Nr. 460 43. Jahrg. Ausgabe A nr. 235
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Donnerstag, den 30. September 1926
Große Erregung der Bevölkerung.
Germersheim , 29. September. ( TU) Bie amtlich mitgeteilt wird, ist der französische Unterleutnant Rouzier im Laufe des gestrigen Tages in Haft genommen und am Abend nach Landau übergeführt worden. In der Annahme, daß fich Rouzier, der am Nachmittag verschiedentlich zu Bernehmungen über die Straße geführt wurde, noch immer auf freiem Fuß befinde, hatte sich in den Abendstunden eine größere Menschenmenge vor dem Rajino eingefunden, in dem die Abschiedsfeier des 311. Artillerieregiments stattfand. Den Bemühungen des Oberamt manns Reiler vom Bezirksamt Germersheim gelang es, die Menge zu beruhigen und zu zerstreuen. Immerhin ist die Erregung in der Bevölkerung über die Borgänge nach wie vor sehr start. Gestern fand zwischen dem stellvertretenden Regierungspräsidenten der Pfalz , Regierungsdirektor Stähler, und Oberstaatsanwalt Rönig als Vertreter der Justizbehörde auf der einen und dem französi. fchen Plakkommandanten von Germersheim auf der anderen Seite eine Aussprache über die Vorfälle statt. Auf die Borstellungen der deutschen Vertreter, die der Trauer und Empörung der Bevölkerung über den Vorfall Ausdruck verliehen, ver ficherte der Blapfommandant, daß auch die fran. zösischen Behörden Trauer über die Vorfälle empfänden, und gab die Erklärung ab, daß das Gerichtsver fahren gegen den Täter aufs eingehendste und gewissenhafteste durchgeführt werden solle. Ein für gestern abend angesetzter Unteroffiziersball wurde vom Blazkommandanten verboten; ferner hat er angeordnet, daß sämtliche Militärpersonen, mit Ausnahme der Patrouillen, von neun Uhr ab die Straßen nicht mehr betreten dürfen. Die weitere Untersuchung der Angelegenheit hat ergeben, das Rouzier auch als der Verantwortliche bei den durch die Unterfuchung bestätigten Mißhandlungen des 17jährigen Klein eine Hauptrolle spielte und sich dabei persönlich mit der Reitpeitsche betätigt hat. Der Borfall mit Klein spielte fich bekanntlich etwa drei Stunden vor dem nächtlichen Zwischenfall ab. Außerdem ist festgestellt worden, daß Rouzier nach dem Vorfall mit Klein und ehe er mit Holzmann zusammentraf noch einen gewissen Ewald Meyer auf der Straße ohne jeden Grund angerempelt hat. Das Artillerieregiment 311, dem Rouzier angehört, wird morgen nach Berdun abtransportiert und durch das in Speyer befindliche Bataillon des Infanterieregiments 171 ersetzt werden. Rouzier bleibt jedoch bis zur Erledigung des gerichtlichen Verfahrens in Landau . Die Beerdigung des ermordeten Müller, die heute nachmittag stattfinden sollte, ist von den Franzosen nicht genehmigt. sondern auf morgen verschoben worden. Es ist anzunehmen, daß dies mit Rücksicht auf den Abtransport des Artillerieregiments 311 geschehen ist.
Der Gesundheitszustand des schwer verlegten Matthes hat sich immer noch nicht gebeffert. Das Bewußtsein fehrt immer nur für furze Zeit zurüd.
Ein Appell an den Völkerbund.
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Germersheim , 29. September. ( Mtb.) Die Stadt Germersheim hai an den Völkerbund, an die Reichsregierung und die bayerische Regierung folgenden Notruf gerichtet: Seit acht Jahren schmachtet die Pfalz unter dem Joche der französischen Besetzung. Was die Bevölkerung in dieser langen Zeit gelitten hat, ist mit Worten nicht zu schildern. Trotz aller Friedens. und Versöhnungsreden, trot Locarno und Genf ist das französische Besatzungsregime zu einer wahrhaften Geifel der Be völkerung geworden. Die Stadt Germersheim namentlich ist der Willkür der franzöfifchen Truppen seit langem preisgegeben. Der Bürger ist seines Lebens nicht mehr sicher. Neben den wiederholten schweren Berfehlungen von Angehörigen der Besazung sind jetzt in der Nacht vom 26. zum 27. September drei brave wehrlose Bürgersöhne der ruchlosen und falt berechnenden Mörderhand eines französischen Offiziers gänzlich Schuldios zum Opfer gefallen. Die aufs höchste erregte Bevölkerung der Stadt Germersheim erhebt vor aller Welt flammenden Protest gegen die einer Kulturnation unwürdigen Mißhandlung seitens
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Das Verfahren gegen den Täter.
