Nr. 492 44. Jahrgang Ausgabe A nr. 250
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Dienstag, den 18. Oktober 1927
Der Streik steht gut.
Die Arbeiter halten musterhaft Disziplin.
Halle, 17. Oktober. ( Eigenbericht.) Soweit die Lage heute nachmittag übersehen werden kann, ist Dienstag morgen mit einer allgemeinen Steigerung der Streitbeteiligung, wo das überhaupt noch möglich ist, zu rechnen. Die Grube Golpa, die bekanntlich die Kohlen für das Großkraftwerk schornewih liefert, befindet sich vollständig im Streit, lediglich 70 Notstandsarbeiter sind beschäftigt. Ob diese weilerarbeiten, um das Großkraftwerk im Betriebe zu erhalten, darüber entscheidet morgen das Zentralftreiffomitee in Halle.
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Die Unternehmerfront schwankt. forgung von Leung nicht gefährdet ist. Die Leunawerte haben der Belegschaft eine Lohnzulage in der gewünschten Höhe gewährt
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Am zweiten Tag des Riesenkampfes in Mitteldeutsch land stehen rund 60 000 Arbeiter im Streit. Das sind 80 Proz. der in der mitteldeutschen Braunkohle und in den Nebenanlagen Beschäftigten überhaupt. Sie alle sind gemillt, den Kampf, der ihnen aufgezwungen worden ist, durchzufechten.
Die Angestellten- Organisationen solidarisch! Die Schornsteine von Leuna und Golpa sind die Die drei Spikenorganisationen der Angestellten( Af A Wahrzeichen dieses Streifreviers. Wie von Riesenhand hinBund, GdA. und Gedag) haben gestern zu dem Streit der gefeßt, liegen die Schächte zu Hunderten über das Land ver Braunkohlenarbeiter Stellung genommen. Als Ergebnis der breitet mit ihren winzigen Fördergerüsten. Um fie schließt Besprechung haben sie eine Aufforderung an die An- sich das graue und trostlose Bild der Abraummassen, EingeDie Zahl der Streifenden hat sich in allen Revieren weiter da- gestellten im Braunkohlenbergbau gerichtet, die Aus= gestellten im Braunkohlenbergbau gerichtet, die Ausweide der Erde, die man zerschneidet, durchbohrt, durchdurch vergrößert, daß die Mittagsschicht die Einfahrt eben- führung von Streitarbeit stritt abzulehnen. baggert, um ihre Schätze zu gewinnen. Das ist das Land falls verweigert hat. Nach dem Stande vom Montag abend streifen In einer Aussprache im preußischen Handelsministerium ist des Streiks, und die Menschen, die hier wohnen, die dem. in Borna 75 Proz. der ganzen Belegschaft, in Merseburg von Regierungsseite festgestellt worden, daß das Berg Boden seinen Reichtum abtrogen, die heute einen Riesen80 Proz., in 3eiz- Meuselwig- Altenburg 90 bis 95 Pro3. gesetz( die technischen Angestellten sind bergpolizeilich ver- fampf fämpfen, find typische Bergleute. Bergleuf fein in Kaffel und in Halle- Oberröblingen 80 Pro3, in pflichtete Aufsichtspersonen) feine Handhabe bietet, die Bergleute. ,, Bergleuf Bitterfeld 85 Proz., in Anhalt , Aschersleben und Helmstedt Angestellten zur Verrichtung von Arbeitertätigkeiten zu fie. Schwer sind die Anforderungen der Arbeit, niedrig ist arme Bursche!" Dieses alte Bergmannswort gilt doppelt für je 95 Proz. und in Senftenberg 75 Proz. In den Ziffern der zwingen. der Lohn. Schwer ist der Gang dieser Menschen, wie alle, Arbeitenden sind die Notstandsarbeiter eingeschloffen. Man fann die unter der Erde arbeiten. Sie sind bodenständig im Halleannehmen, daß am Dienstag mittag in den Gruben und in den schen Bezirk, in Mansfeld , in Anhalt , aber aus allen Teilen Nebenanlagen nur noch Notstandsarbeiter beschäftigt sein werden. des Reiches zusammengewürfelt hier im Geiseltal. Der Die Arbeitgeber verbreiten ein Kommuniqué, in dem behauptet wachsende Riese Leuna brauchte Arbeiter und zog sie herbei. wird, daß eine Reihe von Werken voll und andere Werke mehr oder So entstand fast unbemerkt ein neues zukunftsreiches Inweniger die Arbeit durchführen. Das trifft nicht zu.
Dieser Beschluß der Angestelltenorganisationen, der zu begrüßen ist, findet feine Erklärung darin, daß die Gehälter der Angestellten genau so unzureichend find wie die Arbeiter löhne.won
Die Sozialdemokratie interpelliert.dustriegebiet. Seine Grundlage ist jenes unscheinbare mi
Wie tiefe Wirkungen der Streik der mitteldeutschen Kohlen. Die Regierung des Bürgerblocks soll sich erklären.
arbeiter bereits ausübt, gat daraus hervor, daß die Zuderraffinerie Deffau, die 1400 mann beschäftigt, infolge Kohlenmangels bereits vor dem Erliegen ist.
