Sir. 502 44. Jahrgang Ausgabe A nr. 255
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Sonntag, den 23. Oftober 1927
Der Schiedsspruch verbindlich.
Auf Antrag der Bergarbeiter.- Die Bergarbeiterdelegiertenkonferenz hat ihn mit 381 gegen 36 Stimmen angenommen. Montag Arbeitsaufnahme.
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Der zur Beilegung der Lohnftreitigkeiten im miffel-| Benn fie auch in Anbetracht des daniederliegenden Standes der deutschen Braunkohlenbergbau am 21. Oftober gefällte mitteldeutschen Braunkohlenwerte teine volle Befriedigung auslöst, Schiedsspruch ist vom Arbeitgeberverband abge- so spricht sich die Konferenz dennoch unter Berücksichtigung aller Umlehnt und von den Arbeitnehmerverbänden anstände für die Annahme des Schiedsspruches aus und beauftragt die genommen worden. Die Arbeitnehmer haben die Berbindlichkeitserklärung des Schiedsspruches beantragt. Dem Antrag ist vom Reichsarbeitsministerium entsprochen
worden.
Die Zustimmung der Bergarbeiter.
Halle, 22. Oktober. Nach mehr als zweistündiger Beratung hat die Funktionärversammlung der Bergarbeiter den Schiedsspruch mit mehr als 3weldrittelmehrheit angenommen.
Die Abstimmung der Delegiertenversammlung über den Schieds
Organisationsleitung, die Verbindlichkeitserklärung zu beantragen. über zurücknahme der Kündigungen, Maßregelungen, KontraftMit der zwischen den Tarifparteien getroffenen Bereinbarungen über Zurüdnahme der Kündigungen, Maßregelungen, Kontraftbruchsstrafen und Wohnungsfündigungen betreffend, erklärt sich die Konferenz einverstanden. Die Konferenz würdigt die aufopfernde Tätigkeit aller Funktionäre während des Kampfes und spricht ihnen dafür ihren Dank aus. Sie erwartet, daß die Kameraden überall für die Wiederaufnahme der Arbeit eintreten, wie sie für die Niederlegung der Arbeit eingetreten sind. Erhaltet und erhöht die Schlagfraft der Organisationen! Erhaltet die Disziplin! Hoch die Arbeitertraft der Organisationen! Erhaltet die Disziplin! Hoch die Arbeiter bewegung!
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Sieg der Organisation.
Zum Abschluß des mitteldeutschen Bergarbeiterstreiks. Bon Friedrich Husemann ,
Borsitzender des Verbandes der Bergarbeiter Deutschlands .
Seit langem hat kein Arbeitskampf die Deffentlichkeit so bewegt wie der Streit der 70 000 mitteldeutschen Braunfohlenarbeiter. Für viele fam er überraschend, denn fie glaubten, daß ein solcher Kampf nicht möglich sei. Andere wiederum rechneten damit, daß ein etwa ausbrechender Streit schnell zu kommunistischen Putschen und damit zu einem unglücklichen Ende führen würde. Alle, die so dachten, hatten die Stimmung der Arbeitermassen nicht richtig gewürdigt, sie wußten auch nicht, daß die gewerkschaftlichen Organisationen in diesem ehemaligen Wetterwinkel Deutschlands in den letzten Jahren schwierige, aber auch erfolgreiche Aufklärungsarbeiten geleistet hatten.
ſpruch ergab 381 Stimemu für und 36 Stimmen gegen die Annahme. Erste Forderung auf Kohlenpreiserhöhung! fichtige Arbeits- und Lohnpolitik die Gewerkschaften ihre
Das Ergebnis wurde dem Reichsarbeitsminister mitgeteilt. Die Konferenz war geleitet von dem Reichstagsabgeordneten Husemann, das Referat hielt Schmidt- Bochum.
Die Entschließung der Bergarbeiter- Delegierten.
Halle, 22. Ottober.