lich. Anders steht es mit einer gewissen Bresse, die offensichtlich bestrebt ist, die Leidenschaften bis zur Siedehizze aufzupeitschen. Diese Presse, die sich im Fall von Konflikten zwischen Militär und Zivil grundsätzlich stets auf die Seite des Militärs gestellt hat, wenn es sich um deutsches Militär handelte, scheint uns nicht legitimiert, bei der Erörterung des Germersheimer Falles den Ton anzugeben.
Man kann diesen Fall auf zweierlei Art behandeln. Entweder so, wie wir es tun, indem man aus ihm für die Räumung des besetzten Gebiets die sich von selbst ergebenden Argumente zieht, oder aber so, daß die Frage der Räumung zu einer Frage des sogenannten ,, militärischen Prestiges" gemacht und auf diese Weise die Räumung nicht erleichtert, fondern erschwert wird. Wir halten nach wie vor unsere Methode für die richtigere.
Rücktritt der parlamentarischen Senatoren. Danzig , 29. September. ( Eigener Drahtbericht.) Die heutigen Berhandlungen des Landesparlaments über das Sanierungswert endeten abends gegen 10 Uhr mit einer Rücktrittser klärung der parlamentarischen Senatoren, die von den Mittelparteien und Sozialdemokraten gestellt war. Die Beranlaffung zum Rücktritt lag in der Ablehnung eines Teiles der Finanzreformgeseze. Diese waren Ende August mit tnapper Mehrheit angenommen und mußten jetzt auf Grund eines ablehnenden Beschlusses des Danziger Finanzrates( verfassungsmäßige Begut achtungsinstanz) noch einmal zur Abstimmung gestellt werden. Diesmal famen die Gefeße mit 56 gegen 50 Stimmen zur Ablehnung. Die Initiative zur Neubildung der parlamentarischen Regierung fällt nunmehr den Deutschnationalen zu, ohne daß bisher feststeht, wie sie eine regierungsfähige Mehrheit zustande bringen werden.
Der Papierfranken bleibt vorläufig. Poincaré jetzt gegen die Goldwährung- für die Schuldenabkommen.
Paris , 29. September. ( Eigener Drahtbericht.) lleber die am Dienstag stattgefundene einstündige Unterredung, die Poincaré mit dem belgischen Finanzminister Franc qui hatte, ist lediglich bekannt geworden, daß es die französische Regierung endgültig ab gelehnt hat, schon jetzt, dem Beispiel Belgiens folgend, die eingeleitete Stabilisierungsaktion durch Rückkehr zur Goldwährung abzuschließen. Es scheint vor allem die Furcht vor den unvermeidlichen Folgen einer überstürzten Sanierungspolitik zu sein, die die franzöfifche Regierung dazu bestimmt hat, einst meilen den Bapierfranken beizubehalten. In unterrichteten Kreisen versichert man darüber hinaus, daß Poincaré sich nach längerem Widerstand nunmehr doch entschlossen habe, dem seinerzeit auf Verlangen Caillaug' ausgearbeiteten Plan der Experten in allen Einzelheiten zu folgen. Das ist um so wahrscheinlicher, als Poincaré in seiner Rede von Bar- le- Duc sehr unzweideutig auf die Notwendigkeit einer baldigen Ratifizierung der AbtomMittwoch den Präsidenten der seinerzeit von der Kammer einmen von Washington und London angespielt hat. Er hat am Er hat am gesetzten Unterkommission zur Prüfung der Schuldverträge Dariac gebeten, dem Parlament so rasch als möglich den von der Kommis fion zu erstattenden Bericht über das Ratifikationsgesetz vorzulegen. Diese wird bereits am 15. Oktober zusammentreten, um
darüber zu beraten.
