Einzelbild herunterladen
 

Morgenausgabe

Nr. 1

A1

45. Jahrgang

Böchentlich 10 Pfennig. monatlich 3. Reichsmart im voraus zahlbar. Unter Streifband im In- und Aus land 5.50 Reichsmart pro Monat *

Der Borwärts mit bez tuftrier ten Sonntagsbeilage Bolf und Zeit fowie den Beilagen Unterhaltung und Biffen Aus der Filmwelt", Stadtbeilage-Frauenstimme Der Kinderfreund Jugend- Bor wärts" Blid in die Bücherwelt", Kulturarbeit

erfcheint

und

Technit wochentäglich weimal

Sonntags und Montags einmal

50- I

Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Sonntag

1. Januar 1928 Groß- Berlin 15 pt. Auswärts 20 Pf.

Die etnipattige Ronpareillezetle 80 Pfennig. Reflamezeile 5.- Reichs mart Rieine Anzeigen" bas fettge brudte Wort 25 Pfennig( zuläffig zwet fettgedruckte Worte), jebes weitere Bort 12 Bfennig Stellengesuche das erste Bort 15 Biennig, jebes weitere Wort 10 Pfennig Worte über 15 Buchstaben gablen für zwei Borte Arbeitsmarkt Beile 60 Bfennig Familianzeigen für Abonnenten Beile 40 Pfennig. Anzeigen annahme im Hauptgeschäft Linden ftraße 3, wochentägt von 8 bis 17 Uhr.

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297 Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin

Vorwärts Verlag G. m. b. H.

Bostichedkonto: Berlin 37 536 Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65. Diskonto- Gesellschaft. Depofitentaffe Lindenstr. 3

Wellwahljahr 1928.

Von Otto Wels .

Ein Jahr schme- mann ist überzeugt, daß das deutsche Volt den Fehler des| Asien hat, und in dem sich besonders England durch die tom­rer Kämpfe liegt Jahres 1924 forrigieren wird. Vom Ausfall der Wahlen in munistische Agitation Rußlands ständig bedroht sieht, die hinter der deutschen Deutschland , wenn sie den französischen Wahlen voraus- italienisch- jugoslawische Spannung bergen Kriegsgefahren in Arbeiterklasse. Im gehen, wird der Ausgang der französischen Wahlen sich, die der Völkerbund nicht auszugleichen vermag, wenn die Zeichen wirtschaft zweifellos beeinflußt. Aus den Reden der deutschen Re- Kriegstreiber in ihm die entscheidende Rolle spielen. Im licher Not begin- gierungsvertreter, besonders des Herrn Stresemann , flingt polnisch- litauischen Konflikt hat sich der Völkerbund zwar als nend, führte es mit immer und immer wieder die Hoffnung heraus, daß an Stelle triegshemmender Faktor erwiesen, aber in Anbe aufsteigender Kon- des Bloc National in Frankreich die Linke wiederum zu tracht der in Polen und Litauen herrschenden Regierungs junttur зи den stärkerer Machtgeltung gelange. Hoffentlich sind die Herren systeme ist der Ausbruch friegerischer Berwicklungen nicht aus­schweren wirtschaft mit Herrn Stresemann an der Spizze sich darüber klar, daß geschlossen. lichen Kämpfen im Lintswahlen feine Artikel sind, die man von Deutschland Bergbau und schloß nach Frankreich und England exportieren fann, ohne in mit der Androhung Deutschland dem gleichen Ziele zuzusteuern. der Hüttenbarone, Den reaktionären Tendenzen und der faschistischen Bewegung vielen Zehntausen- der verschiedenen Länder Europas leistete das Jahr der deut­den von Arbeitern schen Bürgerblodregierung ohnehin genügenden Borschub. zum Jahreswechsel zu tündigen und so über Hunderttau­sende deutscher Fa milien Not Not und Elend zu bringen. Politisch drückte der Bürgerblock dem verflossenen Jahre sein Gepräge auf. Der Bund der Junker mit den führenden Schichten der Industrie und des Bürgertums war start genug, um den Deutschnatio nalen die Teilnahme an der Regierung zu ermöglichen. Frei­lich nur dadurch, daß diese nahezu alles verbrannten, was fie bisher angebetet: bis zur Verlängerung des Gesetzes zum Schuß der Republik unter Fernhaltung des Kaisers von Deutschlands Gauen verstiegen sich die ehemaligen Triarier Seiner Majestät" in dem durch nichts zu hemmenden Drang nach der Futterfrippe.

