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Abendausgabe

fr. 548 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 271

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10 Pfennig

Sonnabend

Vorwärts=

Berliner Volksblaff

20. November 1926

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Illegale Betätigung der Reichswehr . Politik der Verzweiflung.

Reichswehroffiziere schnorren bei Arbeitgeberverbänden.

Der Reichswehrminister Geßler hat im Reichstag | Heeresangehörigen zu interessieren. Daraus ergaben fich des Mißtrauens herausbringen. Das Ziel ist löblich, erflärt, man müffe die Reichswehr aus der Atmosphäre im Verlauf der Besprechung auch Erörterungen über Berufs aber in der Praxis fommt die Reichswehr immer mehr in diese Atmosphäre hinein durch eigene Schuld. Das Berliner Tageblatt" berichtet über folgende über­aus verdächtige Angelegenheit:

,, Von einem Breslauer Industriellen wurden uns

fürzlich Mitteilungen über eigenartige Borkommnisse in Breslau gemacht. Mitte Oftober fanden in Breslau mehrere Sizungen der Vorstände der Arbeitgeberverbände von Industrie, Großhandel und Einzelhandel statt. An diesen Sigungen nahmen auch Offiziere der Reichswehr

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ausbildung und bei der engen Beziehung zwischen Versorgung und Heeresersatz Hinweise auf die unbedingte Not­wendigkeit der förperlichen Ertüchtigung dieses Ersages und damit einer möglichst allgemeinen Sportpflege der Jugend. Gerade dieser Punkt fand besonderen Widerhall. Bor allem wurde anerkannt, daß die Jugend- in erster Linie die Band­jugend durch die Sport und Turnvereine bei weitem noch nicht in dem erforderlichen Umfange erfaßt ist und daß hier Abhilfe dringend nottut. Ihr sollen geldliche Zuwendun= gen dienen, die von privater Seite für die feit längerer Zeit be­stehenden zivilen Sportschulen in Aussicht gestellt wurden." Die Erklärung des Reichswehrministeriums ist von der der Deffentlichkeit mit Achselzucken und Unglauben hinnimmt. Sie redet um den wahren Tatbestand herum. Was sie zugibt, ist verdächtig genug. Es ist nicht die Aufgabe von Reichs­mehroffizieren, dienstlich bei Unternehmerverbänden Gelder für private Sportschulen zu schnorren.

Die Abstimmung der Bergarbeiter.

Mit

E. W. London 18. November. Die britischen Bergarbeiter haben ihren Entschlüssen der Berzweiflung einen neuen hinzugefügt: sie haben Ausnahme des Bergbaudistriktes Yorkshire , wo der Einfluß mit einer nominell erheblichen Mehrheit die von der Regie­rung formulierten Friedensgrundlagen verworfen. des Präsidenten des Verbandes Herbert Smith den Ausschlag gegeben, haben sämtliche zahlenmäßig entscheidenden Distrikte die Friedensbedingungen, die allerdings einer Kapi­tulation gleich kommen, abgelehnt. Hierbei hat sich ein Vorgang, der sich anläßlich der Friedensvorschläge der Kirchen­fürsten abspielte, wiederholt; die viel verschriene Erefutive des Bergarbeiterverbandes oder, wie man beffer sagen wird, der Bergarbeiterföderation(( denn es handelt sich nicht um einen Verband" in dem auf dem Kontinent gebräuchlichen Sinne) hat sich kompromißbereiter gezeigt als die Delegiertenver­

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teil, mehrere aus Berlin , ein Offizier aus Breslau . Die Reichswehr Sorte, die den traurigen Erfolg gehabt hat, daß man sie in fammlung, die Delegiertenversammíung nachgiebiger als die

erklärten, daß sie brauchten. Und zwar sollten von der Reichswehr Turn lehrer ausgebildet werden, die dann ihrerseits die so er­

worbenen Kenntnisse dazu benutzen sollten, um weiterhin in Stadt und Land ähnliche Kurse einzurichten. Die einzelnen Arbeitgeber in Industrie, Großhandel und Einzelhandel sollten alle diese Kurse finanzieren und zwar sollten bestimmte Beträge je nach Zahl der Arbeitnehmer gezahlt werden, etwa 1 Mart pro Kopf. Ein Kuratorium solle die Verwendung der Gelder überwachen. So weit die Mitteilungen unseres absolut zuverlässigen Gewährs­

mannes."

