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Mbenöausgabe Nr. 2S7 4 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 141

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(10 Pfennig) Montag 21. Juni 1�26

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Zentralorgan der Sozialdcmokratlfcben Partei Deutfcblands Das Ergebnis des volksentftheiös. Vorläufige berichtigte Gesamtzahl: 14 441 SSV Ja.

Das erste Wort der Hugenberg-Presse nach dem Volks» entscheid was kann es sein als wieder eine Lüge? In dicken Lettern steht über der Montagausgabe d«sBerliner Lokal» Anzeiger":Das Volt sagt N e i n!" Das ist nicht wahr. Rund 14# Millionen deutscher Volks» genossen sagten Ja, rund eine halbe Million Nein, und die andern sagten überhaupt nichts. Wer vermag zu sagen, wie» viele von dieser schweigenden Masse deshalb schwiegen, weil sie mit dem Herzen auf der Nein-Seite standen, wieviele es aus ganz anderen Gründen taten? Die Ja-Sager bilden ungefähr die Hälfte des politisch aktiven Teils des Volkes, ungefähr die Hälfte der Zahl, die bei allgemeinen Wahlen von allen Parteien gemeinsam auf- gebracht wird. Man stelle sich vor, es hätte sich um eine ge- wohnliche Abstimmung gehandelt, bei der die einfache Mehr- heit entscheidet. Dann hätten die Gegner nicht die Eni» Haltungsparole ausgeben können, sondern sie hätten ihre An- Hänger auffordern müssen, mit N e i n au stimmen. Wer ver­lnag zu sagen, wieviele dieser Parole gefolgt wären? Die Masse, die gestern durch ihr Schweigen den Volks- entscheid erdrückte, setzt sich aus verschiedenen Teilen zusammen. Da sind zunächst die rund 9 Millionen, die erfahrungsgemäß an Wahlen und Abstimmungen überhaupt nicht teilnehmen. Da sind dann weitere Millionen, die es nicht wagten, an die Urne zu gehen, weil sie unter der Kontrolle und der Drohung der Gegner standen. Es bleibt ein Rest, der ü b e r z e u g u n g s- m a ß i g auf der anderen Seite stand. Wie groß er ist, läßt sich nicht berechnen. Zweifellos ist, daß die Parole dere n t s ch ä d i g u n g s- losen Enteignung" auf einen Teil der Wähler ab- schreckend gewirkt hat. Aus ihr haben die Gegner olle ihre Argumente gezogen. Es gelang ihnen, einem Teil des Volkes einzureden, daß die entschädigungslose Enteignung der Fürsten nur das Vorspiel der allgemeinen entschädigungslosen Enteignung sei. Wäre es möglich gewesen, dem Volk einen einzigen Gesetzentwurf zu unterbreiten, der den Fürsten eine gewisse mäßige Abfindung beließ, so hätten die Gegner gegen ihn überhaupt keine Waffen gehabt, und der volle Sieg wäre wahrscheinlich gewesen. Aber w i e h o ch hätte eine Absindung bemessen werden sollen das war die Frage. Und wie hätten die Kommuni st en es ausgenützt, wenn die Sozialdemo- kratie nicht den Fürsten , wohl aber dem praktischen Erfolge zuliebe einen derartigen Entwurf eingebracht hätte! Wir hätten dann den Kampf mit verkehrter Front führen müsien, und wahrscheinlich wäre es den Kommunisten gelungen, mit der Parole der entschädigungslosen Enteignung so viel Stim- men abzusplittern, daß auch auf diesem Wege der praktische Erfolg nicht erreicht worden wäre. Es wäre dann wahrschein- sich geworden wie im vorigen Jahr bei der Reichspräsidenten- wähl, wo die Kommunisten mit ihrer Thälmann -Kandidatur nichts anderes erreichten als den Sieg Hindenburgs. DieRote Fahne " von heute morgen beeilt sich, die Schuld daran, daß der praktische Erfolg nicht ereicht wurde, der S o- zialdemokratie zuzuschieben. Etwas anderes hat nie- mand von ihr erwartet. Aber sie wird mit ihren Argumenten diesmal nicht einmal auf ihre eigene Leserschar Eindruck machen. Wer glaubt denn, daß die fehlenden rund fünf Mil- sionen Stimmen aufgebracht worden wären, wenn sich die So- zialdemokratie dazu verstanden hätte, mit der KPD.Einheits- front" zu spielen, so wie die KPD . die Einheitsfront auffaßt, das heißt, wenn sie bereit gewesen wäre, die sozialdemokra- tischen Massen unter die Führung der kommunistischen Min- d e r h e i t zu stellen? Die Wahlziffern aus Mecklenburg und von verschiedenen anderen Wahlen zeigen doch deutlich, wie gering die Neigung der Masten des Volkes ist, sich der Mos- kauer Führung anzuvertrauen. DieRote Fahne " nennt gleichwohl die Zahl der aufge- brachten Stimmen einenungeheuren Erfolg". Dieser Erfolg ist dadurch ermöglicht worden, daß sich die S o z i a l d e m o- kratische Partei mit' ihrer großen Autorität im Volke hinter den Entwurf stellte und daß sie für ihn mit Methoden wirkte, die wirksamer sind als die kommunistischen, weil sie auf die Denkweise der wirklichen Massen Rücksicht nehmen. Wenn sich rund vier Millionen Wähler, die sonst bürgerlich stimmten, diesmal für einen Gesetzentwurf ein- setzten, der von den Sozialdemokraten und den Kommunisten eingebracht war, so geschah das wohl zumeist nicht, weil, sondern obwohl zumeist die Kommunisten dabei waren. Erreicht, ist. daß die bevorstehende Entscheidung des Reichstags unter Massendruck gestellt ist. Erreicht ist zugleich eine erhebliche Stärkung der Stellung der Sozialdemokratischen Partei sowohl in taktischer wie auch in grundsätzlicher Beziehung. Die Rechts- Parteien werden bei den nächsten Wahlen dafür zu be- zahlen haben, daß sie sich schützend vor die Geldschränke der Fürsten stellten. Und auch das Zentrum hat einen beut- lichen Beweis dafür erhalten, daß es trotz des starken Bandes der katholischen Religion nicht nach rechts gehen kann, ohne sein Parleigefüge zu zerrütten und erhebliche Massen nach links zu oersieren. Das gleiche gilt für die Demokraten.

