Nr. 39443. Jahrg. Ausgabe A Nr. 202
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Sonntag, den 22. August 1926
Kampf und Not der Bergarbeiter.
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Die englische Regierung will nicht eingreifen. Ende" des Streifs.
London , 21. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Die englische Regierung zeigt vorläufig noch nicht die geringste Absicht, vermittelnd in die Auseinandersehungen zwischen den Bergwerksbesitzern und den Bergarbeitern einzugreifen. Sie hofft, daß die Aussperrung durch die Rückkehr der Bergarbeiter in die Gruben„ ein natürliches Ende" nimmt. Es ist allerdings nicht zu beftreifen, daß liches Ende" nimmt. Es ist allerdings nicht zu bestreiten, daß die Zahl der arbeitswilligen Bergarbeiter langsam größer wird.
London , 21. August. ( EP.) Das ministerielle Komitee, das mit der Prüfung des Grubenkonflikts beauftragt ist, hat sich heute verfammelt. Es find aber noch keine Beschlüffe darüber gefaßt worden, ob die Delegierten der Arbeiter und Grubenbefizer eingeladen werden sollen, mit Regierungsvertretern zusammenzutreffen, um die Fragen zu erörtern. Man erwartet, daß die Regierung nach wie vor dem Abschluß von regionalen Abkommen günstig gefinnt ist.
Diese Haltung der englischen Regierung ist nicht überraschend. Nachdem die Berhandlungen zwischen den Zechentefizern und den Bergarbeitern sich zerschlagen haben, hofft die Regierung offenbar, die Bergarbeiter werden, vom Hunger getrieben, in die Gruben zu den von den Unternehmern diktierten Bedingungen zurückkehren.
Es ist gewiß, daß die Streifenden im größten Elend sich befinden und buchstäblich hungern. Sie sind nunmehr bald vier Monate im Ausstand.. Um so mehr ist es die Pflicht der Arbeiterschaft, dem Aufruf des Internationalen Gewerkschaftsbundes und des All gemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes nachzukommen und eifrig zu sammeln. Die englischen Bergarbeiter fämpfen mit bemundernsmertem Heroismus gegen die Berlängerung der Ar beitszeit. Die deutsche Arbeiterschaft darf sie da nicht im Stich
laffen.
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Von dem Elend, das in den englischen Bergwerksbezirfen herrscht, gibt eine amerikanische Journalistin in der Köln . 3tg." eine anschauliche Schilderung. Da heißt es:
Das Amt Masaryks.
Neuwahl im Frühjahr.
Prag , 21. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Die Neuwahl des Präsidenten der tschechoslowakischen Republik ist nach der Verfassung im kommenden Frühjahr fällig. Aber jetzt schon spielt die Kandidaten
Sie wartet auf das ,, natürliche
Aus dem Geficht all dieser Menschen starrt der Hunger. Frauen und Männer, mit denen ich sprach, schwantten vor Schwäche. Brotund Tee bilden seit Wochen die einzige Nahrung. Die ausgezahlten Unterstützungsgelder schwanken beträchtlich, ihr Maß hängt von der Art der Verwaltung und der politischen Einstellung der Beamten ab. So kommt es, daß einzelne Familien ihr Austommen finden, andre dagegen noch eben auf der Hungerlinie bestehen. Manchmal erscheinen die Kinder nicht schlecht genährt, aber überall gleicht ihre Bekleidung mehr Lumpen als Kleidern. Seit vier Monaten hat's teine neuen Kleider gegeben. Wäsche ist unbekannt, und vor allem das Schuhwerk ist restlos verschliffen. Die Schulochentagen, bis zu zwei Mahlzeiten täglich, die in der Schule verfinder sind etwas besser gestellt. Viele bekommen, wenigstens an teilt werden. Einige Schulen, doch lange nicht alle, fahren sogar während der Ferien fort, Nahrungsmittel zu verteilen.
