Mr. 22244. Jahrg. Ausgabe A nr. 113
Bezugspreis:
Böchentlich 70 Pfennig, monatlich B, Reichsmart voraus zahlbar. inter Kreuzband für Deutschland , Danzig , Saar- und Memelgebiet, Desterreich, Litauen , Luxemburg 4.50 Reichsmart, für das übrige Ausland 5,50 Reichsmart pro Monat.
Der„ Borwärts" mit ber illustrier ten Sonntagsbeilage Bolt und Zeit" sowie den Beilagen Unterhaltung und Wissen"," Aus der Filmwelt", Frauenftimme", „ Der Kinderfreund", Jugend- Borwärts"," Blid in die Bücherwelt" und Kulturarbeit" erscheint wochentäglich zwei. mal, Sonntags und Montags einmal.
Morgenausgabe
Vorwärts
Berliner Volksblatt
10 Pfennig
Anzeigenpreise:
Die einfpaltige Nonpareille. Beile 80 Pfennig. Reklamezeile 5,- Reichsmart.„ Kleine Anzeigen" bas fettgebrudte Wort 25 Pfennig ( zulässig amei fettgedruckte Worte), jebes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche bas erfte Wort 15 Pfennig, jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Seile 60 Pfennig. Familienanzeigen für Abonnenten
Beile 40 Pfennig.
Anzeigen für die nächste Summer müssen bis 4% Uhr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlin SW 68, Linden ftraße 3, abgegeben werden. Geöffnet von 8 Uhr früh bis 5 Uhr nachm.
Donnerstag, den 12. Mai 1927
Brüssel , 11. mai.( Eigener Drahtbericht.) Wie wir zuver-| gelehnt. Von deutscher Seite sind authentische photographische lässig erfahren, hat Briand sich in London erkundigt, welche Haltung Aufnahmen, evtl. die Feststellungen einer Reichstags tommission die englische Regierung zu einer Herabsetzung der Truppen im Rhein - als Beweis dafür angeboten worden, daß die Sprengungen vereinfand cinzunehmen gedenkt. Jn Brüffel wird die Auffaffung ver- barungsgemäß ausgeführt wurden. Diese Beweismittel hat das Berbarungsgemäß ausgeführt wurden. Diese Beweismittel hat das Bertreten, daß diese Frage nur Paris betrifft, da die belgischen und failler Militärkomitee unter Vorsiz des Marschalls Fochs als englischen Truppen bereits auf das Mindestmaß herabgesetzt seien. vorschlag von beiden Seiten in Erwägung gezogen wird, der dahin unzureichend abgelehnt. Es scheint nun, daß ein VermittlungsEs ist jedenfalls mit aller Bestimmtheit anzunehmen, daß einem lautet, neutrale Festungsartillerieoffiziere mit der Entgegenkommen der französischen Regierung gegenüber Deutschland Aufgabe zu betrauen, die notwendigen Feststellungen vorzunehmen. von Brüssel aus nicht die geringste Schwierigteit Bon einer Seite ist angeregt worden, das Gutachten durch einen in den Weg gelegt wird. fchweizerischen und einen schwedischen Offizier erstatten zu laffen. Eine endgültige Stellungnahme der Regierungen zu diesen Vorschlägen ist bisher noch nicht erfolgt.
Die Feststellung der Erfüllung.
Die Reichsregierung verhandelt mit Paris - wie der Soz. Bressedienst" erfährt schon seit längerer Zeit über die Frage, in welcher Form Deutschland den Nachweis erbringen soll, daß es seine Zusagen auf Sprengung der Ostfestungen erfüllt hat. Eine Besichtigung durch die noch zurückgebliebenen Mitglieder der ehemaligen Kontrollfommission hat Deutschland bereits entschieden ab
Der ganzen Angelegenheit tommt insofern besondere Bedeutung zu, als Briand gegenüber dem deutschen Botschaftsrat Dr. Rieth betont hat, daß die gewünschte Truppenreduzierung im befeßten Gebiete in der französischen Deffentlichkeit nicht zu vertreten sein würde, folange das Bersailler Militärtomitee von der Erfüllung der deutschen Verpflichtungen nicht restlos überzeugt ist.
Rückgang der Erwerbslosigkeit.
Besserung auch in der zweiten Aprilhälfte.
Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger in der Erwerbslofenfürforge zeigt, so wird amilich gemeldet, auch in der zweiten Aprilhälfte einen erfreulichen Rüdgang, und zwar um rund 113 000, das find 11,4 Proz. Die Zahl der männlichen Hauptunterstützungsempfänger ist in der genannten Zeit von 817 000 auf 717 000 zurüdgegangen, die der weiblichen von 167 000 auf 154 000, die Gesamtzahl von 934 000 auf 871 000.
Die Zahl der Zuschlagsempfänger hat sich im gleichen Zeitraum von 1 120 000 auf 989 000 vermindert.
Der Gesamtrudgang in der Zahl der Hauptunterftüßungsempfänger im Monat April beträgt rund 250 000, das sind 22 Pro3.( 1 121 000 Hauptunterstützungsempfänger am 1. April gegenüber 871 000 am 1. Mai 1927.)
Ueber die Krisen fürsorge liegt eine neuere Zahl nicht vor. Dieser Umstand erschwert die Beurteilung der tatsächlichen Entwicklung des Arbeitsmarktes, zumal in den großen Industrierevieren, wo die meisten langfristig Erwerbslosen sind, während der zweiten Aprilhälfte die Besserung sich nicht mehr in gleichem Tempo fortgesetzt hat wie vorher. Wenn auch die bereits jetzt veröffent. lichten Zahlen teinen Zweifel darüber lassen, daß zunächst noch der Arbeitsmarkt aufnahmefähig geblieben ist, so wird ein Urteil über den Umfang der Besserung doch erst dann möglich sein, wenn die Zahlen der Krisenfürsorgeempfänger befannt werden, deren Beröffentlichung in der Regel nur um Monatsmitte erfolgt.
Abbau der Krisenfürsorge?
Die Reaktion unternimmt neue Verfuche, den vom Reichsrat hinausgeschobenen Abbau der Krisenfürsorge zu beschleunigen. In einem Leitartikel verlangt die„ Deutsche Tages. zeitung" mit den bekannten Argumenten den baldigen systema tischen Abbau der Fürsorge für die langfristigen Erwerbslosen, mit dem besonderen Hinweis darauf, daß diese jezt gänzlich überflüssig sei, weil je der Arbeitsfähige und Arbeitswillige je zt auch Beschäftigung finden tönne. Sie versteigt sich dabei, entgegen dem vom Reichsfinanzminister Dr. Köhler amtlich profla mierten Wirtschaftspessimismus zu der Behauptung, daß der Arbeitsmarkt auch in Zukunft neue Kräfte aufnehmen fönne! Wie man sieht, funktioniert die Prophetengabe der Regierungsfreunde recht verschieden, je nachdem, was man damit bezwedt: der Wirtschaft geht es schlecht, wenn Lohnforde rungen gestellt werden oder wenn Besigsteuern abgebaut werden sollen, es geht ihr aber glänzend, wenn man damit den Abbau der Krisenfürsorge begründen will!
Aber abgesehen von dieser eigenartigen Infonsequenz ist auch fonft die Logit der sozialen Reaktionäre nicht frei von Widersprüchen. Die„ Deutsche Tageszeitung" selbst muß zugeben, daß die Besserung am Arbeitsmarkt in erster Linie denjenigen Erwerbslosen zugute fommt, die noch die Hauptunterstützung erhalten. Das sind diejenigen Erwerbslosen, die erft turze 3eit der Beschäftigungsmöglichkeit beraubt sind, also Arbeitskräfte, die noch jung und befonbers leistungsfähig sind und lediglich vorüber. gehend freigesetzt maren. Wenn es nun richtig ist, daß die der Krisenfürsorge unterliegenden Erwerbslosen schwerer Arbeit finden, so liegt das eben daran, daß die durch Krieg und Inflation schwer geschädigten breiten Vollsmassen heute mehr auf Arbeit angewiesen find als jemals früher. Das ist ja auch nom Statistischen Reichsamt einwandfrei festgestellt.
Es handelt sich also um eine unmittelbare Folge des Krieges und der Inflation, die einen nachhaltigen Drud auf den Arbeitsmartt in der Richtung ausübt, daß traß befferer Ronjunttur immer noch große Reserven von Arbeitsuchenden vorhanden sind. Diese- hauptsächlich Opfer der verfehlten Unternehmerpolitit in und nach dem Kriegebedürfen mindestens ebenso sehr der öffentlichen Hilfe wie andere Kreise, deren sich die Großagrarier so gerne annehmen, und die aus der Verarmung des Volkes noch große Gewinne gezogen haben.