Die Bergarbeiterdelegiertenverjanımlung nahm am Schluß folgende Entschießung faft einstimmig an:
Die am 22. Oftober 1927 in Halle a. d. Saale tagende Funktionärtonferenz der am mitteldeutschen Braunkohlentarif beteiligten Organisationen nahm Kenntnis von dem Ergebnis der am 20. und 21. Ottober in Berlin stattgefundenen Verhandlungen in der Schlich tungstammer zwischen den Tarifparteien. Die Erhöhung der Löhne um 11,54 Prozent bedeutet
einen großen Erfolg der Gewerkschaften.
Der Bürgerblock auf der Flucht.
Keine Zeit für Arbeiter!
Die Bürgerblockmehrheit hat den Reichstag programm mäßig nach fünf Tagen vertagt. Sie hat sich nicht zum Rampf gestellt.
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Ergebnis des Fünftage Reichstags: Reudells Schulgesetz dem Schulausschuß überwiesen, die Besoldungsvorlage dem Hauptausschuß. Beantwortung der Interpellation über den Bergarbeiterstreit abgelehnt, Behandlung der sozialdemokratischen Wirtschaftsinterpellation auf Ende November vertagt.
Es bleibt dabei: die Parteien des Bürgerblocks haben feine Zeit für die Not der Arbeiterschaft. Sozialdemokratische Wirtschaftsinterpellation: das bedeutet Generalauseinandersehung über den wirtschaftspolitis fchen Kurs des Bürgerblods, über sein innerstes Wesen als Sachwalter der Großinteressen.
Sozialdemokratische Streitinterpellation: das bedeutet die Brandmarkung von Unternehmerübermut und Unter
nehmerwillkür.
Der Bürgerblock hat die politische wie soziale Auseinanderſegung gefürchtet. Er hat um seines Zusammenhalts willen das Schulgeset ins Laufen gebracht und ist dann geflüchtet. Er hat den Mut zu volksfeindlicher Po titit, aber er hat nicht den Mut, sie vor dem Bolte zu ver
treten.
Seine Flucht in die Bertagung ist die Frucht des bösen Gewissens.
Völkische Volksfreunde. Sie verhindern Hilfsmaßnahmen für 46 000 Saargänger.
=
Sie wollen abwälzen.
Das Mitteldeutsche Braunkohlensyndikat und das Ostelbische Braunkohlensyndikat haben die sofortige Einberufung einer gemeinsamen Sigung des Reichstohlenverbandes und des großen Ausschusses des Reichsfohlenrates mit der Tagesordnung Neuregelung der Preise für den mitteldeutschen Braunfohlenbergbau" beantragt.
A
Arbeitsaufnahme am Montag.
Halle, 22. Oktober.
Die Bergarbeiterdelegiertenkonferenz hat nach dem Betanntwerden der Verbindlichkeitserklärung des Schiedsspruchs fast einstimmig die Wiederaufnahme der Arbeit iam Montag beschlossen.
Reichstagsmehrheit bewillte eine Biertelstunde. Die benutzte nun Herr Stöhr zu einer höchst überflüssigen Rede. Als er geendet hatte, wollte man den Antrag gleich in dritter Lesung verabschieden. der drei Nationalsozialisten. Die drei Männlein Bütender Protest beantragten: Bertagung auf Montag. 25 be, ruhig mie immer, redete dem wilden Manne Stöhr gut zu, er wisse doch, daß es um das Schicksal von 46 000 armen Boltsgenossen gehe; es bestehe doch gar kein Grund, die Angelegenheit auch nur um 48 Stunden zu vertagen. Stöhr antwortete: Was geht mich das an! Ich räche mich dafür, daß ich vorhin nur eine Viertelstunde reden durfte. Neuer Vorschlag Löbes zur Güte:„ Na, Sie fönnen ja jetzt bei der dritten Lesung eine halbe Stunde reden." Graf Westarp geht noch einen Schritt weiter, er beantragt eine Stunde Redezeit für Herrn Stöhr, wenn dieser seinen Widerspruch zurückziehe. Nun wurde selbst der Volksbeglüder Stöhr verlegen, aber seinen Widerspruch zog er nicht zurüd.
