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Abendausgabe

Nr. 355 44. Jahrgang

= Vorwärts

Ausgabe B Nr. 175

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SW

Berliner Volksblaff

10 Pfennig

Freitag

29. Juli 1927

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Angebot Chamberlains an Rußland .

Er spricht öffentlich von einer Wiederaufnahme der Beziehungen.

jetzt von der Sowjetregierung getan werden. Sie müßte sich endlich darüber tar fein, daß sie die Anbahnung normaler Beziehungen am ehesten dadurch erleichtert, daß sie auf die kommunistische Barteipropaganda verzichtet. Nur wenn sie die aussichts­losen Versuche, die englische Demokratie mit ihren asiatischen Mitteln zu stürzen, aufgibt, tommt

Im Verlauf der Unterhausdebatte tam es nochmals zur Aus­sprache über das Verhältnis Englands zur Sowjetunion . Der auf dem linken Flügel der Arbeiterpartei stehende Abgeordnete Wall­head unterbrach Chamberlains Rede mit der Frage, ob England das Tor noch nicht zugeschlagen habe gegenüber dem möglichen Bestreben der Sowjetunion , die diplomatischen Beziehun­gen wiederherzustellen". Chamberlain erwiderte nicht etwa ableh die Wiederherstellung der Beziehungen von Staat zu Staat nend und ausweichend, daß er an solche Versuche nicht glaube, son­bern er erklärte, daß die Wiederaufnahme der Beziehungen zustande. Auch in Moskau sollten die Gründe der wirtschaft. möglich sei, jedoch nicht unter den früheren Formen, die mißlichen Bernunft und der Selbst erhaltung start genug braucht worden feien. Darauf erhob sich Wallhead noch einmal, wiegen, um England den Verzicht auf die Revolutionspropaganda um festzustellen, daß der Weg zu einer Annäherung der Sowjet- zuzusichern. Zugleich würde das den demokratischen Klassenkampf der union nicht versperrt sei. Auch auf diese zweite Unterbrechung englischen Arbeiterschaft um ihre sozialen Rechte erleichtern. durch das Mitglied der Opposition antwortete Chamberlain entgegen tommend: Die Russen können eine Annäherung unternehmen. Dabei würden sie wohl

thre Borschläge mitteilen. Wir werden diese mit ihnen erörtern. Sie dürfen jedoch den früheren Mißbräuchen nicht Raum geben." Damit hat die englische Regierung öffentlich den ersten Schritt zu einer Wiederanmäherung getan. Chamberlain hat die Sowjetregie­rung aufgefordert, Borschläge zur Wiederherstellung der diploma­tischen Beziehungen zu machen und zugesagt, fie im einzelnen zu

beraten.

Es ist dabei nicht wesentlich, ab dies öffentliche Angebot auf Grund einer vorherigen Berabredung mit dem Arbeiterabgeordneten erfolgte, und ob deffen Zwischenfragen auf Anregungen aus Streifen der in England gebliebenen Mitglieder der ehemaligen Sowjet­handelsmission zurückgehen. Chamberlain hat der Sowjetunion den fleinen Finger zur Wiederherstellung der Beziehungen gereicht in erselben Stunde, in ber

in Genf die englische Delegation den Endkampf mit Amerika und Japan in der Flottenfrage führt,

Was Stalin vorgestern schrieb.

Mostau, 29. Juli. ( Sowjet- Tel.- Ag.)

In der Prawda" behandelt Stalin die drohende Kriegs Regierung entschieden den Weg der Organisierung eines Krieges gefahr. Die jetzige internationale Lage beweise, daß die englische gegen die Sowjetunion eingeschlagen habe und fortsetze. Die Auf­gabe der Sowjetunion wird es auch fernerhin sein, beharrlich eine Politit des Friedens zu führen, ungeachtet der Provokations­tätigkeit der Feinde und der Dolchstiche gegen das Prestige Sowjet­rußlands. Propofateure aus dem feindlichen Lager reizen uns auf und werden uns weiter aufreizen, indem sie behaupten, daß unsere Friedenspolitik fich aus der Schwäche unserer Armee erkläre. Dies bringt manchmal vielleicht einige unserer Genossen aus der Faffung, die geneigt sind, auf die Provokation einzugehen, indem sie

entschiedene Maßnahmen fordern. Dies bedeutet Nervenfchwäche und Mangel an Ausdauer.

