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Nr. 428 43. Jahrg. Ausgabe A nr. 219

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

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Sonnabend, den 11. September 1926

Botschaft der franzöfifchen Arbeiter.

Jouhaux über die deutsch - französische Zusammenarbeit.

Genf , 10. September. ( Eigener Drahtbericht.) Der Führer der französischen Gewerkschaften, Genoffe Jouhaug, der auch dem Bureau des Internationalen Gewerkschaftsbundes angehört und Mitglied der Völkerbundsabordnung Frankreichs ist, hat dem Sonderberichterstatter des Soz. Pressedienstes" folgende Erklärung übergeben:

Als

es

1919 galt, zur Washingtoner Arbeits­konferenz zu gehen, hat die franzöfifche Gewerkschaftszentraie verlangt, daß auch Deutschland mit gleichen Rechten zuge­laffen würde. Sie hat das jogar als Bedingung für ihre eigene Teilnahme gestellt, da wir von vornherein der Ansicht waren, daß nur eine international gefchaffene und aufgebaute Arbeitergefe­gebung wirksam sein könnte. Wir sind damals vom Großen Rat der Bier in Paris empfangen worden und haben von Clemenceau in Person die Zustimmung zur Beteiligung Deutschlands er­halten. So konnte das Internationale Arbeitsamt sofort einen univerfalen Charakter erhalten. Wir waren uns sofort nach dem Kriege darüber klar, daß, entsprechend der sozialistischen Formel, der Frieden, um wirklich beständig zu sein, nicht nur einer pelitischen, fondern vor allem auch einer wirtschaftlichen Grundlage be­durfte. Dafür haben wir auch in den kritischften Stunden gekämpft. als wir immer wieder forderten, daß Deutschland in den Bölfer­bund aufgenommen werden muß. Der heutige Aft ist die Erfüllung diefer Politik, für die wir seit 1919 einzutreten nie aufgehört haben. Wir freuen uns heute, nach der Rede Briands fagen haben. Wir freuen uns heute, nach der Rede Briands fagen zu können, daß die ganze mit Haß überladene Bergangenheit zu Ende ist und für die Zukunft der internationale Aufbau in der deutsch­franzöfifchen 3usammenarbeit seinen Hauptpfeiler befiht. Das ist die fläckfle Garantie für die Erhaltung des Welt­friedens, und wir wollen nicht vergessen, daß die Initiative der internationalen Arbeiterschaft am Anfang dieser Entwidlung steht.

Die Nachmittagssitzung in Genf .

Genf , 10. September. ( Eigener Drahtbericht.) Die Bollversamm lung jezte nachmittags Uhr die mehrtägige Debatte fort. Die deutsche Abordnung war bis zum Schluß vollzählig anwesend. Im Mittelpunkt aller Reden stand die Aufnahme Deutschlands . Bundes fanzler Ramet Deutschösterreich beglückwünschte zu disem Ereig nis sowohl den Bölkerbund wie Deutschland . Vorher forderte ein australischer Delegierter die baldige Fortsetzung der Wirtschaftskonfe­renz. Er setzte voraus, daß sie sich in Zukunft nur ,, mit internatio­nalen Fragen" befaßt. Als eine solche betrachtet er auffälligerweise das Wanderungsproblem nicht. Er will es deshalb von der Beratung der Wirtschaftskonferenz ausgeschlossen wissen. Ab­schließend gab noch der japarische Delegierte Ishii seiner Freude über Deutschlands Eintritt in den Bölkerbund Ausdruck.

Am stärksten wirfte Stresemann, als er die nebensächliche Be­deutung des einzelnen Individuums und der selbstdurchlebten Zeit­räume betonte, gemessen an dem ewigen Fortschritt der einzelnen Völker und an der gesamten Menschheit. Zum Schluß stieß er mit Briand an, wie es auf der humorvollen Menükarte symbolisch prophezeit worden war. Damit machte er unter lebhaftem Hände flatschen eine Unterlassungsfünde wieder gut, die er am Vormittag begangen hatte. Als nämlich Briand vom Rednerpult herunterge­stiegen war, fam er dicht an Stresemann vorbei; entgegen der all­gemeinen Erwartung und besonders entgegen der für diesen Fall im Böllerbund eingebürgerten Gitte, reichte ihm Stresemann nicht die hand, während das alle anderen Delegationschefs, an deren Plätzen Briand vorbeikam, taten. Stresemann war im Augenblick wohl etwas befangen. Als erster von den Deutschen hatte Genosse Breitscheid den ihm persönlich bekannten französischen Außen­minister kurz nach der Rede im Foyer des Plenarsaales beglüd­Versicherung, er wisse, wie auch Breitscheid zu dem Erfolg der Ver­wünscht. Briand dankte ihm mit herzlichen Worten und mit der ständigungspolitif beigetragen habe.

