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Str. 398 44.Jahra. Ausgabe A Nr. 203

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

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Mittwoch, den 24. August 1927

Blutige Nachspiele zum Justizmord.

Ein Toter in Leipzig ..

Leipzig , 23. Auguft.

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In Leipzig veranstalteten heute die Kommunisten Kundgebun­gen gegen die Hinrichtungen Saccos und Banzettis. Die Kundgebungen selbst verliefen ohne Zwischenfälle. Dagegen fam es beim Rüdmarsch einer größeren fommunistischen Abteilung zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, bei der die Demonftranten nach dem Bericht der Telegraphen- Union einzelne Beamten be­droht haben sollen. Die Polizei machte von ihren Hieb­wassen Gebrauch; ein Demonstrationsteilnehmer wurde ge­föfet, ein anderer verletzt. Auch ein Beamter foll verletzt worden fein. Die TU. meldet dazu, die Demonftranten hätten unterwegs ver­fucht, eine Polizeiwache zu stürmen, worauf der Polizei der Waifengebrauch befohlen worden sei. Da die Meldung erst in fpäter Nachtstunde einfraf, war es nicht mehr möglich, eine authen­fische Darstellung der bedauerlichen Vorkommnisse zu erhalten, wes­halb wir die Meldung nur mit Vorbehalt wiedergeben können.

Paris , 23. Auguft.( WTB.)

Zusammenstöße in Paris .

Schaden vom Kanton Genf gedeckt wird. Die Genfer Kantonal­und die Bundesbehörden haben dem Völkerbund ihr Bedauern und ihre Entrüstung ausgesprochen. Die wegen der Vorgänge Ver­hafteten kommen vors Polizeigericht.

Heute abend fam es furz vor 18 Uhr in der Nähe des ameri­tanischen Rosulates zu einer großen Menschenansamm: lung. Die Polizei sperrte hierauf alle zum Konsulat führenden Straßen ab. Da gewisse Elemente der Aufforderung, sich zurück­zuziehen, nicht unverzüglich Folge leisteten, wurden von der Feuer­wehr zwei Motorsprigen in Tätigteit gefeßt, was fofort wirkte. Die Menge, welche hauptsächlich aus Neugierigen bestand, zer ft reute sich langsam. Die Polizei nahm zehn Ber­jonen feft, die alle verlegt waren. An verschiedenen Punkten der Stadt find Absperrungen vorgenommen worden, insbesondere in der Nähe des Völkerbundspalastes. Das 3. Infanterieregiment ist in Alarmbereitschaft gesetzt worden.

In Casablanca beschloß das Verteidigungsfomitee Sacco und Vanzetti, alle amerikanischen Waren und Filme zu bontottieren. Nach der Versammlung fam es zu 3u ſammenſtößen mit der Polizei, wobei acht Bolizeibeamte und mehrere manifestanten verlegt wurden. 15 Personen wurden ver=

Bomben und Polizeiattacken in Amerika .

Die Protestfundgebung gegen die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti auf den großen Boulevards hat zu mehreren ziemlich ernsten Zusammenstößen mit der Polizei geführt, die alle Kundgebungen verboten hatte. An zwei Stellen tamen die Mani- haftet. feftanten mit einem ftarten Polizeiaufgebot, das vom Polizei­präfetten selbst geleitet wurde, ins Handgemenge. Die Manifeftanten drangen in verschiedene Cafés ein und bemächtigten sich der Gläjer und anderer Trinfgefäße, die sie als Wurfge­ichoffe gegen die mehrfach mit blanker Waffe vorgehenden Poli­zisten benutzten Auf beiden Seiten hat es eine Reihe von Ber­letten gegeben. Auch wurden verschiedene Verhaffungen vorge­nommen. Besonders ernst scheint der Zusammenstoß vor dem Ge­bäude des Matin" gewesen zu sein, wo geschossen wurde. Auch hier find Polizisten und Manifestanten verletzt worden. Um 9,30 Uhr war es anscheinend gelungen, die Boulevards zu räumen und die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen. Doch meldet man Anjammlungen von Manifestanten in den Neben. straßen, die in kleineren Trupps wieder die großen Boulevards zu gewinnen fuchen. Die nordamerikanische Botschaft ist durch einen ftarten Polizeigürtel abgesperrt, so daß den Teilnehmern an der Kundgebung es bisher unmöglich war, weiter vorzudringen; doch wird gemeldet, daß fie außerhalb des Polizeifordons fich in Trupps fammeln.

