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Abendausgabe

Nr. 429 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 212

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10 Pfennig

Sonnabend

11. September 1926

Vorwärts=

Berliner Dolksblatt

Berlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit bis 5 Uhr Berleger: Borwärts- Verlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297

Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Spanien kündigt.

Austrittserklärung überreicht wirksam in zwei Jahren.

Genf , 11. September. ( Eigener Drahtbericht.) Das Völker­bundssekretariat teilt mit: Der Generalsekretär des Bölferbundes erhielt heute vormiflag durch Vermittlung des spanischen Konfuls in Genf eine Note der spanischen Regierung. Sie teilt darin mit, daß gemäß Art.§ 1 des Bölferbundpaktes Spanien den Bundesvertrag kündigt und nach Ablauf der Kündigungsfrist von zwei Jahren aus dem Bunde ausscheiden werde.

Die Note der spanischen Regierung ist allen Mitgliedern des Bölferbundes mitgeteilt worden.

Spaniens Kündigung des Völkerbundsvertrages wird in Genf absichtlich in dem Augenblick überreicht, wo die Völker bundsversammlung ihre Beratungen über die Zusammen­fegung des Rates beginnt. Das Kompromiß der Studien­tommission hatte halbständige Size im Hinblick vor allem auf Spanien geschaffen. Die Bersammlung hat bereits der Vermehrung der nichtständigen Sige zugeftinimt. Es war bisher die allgemeine Absicht gewesen, Spanien , trobem es seinen Bertreter bereits aus Genf zurückgezogen hat, in den Rat wieder hineinzuwählen. Diese Absicht durchkreuzt die Regierung Primo de Riveras. Dennoch ist mit der Rün digung der Austritt noch nicht vollzogen. Zwei Jahre sind eine lange Frist, um Zeit zur Besinnung zu geben. Das spanische Bolt wird noch genug Gelegenheit haben, im Inter­effe Europas den Schlag wiedergutzumachen, den sein jetziger Herrscher Europa versetzt.

Genfer Kommissionsarbeit.

V. Sch. Genf , 11. September. ( Eigener Drahtbericht.) Nach der festlichen Stimmung des gestrigen Tages herrscht heute morgen wieder das übliche Alltagsleben der Genfer Jahresversamm­lung. Statt Feierlichkeit Kommissionsgeschäftigkeit und Besprechun­gen. Inzwischen tagen die Ausschüsse, vor allem der von der juristischen Kommission eingesetzte Unterausschuß, in dem Deutschland durch den Ministerialdirektor Gaus vertreten ist. Dort werden die Modalitäten des von der Studienkommission des Völker bundesrats vorgeschlagenen Wahlverfahrens der nichtständigen

Stresemann und Westarp.

Die Wendung ins Innenpolitische. Die deutschnationale Presse geht zum Angriff auf Strefe­mann über. Anlaß dazu gibt ein Vorfall auf dem gestrigen Genfer Bankett, der im Tag" folgendermaßen geschildert

wird:

Mit einer Ueberraschung, die sich deutlich auf den Gesichtern Mit einer Ueberraschung, die sich deutlich auf den Gesichtern aller Delegierten ausmalte, sprach Stresemann von einem Tele­gramm, das er über die Rede eines deutschen Parteiführers jemand ruft: Westarp! erhalten habe. Dieser Partei­erhalten habe. Dieser Partei führer habe den Geist von Locarno ironisiert.

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3ch sehe feinen Anlaß, dieje 3ronie mitzumachen." Das war alles, was Stresemann sagte, aber der Hieb saß. Demonstrativer Beifall aller, die eine deutsche Rechtsregierung fürchten, und das ist nun einmal die Mehrheit des Auslandes. Stresemann hatte nunmehr für die fremden Journalisten den Weg zu jener großen Geste gebahnt, mit der er dann nach einigen weiteren Bemerkungen über den Unterschied der Politik von 1919 und heute auf Briand zuging und mit ihm anstieß.

