einer außerordentlich machtvollen Rund Reichsbanners und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands abends marschierten aus allen Stadtteilen in endlosen Kolonnen für die Fürstenenteignung im Luftgarten. Zwischen 6 und 7 Uhr unter Borantritt der Reichsbannertapellen die Teilnehmer nach dem Innern der Stadt. In den einzelnen Straßen, die von den 3ügen passiert wurden, begrüßte eine bichtgedrängte Menschenmenge die Demonstranten. An vielen Häusern waren zum Zeichen der Rundgebung beim Borbeimarsch der Maffen schwarzrotgoldene Fahnen angebracht.

Bereits um 6 Uhr, eine Stunde vor dem eigentlichen Beginn, hatten sich im Luftgarten riesige Menschen­scharen angesammelt. Unter der Menge, die nach der Frei­treppe drängten, war viel bürgerliches Publitum. Als die ersten Marschmelodien aus der Ferne erflangen, als man die ersten roten und schwarzrotgoldenen Standarten unter die grünen Wipfel um

den Dom trug, war der Plaz schon dicht gefüllt. Aber immer neue Massen rückten aus den Nebenstraßen heran und

wurden von den Ordnern durch das Gewimmel um die Freitreppen an ihre Standorte placiert."

,, Berliner Bolts Zeitung":

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Die Kundgebung, die gestern abend von der Sozialdemo fratischen Partei für den Bolfsentscheid veranstaltet wurde, war eine der imposantesten, die Berlin in den legten Jahren gesehen hat. Die Zugangsstraßen zum Lustgarten waren schwarz von Menschen, dichtgedrängt standen sie; dieser große, weite Platz war überfüllt von Demonstranten, Tausende von roten und schwarzrotgoldenen Fahnen flatterten in der Luft. Ueber­all Begeisterung und Hingabe, überall Einmütigkeit, und das eine Ziel vor Augen: feinen Pfennig den Fürsten ! Hundert tausende von Menschen im Lustgarten gaben gestern den Monarchisten, die sich am Sonntag so grenzen los blamiert hatten, die richtige Antwort. Es war ein großer Tag in der Geschichte der Republit, es war ein Kampftag."

So war es: ein großer Tag in der Geschichte der Re­publit, aber auch ein großer Tag der Sozialdemokratischen Partei Berlins . Sie hat das Volk gerufen, und das Volk ist diesem Rufe gefolgt. Sie ist in der Reichshauptstadt die Führerin der republikanischen Bevölkerung, die Partei des merttätigen Boltes. Boll stolz weist sie auf das Zeugnis ihres Vormarsches: seht unsere machtvolle Kundgebung.

So war es, und daß es so war, ist hart für jene, die es anders gewünscht haben. Hart für die Agenten der Für sten und ihre Presse, hart für die Kommunisten, die niemals eine große Boltsbewegung verstanden haben und sie niemals verstehen werden. Die Fürftenagenten und ihre Preffe haben dabei eines vor den Kommunisten voraus: sie sehen die Tat­sachen und vermeiden es, das Gelächter der ganzen Reichs­hauptstadt hervorzurufen durch eine Darstellung, die jeder Berliner mit hohnlachen als Phantasiegeburt befangener fanatischer Köpfe erkennt. Es ist von je das Vorrecht des extremen Radikalismus, die Dinge nicht so zu sehen, wie fie find, sondern wie er sie gewünscht hätte.

Die Deutsche 3eitung" phantasiert davon, daß am Sonntag mehr Schwarzweißrote demonstriert hätten als Gegner der Fürstenforderungen am Montag, genau gezählt 3000 mehr. Nun, mer dabei war, wird fopfschüttelnd lächeln. Aber die Rote Fahnel Sie hätte gewünscht, daß