Paris , 23. Auguft.( Eigenbericht.)

Der Präsident des Kartells der früheren Kriegsteilnehmer, das mehrere hunderttausend frühere Kombattanten umfaßt, hat der Presse mitgeteilt, daß er den Vorsitz beim Empfang der ameri­tanischen Legion, den er im Namen des Kartells übernommen hatte, niederlege.

3n Montpellier sind nach einer fommunistischen Protest­versammlung zwei Bomben geworfen worden, eine Bombe gegen die Polizeipräfektur und die zweite gegen das Gefängnis. Dadurch wurden mehrere Häuser schwer beschädigt und fämtliche Fensterscheiben im Umkreis von mehreren hundert Metern zer­frümmert. Ein Polizist im Präfekturgebäude wurde lebensgefähr­lich verletzt.

WIB. berichtet über die Vorgänge in Montpellier : Nach Beendigung einer Proteſtkundgebung wurde eine Höllenmaschine gegen einen Polizeipost en gefchleu­dert. Sämtliche Fensterscheiben der Polizeistation und der benach barten Häuser wurden zertrümmert. Ein Polizist wurde leicht verletzt. Der Einwohner hatte sich eine Panik bemächtigt. Von der Höllenmaschine selbst wurde nichts gefunden. Drei Stunden fpäter explodierte eine zweite Höllenmaschine, die gegen das Standbild der Jungfrau von Orleans, 30 Meter von der Polizeiwache entfernt, geschleudert wurde. Sie richtete nur einigen Sachschaden an.

Nach Schluß einer kommunistischen Kundgebung in 2yon wurde in eine Polizeiwache eine Bombe geworfen, deren Splitter einen Schuhmann verwundete. Auch in der Nähe des Gefängnisses wurde eine Bombe zur Explosion gebracht. In der Straßenbahnhalle von Lyon blockierten unbekannte Täter die Weichen mit Zement, so daß gestern morgen die Straßen= bahnen nicht ausfahren konnten. Verschiedene Wagen wurden zur Entgleisung gebracht. Erst nach stundenlançer Ver­spätung fonnte der Straßenbahnverfehr wieder einsehen.

Beruhigung in Genf .

Genf , 23. Auguft. Der heutige Vormittag ist in Genf vollständig ruhig verlaufen. Ein heftiger Regen hat beruhigend auf die Gemüter gewirkt. Der von den Manifestanten angerichtete Sachschaden wird auf etwa 100 000 Franken geschäßt. Es wird als selbstverständlich betrachtet, Daß der am Gebäude des Völkerbundssekretariats verursachte

Boston , 23. Auguft.

Die Polizei zerstreute heute 300 Manifestanten, die sich vor dem Gefängnis angesammelt hatten. Sieben Personen wurden ver haftet. Vor dem Postamt explodierte eine Bombe. Eine zweite Bombe, die mit Dynamitpatronen geladen war, wurde in einem Versammlungssaal der Quäfer in Chestnut en t- deckt. In Seattle( Fern- West) wurde in der vergangenen. Nacht ein halber Häuserblod im Italienerviertel durch eine Bombenerplosion zerstört. Bier Personen wurden ver­legt(!?). 3wei Mitglieder des Verteidigungsfomitees haben die

Auslieferung der Leichen Saccos und Banzeffis beantragt, wahrscheinlich im Auftrag von Frau Sacco und Luigia Banzetti. Um Ausschreitungen zu verhindern, ging die amerikanische Polizei überall da, wo sich 3wischenfälle ankündigten, mit äußer ster Strenge vor. In Boston wurden etwa 120 Personen festgenommen. In Cameronia, wo ein Soldat bei Auf­lösung einer Protestversammlung getötet wurde, verhaftete die Polizei außer dem Täter noch 150 Demonstranten. In New York gingen 200 Polizisten mit dem Gummifnüppel gegen die Demonstranten vor: zwölf Verlegte wurden ins Kranken­haus gebracht. In San Francisco wurden 127, in Chicago 40 Ber­haftungen vorgenommen......