Aber darum handelt es sich nicht. Es handelt sich darum, daß Reichswehroffiziere selbst sogenannte Sportfurse ins Leben rufen. Seit mehreren Wochen sind in verschiedenen Gegenden Norddeutschlands derartige Sportfurse" in Gang. Es besteht begründeter Verdacht, daß es sich um neue und republiffeindlichen handelt.

Distrikte.

beschließen gehabt, ob die Friedensvorschläge einer schriftlichen Die Delegiertenversammlung hat bekanntlich darüber zu Urabstimmung, dem sogenannten ballot vote, oder dem üb­lichen Distriktsabstimmverfahren unterbreitet werden solen. Sie hat sich mit einer geringen Mehrheit für das letztere entschieden. Während im Falle einer Urabstimmung statuten­mäßig eine 3weidrittelmehrheit für die Fortsetzung des Kampfes nötig gewesen wäre, so genügte bei der Distrikt­abstimmung eine Majorität. Dies mochte wohl ein großer Teil der Delegiertenversammlung mehr noch als die Dring­noch als

Die Redaktion des Berliner Tageblatt" hat diese Bor. Finanzierung von Beziehungen zwischen Reichswehr lichkeit, zu einer Entscheidung zu kommen, veranlaßt haben,

tommnisse unter Angabe von Einzelheiten dem Reichswehr ministerium vorgelegt. Das Reichswehrministerium hat mit folgender Erklärung geantwortet:

3wed der Besprechung war, die im Wirtschaftsleben stehenden Herren für die für Bestand und Güte des Heeres entscheidend wichtige Frage der Unterbringung der ausscheidenden

Schweigen über die DAZ." Wer zahlt die Reichssubvention aus? Oftmals fann man hören, daß irgendwelche Reichsausgaben auf geschoben werden müssen, bis sie als Bestandteile des nächsten Reichshaushaltplans vom Reichstag genehmigt sein werden. Die Reichssubvention an die Deutsche Allgemeine Zeitung" hat niemals im Etat gestanden, ist aber nichtsdestoweniger ge zahlt worden. Darüber jedoch, auf Anweisung welches Reichs. ministeriums und durch welche Reichszahlstelle diese jährliche Million an das volksparteiliche Organ gezahlt wird, schweigt die Reichsregie rung auch heute noch in allen Tönen. Se weiß man denn nicht, ob das Reichsaußenministerium die gebefreudige Hand ge­öffnet hat, um eine Aenderung der außenpolitischen Haltung dieses nicht übermäßig stark verbreiteten Blattes herbeizuführen oder weil eine solche Aenderung eingetreten ist. Man weiß auch nicht, ob vielleicht ein anderes Ressort verantwortlich zu machen ist, und man kann auch nicht erfahren, wie das in Zukunft weitergehen soll und ob vielleicht verschiedene Geheimfonds in der Zahlung an die" D.

A. 3." sich abwechseln wollen.

Bas übrigens die Verpflichtung der D. A. 3" anbelangt, ge­hässige Angriffe auf die preußische Staatsregierung und ihre Politik zu unterlassen, so erfährt man die heitere Tatsache, daß diese Ver­pflichtung vom Verlag der D. A. 3.", also vom Vorstand eder Aufsichtsrat dieser Aktiengesellschaft übernommen worden ist, als sie das Blatt von der preußischen Staatsregierung erwarb, in deren Besitz es zusammen mit der Druckerei übergegangen war. Die Redaktion der D. A. 3." hat jedenfalls eine solche Berpflichtung nicht übernommen, und da die Redaktion den Inhalt des Blattes gestaltet, so war mit dieser Nichtübernahme die ganze Verpflichtung praktisch wertlos geworden. Es scheint, daß man bei der Auferlegung dieser Verpflichtung sich nicht klar darüber gewesen ist, daß nicht der Verlag, sondern die Redaktion den In

halt des Blattes bestimmt.

Deutsch - polnische Minderheitsklagen.

Falsche polnische Behauptungen.