Was ober die Kommunisten betrifft, so ist ihre Spekulation vollständig fehlgeschlagen. Für die kommu- nistische Führung war auch dieser Kampf ja nichts anderes als ein Teil der Auseinandersetzung innerhalb der Arbeiter- bewegung: i h r Kampf galt viel mehr als den Fürsten der Sozialdemokratischen Partei, die in den Spalten ihrer Blätter tagtäglich verleumdet und beschimpft wurde. Trügt uns die Hoffnung, daß auch den kommunistischen Ar- b e i t e r n, die in diesem Kampf auf demokratischem Boden und mit demokratischen Mitteln Schulter an Schulter mit ihren sozialdemokratischen Kameraden standen, diese Methode allgemach zum Halse herauswächst? Die kommunistische Führung hat, indem sie von dem Mittel des Volksentscheids Gebrauch machte, ihre prin-

Der Reichswahlleiter gibt bekannt: Das vorläufige amtliche Gesamt» ergebnis wird amtlicherseits folgender« maßen berichtigt: Bei einer Gesamtzahl der Stimmberechtigten von 39690SS9 wurden insgesamt 15585 719 Stimmen abgegeben. Davon waren 559 499 ungültig und 15 9SK SIS gültig. Mit ja stimmten 14 441 SSO und mit nein 584 723. Es haben also S9,4 Proz. aller Stimmberechtigten mit Ja gestimmt.