Der Tag" behandelt diese doch wirklich nicht sehr aggressive Bemerkung in einem ganzen Leitartikel, in dem gejagt wird:

Herr Dr. Stresemann hat dann am Nachmittage des unheil vollen 10. September versucht, gewisse tattische Unter lassungsfünden durch eine Rede gutzumachen, die wahrscheinlich den ausländischen Zuhörern besser gefallen hat als weiten Kreisen des deutschen Boltes, die gewiß nicht die schlechtesten sind. Man erlebte das unerhörte Schauspiel, daß der Minister eines großen Landes die eigene Opposition lächerlich zu machen suchte, ihre Argumente mit einer Handbewegung als unreif abtat, um ausländischen Zuhörern einen Ohrenschmaus zu bereiten. Gerade daraus, daß dieser Ausfall praktisch völlig unberechtigt war, ergibt sich der zwingende Schluß. daß ganz allein inner politisme Absichten diesem Vorstoß zugrundelagen. Während der deutsch nationale Parteitag sich erneut für die Bildung einer großen Rechten aussprach und die Bemühungen der Herren von Ganl und Jarres mit allen Kräften zu unterstüßen versprach, hatte Herr Stresemann nichts Besseres zu tun, als gerade in diesem Augenblick eine Kluft zwischen der Mitte und den Deutsch nationalen aufzureißen und damit eine Verbeugung vor der Linken zu machen, deren publizistische Vertreter in Genf diese unschöne Geste mit begreiflichem Beifall begrüßt haben.

Westarps Parteitagsrede gegen den Völkerbund war nach Genf telegraphiert worden und hatte dort lebhaftes Aufsehen erregt. Der deutsche Außenminister tat das wichtigste, was er tun fonnte, wenn er ganz nebenbei zum Ausdruck brachte, daß er die Auffassungen des deutschnationalen Parteiführers nicht teile. Da aber der deutschnationale Parteitag den Grafen Westarp zum Diktator und Parteiheiligen erklärt hat, ist es offenbar einem Minister nicht erlaubt, in irgend­einem Buntte anderer Meinung zu sein als er.

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Die Tagung der Techniker.

Zum 5. ordentlichen Bundestag des Butab.

Die Einheitsorganisation der deutschen Techniker, der Bund der technischen Angestellten und Be­amten( Butab), hält vom 12. bis zum 14. September in Berlin seinen fünften ordentlichen Bundestag ab.

| Ratsmitglieder bzw. ihre Wiederwählbarkeit erörtert. Die Oppo­fition der kleinen Staaten, die sich gegen den Entwurf wenden, ist nicht sehr lebhaft, zumal einige von ihnen durch das Beto Der Butab ist als Einheitsorganisation der Techniker aus Mottas und Sjöborgs gebunden sind. Die Opposition iſt auch im dem revolutionären Umgestaltungsprozeß der deutschen An­find der Holländer Limburg und der Norweger Vogd. Aber in Im Mai 1919 verschmolzen sich zu diesem Einheitsverband der übrigen nicht einheitlich. Die beiden Wortführer der Opposition gestelltenbewegung am Ende des Weltkrieges hervorgegangen. wichtigen Punkten divergieren die Auffassungen der beiden. So ist bereits 1884 gegründete Deutsche Techniker- Berband und der kaum daran zu zweifeln, daß das Projekt der Studienkommiffion 1904 gegründete Bund der technisch- industriellen Beamten. mit großer Mehrheit angenommen werden wird, höchstens mit Die starke gewerkschaftliche Note brachte der Bund mit. gewissen formalen Modalitäten, die die Wünsche der kleinen Staaten Aus einem leicht erklärlichen Grunde. Der Industrie­berücksichtigen. Man hofft, die Wahlen Dienstag oder spätetechniker ist in viel stärkerem Maße dem sozialen stens Mittwoch vornehmen zu fönnen. Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit und den aus diesem Gegensatz resultierenden Kämpfen ausgesetzt wie der Behördentechniker. Im industriellen Hochkapitalismus, der den modernen Industrietechniker als Lebensnotwendigkeit er­zeugte, und dem er seine gigantische Entwicklung verdankt, ist kein Raum für Klassenharmonie sondern nur für Aus­beutung auch der hochwertigsten geistigen Arbeitsleistung. Rein Wunder, daß diese junge Technikerorganisation von den Unternehmern rücksichtslos verfolgt und in scharfe Kämpfe

Ein Attentatsversuch gegen Mussolini .

Die Bombe trifft weder ihn noch den Wagen. Rom , 11. September. ( EP.) Als Mussolini heute vormittag von seiner Sommerwohnung im Kraftwagen nach dem Außen ministerium fuhr, schleuderte unterwegs ein junger Mann eine Bombe gegen das Automobil Mussolinis. Die Bombe explo. bierte auch, aber Mussolini blieb unversehrt und nicht ein Beitungsverkäufer und ein Straßenfehrer verlegt. Letzterer mal sein Wagen wurde getroffen. Durch die Explosion wurden ein stürzte sich sofort auf den Attentäter und hielt ihn fest. Es entstand ein großer Menschenauflauf. Die Menge drohte den Attentäter zu Innchen. Weitere Einzelheiten sind noch nicht bekannt.

