Morgenausgabe
Nr. 589
A 299
44. Jahrgang
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Der
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Vorwärts
Beeliner Boltsblatt
Mittwoch 14. Dezember 1927
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Arensdorfer Scharfschützen und Hetzer.
Schweigende Staatsanwälte.
F. K. Frankfurt a. d. D., 13. Dez.( Eigenbericht.) Die Beweisaufnahme im Arensdorfer Mordprozeß plät. schert langsam weiter. Der Vorsitzende ist von ausgesuchter Höflichkeit; ja, manchmal von einer Jovialität, die geradezu beängstigend wirkt. Er macht Scherze, die gewiß bestimmt sein mögen, die trostlose Atmosphäre des Gerichts faales nicht noch zu verschlechtern, die aber doch oft die Zeugen in Berlegenheit bringen und im übrigen den Ernst des Berbrechens vergessen lassen, das hier zur Aburteilung
steht.
Bom Justizministerium ist der Erste Staatsanwalt beim Kammergericht, Dr. Burchardi, dem örtlichen Oberstaatsanwalt zur Hilfe beigegeben. Beider Berhalten bei den Zeugenvernehmungen erweckt fast den Anschein, als ob sie fich der Sache der Anklage völlig sicher seien: sie schweigen! Der Borsigende mag fragen wieviel er mag, die Berteidiger mögen fragen, die Anwälte der Nebentläger mögen die Zeugen ins Kreuzverhär nehmen die Anklagevertreter fißen froh und selbstbewußt auf ihren Plätzen und schweigen! Nur zuweilen wirft der Frankfurter Oberstaatsanwalt eine belanglofe Bemerfung ein, im übrigen schweigen fie beide mit einer Sicherheit, als ob jedes Reden überflüssig und der Tatbestand längst einwandfrei festgestellt wäre.
Schwer belastende Zeugenaussagen.
dabei an Schießübungen der Großen teilnehmen darf. Der andere, der neben der Werwolftracht auch das national fozialistische Abzeichen- rote Armbinde mit Hatenkreuz angelegt hat, muß, troßdem er schon 20 Jahre zählt, beangelegt hat, muß, troßdem er schon 20 Jahre zählt, befennen, daß er von der Bedeutung des Ab 3eichens feine Ahnung habe, oder er stellt sich wenigstens so, als ob er es nicht wüßte und da er augenscheinlich zu den förperlich Starken gehört, die gleichzeitig arm im Geiste sind, mag man es ihm glauben. Nur daß er auf den Radler, ber die Farben des Reichs führte, mit bidem Eichenknüppel losschlagen mußte, das hielt er trotz seines Mindestmaßes an Geistesgaben für selbstverständlich.
Es ist nicht ohne Intereffe, während dieser Berhand lungen die beiden Angeklagten zu beobachten. Sie sind sicherlich nicht von stürmender politischer Leidenschaft, viel mehr erscheinen sie als typische Bertreter jener Art politisch Verhegter, die verständnislos vor einer geistigen Bewegung stehen, aber plöglich brutal dreinschlagen, wenn fie glauben, mit Sensen oder Dreschflegeln, mit Säbeln oder Büchsen diese Idee und ihre Träger niederfnüppeln zu fönnen. Kein Zug ihres Gefichtes, fein Zucken eines Muskels verrät, daß sie verantwortlich gemacht werden für den Berlust zweier blühender Menschenleben. Für den politisch denkenden Menschen ist das Kein Ton des Bedauerns, nur Brutalität spricht aus ihnen. Bild ja auch völlig flar, und der mit altmodischen Gas Inzwischen bemüht sich der als Sachverständige anwesende fandelabern ausgestattete Schwurgerichtssaal wird faum Irrenarzt aus Sorau durch Fragen festzustellen, wie es mit neue politische Erleuchtung bringen. Aber für das Straf dem behaupteten Tobsuchtsanfall des Stahlhelm gericht handelt es fich ja angeblich nicht um politische Zu- August sei. Man erfährt aber nur, daß er sich einmal mit fammenhänge, fondern um die juristische Frage, ob feinem Vater lärmend gezanft und dabei die Drohung aus: die beiden Angeklagten des ihnen zur Last gelegten Bergestoßen habe, er werde den Bater erschießen. Es wäre ein brechens schuldig sind und ob der Nachweis für diese neues Mittel, sich den Jagdschein der Unzurech Schuh einmandfrei geführt werden könne. nungsfähig feit zu verschaffen, wenn man nur rechtzeitig vorher irgend jemand mit Erschießen bedrohen und ein wenig Lärm im Hause zu machen braucht. Bor Gericht zeigt sich, daß der Mörder oder, wenn man so fagen will, der Totschläger auf direkte Frage ganz flar und in seinem Sinne zielbewußt zu antworten weiß. Eine merkwürdige Art von linzurechnungsfähigkeit.
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Der Zeuge Willi Hoffmann leugnete in feiner weiteren Bernehmung auf den Vorhalt von Justizrat Falkenfeld, daß er den auch nichts von dem 3mifchenfall Herrn v. Alvensleben oder beffen Reichsbannermann Mostrich junge!" zugerufen habe. Er habe dessen Angestellten etwas erzählt.