Stresemann dankte in seiner Banfettrede zunächst für die Stresemann dankte in seiner Bankettrede zunächst für die ehrenden Worte seiner Vorredner und kritisierte dann Westarps Redensarten Don ben Diesen selbst von deutschnationalen Journalisten applaudierten Aus­führungen ließ der deutsche Außenminister die Wiederholung seines Bekenntnisses zum Völkerbund folgen. Schließlich schritt er auf den in feiner Nähe ſizenden Briand zu, um mit ihm anzustoßen und der Begeisterung wollte nicht enden, als sich diese Szene abspielte. ein Glas auf den Frieden der Welt zu leeren. Der Sturm

Empfang deutscher Pressevertreter abermals seiner großen Freude Der britische Außenminister Chamberlain hat bei einem über den Eintritt Deutschlands und über das Gelingen des friedens sichernden Werkes von Locarno bewegt Ausdruck verliehen.

A. A. - Zeremoniell im Völkerbund.

V. Sch. Genf , 10. September. ( Eigener Drahtbericht.) Es muß schon jetzt darauf hingewiesen werden, daß die Wilhelmstraße offen bar andere Vorstellungen vom Bölkerbund hat als das bei den übrigen Regierungen der Fall ist. Die Tatsache, daß ausschließlich die drei Bertreter des Auswärtigen Amtes die Bläße der Haupt Plätze delegierten einnahmen und daß man lieber einen der vier Bläge während der ganzen Dauer der Vormittagsfizung leer ließ, als daß man ihn einem parlamentarischen Delegierten über­ließ, gibt zu denken, zumal dies nicht zufällig geschah. Es ist nicht zu bestreiten, daß Staatssekretär v. Schubert seine Ber dienste an der Durchsetzung der Völkerbunds- und Locarno - Politik gegenüber dem Widerstand im eigenen Amte hatte und vor allem ist es Ministerialdirektor Gaus, der ein gewichtiger und einflußreicher Faktor für diese Politit gewesen ist. Aber die wirklichen Träger dieser Politik sind diejenigen poli Nachmittags 5% Uhr, nach Beendigung der Vollversammlung, tischen Parteien, die nun in der deutschen Delegation ver­tra: die erste Kommiffion zur Beratung der Borschläge über die Re­treten sind. Sie haben den Anstoß zu dieser Entwicklung gegeben organisation des Rates unter Vorsitz Mottas zusammen. Als deutscher und dieses Berdienst kann ganz besonders die Sozialdemo­Vertreter nahm Dr. Stresemann an der Sigung teil. An der fratie für sich in Anspruch nehmen. Diese Parteien haben Generaldiskussion beteiligten fich mehrere Bertreter fleinerer Staaten, fich dafür in Barlament und Presse jahrelang herumschlagen müssen wie Holland , Dänemark und Schweden . Im allgemeinen erflärten und wurden darin nicht immer von der Berufsdiplomatie unter sich die Redner mit dem Prinzip der Wiederwählbarkeit einverstützt. Deshalb muß entschieden gegen den Versuch Stellung ge­standen. Es wurde schließlich einstimmig eine Unterkommission nommen werden, etwa zwei Kategorien von Delegier­aus 14 Mitgliedern eingefeßt, in der neben Frankreich . England und ten zu schaffen, einmal die diplomatischen und zweitens weit Italien auch Deutschland vertreten ist. hinter ihnen die Abgeordneten der deutschen Volksvertretung. Diese Bemerkung geschieht nicht ohne Grund und ist nicht erst durch die äußerliche Frage der Size veranlaßt.

Reden auf dem Pressebankett.

Deutschlands Dank an Briand .