Nur die jetzige Politit tann uns die Möglichkeit sichern, alle Wert­und auch unter Opfer eine Einigung erstrebt, damit nicht England tätigen in ein einheitliches Kriegslager zusammenzubringen, wenn der Feind uns zum Kriege zwingen will.

als der schuldige Teil an einem Abbruch der Konferenz erscheint. Die drohende Isolierung und Entfremdung gegenüber Amerita veranlaßt England international, sich der Sowjetunion wieder zu nähern. Innenpolitisch ist die eng­lische Initiative zugleich dadurch bedingt, daß die Kapitalisten den Ausfall wichtiger russischer Aufträge bedauern und zunehmend die wirtschaftliche Torheit des Abbruchs einsehen. Der Ausfall der Nachwahlen seit dem Abbruch zeigte zugleich, daß die Wähler massen nicht mehr, wie die Diehards gehofft hatten, mit dem Schreckgespenst des Bolschewismus den Konservativen in die Arme zu treiben sind.

Die Verschlechterung der internationalen Situation Englands, ber Durchbruch wirtschaftlicher Vernunft bei der herrschenden Klaffe und die Quittung, die die Wählerschaft den Machinationen der Junker erteilte, haben zusammengewirkt, um das öffentliche Ange­bot an die Sowjetunion zu veranlassen. Der nächste Schritt muß

Coolidge soll entscheiden. Englands lette Vorschläge nach Washington gedrahtet. Genf , 29. Juli.

Die Konferenz ist am Donnerstag abend verhältnismäßig rasch in ihre größte und vielleicht le te Rrise eingetreten. Die von Bridgeman aus London mitgebrachten Vorschläge, die in ihren wesentlichen Bunften den auf Grund der britisch- japanischen Verständigung formulierten Anträgen entsprechen, find von der führenden amerikanischen Delegation Gibson nicht angenommen worden. Gibson hat gegen mehrere Bestimmungen des Projektes Einwände erhoben und vorbehaltend geltend gemacht. Er hat sich jedoch bereit erklärt,

die Vorschläge unverzüglich dem Präsidenten Coolidge zur Kenntnis zu bringen,

fo daß die Delegation in der Deffentlichen Vollversammlung am Montag nachmittag in der Lage sein würde, die endgültige Stellungnahme ihrer Regierung darzulegen. Die amerikanische Opposition richtet sich in erster Linie gegen die Bewaffnung der leichten Kreuzer mit Sechszollgeschützen und gegen die wei­tere Berwendung von 25 Proz. der Schiffe, die das Dienstalter überschritten haben. Diese beiden Bestimmungen der britischen Vor­schläge wurden von den Japanern grundsäglich angenommen, von den Amerikanern jedoch abgelehnt, weil sie nach ihrer Auffassung der britischen Kriegsflotte eine Uebermacht zur See vertraglich garantieren.

Irgendeine Einigung wird noch erwartet.

Genf , 29. Juli. ( Eigenbericht.) Die ersten pessimistischen Eindrücke von den neuen britischen Gegenvorschlägen in der neuen Abrüftungskonferenz machen heute Dormittag bereits einer ruhigeren Beurteilung der Lage Blaz, da man auch von amerikanischer Seite nicht bestreiten kann, daß der englische Vorschlag für Beibehaltung einer Anzahl Kreuzer zwischen 6000 und 10 000 Tonnen mit Barität zwischen Groß britannien und den Bereinigten Staaten eine bedeutende Ron seifion an den amerikanischen Standpunkt darstellt.

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Moskau anerkennt Warschaus Entgegenkommen.

Mostau, 29. Juli.

worden.

Nach der Rückkehr des polnischen Gesandten Patet find die Berhandlungen zur Regelung des sowjetrussisch- polnischen Konfliktes wieder aufgenommen Jsweftija" führt dazu aus: führt dazu aus: Diese Verhandlungen tönnen zu einem beiden Teilen erwünschten Ergebnis führen, falls in den polni­schen Regierungstreifen endgültig die nüchterne Stimmung überwiegen wird, die sich in der Erklärung Pateks in Barschau über die Notwendigkeit wiederspiegelt, der Stimmung der öffentlichen Meinung der Sowjetunion im Zusammenhange mit der Ermordung Wojtoms Rechnung zu tragen, und in der Ablehnung des Gesuch des Gerichts um Milderung des Urteils gegen Rowerda feitens des polnischen Staatspräsidenten.