Am traurigsten ist das Los der kleinen, noch nicht schulpflichtigen Kinder. Sie liegen und fizzen teilnahmlos umher und haben kaum noch die Kraft, sich zu rühren. Kaum eins sah ich spielen, und ich entfinne mich nicht, daß ein einziges lächelte. Sie waren alle gräßlich verschmutzt, aber sie find an einem Punkt angelangt, wo Brot wichtiger wäre als Seife. Ihre Augen starren groß und traurig aus grauen Höhlen.
Ueber einzelne Eindrücke bin ich noch nicht hinweggekommen. Eine Frau, die soeben einem Kinde das Leben geschenkt hat, lag nackt auf der bloßen Matratze. Das Bettzeug, ja das Hemd waren verkauft worden, um Nahrung zu schaffen. Säuglinge lagen häufig, in Zeitungspapier eingemidelt, in leeren Holzkiften. In einem Hause saß ein 14jähriges schwindsüchtiges Kind in einer Ecke und flidte ihren Rod mit einem Stück Sacktuch. Als die Mutter mit tonloser, fast abgestorbener Stimme erklärte, sie werde den Streit faum überdauern, begann das Kind still vor sich hin zu weinen, daß mir dieses stumme Weinen noch in den Ohren flingt..
Dies sind meine Eindrücke. Es macht mich traurig, das alles zu sehen. Roch trauriger aber macht mich der Gedanke, daß so wenig Menschen wissen oder wissen wollen, wie die Wirklichkeit aussieht.
zeiten auf zwei Gänge für völlig finnlos und praktisch undurchführ bar, da zu viele Möglichkeiten bestünden, das Verbot in der Praxis zu umgehen. Ebenso unzufrieden sind die Bädermeister über das Verbot, frisches Brot zu verkaufen, was zu endlosen Streitig. feiten zwischen Käufer und Berkäufer führen müsse, ohne praktisch eine Ersparnis zu bedeuten; denn altbackenes Brot sei bereits nach zwölf Stunden sozusagen ungenießbar( aber ganz neubackenes vertragen sehr viele Leute gar nicht. Red. d. B.). Der Regierungserlaß werde also eine Erhöhung statt eine Einschränkung des Brotkonsums ganz einfach die Brottarte wieder einzuführen.
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Scherben auf dem Weg!
Der Selbstvernichtungsprozeß des Kommunismus. Wenn die deutschen Kommunisten erfahren wollen, was die Uhr für sie geschlagen hat, brauchten sie nur einen Blick in die bürgerliche Presse der letzten Tage tun. Selbst durch den Stoffmangel der Sauregurkenzeit hat sich diese nicht Dazu bewegen lassen, die Vorgänge in der KPD. ausführlich zu behandeln. Große Zeitungen ließen sich Tage lang Zeit, bevor sie diese Dinge auch nur beiläufig registrierten; zu einer ausführlichen Betrachtung schwangen sich nur die allerwenigsten auf.
Für die Gläubigen ist die KPD . die Kraftzentrale der Arbeiterbewegung, die einzige gefährliche Feindin der Bour geoisie. Die Vernichtung des Kapitalismus auf dem Wege der Weltrevolution ist das große Wert, das ihr über kurz oder lang gelingen muß. Hätten sie recht, mit welcher Spannung müßte die kapitalistische, die bürgerliche Welt alles verfolgen, was sich im kommunistischen Lager ereignet! Aber von dieser Spannung ist nicht das allergeringste zu bemerken. Ob im Kampf der Geister Raß die Schellen kriegt oder Koenen, ob Thälmann die Ruth Fischer hinauswirft, oder umgekehrt die Ruth Fischer den Thälmann, das regt den Kapitalismus und die Bourgeoisie meniger auf als ein Borfampf zwischen Breitensträter und Paolino.
Mit solcher Nichtbeachtung und Nichtachtung, wie sie in der Berichterstattung der bürgerlichen Presse über die kommu nistischen Parteiwirren zutage tritt, behandelt man einen ernst zunehmenden Gegner nicht.
Was in der KPD. vorgeht, das interessiert den Kapitalis. mus und die Bourgeoisie nicht mehr. Einst haben sie beunruhigt darauf geschaut. Jegt wenden sie sich gelangweilt ab. Das ist der Schluß.