Die von der Telegraphen- Union verbreitete Meldung, daß es zu„ blutigen Schlägereien in Anhalt " gekommen fei, ist freie Erfindung. Gerade im Anhaltinischen, wo die Arbeiter restlos im Streif stehen, wird der Ausstand mit vorbildlicher Disziplin durchgeführt. Auch im übrigen mitteldeutschen Bezirk verläuft die Bewegung ordnungsgemäß.
Die Unternehmerfront schwankt. Der Zentralstreikleitung werden Sonderverhandlungen angeboten.
Halle, 17. Oftober.( Eigenbericht.) Eine Reihe von großen Werten ist an die Zentralstreitleifung herangetreten mit dem Ersuchen, in Sonderverhandlungen den Streif beizulegen. Sie haben sich gleichzeitig bereit erklärt, die Lohnforderungen der Streifenden zu be willigen. Andere Werke werden diesem Beispiel ohne Zweifel
am Dienstag folgen.
Die zum Leunawert gehörige Gesellschaft Elise II( Grube Otto) bei Hörbisdorf ist in vollem Betrieb, so daß die Ver
Fünftage- Reichstag?
Heute die erste Sigung. Die Sozialdemokratie in Kampfstellung.
neral, halb Erde und halb Wasser, die Braunkohle, von der man vor dem Kriege fagte, fie lohne nicht die Transportfoften. Heute ist sie wichtigstes Rohmaterial. Auf ihr bauen
Die fozialdemokratische Reichstagsfrat tion hat nach Ausbruch des mitteldeutschen Berg- fich Industrien auf. Aus Dreck macht man Gold. arbeiterstreifs und im Hinblick auf die ungeheuren Erschütterungen des Wirtschaftslebens, die dadurch hervor. gerufen werden können, folgende 3nterpellation im Reichstag eingebracht:
Um 17. Oftober iff im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau ein Wirtschaftskampf ausgebrochen, an dem 72 000 2rbeiter beteiligt sind. Die Unmöglichkeit, mit den bisherigen niedrigen Löhnen auch nur die bescheidenste Existenz zu fristen und die Ablehnung jeder Lohnerhöhung hat die freigewerkschaftlichen, die christlichen und die Hirsch Dunderfchen Organisationen veranlaßt, mit voller Einmütigteit den Streit zu erklären.
Was gedenkt die Reichsregierung zu tun, um die schweren Gefahren abzuwenden, die durch diesen Riesenkampf dem gesamten Wirtschaftsleben drohen und mit welchen Mitteln will sie den Bergarbeitern eine ausreichende Erhöhung ihrer Löhne sichern?"
( Weitere Nachrichten siehe 3. Seite.)
mehrheit sicher sein können. Wenn der Reichstag des Arbeiterlandes Deutschland keine Zeit für Arbeiter fragen hat, so wird er sicherlich aus den Wahlen des nächsten Jahres in sehr veränderter Gestalt herausfommen! wird sich zunächst der Form nach um das Arbeitsprogramm Der Kampf der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion
Hier ist das Reich der Leopold und Piatschef. Hier lebt noch die ganze Brutalität des Frühkapitalismus. Hier geht der Kampf für die Arbeitgeber auch nicht nur um Lohn und Lohnzulage, hier soll ein Schlag gegen die 1923 tonnte im mitteldeutschen Braunkohlengebiet in LohnArbeiterbewegung überhaupt geführt werden. Seit fragen feine Verständigung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern erzielt werden. Was in allen anderen Berufen möglich ist, daß man den Lohn aushandelt, war in der mitteldeutschen Braunkohle nicht möglich, weil die Arbeitgeber es nicht wollten. Immer wieder mußte mit Schiedssprüchen eingegriffen werden. Zu den unzulänglichsten Lohnzulagen bequemte sich das Unternehmertum nur gezwungen. Die ganze Einrichtung des Schiedsspruches ist es, der das Unternehmertum den Kampf erklärt hat. Den Organisationen der Arbeitnehmer will man einen Schlag versehen. Man will die ganze Arbeiterbewegung treffen, die Erreichung eines menschenwürdigen Arbeiterdaseins verhindern. Deshalb hat man mit Fleiß den Gedanken der Wertsgemein schaft" gerade hier propagiert und große Summen ausgeworfen, um ,, Wirtschaftsfriedliche", Gelbe, großzuzüchten.
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über die parlamentarischen Kampfmaßnah des Reichstags drehen, aber seine große sachliche Bedeu der Kampagne und brauchen Braunkohle und abermals
Heute um 10 Uhr vormittag tritt die sozialbemo fratische Reichstagsfraktion zusammen, um sich men schlüssig zu werden, mit denen sie den Plänen des Bürgerblods entgegentreten will. Die Berhandlungen des Aeltestenrats um 2 Uhr nachmittags und die des Plenums, eine Stunde später, dürften von ihren Beschlüssen erheblich beeinflußt werden.