Wenn man nun darauf verweist, daß diese Arbeitsuchenden eben minder arbeitsfähig seien und infolgedessen der allge meinen Wohlfahrtspflege anheimfallen müßten, so ist das ungefähr der Höhepunkt der Verlogenheit, mit der man im Unternehmerlage argumentiert. Die ganze Frage märe nämlich dann gegenstandslos, wenn Länder und Gemeinden aus reichend Mittel hätten, um den schuldlosen Opfern der Ratio nalisierung helfen zu können. Dann brauchte man die Krisenfürforge nicht und könnte in großem Stile darangehen, die minder leistungsfähigen Arbeitsuchenden aus der Zahl der übrigen heraus zusondern und ihnen die notwendige Hilfe zu leisten ohne Rücksicht barauf, daß sie jahraus jahrein vergeblich Beschäftigung suchen. Was aber ist die Wirklichkeit? Die Finanzpolitit des Rechtsblods beschneidet die Mittel der Länder. Gegenüber den Gemeinden wird unter dem Vorwand des Zwanges zur Spar. famkeit eine bewußte ,, Berfnappungspolitit" getrieben, die dazu führt, daß für die allgemeine Fürsorge immer weniger anstatt mehr Mittel zur Verfügung stehen. Und diese Einschränkung des Wohlfahrts etats ist ein wesentlicher Bestandteil der Politik jener Unternehmer, die es jetzt fertigbekommen, die schuldlosen Opfer ihrer verfehlten Wirtschaftspolitik als Faulenzer und Rentenschnorrer hinzustellen!
Nein, das Ziel des Abbaus der Krisenfürsorge ist ein anderes. Nachdem der Arbeitsmarkt wieder bessere Tendenz zeigt, will man künstlich das Heer der Erwerbslosen und Hunger. leider erhöhen, die ihre Arbeit um jeden Preis und ohne Innehaltung der Tarife anbieten müssen. Damit hofft man, im Kampf gegen die Lohnansprüche der Arbeiterschaft eine neue Waffe zu schaffen. Gerade darum ist es notwendig, den wahren Charakter dieser Treibereien zu fennzeichnen, die stärksten Widerstand der organisierten Arbeiterschaft finden müssen.
Keine Nachricht von Nungesser.
Paris , 11. mai.( Eigener Drahtbericht.) Von dem Ver. bleib der beiden Ozeanflieger, seitdem fie über Jrland gesichtet worden find, ist auch bis Mittwoch abend in Paris teine Nachricht eingetroffen. Gegen 30 Kriegsschiffe und über ein halbes Hundert Flugzeuge find von der amerikanischen , englischen und franzöfifchen Küfte aus unterwegs, um nach den Bermißten im Ozean zu forschen. Einige Sachverständige geben der Meinung Ausdrud, daß die belden Flieger, als fie die amerikanische Küste erreicht hatten und infolge des Nebels nicht landen fonn en, vielleicht statt nach New York ihren Flug in nördlicher Richtung nach Kanada und Labrador fortgefeht haben. Die Pariser Kriminalpolizei ist vom Innenminister beauftragt worden, eine Untersuchung darüber anzustellen, wer die Falsch meldung über die Ankunft der Flieger in New York verbreitet hat.
Vorwärts- Verlag G.m. b. H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3 Boftschecktonte: Berlin 37 536- Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamien. Wallstr. 65: Diskonto- Gesellschaft. Devoktentaffe Zindenftr. 3.
Die Arbeit der Partei.
Ein Jahrbuch der deutschen Sozialdemokratic. Auf zweierlei Art wurde in früheren Zeiten über die Arbeit der Partei berichtet: Einmal im jährlichen Bericht des Vorstandes an den Parteitag, zum anderen in dem ausführlichen Rechenschaftsbericht der Reichstagsfraktion. Beide Berichte pflegten dem Protokoll des Parteitages eingefügt Berichte pflegten dem Protokoll des Parteitages eingefügt zu werden, an den sie erstattet wurden.