Die Herren wissen aus ihrer Vergangenheit nur zu gut, mie fegensreich ihrer Kaste der Besiz der Staatsmacht war. Shr wieder näherzukommen, brachten sie jedes Opfer des Intelletts jomeit sie dazu imftande waren- jedes Opfer des Gefühls und der persönlichen Würde. Ein Inappes Jahr der Teilnahme an der Regierungsgewalt aber hat gezeigt, daß die reaktionären Bäume in Deutschland nicht in den Himmel wachsen. Dem Zentrum gelang es bisher nicht. die Frucht ihres Berlöbnisses, das Reichsschulgesetz, in die Scheuern zu bringen. Der Konflikt unter den Koalitions­parteien ist zu einem offenen geworden, und es besteht kaum noch ein Zweifel, daß mit der Abstimmung über das Reichs­Schulgesetz der Bürgerblock das Zeitliche segnen wird. Daran wird auch die Furcht der Deutschnationalen vor der bevor­stehenden Abrechnung der betrogenen Wählermassen nichts ändern.

Kein Zweifel, die Arbeiter im 3entrumslager und auch große Teile derer, die den Deutschnationalen bisher Gefolgschaft leisteten, find in Bewegung geraten. Die revo­lutionierende Wirkung des gleichen Wahlrechts kommt in dem erstarfenden Selbstbewußtsein dieser Arbeiterschichten zum Ausdruck. Um die politische Seele des Arbeiters geht der Kampf bei den kommenden Wahlen in Deutschland . Die Ar­beiterschaft hat es in der Hand, sich die Stellung im Staat zu verschaffen. die ihr dank ihrer Zahl, ihrer Geschichte und ihrer staatsbürgerlichen Bedeutung zufommt. Die Ge meindeförperschaften fast des ganzen Deutschen Reiches werden im fommenden Jahre durch Wahlen eine neue Zusammenfeßung finden. In Preußen, Bayern . Württem­ berg und anderen Staaten des Reiches werden die Land­tagswahlen zugleich mit der Schlacht um die fünftige Zusammensetzung des Reichstages gefchlagen werden.

=

Die Bedeutung dieser Wahl aber greift weit über die deutschen Landesgrenzen hinaus. Nicht nur für Deutschland ist das kommende Jahr ein Wahlfahr, auch in Frankreich , Belgien , Bolen, wahrscheinlich auch in England, finden die Parlamentswahlen statt. Es war ein tragisches Geschick für die Völker Europas und besonders für das deutsche Bolt, daß in dem großen Wahljahr 1924, das den Sieg der französischen Demokratie bei den Wahlen am 11. Mai brachte und die englische Arbeiterpartei unter Macdonald in England am Ruder sah, in Deutschland die Reaktion triumphierte. 3war vermochte sie eine andere Linie der Außenpolitit nicht einzuschlagen, als sie durch die Sozialdemokratie feit dem Ende des Krieges gewiesen war. Aber das Mißtrauen gegen Deutschland lähmte den Fortschritt der freund chaftlichen Beziehungen und die Fortdauer der Besetzung weiter Teile des Deutschen Reiches durch Truppen der Entente ist diesem Wahlausfall zuzuschreiben.

Jetzt sieht alle Welt gespannt auf Deutschland , und jeder

Das Jahr 1928 muß die deutsche Wählerschaft im Be­wußtsein ihrer weltbürgerlichen Pflicht finden. Jener welt­bürgerlichen Pflicht, der ganz Deutschland sich durch seinen Beitritt zum Völkerbund unterzog. Die Hoffnungen auf den Bölferbund müssen verschwinden, wenn der Ausfall der Wahlen in allen Ländern reaktionäre Regierungen schafft, denn seine Zusammensetzung hängt notwendig von der Ge­ftaltung der einzelnen Regierungen ab. Reaktionäre Einzel­regierungen ergeben durch ihre Bertreter einen reaktionären Bölkerbund. Der Sieg der Demotratie in Deutsch land, Frankreich und England macht den Bölkerbund zu einem Gebilde, das den Voraussetzungen entspricht, die an feine Gründung geknüpft wurden: den Frieden Europas und der Welt zu festigen. Daß Rußland es feines moralischen Prestiges wegen für notwendig hielt, an der Abrüstungston­ferenz des Bölkerbundes teilzunehmen, verhüllt uns die Tat­fache nicht, daß die Welt zurzeit mit Explosivstoffen an gefüllt ist.

Der Konflikt zwischen England und Rußland , der feine ständige Nahrung durch den Besitz beider Länder im fernen

Das Bündnisangebot Italiens an Frank­ reich gegen Deutschland wird die freundschaftlichen Ge fühle zwischen Italien und Frankreich nicht erhöhen. Frank­ reichs Staatsmänner werden darin nur die Zwangslage des italienischen Faschismus erkennen, scheinbare Außenerfolge zu erzielen, um den gänzlichen Zusammenbruch aller faschistischen Wirtschaftserperimente zu verhüllen. Die Anfangserfolge Mussolinis vermochten die Welt eine Zeitlang zu täuschen, heute beweist die entsegliche Arbeitslosigkeit, die rapid ftei­gende Teuerung und der Umstand, daß die faschistischen Mi­lizen in Italien es fast allein sind, die noch guz genährt und gekleidet als Schutztruppe des Diftators zu leben vermögen, daß das Jahr 1928 auch in Italien entscheidende Wendungen herbeiführen tann. Damit aber wäre in Verbindung mit Lintswahlen in den westeuropäischen Ländern die stärkste Garantie dafür gegeben, daß die Welt nicht wieder in verbrecherische und brudermörderische Kriege verwickelt würde, die allein zum Vorteil für politische Wegelagerer und Spekulanten geführt würden.