Scharfschießen in Arensdorf.
Rechtsanwalt Rehab: Belcher Organisation gehören Sie an? Zeuge: Dem Junglandbund Jch trage aber die Mühe
nom erwolf. Die habe ich mir in Fürstenwalde selbst gekauft, obgleich ich noch nicht im Werwolf drin bin, weil ich noch nicht
16 Jahre alt bin. Ich habe aber die feste Absicht, einzutreten.
Rechtsanwalt Nehab: Haben Sie denn als Randidat bes Berwolf an feinen Veranstaltungen teilgenommen?
Zeuge: Ja, an Wehrsporttag in Potsdam und anderen Zusammenfünften. Mein Bruder ist nämlich im Werwolf und in Arensdorf arbeiten Junglandbund und Werwolf zusammen.
Rechtsanwalt Bloch: Hat Ihnen diese Müße vielleicht Here D. Alvensleben gekauft?
Zeuge: Nein, die habe ich mir selbst gefauft, weil ich it o 1% bin auf die Berwolforganisation Auf meitere Fragen der Anwälte der Nebenfläger betundete der Zeuge,
daß der Führer des Junglandvandes und des Werwolfs in Arensdorf ein gewiffer Cuis, Angestellter des Herrn v. Alvensleben, fei.
Ein Geschworener: Befinder sich bei Arensdorf ein Schieß. plag? Jeuge: Jawohl, Junglandbund und Werwolf schießen dort mit Kleinkaliberbüchsen.
Justizrat Fallenfeld: Haben Sie nicht auch einmal im Dorf selbst Scharfichießen geübt?
Jeuge: Jawohl, bei Majemiz, im Garten, etwa zwei- bis dreimal, das letztemal im Januar oder Februar. Wir waren etwa 15 junge Leute, hatten aber mur eine Büchse.
Safenkreuzkandidat Zemfe.
Der jugendliche Landarbeiter Zemfe, der sich zusammen mit dem jungen Hoffmann wegen Körperverletzung ipäter zu verantworten haben wird, gab zu, daß er Hoffmann den Stod abgenommen und
Es wird nach Berlin marschiert!"
Wie Herr v. Kahr, der, bayerische Bismard", uns erobern wollte.
München, 13. Dezember.( Eigenbericht.)
In der heutigen Sigung des Untersuchungsausschusses gab der fozialdemokratische Berichterstatter Dr. Hoegner wertvolle Einblide in die Geschichte der bayerischen Butschaktion von 1923.
Das Ergebnis des Zeugenverhörs ist allerdings ein bautig genug. Unter den Zeugen aus Arensdorf fann man zwei Gruppen deutlich unterscheiden. Die einen haben immer nur gesehen, daß die Reichsbannerleute famen, liefen oder auf den hakenkreuzgeschmückten Werwolfmann los fchlugen aber ihr Gedächtnis wird lückenhaft, wenn sie nach Dem Berhalten der Stahlhelmer, besonders der Angeflagten selbst, gefragt werden. Die anderen erzählen mit verhältnismäßiger Offenheit, wie sich aus der kleinen Rempelei zwischen den beiden Werwölfen auf der einen und dem radelnden Reichsbannermann auf der anderen Seite schließlich die große Tragödie entwidelte, wie gerade die beiden Schmelzer die Führer des Tumults wurden. Einwandfrei fann jetzt schon durch die Aussagen von 3euginnen als festgestellt angesehen werden, daß die Mutter des Mör ders den Anstoß gab, als sie ihrem Mann und ihrem Sohn zurief: Ihr wollt Stahlhelmer sein, pfui, schämt euch!" und sie dadurch aufpeitschte, mit Heugabeln und Säbeln auf die waffenlosen Reichsbannerleute losschlugen. Einwandfrei fest steht auch, daß die Führer der Reichsbanner fameraden wiederholt ihre vorwärtsstürmenden jungen Leute zurüdriefen, damit sie auf das Auto zur Weiterfahrt Das seinerzeit eingeleitete Ermittlungsverfahren gegen Kahr fämen. während gleichzeitig der ältere Schmelzer neben seinem und Genossen wurde schleunigst eingestellt, nachdem sich gezeigt angeblich geistesschmachen Sohne herlief und ihn nicht am hatte, daß die bayerische Regierung Rnilling Mitwisse Gebrauch der Schußwaffe hinderte. Sarin jener Pläne gewesen war. Kahr hatte am 27. März 1924 zu Ein nabe erscheint vor Gericht, 13% Jahre alt und Protokoll erklärt:„ Die bayerische Regierung hatte Kenntnis von von aufgewecktem Wesen. Sein Vater gehört dem Krieger- unseren auf die Errichtung eines Direktoriums gerichteten Bestreverein an und hat schon am Tage vorher über das Reichsbannerfest mit seinem Arbeitgeber, dem Vorsitzenden des Kriegervereins, gesprochen. Um die Glaubwürdigkeit dieses Baters und seines 14jährigen Sohnes zu erschüttern, fragt der Berteidiger, ob dieser Kriegervereinler Fahne" lese; nein, er fennt sie gar nicht, aber der Junge sagt doch wiederholt die unwahrheit?" Dem Vater ist nichts davon bekannt. Warum so viel Fragen um den Jungen: er hat ganz deutlich gehört und sofort nach dem Ueberfall seinem Bater berichtet, daß der alte Schmelzer rief: August, nun aber ran mit der Flinte!" Troz aller Querfragen bleibt der Junge bei dieser Bekundung und läßt sich nicht aus der Faffung bringen. Es sollen noch Sachverständige über die Glaubwürdigkeit von Kinderaussagen im allgemeinen gehört werden. Wie ihr Gutachten ausfällt, mag dahingestellt bleiben. Diefer Bierzehnjährige ist faum noch ein Kind in dieser Hinsicht, er hat wache Sinne und scharfe Ohren, er hat das Gehörte sofort seinem Bater ge meldet, aber gerade darum muß er von der Berteidigung des Angeklagten als unglaubwürdig hingestellt werden.