Cleveland( Ohio), 23. Auguft.

Bombe. Einige Kirchenfenster und Fenster benachbarter Gebäude An der katholischen St. Josephsfirche explodierte heute eine wurden zertrümmert. Berlegt wurde niemand.

Ein Bischofspalast in Chile verbrannt. Buenos Aires, 23. Auguft.( EP.)

Der Bischofspalast in der chilenischen Hafenstadt Ancud ist durch Feuer zerstört worden. Der Bischof und ein Geistlicher erlitten Brandwunden. Ein Verlegter ist seinen Bunden er legen. Man vermutet, daß es sich um ein Attentat im Zusammen. hang mit der Sacco- Banzetti- Affäre handelt. Buenos

Aires, 23. Auguft.

Eine Menschenmenge veranstaltete vor den Bureaus einer Bei tung eine Demonstration für Sacco und Vanzetti. Sobald die Nach­richt von der Hinrichtung bekannt wurde, zog die Menge vor die Gebäude amerikanischer Firmen und warf dort die Fenster­

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Lob des Justizmordes.

In der deutschen Rechtspresse.

Der Fall Sacco- Banzetti ist feine Angelegenheit der Partei. Er sollte es wenigstens nicht sein und ist als solche auch hier niemals behandelt worden. Die beiden nach sieben­jähriger grausamer Seelenfolter getöteten Italiener, die noch mit ihrem letzten Atemzug ihre Unschuld beteuerten, waren Anarchisten und als solche geschworene Gegner der So­zialdemokratie. Es besteht keine geistige Gemeinschaft zwischen den Sozialisten, die den Staat zum Beherrscher der Wirtschaft machen, und den Anarchisten, die ihn zerstören wollen. Aber von diesen Meinungsverschiedenheiten war im Fall Sacco­Vanzetti mit Recht niemals die Rede. Nicht um sie handelt es sich hier, sondern darum, daß zwei Menschen auf unzureichen­den Verdacht hin zum Tode verurteilt, jahrelang unter Todes­androhung gehalten und schließlich doch grausam abgeschlachtet wurden. Es handelt sich darum, daß ein Gericht aus Rassen­und Klassenhaß ein leichtfertiges Todesurteil gefällt hatte und daß hinter der Maske der Moral die Frage einer brutalen tapitalistischen Klassenherrschaft in Erscheinung getreten war. Der Schrei gegen die Richter und Henker von Massachusetts war ein Schrei für Menschlichkeit und Recht. Daß es trotzdem ein Teil der deutschen Presse fertig bringt, sich gegen diese Bewegung zu wenden und den Justiz­mord von Boston zu rechtfertigen und zu beschönigen, fann man nur mit Bedauern feststellen. Wie sehr müssen sich die Leser dieser Presse in ihrer Auffassung von den elementarsten Begriffen des Rechts von den übrigen Teilen des deutschen Voltes entfernen, wenn sie solche Kost vertragen können! Da gähnt ein Abgrund, der nicht zu überbrüden ist!

Es ist die reaktionäre, vor allem die deutsch= nationale Presse, die sich zur Verteidigerin des elektrischen Stuhls aufwirft. Gie tut es, je nach dem Grade ihres Rechts­radikalismus, mit mehr Brutalität oder mehr Diplomatie.

Unerreicht bleibt das nationalsozialistische Deutsche Tageblatt"; das die Hinrichtung sehr erfreulich" sindet, med dem gleichen Grad von Sinn oder Irrjinn hätte das anti­sie die richtige Antwort an die Juden" gewesen sei. Mit semitische Blatt die Hinrichtung der beiden Italiener und nicht die Bewegung gegen sie als jüdische Mache" behandeln fönnen.