Der Landtagsabg. Klimas( Pole ) behauptete in einer Kleinen Anfrage, in Oberschlesien würden tagtäglich Angehörige der pol nischen Minderheit ohne Grund verhaftet und einige Beit im Ge­fängnis festgehalten, indem ihnen ohne jegliche Unterlage der Vor­wurf des Landesverrats gemacht" würde. Wie der Amtliche Preu­Bische Pressedienst der Antwort des preußischen Ministers des Innern entnimmt, widerspricht diese Behauptung den Tatsachen. Die in der Kleinen Anfrage namentlich bezeichneten Verhaftungen seien ,, wegen dringenden Verdachts der Spionage zugunsten Polens " er­folgt. Von Willkürakten zur Einschüchterung der polnischen Minder­heitsbevölkerung fönne nicht die Rede sein. Soweit die in der Kleinen Anfrage bezeichneten Personen sich noch in Haft befinden, merde auf tunlichste Beschleunigung des Verfahrens hingewirkt. Die beteiligten Beamten hätten in jedem Falle pflicht gemäß gehandelt. Ein Grund, fie oder die Anzeigenden zur

Die Feststellung des Berliner Tageblatts" eröffnet Ein­blicke in die Finanzierungsmethoden der Schwarzen Reichs­wehr. Es ist an der Zeit, daß im Reichstag in aller Deffentlichkeit die illegalen Beziehungen und Organisa­tionsversuche der Reichswehr aufgedeckt werden.

Berantwortung zu ziehen, liege nicht vor. Die Unterstützung von Angehörigen der in Haft befindlichen Personen sei Aufgabe der ört lichen, zur Fürsorge berufenen Stellen, insbesondere der Wohlfahrts­ämter.

Polnische Verfolgung slawischer Brüder. Warschau , 18. November.( Ost- Expreß.) Die Spannung zwischen den Minderheiten in Polen und der Regierung verschärft sich immer mehr. Vor allem sind es die Utrainer, die ihrer Abneigung gegen die polnische Herrschaft unverblümt Ausdruck geben. Das in Lemberg erscheinende ukrainische Blatt Dilo" veröffentlicht folgende Angaben über den Leidensweg des ukrainischen Schul. wesens: In den letzten Jahren des österreichischen Regimes gab es in Ostgalizien 2612 ukrainische Volksschulen, gegenwärtig be­stehen nur noch 953 und es wird eine weitere Verringerung be­fürchtet. Im jezigen Polnisch- Wolhynien gab es noch vor drei Jahren samtzahl der von den polnischen. Behörden geschlossen en ufrai­421 ukrainische Schulen, gegenwärtig teine einzige. Die Ge­nischen Schulen beträgt 2080, d. h. das ukrainische Volksschulmesen in Polen ist bis zu 69 Proz. vernichtet. Von der Erbitterung der Ukrainer hat erst neulich die Ermordung des polnischen Schulrats Sobinski in Lemberg Zeugnis abgelegt.

Auch die Weißrussen treten immer lauter mit ihren For­derungen auf. In Beniakony verbot die polnische Polizei vor einigen Tagen den Vortrag eines weißrussischen Sejmabgeordneten. Die zu jammengeströmten weißrussischen Bauern griffen darauf die Polizei an, entwaffneten sie und zwangen die Polizisten, den Ort zu räumen. Der Chef der Ortspolizei ist von der polnischen Regierung daraufhin abgesetzt worden.

Der belgisch - chinesische Konflikt. Belgischer Schiedsgerichtsvorschlag. Brüffel, 20. November. ( WTB.) Die belgische Regierung hat der chinesischen Regierung vorgeschlagen, die Punkte genau fest­zustellen, die in gemeinfamem Einvernehmen dem Internatio nalen Gerichtshof unterbreitet werden sollen. Sollte China das Berfahren ablehnen, so würde Belgien allein den Konflikt vor den Gerichtshof bringen.

Bon China abgelehnt.

Peting, 20. November. ( WTB.) In einem vom chinesischen Ministerium des Aeußern dem belgischen Gesandten übergebenen Memorandum zur Frage der chinesisch- belgischen Handelsbeziehungen wird der belgische Verschlag, die Streitpunkte dem Schiedsgerichtshof im Haag zu unterbreiten, abgelehnt und erklärt: Keine Nation fann die Forderung der Gleichstellung des Vertrags. partners zum Gegenstand einer juristischen Untersuchung machen. Wenn man einen internationalen Gerichtshof in Anspruch nehmen will, so kann dies nur der Völkerbund sein, und zwar gemäß Artikel 19 seines Statuts betreffend die unanwendbar gewordenen Verträge. Wenn aber Belgien die gemeinsamen Interessen der beiden Nationen berücksichtigen will, so müßte es auf den chinesischen Borschlag von Verhandlungen eingehen, die den Abschluß eines neuen Bertrags auf der Grundlage der Gleichheit ermöglichen würden.

sich für Distriktabstimmungen auszusprechen. Die besondere, im Bergbau übliche, Methode der Distcittabstimmung ist aller­dings nicht unanfechtbar und es ist daher nicht unbegreiflich, daß ein Teil der bürgerlichen Bresse dieses Abstimmungs­ergebnis deshalb als eine Verfälschung der wirklichen Mei­nung der Bergarbeiter hingestellt hat.