In Erwartung von neuen Instruktionen aus Washington ruhen heute die Verhandlungen zwischen den Delegationen. Ein Zusammen­Ein Zusammen bruch der Konferenz in der Bollfizung vom Montag ist nicht wahr.

scheinlich.

England kämpft um die Einigung weiter.

Condon, 29. Juli. Wie Reuter aus Genf meldet, besteht Grund zur Annahme, daß Japan zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten vermitteln wird.

Schon droht Amerika mit der Aufrüstung. Washington , 29. Juli. Marinestaatssekretär Wilbur kündigte den Abschluß von Bau­verträgen für sechs neue Kreuzer an, von denen jeder 10 500 000 Dollar toftet. Diese Bauverträge sind jedoch bereits im Juni vergeben worden. Man hat damals mit der Veröffentlichung zurückgehalten, um einen schlechten Eindruck in Genf zu vermeiden. Die Mitteilung wird jetzt gemacht, um England zum Nachgeben zu bringen.

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Daudet kehrt zurück!

Er möchte seine Strafe lieber absitzen.

Paris , 29. Juli. ( Eigenbericht.)

Der aus dem Gefängnis. befreite Royalistenführer Léon Daudet hat von irgendwo im schönen Frankreich " an den Justiz­minister ein Schreiben gerichtet, worin er sich bereit erklärt, in das Gefängnis zurüdzukehren, unter der Bedingung, daß der Prozeß wieder aufgenommen wird.

Der englische Kriegsminister in Indien . Kriegsminister Worthington Evans wird im Herbst eine offizielle dreimonatige Reise nach Indien unternehmen, um die britischen Garnisonen an der Nordwestgrenze zu inspizieren. Eine derartige Reise eines britischen Kriegsministers ist noch nicht dagewesen.

Balkanwahlen.

Im Zeichen des Terrors und der Korruption.

Bon Hermann Wendel

Für den Balkan ist gegenwärtig ein Wahlsommer, denn am 29. Mai erfor Bulgarien , am 7. Juli Rumänien sein neues Parlament, und am 11. September werden in Südslawien die Wahlurnen aufgestellt. Seit den bal­fanischen Vorspielen des Weltkrieges und der Entfesselung der großen Katastrophe durch ein balkanisches Ereignis haben die Geschehnisse in Südosteuropa ihren sozusagen lokalen Charakter verloren und sind fast in den Mittelpunkt des europäischen Interesses gerückt, aber irrig wäre es, Balkan­wahlen auch nur die gleiche innerpolitische Bedeutung zuzu­schreiben, wie sie die Erneuerung der gesetzgebenden Körper­schaften im Abendland hat.