Aber auch die alldeutsche Deutsche Zeitung" zeigt sich über die Vollbringung des Justizmordes sehr befriedigt. Was bei ihrer Meinungsschwester von etwas weiter rechts ,, jüdische Mache" heißt, das heißt bei ihr eine Auswirkung der boliche­mistisch- kommunistischen Ideologie". Nach einer ausführ­lichen Schilderung dieser Auswirkung wird gesagt:

Die

,, Unter solchen anormalen Verhältnissen, unter dem Drucke des Terrors, mußte die Staatsgewalt ihre Aufgabe erfüllen. Gtraße sollte zur höchsten Kassationsinstanz werden. Wäre sie durchgerungen, und hätte das Gericht, ohne daß neue Entlastungs­sich niemand gesunden, der so nain war, zu glauben, daß die Richter momente hinzugekommen wären, sein Urteil aufgehoben, dann hätte aus innerster Rechtsüberzeugung gehandelt hätten. Ein jeder hätte gewußt, daß der Terror seine Wirkung getan, und das Gericht vor ihm zurückgewichen sei. Dann aber hätte die Straße einen Sieg erfochten, der verhängnisvoll gewesen wäre."

Nach der Theorie dieses ehrenwerten Blattes muß ein Todesurteil gegen Unschuldige vollstreckt werden, wenn die Straße" gegen den Justizmord protestiert! Das ist eine Auf­fassung von der Staatsautorität", die uns hier nicht zum erstenmal begegnet, die vielmehr in vergangener Zeit eine überaus verhängnisvolle Rolle gespielt hat.

" 1

Auf einen ähnlichen Ton ist die agrarische Deutsche Tageszeitung" gestimmt. Freilich macht sich bei ihr das Wenn und Aber schon stärker bemerkbar:

,, Gemiß, unter denen, die gegen die Hinrichtung Saccos und Banzettis Einspruch erheben zu sollen glaubten, befinden sich zmeifellos auch Idealisten, die vor einem grauen= vollen Justiz irrtum warnen zu sollen vermeinen und nichts anderes im Auge haben, als die Wahrung des höchst en Rechtsgutes. Aber ihre Stimme verhallte doch im Toben und in den Drohungen derer, die aus der Gesinnungsgemein­der Straße und einer aufgehezten, einseitig unterrichteten Masse als Druck auf die Justiz eines ,, kapitalistischen" Staates auszuspielen Derfuchten."

scheiben ein. Die Polizei war nicht imstande, die Ruhe- schaft mit den beiden Anarchist en heraus Kundgebungen störungen zu verhindern.

Wanderausstellung der Leichen!!

Boston, 23. August.( Reuter.)

Wie der Sacco- Vanzetti- Verteidigungsausschuß mitteilt, beab­fichtigt er, die Leichen Saccos und Vanzettis, die in besonders sichtigt er, die Leichen Saccos und Vanzettis, die in besonders fonstruierten Särgen untergebracht werden, in den Städten der östlichen Bereinigten Staaten öffentlich zur Schau zu stellen. Auch die westlichen Städte, ungefähr bis Chicago, sollen auf der Fahrt berührt werden. Vorläufig sind die Leichen in den Bostoner Geschäftsräumen des Ausschuffes auf gebahrt. Ein weiterer Plan des Verteidigungsausschusses ist, von Sacco und Banzetti Toten mas fen anfertigen zu laffen, die dann in großer Zahl vertrieben werden sollen. Die Leiche Madeiros' ist auf die Bitte seiner Mutter einer Bestattungsanstalt seiner Hei­matstadt übergeben worden.

Wenn nur die Gesinnungsgenossen der beiden Anarchisten demonstriert hätten, so würde man von ihren Demonstratio­nen wenig bemerkt haben, denn ihre Zahl ist in der ganzen Welt überaus gering. Die Idealisten müssen also wohl schon in der Mehrzahl sein. Wenn trotzdem das agrarisch- deutsch­nationale Blatt aus der ganzen Tragödie nur die eine Lehre zu ziehen weiß, daß die kostbaren Güter des Rechts und der Ordnung nicht dem Einfluß der Straße... preis­zugeben" feien, so ist darauf zu erwidern, daß man die foftbaren Güter des Rechts" auch nicht einer Verwahr losung preisgeben darf, die zur allgemeinen Empörung herausfordert.

Der Berliner Lokal,-Anzeiger" schließlich glaubt die außenpolitische Seite der Angelegenheit anschlagen zu