Wie man hört, will die Reichsregierung nun zu gunsten der Saargänger eine Verordnung auf Grund des Ermächtigungsgefeßes erlassen. So ist die einzige Folge des Schauspiels der Fraktion von drei Nerventranten eine Bloßstellung für diese selbst.
Gegen den Widerspruch der Sozialdemokraten und Kommunisten, die verlangten, daß der Reichstag zur Beratung seines großen Arbeitsstoffes zusammenbleibe, wurde schließlich entsprechend den Beschlüssen des Aeltestenrats die nächste Sigung auf den 22. November festgesetzt. ( Siehe 2. Beilage.)
Köhler verhandelt mit Parker Gilbert. Eine offiziöse Erklärung.
Wolff- Bureau meldet halbamtlich:
Bei der Beratung des Gefeßentwurfs zugunsten der Zu den verschiedenen Pressemeldungen über einen angeblichen Saargänger, der eine Aufbesserung für etwa Schrift des Generalagenten für Reparationszah46 000 Sozialrentner und Arbeiter im Saargebiet lungen aus Anlaß der zurzeit dem Reichstag unterbreiteten bringen foll, erlaubte sich in der geftrigen Reichstags- Gesetzesvorlagen erfahren wir folgendes: sizung der Nationalsozialist Stöhr eine Berfidie, die Im Zuge der zwischen dem Reichsminister der Finanzen und felbst für die Gewohnheiten seines Barteisplitterchens eine Höchstleistung darstellt.
Im Aeltestenausschuß war beschlossen worden, den Antrag ohne Aussprache im Plenum annehmen zu lassen. Die wegen ihrer Fraktionswinzigkeit im Aeltestenausschuß nicht vertretenen Nationalsozialisten nahmen nun Die Not von 46 000 armen Leuten zum Anlaß, dem Reichstag ihre Macht in Geftalt eines riesigen Mundwerks fühlen zu laffen. Sie verlangten eine halbe Stunde Redezeit. Die
dem Generalagenten für Reparationszahlungen feit längerem gepflogenen Erörterungen über die Finanz-, Kreditund Wirtschaftslage in Deutschland in ihren Auswirkungen auf den Dames- Plan hat der Generalagent dem Reichsfinanzminister eine Darlegung feiner Auffaffung über das öffentliche Finanzwesen und über die Kreditpolitik in Deutschland überfandt. Diese Darlegung liegt den weiteren Besprechungen zwischen dem Reichsfinanzminister und dem Generalagenten zugrunde, die bereits begonnen haben.
Besonders ist es der Bergarbeiterverband ge= mesen, der, gestützt auf einen ausgezeichneten Stab von Funktionären, dafür sorgte, daß die Arbeiterschaft in der Braunfohlenindustrie den Glauben an ihre eigene Kraft und an die Organisation wiederfand. Freilich haben die Grubengewaltigen in der Braunkohlenindustrie durch ihre kurzAufklärungsarbeit wirksam unterstützt. Auch der blindeste Arbeiter mußte mehr und mehr erkennen, daß nur die ge= schlossene Front aller Arbeiter den Braunkohlenherren ein Paroli zu bieten vermochte. Die Spruchpraris der Schlichter des Reichsarbeitsministeriums in Lohnund Arbeitszeitfragen hat aber auch das Ihre zu dieser Ertenntnis mit beigetragen.