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die Rote
Besondere Typen sind die beiden Werwolfiüng. Iinge, der eine fünfzehnjährig fünfzehnjährig gehört dem Jungfand Bund an und foll erst dem Werwolf beitreten, aber schon trägt er deffen müße und das Vereinsabzeichen dieses auch im Gerichtssaal, und er ist stolz auf den Werwolf, zumal er
bungen.
Der Gesandte von Preger war, wie mir v. Snilling gesagt hat, im Sinne eines Direktoriums in Berlin tätig geworden." Ehrhardt erklärte im Herbst 1923 den 3öglingen der Infanterieſchule: Es wird unbedingt nach Berlin marschiert und Kahr bedauert nur, daß Hitler noch beiseite steht. Sobald sich
Räteregierung in Kanion. Nordamerikanische Truppenlandung.
Shanghai, 14. Dezember.
In Kanton haben die Kommuniffen die Herrschaft an sich geriffen. Die antifommunistischen Truppen find abgezogen. Nordamerikanische Seefoldaten find zum Schutz der Kolonle gelandet worden. Aus der Vorstadt Tungschau hat ein britisches Kanonenboot 56 Reichsdeutsche und andere Ausländer abgeholt und nach der Europäerftadt Sha mjeu gebracht.
Gleichzeitig hat fich in verschiedenen Tellen Chinas ein Wiederaufleben der fommunistischen Agitation und Bewegung beme: fbar gemacht. In Hantau lind mehrere fommuniffische Agitatoren hingerichtet worden. Es hat den Anschein, daß auch dort ein ähnlicher Handstreich wie in Kanton vorbereitet wird.
der Kampfbund anschließt, wird marjajiert." Aehnlich äußerte sich der deutschnationale Bauer. Landtagsabgeordnete Oberit Xylander erflärte: Ich fomme soeben von Kahr. Er wird marschieren und gemiffe Fragen ähnlich wie Bismard löfen." Inzwischen traf der seinem Eid untreu gewordene Reichs. wehrfommandant Lossow die militärischen Vorbereitungen für den Marsch nach Berlin. Alle friegstauglichen Angehörigen von Biting, Stahlhelm, Oberland usw. sollten in die Reichswehr eingegliedert werden. Den Studenten versprach man Anrechnung ihrer Dienstzeit auf die Studienzeit. Mit den ärztlichen Untersuchungen war bereits begonnen. Auf das Stich wort Herbstübung" sollte die Aktion losgehen.
Die Kosten wurden aus der bayerischen Staatstaffe bestritten.
Bei allen Beratungen war, wie Kahr bei seiner Bernehmung zugab, ein Bertreter des Finanzministeriums zugegen. Zum Rechtsanwalt Holl tat damals Lofsom den berühmt gewordenen AusSpruch: Herrgott, ich will ja marschieren, wenn ich nur 51 Proz Wahrscheinlichkeit für das Gelingen habe... Einen Putsch aber will ich nicht, der in fünf bis sechs Tagen zusammen bricht. Nach Aussage des Reichswehrkommandeurs in Regens burg, Oberst Egel, sollten innere Unruhen" nur zum Borwand genommen werden. In Wirklichkeit handelte es sich um den Be wegungstrieg nach Norden, für den man schon mit den Eisenbahnbehörden wegen der Truppentransporte in Fühlung ge= treten war.
2m 3. November reifte Seißer im Auftrag Kahrs nach Bera fin, um mit Seedt zu verhandeln. Er mußte sich davon über zeugen, daß die ganze bayerische Nordgrenze von Reichswehre truppen belegt und der Marsch nach Berlin aussichtsfos war. un wurde am 8. November alles abgeblafen. Ein paar Tage darauf preflten ltler und 2ubendorff allein Dor.
Mit der geplanten Diftatur Hitler- Bubendorff will sich der Auss fchuß in feiner nächsten Sigung beschäftigen.