zipielle Kapitulation vollzogen. Das Programm der gewaltsamen Auseinandersetzung verschwimmt zu schatten- haften Schemen. Die Hoffnung, durch einen kühnen Hand- streich die Alleinherrschaft der Partei aufrichten zu können, ist auf eine ferne Zukunft vertagt. Die Gegenwart gehört dem Kampf mit politischen und gewerkschaft- lichen Mitteln im Rahmen der bestehenden Verfassung der demokratischen Republik, llnd wenn uns von kommunistischer Seite täglich gepredigt wird, die Bourgeoisie werde diesen Rahmen sprengen, sobald er ihr unbequem werde was folgt daraus anderes, als daß wir ihn oer- t e i d i g e n müssen im Interesse des Proletariats? Die Not des Volkes, die Verzweiflung breiter Massen findet in den 14l, Millionen Ja-Stimmen ihren erschüttern- den Ausdruck. Weh dem, der vor ihm seine Augen ver- schließt. Das Volk radikalisiert sich. Aber diese Radikalisierung vollzieht sich nicht durch Abwanderung sozialdemokratischer Arbeiter zum Kommunismus, sondern durch Zuwanderung proletarischer Massen von rechts und aus der Mitte zur Sozialdemokratie. Die Kommunisten ober haben diesmal und hoffentlich für immer darauf verzichtet, verzweifelte Massen in aussichtslose Kämpfe zu hetzen: sie exerzieren ihre Anhänger ein in den demokratischen Abstimmungskampf. Mögen sie dabei auch üble Hintergedanken haben wir zweifeln nicht daran, daß das der Fall ist, so muß doch die Wirkung ihrer veränderten Taktik eine ganz andere als die beabsichtigte sein. Sie muß sich auswirken zu einem endgültigen grundsätzlichen Sieg des demokratischen Sozialismus. Mag die kommunistische Führung auch weiter versuchen, mit luftigen Sophismen über ihre inneren Widersprüche hin- wegzuturnen, der Weg der kommunistischen Arbeiter geht mit eherner Konsequenz zurück zur Sozialdemokratischen Partei. Hat also der erste Volksentscheid noch nicht zu dem Ziel geführt, das Millionen mit heißer Leidenschaft ersehnten, so heißt es für uns: jetzt erst recht! Für eine Arbeiterpartei gibt es keinen Sieg ohne das Volk oder gegen das Volk, es gibt für sie nur einen Sieg mit dem Volte. Dieser Sieg wird und muß erstritten werden unterden Fahnen der Sozialdemokratie! Das vorläufige Ergebnis für Groß�Derlin. Nach dem vorläufigen Ergebnis des Volksent- schcids wurden in Groß-Berlin 1 7SS 37« Ja-Stim- men und««863 Nein-Stimmen abgegeben; 82«1« Stimmen waren ungültig. Die Zahl der Stimm- berechtigte« betrug 3 045 SO?.