Der Juwelenräuber verhaftet!
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Einigung oder Spaltung?
Der Wendepunkt in der deutschen Beamtenbewegung. Bon Theodor Kozur.
Seit der Staatsumwälzung gärt und brodelt es in der deutschen Beamtenschaft. Gleich den Arbeitern und Angestellten suchen auch die Beamten nach der zweckmäßigsten gewerkschaftlichen Organisationsform. Die rückläufige Bewegung auf dem Gebiete der Rechts-, Besoldungs- und Wirtschaftsverhältnisse, die ihren beredten Ausdruck findet in dem Abbau zahlreicher Reichs-, Länder-, Gemeinde- und Reichsbahnbeamten, in der Beseitigung der achtstündigen Dienstzeit und in der völlig ungenügenden Besoldung der Beamten der unteren und mittleren Besoldungsgruppen, hat in weiten Kreisen der Beamtenschaft die Auffassung hervorgerufen, daß nur der Zusammenschluß zu einer gemeinsamen Spikenorganisation eine Wendung zum wirtschaftlichen Wiederaufstieg bringen fann. Vor allem aber ist es der rücksichtslose Kampf, der von gewisser Seite gegen das Berufsbeamtentum geführt wird, der innerhalb der Beamtenschaft das Losungswort, das jetzt täglich von Mund zu Mund geht, erzeugt hat: Erhaltung des Berufs= beamtentums!
Um die Bedeutung dieses Vorganges richtig würdigen zu können, ist es notwendig daran zu erinnern, daß der Berwaltungsrat der Deutschen Reichsbahngesellschaft den Perfonalabbau zu einem Dauerzustand erhoben hat. Mehr noch: als einer der Totengräber des Berufsbeamtentums überführt er ununterbrochen Beamte auf niedere Dienstposten oder darüber hinaus ins Arbeiterverhältnis. Er handelt damit im Sinne jener Konferenz der deutschen Länderregierungen, die im Januar 1922 in Darm stadt tagte und ein Referat von dem preußischen Ministrialrat
die
immen über das Thema hörte: Ist die Schaffung je eines besonderen Beamtenrechts für die Hoheits- und Betriebsverwaltungen anzustreben?" Fimmen forderte damals, unter Umfehr zu den bewährten Grundsätzen früherer Zeiten Hoheitsverwaltungen personalpolitisch von den Betriebsverwaltungen zu trennen". Nicht mit Unrecht befürchten weite Kreise der deutschen Beamtenschaft, daß das, was sich jetzt systematisch bei der Reichsbahn vollzieht, zunächst seinen Fortgang bei der Reichspost und später bei anderen Verwaltungen nehmen wird.
Das ist der Hindergrund, von dem aus das Streben nach der neuen, alle Beamten umfassenden Spikenorganisation beurteilt werden muß. So erfreulich nun auch diese lebhafte Bewegung zugunsten der gewerkschaftlichen Konzentration aller Kräfte ist, so drängt sich uns aber doch die Frage auf: Ist es überhaupt möglich, die Beamten aller Besoldungsgruppen mit ihrer ganz verschiedenartigen Weltanschauung und Parteizugehörigkeit in eine gemeinsame gewerkschaftliche Organisation zu bringen, ohne hierdurch mehr als den Roloß auf tönernen Füßen" zu schaffen?