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Eine Genfer Meldung der TU. stimmt inhaltlich mit dieser italienische Vertretung in Genf zu dem Mißlingen des Attentates beglückwünscht.

Depesche überein. Delegierte der Völkerbundsversammlung haben die

Die Nachricht über das mißglückte Bombenattentat auf Mussolini ist das Gespräch in den Wandelgängen. Der Anschlag wird, wie unser Korrespondent drahtet, allgemein lebhaft bedauert, da die Vollversammlung des Völkerbundes nicht umhin können wird, eine Sympathie fundgebung für Mussolini zu veranstalten, was zu Miß deutungen über die wahren Gefühle der Völkerbunds delegierten gegenüber dem faschistischen Diktator führen könnte.

Der deutschnationale Diktator selbst hat sich inzwischen in einer neuen Rede zum Schluß des Parteitags über das Er eignis von Genf folgendermaßen geäußert:

verwickelt wurde.

erproben, reifte die junge Organisation zu flaren gewerk­Im Kampfe mußte sich die Solidarität der Techniker schaftlichen Erkenntnissen. Dieses Gut als geistige Grundlage der Bewegung mußte bei der Verschmelzung erhalten bleiben. Es war deshalb fein leerer Prinzipienstreit, daß der Bund Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit festhielt. Nach langen als programmatische Grundlage an dem unüberbrückbaren Auseinandersetzungen kam dann auch auf dieser Grundlage die Verschmelzung zustande.

Aus der Erkenntnis des Klassengegensatzes erwuchs das Bekenntnis des solidarischen Berbundenseins mit den Ar­beitern. Enge Gemeinschaftsarbeit besteht mit den freien Arbeiterorganisationen, die ihren finnfälligsten Ausdruck im Organisationsvertrag des Afa- Bundes mit dem All­Organisationsvertrag des Afa- Bundes mit dem All­ gemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund findet. Im AfA- Bund und seinen Vorläufern arbeitete der Bund von Anfang an tatkräftig mit. Ein vorbildhes Zusammen­arbeiten besteht namentlich in den Betriebsrätefragen mit dem Deutschen Metallarbeiter- Verband.

Wenn der Butab in diesen Tagen seine fünfte Heerschau abhält, dann darf er mit Stolz feststellen, daß die Einheits­organisation der deutschen Technifer allen Stürmen der letzten Jahre standgehalten hat. Die deutschnationalen Versuche, die Einheitsorganisation der Techniker durch eine Neugründung auf sogenannter christlich- nationaler Grundlage unter aus­giebigem Appell an die bürgerlichen Instinkte zu sprengen, vertretung der Technifer: den Butab. find gescheitert. Es gibt nur eine ernsthafte Interessen=

Wir sind nicht in der Lage, aus diesem Ereignis den Schluß zu ziehen, daß nun um des Böllerbundes willen eine beffere Zeit für Deutschland heraufkommen werde. Nein, dazu wird ge­eigenen festen Willen besinnt, daß unser deutsches Volk endlich einmal hören, daß sich Deutschland auf seine eigene Straft, fich auf seinen lernt, daß nicht und niemand in der Welt ihm helfen wird, wenn es Sein Geschäftsbericht über die Jahre 1924 und 1925 nicht selbst den Entschluß und die Kraft findet, mit eigener Kraft sich beweist es deutlich. Die vordringlichste Aufgabe aller freien seine Freiheit wiederzuholen.( Lebhafter Beifall.) Und so fönnen Gewerkschaften nach der Stabilisierung der Währung war es, wir nicht einstimmen in die Posaunentöne des Optimismus, aber die äußerst gesunkene Lebenshaltung der Arbeiter und An­wir denken an die Kräfte, die in unserem Bolle vorhanden sind, gestellten zu heben. Das ist auch dem Butab in den Jahren wenn sie auch manchmal zu schlummern scheinen, und die wir 1924/25 immerhin um durchschnittlich 50 Proz. gelungen. So zu erwecken haben. Wir vermögen nicht optimistisch in die Zukunft unbefriedigend dieses Ergebnis, gemessen an den Lebens­zu sehen, wenn wir dabei rechnen sollen auf den guten Willen, die notwendigkeiten, sein mag, es lehrt doch den großen Wert der Freundschaft und das Wohlwollen der Welt. Wir fühlen uns nach gewerkschaftlichen Organisation. Zur vollen Geltung kommt wie vor verpflichtet, unserem Volke zu sagen, daß es auf Berfie jedoch in Zeiten der Not, die gleichzeitig Zeiten der Prüfung der gewerkschaftlichen Presse sind. Nicht alle bestehen die fögnung und Verständigung nicht rechnet und nicht rechnen tann, so lange ein feindlicher Soldat deutschen Boden Prüfung. Spreu sondert sich vom Weizen. Und so beklagens­am deutschen Rhein betritt, solange wir unter der Fremd wert es ist, daß die Getreuen kämpfend auch die Position der herrschaft des Versailler Vertrages leben und Fahnenflüchtigen halten müssen, dieser Opfermut ist doch auch leiden müssen. gleichzeitig das Beglückende in der gesamten deutschen Ar­beiterbewegung, auf ihm gründet sich zuverlässig unsere Siegesgewißheit.