V. Sch. Genf , 10. September. ( Eigener Drahtbericht.) Es ist schon an dieser Stelle unter dem Eindruck der ersten Rede Strese: manns am heutigen Vormittag bedauert worden, daß er nicht frei sprechen durfte, sondern vom Manuskript ablesen mußte, das allzu deutlich den Stempel bureaukratischer Ressortarbeit der Wilhelm­ftraße trug. Wie sehr dieses Bedauern berechtigt war, sollte sich wenige Stunden später auf dem Bankett erweisen, das die Vereini gung der Völkerbundsjournalisten zu Ehren des Rates gab. Dort war Stresemann der Hauptredner, nachdem Nintschitsch als Bräfident Der Versammlung und Benesch als derzeitiger Ratspräsident ge­sprochen hatten. Jetzt sprach Stresemann völlig frei und seine Rede machte erheblich größeren Eindruck als vormittags. Sie war eine der besten rhetorischen Leistungen im politischen Leben Stresemanns, der zweifellos zu den begabtesten Rednern Deutschlands gehört. Lebhaft vorgetragen, reich an wißigen Einfällen, besonders dort, wo er das Verhältnis zwischen Preffe und Staatsmännern streifte, war die Rede vor allem in ihrem ernsten Teil hervorragend: Die Erhabenheit der Gedanken, die Stresemann über die Ziele der Menschheit ent­wickelte, rief in der Versammlung, der man es anmerfte, daß sie zum größten Teil Stresemanns Borte verstand, immer wieder Beifall bernor. a

Die Delegationen der anderen demokratischen Länder bestehen fast ausschließlich aus Parlamentariern, die Be­solche Borkommnisse wären wohl in feinem anderen demokrati­rufsdiplomaten halten sich dort fast vollständig im Hintergrund und schen Lande möglich!

Briand und der Rhein .

Die TU. meldet: Nach Mitteilungen aus Genf dementiert Briand auf das entschiedenste eine ihm( zu Zwecken der nationalistischen Hezze. Red. d. B.") zugesprochene Aeußerung über den internationalen Rheinstrom. Briand hat ungefähr gefagt, er hoffe, daß als eine Folge von Locarno niemals wieder das Blut beider Völker den Rhein färben werde und daß auf beiden Seiten des Rheins entmilitarisierte Böller, d. h. Bölker mit entmilitarisierter Gesinnung, wohnen

werden.

Vor dem Austritt Spaniens aus dem Völkerbund.

Madrid , 10. September. ( TU.) Wie in hiesigen amtlichen Kreisen bestätigt wird, bereitet die spanische Regierung eine Note an den Völkerbund vor, in der sie ihren Austritt aus dem Völker

bund erklärt.

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Die Verärgerten.

Genf als deutschnationales Parteimalheur.

Der Tag, an dem zum erstenmal unter den Fahnen der Völkerbundsmächte die schwarzrotgoldene Flagge wehte und an dem die deutsche Delegation unter dem Jubel der Vertreter Don fast allen Völkern der Welt im Genfer Reformationssaal ihren Einzug hielt, der Tag, der das Gelöbnis Deutschlands und Frankreichs brachte, hinfort als friedliche Nachbarn neben­einander leben zu wollen, war für viele ein Tag der Freude und der Erhebung. Die sozialdemokratische Ar­beiterschaft Deutschlands schließt sich von dieser freudigen einen offenen Blick bewahrt für das große Neue, das in Bewegung nicht aus. Sie hat sich, trotz aller Not des Tages, einen offenen Blick bewahrt für das große Neue, das in der Welt wird und auf deſſen Werden all ihre Hoffnungen begründet sind. Sie darf an diesem Tage um so stolzer ihr Haupt erheben, als sie es war, die das Banner der inter­nationalen Bölferverständigung in starten Händen hielt, als noch alle bürgerlichen Parteien vor dem Gözen der Macht­politik auf den Knien lagen. Sie verzeichnet heute einen Triumph des internationalen Gedankens, dessen Triumph des internationalen Gedankens, dessen Vorfämpferin sie allzeit gewesen ist.