Die Verhandlungen, die die Gewerkschaften mit den Braunkohlenindustriellen in Arbeitszeit- und Lohnfragen zu führen hatten, zeigten jedesmal, daß diese Herren sehr weit davon entfernt find, sozial eingestellte Unternehmer zu sein. Sie glaubten, daß sie sich auf ihre gelben Wertslieblinge, fönnten. Sie ahnten nicht, daß Blut dicker ist als Wasser, Knappenvereinler und Stahlhelmfreunde immerdar verlassen und daß schließlich auch dem geduldigsten Arbeiter die Galle überläuft. Bei den Verhandlungen über, die bescheidenen Forderungen der Arbeiter auf Erhöhung der Löhne um 80 Pf. pro Schicht wurde die Notwendigkeit der Lohnerhöhung wohl anerkannt. Es wurde aber keine Lohnerhöhung bewilligt, weil die Herren glaubten, daß ihnen erst die Kohlenpreise erhöht werden müßten. Ja, sie verlangten vorher für eine Erhöhung der Kohlenpreise einsetzen sollten. sogar, daß die Vertreter der Gemertschaften sich Auch bei den Verhandlungen vor dem Schlichter am 14. Oftober, also unmittelbar vor Ausbruch des Streits, glaubten die Herren sich noch aufs hohe Roß seßen zu dürfen. Sie glaubten auch nicht, daß in wenigen Tagen der Sturm durch Mitteldeutschland fegen würde.
So tam der Streif am 17. Oftober, und er wirkte wie ein reinigendes Gewitter. Schon nach 48 Stunden standen die Betriebe still und mehr wie 65 000 Bergarbeiter im Kampf. Alle Arbeiter in dem weit ausgedehnten Braunfohlengebiet von der Oberlausit bis Helmstedt und von Rassel bis Frankfurt a. d. D. standen wie eine Mauer zufammen. Auch die schäbigsten Mittel der Unternehmer, die wirkliche Einheitsfront der Arbeitermassen zu durchbrechen, fcheiterten an der flaren Erkenntnis, daß nur Einigkeit zum Biele führen kann. Man muß in den Bergarbeiterorten ge= wesen und Teilnehmer der Streitversammlungen gewesen fein, um den geradezu begeisterten Einsatz aller Kräfte richtig würdigen zu können. Mit der größten Geschlossenheit, Nüchternheit und Disziplin wurde gefämpft.
Die Berleumdungen, die die Unternehmersyndizi der Bresse übermittelten, erreichten keine Wirkung. Selbst ausgesprochene Unternehmerorgane mußten die Besonnenheit und Disziplin der Kämpfer anerkennen. Diese Geschlossenheit führte dann auch recht bald zu neuen Verhand= lungen und zum Schiedsspruch vom 21. Oktober. Er besagt, daß allen Arbeitern eine Lohnerhöhung von 11,54 Proz. ab Montag, den 24. Oktober, zugesprochen wird. Aus den etwa 5 Proz. Lohnerhöhung, die die Unternehmer am 14. Oftober gern durch Schiedsspruch festgesetzt gesehen hätten, wurden 11,54 Proz. Diese Lohnerhöhung ist für alle Arbeiter von großer Bedeutung.
Bereinbarungen zwischen den Gewerkschaften und den Noch größer ist aber der Erfolg, der in den freien Unternehmern liegt. Mit der Anmeldung zur Arbeit gilt die ausgesprochene Kündigung als zurüdgenommen. Auch diejenigen Arbeiter, die nicht gefündigt haben und doch in den Streif traten, werden restlos wieder eingestellt. Kontraktbruchstrafen dürfen nicht einbehalten werden. Dort, wo es bereits geschehen ist, sind sie wieder zurückzuzahlen. Die aus Anlaß der Kündigungsaktion gemaßregelten Arbeiter merden wieder eingestellt. Das Arbeitsverhältnis gilt durch den Streit als nicht unterbrochen, so daß den wieder zur Arbeit Zurüctehrenden alle tariflichen Rechte in bezug auf Urlaub ufm. gewahrt bleiben. Die Betriebsräte üben ihre Funktion weiter aus, fie werden die Belegschaften jezt, wo der