Für den Kapitalismus ist der Kommunismus fein Problem mehr, für die Arbeiterbewegung ist er es noch. Der Kapitalismus befürchtet von ihm keinen Schaden, die Arbeiterbewegung hat den Schaden, den er ihr zugefügt hat, noch nicht überwunden. Ihn womöglich noch zu vermehren, sind unbelehrbare noch immer am Werk. wüßten wir nicht aus der Geschichte mittelalterlicher Religionstämpfe, wie blind Menschen in ihrem Dogmafanatismus sein können, so hätten wir feinen Erflärungsgrund dafür, daß eine Partei, die von ihrem Klassengegner nicht mehr ernst genommen wird und die ganz offensichtlich nur noch der Schädigung der eigenen Klaffe dient, überhaupt noch existieren kann.
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argen, wenn wir über die Zerstörungsarbeit, die die KomNiemand kann es uns Sozialdemokraten vermunistische Partei an sich selbst vollzieht, eine gewiffe Genugtuung empfinden. Noch vor einem Jahr beschimpfte man uns, weil wir den Lehren der Katz und Ruth Fischer
frage in den Berhandlungen der tschechischen mit zwei der deutschen bürgerlichen Parteien über die Bildung einer Koalitionsregierung eine gewisse Rolle. Die katholischen Slowaten agitieren heftig gegen eine Wiederwahl Masaryks. Sie finden hierbei eifrige Unter- nach sich ziehen. Es wäre viel vernünftiger gewesen, so erflärt man, nicht zu folgen vermochten, als Arbeiterverräter", als ftützung bei den halbfaschistischen Nationaldemokraten, die feit langem die Wahl Kramarichs propagieren. Die Entscheidung wird voraussichtlich bei den deutschbürgerlichen Parteien liegen.
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Der Präsident wird von beiden Häusern des Parlaments auf sieben Jahre gewählt. Bis zur jüngsten Entwicklung, die bei den Zoll- und Priestergehaltsgesetzen die tschechischen Sozialdemokraten von den tschechisch- bürgerlichen Parteien trennte, dafür die deutschen Agrarier und Christlich- Sozialen zu Regierungsparteien machte, worauf die Nationaldemofraten des Dr. Kramarsch Faschismus zu treiben begannen, damit um Gottes willen nicht etwa gar Deutschbürgerliche Minister werden bis dahin hat faum jemand in- und außerhalb des Tschechenstaates daran gezweifelt, daß Masaryk , der Gründer dieser Republik , auch auf Lebenszeit ihr Präsident sein werde. Er dürfte gewiß auch wieder gewählt werden, schon weil die Deutschen den immerhin verföhnungsbereiten und gerecht denkenden, geistig so ungemein hochstehenden Masaryk zweifellos einem Grzchauvinisten wie Kramarsch vorziehen werden. Ebenso werden alle freidenten den Tschechen zwar ihrem Masaryk, nicht aber einem Reattionär, ob er Kramarsch oder sonstwie heißt, das oberste Amt in diesem Staat anvertrauen, der wahrhaftig der Staat Masaryks ist.
Poincarés Speisekarte.
Bewährung zweifelhaft.
Wer da hat, dem wird gegeben. Gewaltige Erhöhung der polnischen Offiziersgehälter Warschau , 21. Auguft.( OE.) Die Presse der national= demokratischen( antipilsudskischen) Partei gibt eine übersicht liche Zusammenstellung des Verhältnisses der soeben bewilligten Offizierszulagen zu den Grundgehäitern. Es sind erhöht worden: die Gehälter der Leutnants und der Hauptleute um 40 Prozent, Bataillonsführer um 50 Proz., Regimentskommandeure um 60 Proz., Brigadefommandeure um 80 Broz., Divisionsfommandeure um 85 Broz., Kommandeure der Armeekorps um 90 Broz. Armeeinspekteure um 100 Broz.! Das Gehalt des Kriegs ministers, insoweit er gleichzeitig Generalinspekteur der gesamten Wehrmacht ist, wird um 340 Proz. erhöht. Die Presse weist darauf hin, daß die höheren Chargen des Offizierskorps ganz unverhältnismäßig begünstigt worden seien. Gerade diese Stellungen seien von Pilsudsei- Anhängern gewissermaßen monopolisiert. Die genannten Blätter knüpfen an diese Mitteilungen ziemlich scharfe satirische Bemertungen über„ den tieferen Sinn der Aera der moralischen Erneuerung", welche Pilsudski mit seinem Staatsstreich habe einleiten wollen.