Das ist in aller Form eine Kriegserflärung an den Bölkerbund und an die deutsche Außenpolitik, die in den Völkerbund geführt hat. Es ist dem Sinne nach nichts anderes als das, was die Deutsche Zeitung" in noch gröbern Worten so ausdrückt:

Der Freitag in Genf war ein Freudentag der Inter nationale aller Schattierungen, der schwarzen, der roten und der goldenen, und es nimmt daher kein Wunder, daß die He. bräer aller Länder jubeln und in Verzückungen sich gebärden. Die Internationale feiert einen Sieg, den Sieg über Deutschland , und der größte Teil der deutsch geschriebenen Bresse stimmt in dieses Jubelgeschrei ein. Damit ist die Lage gekennzeichnet, in der sich Deutschland durch seinen Eintritt in den Bölferbund begeben hat.

Es soll nicht bestritten werden, daß derartige Aeuße­rungen ganz in der Linie der sogenannten Politik liegen, die die Deutschnationalen seit sieben Jahren getrieben haben. Sie würden auch gar fein besonderes Intereffe beanspruchen können, wenn nicht die Deutschnationale Partei aus solchen Leistungen den Anspruch herleiten würde, schleunigst wieder in die Regierung aufgenommen zu werden. Mit einander zusammengehalten, bilden diese Leistungen und dieser Anspruch geradezu ein Stück aus dem Toll= dieser Anspruch geradezu ein Stüd aus dem Toll haus. Gibt es maßgebende Stellen im Reich oder führende Politiker der Mittelparteien, die dieses groteske Treiben begünstigen? Einstweilen ist nicht zu sehen, worauf sich die Hoffnung der Deutschnationalen stüßt, mit dem plumpften Manöver, das sie jemals aufgeführt haben, zum Ziel zu tommen!

Wenn es heute gelungen ist, den Tarifvertrag auch für die Technifer zu erhalten, die Verschlechterung der Arbeits­bedingungen zum größten Teil abzuwehren, so darf auch das als ein großer Erfolg der Organisation gebucht werden. Ohne den Widerstand der Gewerkschaften hätten die Unternehmer eine erhebliche Senkung der Löhne und Gehälter durchgesetzt. Das wird nur zu leicht übersehen.

Die Angestellten im allgemeinen und die Techniker im besonderen führen diesen Kampf unter bisher ungewohnten Bedingungen. Eine Arbeitslosigkeit von beispiellofem Umfang besteht unter den Angestellten, die früher Arbeitslosigkeit nicht fannten. Am schlimmsten ist es gegenwärtig bei den Technikern. Die, amtliche Erhebung am 16. Juli 1925 erfaßte rund 7000 stellenlose technische An­gestellte, von denen 53,9 Proz. also mehr als die Hälfte über 40 Jahre alt waren. Heute find rund 40 000 technische Angestellte arbeitslos. Auf eine offene Stelle fommen 33 Arbeitsgesuche. So wütet die Rationalisierung" unter den technischen Angestellten. Deutlicher kann nicht demonstriert werden, wie rücksichtslos die Angestellten vom fapitalistischen Arbeitsschicksal erfaßt sind.

Eine vorausschauende Arbeitsmarktpolitik würde an­gesichts dieser katastrophalen Lage den Zustrom zu den technischen Berufen, der sich verdoppelt hat, längst eingedämmt haben. Verdoppelter Zugang und ver­minderte Arbeitsgelegenheit, das reimt sich nicht zusammen, ist volkswirtschaftliche Verschwendung. Im Wintersemester 1913/14 war die Zahl der Besucher der tech