Volkes ein Tag der Freude und der Genugtuung ist, der ganz Aber dieser Tag, der für die Mehrheit des deutschen zweifellos einen großen Erfolg der deutschen Außenpolitik be­deutet, ist für die Deutsch nationale Partei ein Tag des Schredens und der Trauer. Kein Wunder! Denn was erreicht worden ist, ist ohne sie und gegen sie erreicht! denn daß diefes Unglück ihr eigenes Wert war, das hatte ja Jahrelang war sie die Nuznießerin des deutschen Unglücs, der politisch unwissende Teil des deutschen Volkes entweder nie gewußt oder schon längst wieder vergeffen. Mit den Miß­es erfuhr, wuchs sie und befam fie rote Baden. Aber wenn erfolgen, die Deutschland erlitt, mit den Demütigungen, die fich Erfolge einstellen, wird sie blaß und beginnt zu tränkeln.

weder war die deutschnationale Nachkriegspolitik richtig, und Es gibt keinen Ausweg aus der fatalen Alternative: Ent­dann war der Tag von Genf kein Erfolg oder aber der Tag von Genf war ein Erfolg, und dann war die deutsch­nationale Politik falsch. Gibt man zu, daß auch die Politik, die über London und Locarno nach Genf geführt hat, das Ansehen Deutschlands in der Welt gestärkt und seine Lage verbessert hat, so gibt man damit zugleich zu, daß die Politik, der die Sozialdemokratie den Weg gewiesen hat, richtig gewesen ist. Man gibt damit zugleich zu, daß alle Heze, alle Verleumdungsfeldzüge, alle Mordattentate auf die Führer dieser neuen Bolitit einer Gesinnung entsprangen, die mit echter Baterlandsliebe nichts gemein hat. Man gibt damit zu, daß die nationalistische Demagogie ihre Rolle ausgespielt hat und nichts mehr zu tun hat, als von der Bühne abzu­treten.

Es ist ein besonderes Pech der Deutschnationalen, daß das Unglück von Genf über sie gekommen ist, während sie ihren Parteitag in Köln abhielten. Wie gewaltig übertönen die Gloden von Genf das Gefrächz, das sich rund um den Kölner Dom erhebt! Selbst der deutschnationale Zeitungsleser über­fliegt diese Parteitagsberichte nur mit Langerweile, wenn er daneben die Berichte vom großen Tag der Völkerbundver­sammlung findet. Selbst ihm ist auf keine Weise beizubringen, daß die Reden der Lejeune Jung , der Schlange. Schöningen und der Schiele Schollene die eigentlichen Er­eignisse des Tages sind.

Die begreifliche Verärgerung treibt die deutschnationale Preffe dem Ereignis von Genf gegenüber zu wahrhaft findi­schem Berhalten. Was soll man dazu sagen, wenn die ,, Nacht­ausgabe" des Herrn Hugenberg einen ersten Zwischenfall in Genf " daraus fonstruiert, daß Briand noch stärkeren Beifall hatte als Stresemann? Sie findet, daß dieser Beifall ,, be­ftellt" war, während umgekehrt der Lokal- Anzeiger" Herrn fischer Partner doch ein noch viel besserer Redner jei als er! Stresemann mit sichtbarem Behagen vorhält, daß sein franzö­

Die Erklärung für diese Verärgerung, diese verkniffene Nörgelei gibt die deutschnationale Bommersche Tagespost", wenn sie mit anerkennenswerter Offenheit schreibt: einer Polifif, die uns, abgesehen vom Bersailler Schandvertrag, erst Wir standen von Anbeginn an in schärffter Gegnerschaft zu nach Condon, Locarno und schließlich nach Genf geführt hat.

Das pommersche Junkerblatt zieht aber aus alledem nur den Schluß, daß die Deutschnationalen nun schleunigst in die Regierung müßten, um dort, wie sie es ausdrückt ,,, Genfer Machtpolitit" zu treiben. Was für ein Ding diese Genfer Machtpolitik" ist, erfährt man vielleicht noch etwas deutlicher aus der Deutschen Zeitung", die schreibt:

"

Ein deutscher Außenminister müßte seine Aufgabe im Böller­bunde darin erblicken, in diesem nach Kräften als Stören= fried zu wirken. Das könnte er natürlich nicht fagen; aber wir find leider überzeugt, daß Herr Stresemann weit davon entfernt ist,

an so etwas auch nur zu denken.

In all diesem Treiben steckt ein Stück Konsequenz. Die deutschnationale Bartei will mit allen Mitteln in die Regie­rung, um ihre Eristenz als Partei zu retten. Als natio=