Der Bürgerblock will nach den ersten Lesungen der Schulvorlage und der Besoldungsvorlage den Reichstag wieder vertagen, ohne zuvor irgendeinen anderen Beratungsgegenstand zugelassen zu haben. Er will feine Debatte über die Gesamtpolitik der Regierung gestatten, feine über die Wirtschaftspolitit; ja sogar die brennendste Frage des Tages, der mitteldeutsche Braunkohlenstreif, über den die sozialdemokratische Fraktion foeben eine Interpellation eingebracht hat, soll unerörtert bleiben!
Es ist selbstverständlich, daß sich die sozialdemokratische Fraktion diesen Skandal nicht widerspruchslos gefallen laffen wird. Sie wird vielmehr alles tun, um eine grundlegende Umgestaltung des Arbeitsplanes des Reichstags durchzusetzen. Wenn sie der Meinung ist, daß die Klärung der sehr trübe gewordenen politischen Gesamtlage, die Aenderung des wirtschaftspolitischen Kurses, die Beilegung des ungeheuren Arbeitskampfes in Mitteldeutschland unter Befriedigung der gerechten Arbeiterforderungen wichtiger und eiliger ist als die Kleritalisierung der Volksschule, fo wird sie dabei der Zustimmung einer ungeheuren Bolts
tung liegt auf der Hand. Unsere Gründe sind so durch schlagend, daß man den Kampf nicht von vornherein für aussichtslos halten sollte. Sezt aber der Bürgerblock die größere Zahl seiner Stimmen gegen die besseren Argumente nun, dann wird er damit wenigstens den Bunft gezeigt haben, an dem geändert werden muß.
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Die Sozialdemokratie will den Kampf. Der Bürgerblock muß entscheiden, ob er sich ihr stellen, oder ob er davonlaufen will.
Löbe über Auflösung und Neuwahlen. Paris , 17. Oktober. ( Eigenbericht.)
In der Presse der Linken wird eine Unterredung mit dem Reichstagspräsidenten Genossen Löbe veröffentlicht. Löbe setzt darin den franzöfifchen Zeitungslefern die Bedeutung der Fragen auseinander, die Schulvorlage sagt er dabei: die den Reichstag in der nächsten Zeit beschäftigen werden. lleber
Im Reichsrat ist unter Führung Preußens der Versuch, ein Kompromiß herbeizuführen, gescheitert. Ob der Versuch im Reichstag mehr Glück haben wird, läßt sich mit Bestimmtheit nicht fagen, weil über die Haltung der einzelnen Abgeordneten der Deutschen Volkspartei und der Wirtschaftspartei noch keine Gewißheit besteht Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, daß im Reichstag nicht die nötige Mehrheit gefunden wird, was frühere Wahlen zur Folge haben würde."
Die Aussichten ber Linfen für diesen Fall bezeichnet Löbe unter Hinweis auf die bisherigen Neuwahlen in Ländern und Gemeinden als überaus günstig.
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Fragt sich, ob die Kohlenbarone sich nicht verrechnet haben. Die Leunagruben liegen still. Daran hängt das mächtige Leunamerk mit seinen 30 000 Arbeitern, das allein täglich 10 000 Tonnen Rohfohle verbraucht. Die Elektrozentralen haben nur Kohlenvorräte für zweimal 24 Stunden. Die Filmindustrie, die sich vorzugsweise Kohlenzufuhr aufhört. Die 3 uderfabriken stecken in auf die Braunkohle stügt, flagt bereits jeßt, daß ungeheure Werte in der Vorbereitung vernichtet werden, wenn die Braunkohle. Hier ist in nächster Zeit bestimmt mit größeren Stillegungen zu rechnen. So ist heute schon die Situation äußerst trifisch geworden und sie wird wahrscheinlich noch fritischer werden. Dauert der Streit noch einige Tage, dann hört die Brikettversorgung der nordischen Staaten, Dänemart, Norwegen , Schweden und die Brikettversorgung Desterreichs durch die mitteldeutschen Werke auf. England und die Tschechoslowakei rüsten sich, hier das Erbe der mitteldeutschen Konzerne zu übernehmen. Gelingt das, dann verliert die mitteldeutsche Brauntohle diesen Markt für immer. Es wiederholt sich dann, was wir beim letzten englischen Bergarbeiterstreif erlebt haben: Märkte gehen verloren, die nicht mehr zurückzugeminnen sind.
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Und wenn sie schon streifen so glauben die Unternehmer wird es wie bei einem Kommunistenputsch zwei oder drei Tage dauern, und für den äußersten Fall sind noch die gelben Streifbrechergarden da...
Nicht, daß die Leopold und Piatschef nicht vorher darum gewußt hätten! Sie kannten die Zusammenhänge. Aber sie glaubten, die Arbeiterschaft sei durch die fommu niftischen Putsche der letzten Jahre so zermürbt, daß sie überhaupt nicht mehr an einen Streit denten tönnte. Noch in der vorigen Woche wollten Unternehmer, deren Belegschaften heute streifen, es den Gewerkschaften schriftlich geben, daß ihre Leute der Streitparole nicht Folge leisten würden.
Die ganze Kalkulation ist ins Wasser gefallen. Woh! machen sich kommunistische Quertreibereien im