Die mexikanischen Bischöfe klagen. Bei Kongre und Bundesgericht. London , 21. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Aus Megifo wird Paris , 21. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Die Antiteuerungs- gemeledet, daß die katholischen Bischöfe den Streifall mit der Regiemaßnahmen Boincarés werden von den Betroffenen natürlich ge rung jetzt vor den Kongreß und die Gerichte zu bringen tadelt. Der Baris Soir" hat eine Umfrage angestellt und erfahren, babsichtigen. Sie haben zu diesem Zweck eine lange Erklärung daß man sich weder im Nahrungsmittel-, noch im Gastwirtsgewerbe ausgearbeitet. Aussichten für die Einleitung einer Berfassungsirgendeinen praktischen Erfolg von den negativen und prohibitiven änderung durch den Rongreß bestehen nicht. Da sich die Maß Mittelu verspricht, zu denen Boincaré und feine Mitarbeiter ge- nahmen der Regierung auf den klaren Wortlaut der Verfassung griffen haben, um die Teuerung zu bekämpfen. Die Bestwirte er ftügen, dürfte auch das Gutachten des obersten merikanischen Getlären die von Poincaré vorgeschriebene Einschränkung der Mahl- richtshofes sich gegen die Kirche aussprechen.
"
,, Agenten der Bourgeoisie". Heute werden dieselben Schimpfworte, die man gegen uns richtete, gegen die eigenen gestürzten Größen geschleudert. Wohingegen diese wieder die offizielle Bartei beschuldigen, mit uns in einer Verschwörung zu stehen und nur noch eine zweite Sozialdemokratie" zu sein!
Nie haben Anmaßung und leberheblichfeif eine derbere moralische Lektion erhalten! Mie ist eingebildete Unfehlbarkeit rascher entlarvt und entthront worden! Die armen fommunistischen Arbeiter sollen sich nun in diesem Streit, in dem sich alle selbstgerechte Dogmatik in nebelhafte Problematit auflöst, zurecht finden; sie sollen verbrennen, was sie gestern anbeteten und anbeten, was sie gestern verbrannten. Muß eine solche explosive Aufrüttelung der Geister nicht zu einem Nachdenken führen, das über die Grenzen des kommunistischen Parteistreits hinausgreift und das sich dann alsbald vor die Frage gestellt sieht, was es mit dem angeblichen ,, Berrat der SPD ." auf sich hat? Besteht dieser ganze Verrat" nicht etwa bloß darin, daß die Sozialdemokratische Partei den Gang der Entwicklung nüchterner, sach. licher, richtiger gesehen hat, als alle Kommunisten der verschiedensten Richtungen zusammen?
Solche Fragen müffen sich heute auch die kommunistischen Arbeiter vorlegen. Wir täuschen uns darüber freilich nicht: Es ist der kommunistischen Agitation gelungen, zwischen ihren Anhängern und der Partei, in der die erdrückende Mehrheit der Arbeiter ihre Vertretung erblickt, einen tiefen Graben des Hasses aufzuwerfen. Ist ihr auch sonst alles mißglückt, ist aus der Weltrevolution nichts geworden, befindet sich auch die eigene Partei im Zustand heilloser Zerrüttung, das ist ihr gelungen: Arbeiter, die im Grunde für die gleichen Ziele begeistert sind, in einer Weise gegeneinander zu hehen, die ihr wiederzusammenkommen aufs äußerste erschmert. Hätte sie nicht mit solchem Raffinement, mit solcher 3ähigkeit auf das Gefühlsleben ihre Anhänger eingewirkt, der Verst and hätte schon längst den richtigen Weg gefunden.