Wohl steckt in allen Balkanvölkern ein ganzes Kapital an ursprünglichem demokratischen Gefühl. Namentlich unter den Balkanslawen, die ein halbes Jahrtausend unter dem Türkenjoch ohne einheimische Herrenkaste als eine gleich­förmige, sozial nicht gestufte Masse Unterdrückter dahinlebten, ist Demokratie noch bei dem zerlumptesten Schafhirten ein Demokratie um. 3war strahlen auch die Verfassungen lebendiger Begriff, aber dieses natürliche Empfinden setzt sich nicht ohne weiteres in politische Kraft, in politische Bulgariens , Rumäniens und Südslawiens so viel Freiheit aus, wie man nur will; die Balkanstaaten sind auf dem Papier parlamentarisch regierte fonftitutionelle Monarchien, in denen der Volkswille als Quelle aller Macht gilt. Nur wille eine erste Berfälschung schon dadurch, daß dem faschistis erfährt, bei allgemeinem und gleichem Wahlrecht, der Volks­schen Beispiel nachgeäffte Bestimmungen der Wahl­ordnung die großen Parteien ungerecht begünstigen. In Rumänien erhält eine Partei mit zwei Fünfteln der Stimmen sieben Zehntel der Mandate; auch in Bulgarien erobert eine Parteifoalition, für die bei weitem nicht die Hälfte der Wähler stimmt, mühelos die Mehrheit der Par­lamentssige, und nicht minder werden in Südslawien die fleinen Parteien durch das Wahlgesetz an die Wand gequetscht. Schlimmer verwäffert sich die Wirkung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts durch das Analphabetentum der Wähler. In allen Balkanstaaten ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Lesens und Schreibens unfundig; zum Teil erreicht die Verhältnisziffer der Analphabeten eine phantastische Höhe: bei den Moslems Bulgariens sind es 95 Proz. und fast ebensoviel bei ihren Glaubensgenossen in Bosnien und der Herzegowina; in diesen einstigen f. und t. Oftupationsprovinzen ist ein Schandblatt für vier Jahr zehnte österreichischer ,, Zivilisations " arbeit für 99,70 Proz der Mohammedanerinnen die Schrift ein wesenloses Nichts. Wenn es nun auch unter den serbischen Bauern gewigte Burschen gibt, die ohne Kenntnis des ABC, einen starken politischen Nerv haben, so stellt im allgemeinen eine An­alphabetenbevölkerung, an die feine Zeitung, fein Flugblatt herankommt, eine rudis indigestaque moles", eine rohe und unbewegliche Masse dar, die der plumpesten Demagogie, dem heillosesten Wahlschwindel auf den Leim geht und das geeignetste Objekt jeder Wahlkorruption ist.

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Das

Denn Korruption und Terror heißt das Zeichen, in dem Balkanwahlen stehen. Für Rumänien gilt mehr denn je das Wort seines verstorbenen Staatsmannes Carp: Gebt mir Präfekten und Gendarmen, und ich habe die Mehrheit!" Der 7. Juli brachte dem Land ausgesprochene Gendarmenwahlen. An die Spize der Gendarmerie wurde eigens ein zuverlässiger General gestellt, der alle Komman­danten und Offiziere wissen ließ, Wunsch des Königs sei, daß die Wahlen eine starke liberale Mehrheit ergäben. genügte. Indem oppositionelle Kandidaten verhaftet, oppofitionelle Versammlungen verhindert, oppositionelle Agitatoren mißhandelt, oppositionelle Dörfer von jedem Ver­fehr abgeschnitten, oppositionelle Wähler dem Wahllokal ferngehalten wurden, bewährte sich die Gendarmerie prächtig als Wahlhelfer Bratianus. In Bulgarien am 29. Mai ein ähnliches Bild, auf der ganzen Front der weiße Schrecken" für das Regime Liaptichew tätig. Als in der Thronrede der König von der Gesetzlichkeit der Wahlen sprach, unterbrach der Führer der Sozialdemokraten, Satazot: Das ist nicht wahr! Das ganze Volt ist empört über die Gewalttaten der Regierung!" Auch für Südflawien stellte unser Belgrader Parteiblatt unlängst fest, daß bei den letzten Wahlen ein gutes Drittel der Abgeordneten durch Gewalttat und Korruption in die Stupschtina gelangt sei, und, obwohl für den 11. September alle Welt stürmisch freie Wahl heischt und der Ministerpräsident freie Wahlen verspricht, wird es nicht ohne Terror abgehen. Der ganze Verwaltungsapparat ist zu sehr auf die Beeinflussung der Wahlen eingespielt, als daß er sich durch einfachen Druck auf den Knopf abstellen ließe; auch das in großen Landesteilen wie Bosnien , Herze­gowina, Wojwodina und zum Teil auch Kroatien- Slawonien sich die Gemeinden immer noch nicht selbst verwalten, sondern von Regierungskommissaren verwaltet werden, schafft eine Grundlage für Korrektur des Wahlglücks durch den Polizei­

fnüttel.

Freilich wagt sich auch auf dem Balkan der Wahlterror nicht überall hervor. In den kulturell fortgeschritteneren Gebieten, namentlich in den großen Städten, spielt sich der Wahltag ganz manierlich ab. Darum heimsten in Czernowitz mit seiner entwidelten Bevölkerung die rumäni schen Liberalen taum ein Viertel der abgegebenen Stimmen