Wie spielt sich der Borgana ab? Zunächst haben wir die Ortsgruppe. Bei der Abstimmung der Ortsgruppe find in aller Regel, wenn auch nicht überall, die bereit zur Arbeit zurückgekehrten Arbeiter vom Recht oder praktisch durch die Reit, zu welcher die Versammlung stattfindet. von der a- lichteit, mitabzustimmen, ausaefchloffen. Damit ergibt sich in allen jenen Orten. wo eine Mehrheit der Arbeiter bereits zur Arbeit zurückgekehrt sind. die Situation, daß zwar die Mehrheit arbeitet, die weiter Widerstand leiftende Minderheit fich jedoch für die gesamte Bergarbeiterschaft des Ortes gegen die Annahme der Bedingungen ausspricht. Der nächite Schritt ist eine Meldung der Ortsgruppe an die Distriktleitung, daß eine in dem Orte A. stattgefundene Bersammlung die Bedingungen abgelehnt hat. Die nächste Etappe ist die Distriktversammlung. In diefer übt der Delegierte einer folchen Ortsgruppe, welche die Bedingungen abgelehnt hat, ein Stimmrecht von einer Stimme für ie 50 Mitglieder aus. En solcher Delegierte hat hierbei das Recht, die gesamte Mitgliedsaahl seiner Orisgruppe gegen die Friedensarund­lagen in die Wagschale zu werfen. So kann unter Umständen 2000 Mitalieder zählt. von denen 1000 zur Arbeit zurückgekehrt in der Distriktverfammlung ein Deleaierier. deffen Ortsgrumpe find, die übrigen 1000 aber mit einer geringen Mehrheit fich für die Ablehnung entschieden haben. bei der Abstimmung das ganze Gewicht der 2000 in den Büchern der Ortsgruppe ein­getragenen Mitglieder in die Wagschale gegen die Bedin­qungen werfen, obwohl sich bei der Abstimmung nur 600 für diese Bolitie entschieden hoben. Dies ist zugestandenermaken ein krasser Fall. aber der Effekt wird für den Fall Lancashire Delegiertenkonferenz vertreten haben, auf der Landesdele­2. B. der sein, daß die drei Delegierten, die Lancashire in der giertenversammluna, der nächst höheren Funktionärverfamm= lung, einen ablehnenden" Distrikt vertreten, obwohl ein Drittel der Mitglieder zur Arbeit zurückgekehrt und von den übrigen nur eine geringe Mehrheit für die Ablehnung ge­stimmt hat.

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Das Ganze ist ein Vorgehen, bei dem die ieweilige Mehr­heit für die ganze Gruppe entscheidet, die Minoritäten so groß sie auch immer sein mögen wie beim englischen politischen Wahlrecht auf jeder Etappe ausgefchaltet werden. Aber es fommt gerade einer fonservativen Presse, die das grundsätzlich ähnliche politische Wahlverfahren stets gegen alle Vertreter des Proportionalwahlverfahrens verteidigt hat, nicht zu, seine Wirksamkeit anzugreifen, wenn es von einer Arbeiterschicht im Bezirke ihrer eigenen Organi­fation angewendet wird.

Des Weiteren wird gegen dieses Abstimmungssystem ein­gewandt, daß seine Entscheidungen öffentlich durch Aufheben von Händen erfolgen und dadurch starken persönlichen Beein­fluffungen ausgesetzt sind. Auch vom Standpunkt der Arbeiter­fchaft aus, wird man diesen Einwand gelten lassen müssen. Der Kritik der konservativen Presse an der Ausschließung der bereits zur Arbeit Zurüdgefehrten wird man allerdings grundsäglich nicht zustimmen können, da diese im technischen Sinne Streitbrecher sind und sich einer schweren Disziplinarverlegung gegenüber ihrem Verbande zu Schulden fkommen haben lassen. Die Tatsache jedoch, daß diese Streifbrecher nunmehr beinahe 30 Proz. der Gesamtmitglied­schaft ausmachen, besonders aber, daß diese gegenwärtigen Arbeitswilligen vielfach fünf bis sechs Monate ausgehalten