Jetzt ist, zum ersten Male seit Bestehen der Partei, die fchen Sozialdemokratie 1926" der Deffentlichkeit Jahresarbeit der Partei in einem Jahrbuch der deutunterbreitet worden. Das Buch umfaßt nicht weniger als 520 Seiten, zeigt also auch schon in seinem äußeren Umfange, wie gewaltig fich die Tätigkeitsgebiete der Bartei gemehrt haben. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis bestätigt und ver stärkt diesen Eindruck. Allein der Bericht des Parteivorstandes gibt außer einem allgemeinen politischen Ueberblick eine umfassende Darstellung der großen agitatorischen Feldzüge, die im abgelaufenen Jahre die Partei zu führen hatte. Hierher gehört vor allem die große und aufrüttelnde Arbeit für den Wolfsentscheid für Fürstenenteignung, die zwar ohne pofitives Ergebnis blieb, aber doch eine Boltsbewegung von bisher unbekanntem Ausmaße hervorrief. Das verfassungsmäßige neue Recht der direkten Gesetzgebung durch das Volk wurde hier zum ersten Male erprobt. Und unsere Genossen haben im ganzen Reiche diese Feuerprobe aufs beste bestanden. Für spätere Anwendung des Bolfsentscheides hat diese Arbeit der Sozialdemokratie grundlegende Beispiele geschaffen.
1
-
Der Borstandsbericht zeigt aber in seiner Gliederung auch, wie stark sich die eigentliche Parteiarbeit von Wahlkämpfen abgesehen verästelt hat. Immer neue Zweige werden angefügt oder wachsen aus der einheitlichen Tätigkeit heraus. Die Frauenbewegung erfordert heute ein noch stärkeres Maß an Aufmerksamkeit als früher. Dazu kommt die Ar= beiterjugend, die zwar in einem selbständigen Berbande organisiert ist, aber mit der Sozialdemokratie doch aufs engste verbunden bleibt. Immer neue Aufgaben stellt die Arbeiterwohlfahrt den Genossen und Genofsinnen, die in ihr eine unmittelbare praftische Sozialarbeit zu leisten vermögen. Ein Gebiet, das erst nach dem Kriege ernsthaft und gründlich in Bearbeitung genommen wurde und das in seiner Buntheit immer neue Eindrücke vermittelt, immer neue Pflichtenfreise öffnet. In nicht weniger als 1914 Ortsausschüssen der Arbeiterwohlfahrt, die über das Reich in 34 Bezirfen zusammengefaßt find, wird diese praktische soziale Hilfsarbeit heute planmäßig betrieben, die früher den bürgerlichen und religiösen Wohlfahrtstätigkeitsvereinen allein überlassen blieb, Das Hineinarbeiten in diese neuen Be tätigungsgebiete erfordert unendlichen Fleiß, großen, nie ermüdenden Opfermut und neben organisatorischer Sachkenntnis vor allem ein menschliches Mitempfinden mit den Nöten derer, die der Wohlfahrtsarbeit besonders bedürfen.
Neben dieser Sozialarbeit der Arbeiterwohlfahrt fordern das fulturpolitische Glied der Partei, der Sozialistische Kulturbund" und das Wirken des„ Reichsausschusses für sozialistische Bildungsarbeit" das Interesse aller heraus, die inneren Anteil an dem Werden und Wachsen der deutschen Sozialdemokratie nehmen. Die fommunalpolitische Zentralstelle, die der Parteileitung angegliedert ist, bietet ebenso wie das Parteiarchiv wertvolle Materialien für die immer stärker werdenden Reihen unserer Mitarbeiter im Lande.
Die Vertretung der Partei in öffentlichen Röperschaften hat einen sehr erheblichen Umfang angenommen. Im Berichtsjahr zählte sie:
im Reichstage 131 Abgeordnete, davon 16 Frauen, in den Länderparlamenten 468 2bgeordnete, davon 49 Frauen,
im preußischen Staatsrat 24 Abgeordnete,
in den Provinziallandtagen 482 Abgeordnete, davon 20 Frauen,
in den Kreistagen 3146 Abgeordnete, davon 47 Frauen, in den Stadtparlamenten 6773 Stadtverordnete, davon 295 Frauen,
in den Gemeindevertretungen 20 090 Vertreter, davon 452 Frauen.
708 Parteigenossen sind als Bürgermeister, 637 als Gemeindevorsteher und 340 als befoldete Stadträte tätig.
Die Mitgliederbewegung der Parteiorganisation litt auch im letzten Jahre noch unter den Auswirkungen der wirtschaftlichen Krise und der daraus sich ergebenden Arbeitslosigkeit, die alle bisher bekannten Maße weit überſtieg. Unter dem Druck der Arbeitslosigkeit hatten die Parteiorganifationen im Jahre 1925 einen Berluft von 38 227 Mitgliedern buchen müssen. 1926 wurden insgesamt 17 252 Mitglieder mehr gezählt, doch ist damit der vorjährige Berlust noch nicht ganz wieder ausgeglichen. Die Gesamtmiglieberzahl ber Partei betrug am 1. Januar 1926: 806 268, darunter