Eine jahrzehntelange Erfahrung hat gelehrt, daß es weder den Arbeitern noch den Angestellten gelungen ist, eine derartige Gewerkschaftsmacht aufzurichten, die zweifellos besser als die jetzt bestehenden verschiedenen Gewerkschaftsrichtungen in der Lage wäre, erfolgreiche Wirtschaftskämpfe zu führen. Auch der Deutsche Beamtenbund hat seit seiner im Dezember 1918 erfolgten Gründung feststellen müssen, daß es zurzeit ausgeschlossen ist, die gesamte Beamtenschaft organisatorisch zu erfassen und mit ihr entscheidend auf Regierung und Parlamente einzuwirken. Als er in den KappButschtagen des Jahres 1920 den Versuch unternahm, fich schüßend vor die deutsche Republik zu stellen, bezahlte er das Experiment mit einer Spaltung, die ihm 100 00 Beamte der höheren Besoldungsgruppen toftete. Als es dann weiter im Jahre 1922 zu dem bekannten Lokomotivführerstreik kam und dadurch die Streifrechtsfrage für die Bamten akut wurde, fam es zu einer neuen Spaltung, hervorgerufen durch die gehobenen mittleren Beamten, die in großer Zahl fluchtartig den Deutschen Beamtenbund verließen. Es spricht vieles dafür, daß auch fünftig nach der Schaffung der angestrebten Beamtenspitzenorganisation starke Meinungsver
einer fremben Macht. Sie macht den Bölterbund der Aufklärung des Verbrechens in der Tauentienstraße.schiedenheiten in der Beurteilung taktischer Maßnahmen auf
antwortlich für alle gegenwärtigen und fünftigen Opfer. Die gesamte Einwohnerschaft fordert einmütig unbedingte Sühne für das scheußliche Verbrechen an drei ihrer Söhne; sie fordert die sofortige Einfegung eines unparteiischen Schiedsgerichts zur Untersuchung der Bluttat, fie fordert schleunige Entfernung aller franzöfifchen Truppen aus den Mauern ihrer Stadt."
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Der Appell der Stadt Germersheim an den Bölkerbund ist aus der berechtigten Empörung der Bevölkerung verständlich, er ist aber völkerrechtlich nicht richtig durchdacht. Eine Berantwortlichkeit des Bölferbunds für Ausschreitungen des französischen Militärs im belegten Gebiet besteht nicht. Auch kann der Bölkerbund auf das Ansuchen einer einzelnen Gemeinde hin nichts unternehmen. Germersheim fann Hilfe nur in Berlin suchen, das ja wegen dieses traurigen Falles mit Paris schon unterhandelt, nicht aber in Genf .
Aber, wie gesagt, daß die Germersheimer in ihrer Er regung ihre Worte nicht auf die Goldwage legen, ist verständ
Der Kriminalpolizei ift es gelungen, den Haupttäter des Juwelenraubes in der Tauenhienstraße in der Person des 29jährigen Handelsmanns Johannes Spruch zu ermitteln und in Breslau feftzunehmen. Spruch ift geftändig, er bezeichnet feine flüchtige Braut Sonja 3gniatew als seine Gehilfin.
Ueber Einzelheiten wird im Berliner Teil unseres Blattes be richtet. Die Nachricht selbst wird manche Kreise schmerzlich berühren. Hat doch die alldeutsche Deutsche Zeitung" schon am Sonntag unter der Ueberschrift Der Raubüberfall in der Tauenzienstraße- ein Sinnbild Severingscher Aufbau arbeit" gejubelt:„ Die Verbrecher endgültig entkommen". Daß man den Haupttäter nun doch erwischt hat, ist also sozusagen gegen das rechtsradikale Programm. Und so wird man jetzt im Hause Claß über die Berhaftung eines gemeinen Juwelenräubers nicht meniger trauern, als es sich um einen rechtsradikalen Mörder gehandelt hätte.
treten würden, die dann eher lähmend als fördernd für die Organisation sein könnten. Darum muß einmal mit aller Deutlichkeit ausgesprochen werden, daß eine neue, möglichst alle Beamten umfassende Spizenorganisation nur dann noch größere Erfolge als die Arbeiter- und Angestelltengemertschaften aufzuweisen haben würde, wenn in den Mitgliederfreisen weiteste Uebereinstimmung über die aufzustellenden Biele und die Mittel und Wege zur Erreichung dieser Biele vorhanden ist.
Wer in der Beamtenbewegung Bescheid weiß, fann faum annehmen, daß diese Uebereinstimmung, die eine Voraus fetzung gewerkschaftlicher Erfolge ist, bei den Beamten fräftigere Burzeln gefaßt haben fann als bei den Arbeitern und Angestellten. Darum wird der angestrebte zweckmäßige Ausbau der gewerkschaftlichen Beamtenorganisation davon ausgehen müssen, alle jene Beamten zu erfassen, die bereit und entschlossen find, den von der neuen Organisation aufgestellten