Deshalb heißt es, jeden Nerv anzuspannen, um den Sieg der Sozialdemokratie bei den bevorstehenden Wahlen so machtvoll wie möglich zu gestalten. Je größer unsere Macht, um so eher wird dem Proletariat sein Recht werden. Unser Sieg wird ein Wert der öffentlichen Wohl­fahrt sein, an dem die Internationale der Arbeit nicht weniger Interesse als das deutsche Volk selber hat.

Der Sozialismus muß fiegen!

Bon Pierre Renaudel.

Liebe Genossen vom ,, Borwärts"! Ihr habt mich um einen Beitrag für eure Neujahrsnummer er= sucht und dabei an­geregt, daß ich mich insbesondere über die Bedeutung der kommenden Wah­len in Frankreich und in Deutschland für die Zukunft des Sozialismus in der Welt und für die deutsch französische Annäherung äußere. Euer Wille ge­schehe doch sind es feine Prophezei­ungen, sondern nur Neujahrs wünsche, die ich hiermit zu

Papier bringe. Denn allzu leicht wird man der mangelhaften Bor­aussicht geziehen, sobald sich Prophezeiungen nicht erfüllen und die Ereignisse allzu fühnen Voraussagen nicht entsprechen. Aber eins ist wohl gestattet: Die Folgen der gewünschten Ereignisse durch bliden zu lassen, ebenso wie die Gefahren einer entgegengesetzten Entwicklung. So läßt sich die Begeisterung für den Kampf er­zeugen, jo fann man die Borbet ingungen der Aktion beffer be rechnen, und so vermag man nach Möglichkeit die Kraft des Gegners zu lähmen, der am Schachbrett als Gegenspieler figt.

Es ist eine schwere Partie, die im Jahre 1928 ausgefochten werden wird. Die Sozialisten Deutschlands und Frankreichs werden fie nahezu gemeinjam gegen gemeinsame Gegner, gegen

die Nationalisten der beiden Länder spielen. Der Einsaß diefer Partie heißt: der Friede.

-

Ich will mich jeder Uebertreibung fern halten und behaupte daher nicht, daß unsere oder eure Nationalisten den Krieg wollen. Aber ihre Politik wird vor allem von dem Geist des Miß­trauens beseelt. Durch ihre teils geschickte, teils plumpe Propa­ganda wie die, die erst vor wenigen Tagen durch das Ccho wird de Paris " an den Pariser Plakatfäulen getrieben wurde dieser Geist des Mißtrauens von ihnen gesät, gepflegt und geschürt. Mißtrauen, und Haß gehen stets Hand in Hand Sie machen die Böller blind, halten sie in ständiger Bereitschaft, sich aufeinander zu stürzen, und schaffen den moralischen Kriegs­zustand.

Der Sieg des Sozialismus wird zunächst bedeuten: Verringerung des Hasses, Linderung des Mißtrauens und Schaffung eines für Verträge, für die Annäherung, infolgedessen für den Frieden überhaupt günstigen pinchologischen Zustandes.

-

Es gibt gewiß in Europa manche heiflen, schwierigen Probleme, die geeignet wären, einen neuen Krieg zu erzeugen, wenn man sie unvorsichtigerweise akut werden ließe. Wenn aber Deutschland und Frankreich die Schranken des Mißtrauens, die beide Länder noch trennen, niederrissen, wenn Deutschland und Frankreich gemein­fam den 3ement der europäischen Solidarität mischen und anlegen würden, wenn sie gemeinsam diese heiklen Probleme gestüßt auf den Bölkerbund, dem sie jetzt beide an gehören unterfuchen würden, nicht, um die Völker zu trennen, sondern um sie zu verbinden, nicht um entgegengesetzte Interessen, die manchmal berechtigt sind, zu verschärfen, sondern um sie mit­einander in Einklang zu bringen wer wollte bestreiten, daß, wenn Deutschland und Frankreich unter sich selbst den Frieden sicherten, fie nicht schon baburch allein den Frieden zwischen den anderen Bältern erleichtern würden?

Es ist die Aufgabe der Sozialisten beiber Länder, diese Voraus­fegungen durch ihre Stärke bei den Wahlen, im Baria. ment und in der Regierung zu schaffen. Deshalb muß man