Die fibfinüungsfrage im Reichstag. Morgen Rechtsausfchust. Offiziös wird erklärt: Die Reichsregierung wird nunmehr, entsprechend der Ankündigung des Reichskanzlers in seiner Antritts- rede vor dem Reichstag , mit allen Mitteln versuchen, den Gesehentwurs über die Fürstenabfindung zur Annahme im Reichstag zu bringen. Morgen wird der Entwurf im Rechtsausschuß besprochen. Was bedeutet das Ergebnis! Im Spiegel der Presse. Die Berliner M o n t a g s p o st" verweist auf den Terror: ..Ohne die Parole der Gegner des Volksentscheids, der Abstini- mung unter allen Umständen fernzubleiben, wäre die Zahl der Ja- Stimmen zweifellos oi�l höher gewesen, da auf dem Lande und iit den kleinen Städten die Furcht vor wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Boykott Tausende von der Stimm- abgäbe abgehalten hat. Es wäre deshalb falsch, wenn man jede Stimmenthaltung den Gegnern des Volksentscheids zuzählen würde." DasBerliner Tageblatt" schreibt: Immerhin haben die Millionen des Vdlksbegehrens sich gestern auf rund 15 Millionen vermehrt, eine Zdhl, die etwa der Ziffer von 260 Reichstagsmandaten entspricht. Viel mehr ul» ein Drittel aller deutschen Wähler, eine Zahl, die die samt. lichen Wähler der Dcutschnationalen, der Deutschen Voltspartei, der Bayerischen Volkspartei , der Wirtschaftlichen Vereinigung und der Völkischen weit überlrissl, hat am gestrigen Sonntag verlangt, das; die entschädigungslose Enteignung aller ehemaligen Fürsten vor- genommen werde." Es verweist weiter auf die Notwendigkeit einer parla- mentarischcn Lösung: Die republikanischen Parteien werden jetzt den Kampf um diese Lösung aufzunehmen haben. Versagt sich der Reichstag noch weiterhin dieser Ausgabe, trotz des Gewichts der 15 Millionen Stimmen, die gestern abgegeben worden sind, dann muß er aufgelöst werden, und dann wird das deutsche Volk einen Entscheid zu treffen wissen, der zum Ziele führt." Der reaktionären Presse aber ist nicht nach Sieg zumute. DerL o k a l- A n z e i g e r" schreibt: Der Sturmangriff ist abgeschlagen. Aber, täuschen wir uns nicht darüber: nach schwersten Kämpfen, unter harten Verlusten." Unter harten Verlusten: viele hunderttausende Wähler der Deutschnationalen sind ihrer Parole nicht gefolgt. Der Volks- entscheid zeigt einen Ruck nach links. Was weiter! Betrachtungen der Zentrumspreffe. Köln . 21. Juni. (Eigener Drahtbericht.) DieKölnische V o l k s z e i t u n g" betont in einer längeren Wahlbctrachtung am Montag morgen, daß alle rechts von der Sozialdemokratie stehenden Gruppen durch die Agitation für den Volksentscheid ins Gedränge gekommen seien und längere Erörterungen durchmachen müssen. Die Zentrumspartci müsse überlegen, ob es nicht angebracht sei, eine Aussprache über die Lehren des Volksentscheids auf einem besonderen Parteitag anzusetzen. Wenn nicht alles trüge, werde der Herbst oder der Winter Neuwahlen bringen. Es sei daher gut, vor den Wahlen in frischer offener Rede und Gegenrede die gegenwärtigen politischen Probleme zu behandeln. Die E n t- «ignungsparteien hätten heute zwar verloren, aber. morgen würden sie gewinnen, wenn diejenigen, die nur mit halbem Herzen zur Demokratie stehen, sich nicht zu einer endgültigen Regelung der Fürstenfrage aufrafften. Diejenigen, die nicht kalt und nicht warm seien, würden bei einer kommenden Staats- krife zerrieben werden. DieRheinische Volks wacht", das offizielle Kölner Zentrumsblatt, betont in seiner Wahlbetrachtung, daß das Geschrei vom 20. Juni nicht nur das Geschrei des Fürstenhasfes, sondern viel mehr noch das Geschrei eines Volkes, das in tiefster Not nach Ge- rechtigkeit ruft, gewesen sei. fiuslänüijches Presie-Echo. Paris, 21. Juni. (EP.) Die späte Nachtstunde, in der das Er- gebnis der Volksabstimmung bekannt wurde, erklärt es, daß die fron - zösische Morgenprejse heute zu dem Ergebnis noch wenig Stellung nimmt. Verschiedene Blätter, wie z. B. derMatin", machen die für oder gegen die Fürstenabfindung abgegebenen Stimmen zu einem Gradmesser der republikanischen oder nion- archistischen Gesinnung. DasJournal" meint, daß das Ergebnis des Volksentscheids auf die innerpolitische Lage einen großen Einfluß ausüben werde. London , 21. Juni. (EP.) Das vollständige Ergebnis des Volks- entscheid? war den englischen Morgenzcitungeu zur Stunde der Drucklegung noch nicht bekannt. Die meisten Blätter rechnen jedoch schon mit einem negativen Resultat. Kommentare finden sich nur vereinzelt. DieMorning Post" rechnet damit, daß das Ergeblüs