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Nr. 4» 45. Jahrgang Sonntag, 4. Januar 492S

Das verflossene Jahr hat für den Berliner Verkehr eine außerordentliche Bedeutung gehabt. Die im Frühjahr be» schlossenen Maßnahmen zur organischen Zusammenfassung der städtischen Berkehrsunternehmungen zu einer Einheit und die Einführung eines einheitlichen Fahrpreises mit Umsteige- berechtigung unter den drei städtischen Verkehrsmitteln haben sich in überraschend kurzer Zeit durchgesetzt. Heute gibt es von dieser Reform kein Zurück mehr. Heute kann es sich höchstens noch darum handeln, inwieweit die drei städtischen Berkehrsunternehmungen durch noch e n g e re s 3 u s a m me n a r b e it en und durch ununterbrochene Vereinfachung ihres or- g a n i s at o r i s ch e n Apparates aus dem Zu- sammengehen im Interesse des Verkehrs- ganzen Ersparnisse erzielen, die der<Ze- s a m t h e i t zugute kommen können. In tariflicher Beziehung ist aber das Zusammengehen ein endgültiges, es hat sich bewährt, und was nicht zu unterschätzen ist, ganz offensichtlich allen Bedenken, die anfangs geäußert worden sind zum Trotz, den Beifall des Publikums gefunden. Die programmgemäße Durchführung der Ausdehnung der Um- steigeberechtigung auch auf den Omnibus und die jetzt be- ginnende Einbeziehung der Reichsbahn in dieses Tarifsystem wird die Popularität dieser wichtigen Verkehrsreform noch weiter heben und sie damit endgültig befestigen. Diese Reform hat aber auch noch eine andere Seite. Sie legt den Verkehrsunternehmungen die Pflicht auf, mit größter Anstrengung an der Verbesserung und am Aus- bau des Verkehrs zu arbeiten. Daß Berlin sich um den Ausbau seiner Verkehrsmittel durch den Bau neuer Untergrundbahnstrecken bemüht, ist bekannt und wird auch allgemein anerkannt. Viel zu wenig bekannt ist aber, welch gewaltige wirtschaftliche. Leistung notwendig ist, um nur bei den öörhandenen Verkehrsmitteln den-steigenden Anforde- rungen des Verkehrs gerecht zu werden. Seit der Einfüh- rung des neuen Tarifs haben wir in Bestellung gegeben: rund 170 Untergrundbahnwagen, 300 Straßenbahnwagen und 3 0 0 Omnibusse. Die wenigsten machen sich«ine Vorstellung davon, was diese Zahlen bedeuten. Allein bei der Hoch- und Untergrundbahn werden in den beiden Iahren 1S27 und 1928 einschließlich der neubestellten Wagen für die Verbesierung der Vcrkehrsan- lagen. Erweiterung von Bahnhöfen usw. nicht weniger als 27 Millionen Mark ausgegeben. Die stoßweise Zu- nähme des Verkehrs belastet die Berkehrsunternehmungen weit über das Maß besten hinaus, was aus laufenden Ein- nahmen beschafft werden kann. Alle diese durch die Ver- kehrssteigerung für uns zwangsläufig gewordenen Ausgaben

stehen unter dem Druck des Kampfes gegen dieLuxusaus- gaben der Städte". Weil man angeblich irgendwo Luxus- ausgaben der Gemeinden entdeckt hat, verweigert man uns bis heute die Anleihemittel, die auch für diese Ausgaben unbedingt notwendig sind. Mit Recht wer- den in der Oeffentlichkeit immer wieder neue Vorschläge für die bessere Ausgestaltung der Verkehrsmittel gemacht. Mehr Raum, bessere Beleuchtung, gute Lüftung, bequeme und den modernen Ansprüchen genügende Ausstattung der Verkehrs- mittel, Beschleunigung der Geschwindigkeit, alles das sind Aufgaben, die unbedingt gelöst werden müsten. Aber zu ihrer Lösung gehört Geld und immer wieder Geld. Allein der jährliche Vcrkehrszuwachs, der in Berlin zu ver- zeichnen ist, entspricht dem Verkehr einer mittleren Groß- stadt. Dabei sind die Verkehrsunternehmungen sowieso stark vorbelastet. Wenn man die jährlichen Einnahmen für 1928 mit etwa 190 Millionen Mark schätzt, kommt man ent- sprechend zu Zahlungsverpflichtungen der Verkehrsunter- nehmungen allein an Steuern und Abgaben in Höhe von 35 Millionen Mark. Das sind gewaltige Ziffern, und um diese Summen werden unsere Ausbaumöglichkeiten einge- schränkt. Daß die Unternehmungen für steigende Löhne Raum schaffen müsten und um deswillen ununterbrochen an der Steigerung ihrer inneren Rentabilität zu arbeiten haben, versteht sich von selber. Aber auch dafür gibt es gewisse Grenzen.~- Die Verbesterung des Verkehrs, die stn Intereste der Volksgesundheit so unbedingt notwendig ist, ist in erster Linie eine Geldfrage. Vom Standpunkt der Unter- nehmungen aus eine Frage ihrer möglichsten Befreiung von Lasten und Abgaben und eine Frage der Sicherstellung ihres Anleihebedarfs. Bis jetzt hat die Straßenbahn zum Beispiel noch nicht den ihr seit mehr als Jahresfrist zugesicherten An- leihebetrag von mehr als 25 Millionen Mark erhallen können. Die Möglichkeit, in der Erwartung von Anleihen Schulden zu machen, hat selbstverständlich auch sehr bald ihre Grenzen. Der Ausbau des Berliner Schnellbahnnetzes, der keineUtopie", sondern eine wirtschaftliche Not- wendigteit für eine Weltstadt wie Berlin ist,

wird mehrere hundert Millionen Mark an Anleihemitteln er- fordern. Dieser Bedarf ließe sich im Laufe von 10 Iahren durchaus decken, wenn man nur der Biermillio- nen stadt die Möglichkeit der Entwicklung l a s s e n w o l l t e. Es gibt im engsten Sinne des Wortes keine produktivere Ausgabe. An den Berliner Derkehrsunternehmungen soll es nicht liegen, sie werden alles tun, um die Parole durchzuführen, mit der sie im Frühjahr die Berliner Verkehrsreform be- gönnen haben: Jeder Pfennig unserer Einnahmen für dir Verbesterung und den Ausbau des Berliner Verkehrs! Ernst Reuter . Wenn die Stadtbahn elektrisch fährt. Der Präsident der Reichsbahndirektion Berlin, Dr. Stapff, gibt folgendes Bild von der wichtigsten Neuerung des kommenden Jahres im Berliner Bertehr, der Elektrisierung der Stadt- und Ringbahn und der anschließenden Vorortstrecken: Die neuen Wogen werden wie v-Zugwagen auf Drehgestellen lauten und in der äußeren Gestaltung den Wagen der anderen Berliner Schnellbahnen ähneln. Die Wagen sind jedoch breiter und infolgedesten auch geräumiger. Um d>« Züge aus den Bahnhöfen schnell abfertigen zu können, werden die vier Schiebetüren jedes Wagens durch Druckluft gleichzeitig g"schlössen. Dadurch wird unter anderem das Aufspringen von Fahrgästen während der Fahrt, das bei der großen Ansahrgcschwindigkeit noch gefährlicher als bisher ist, unmöglich gemacht. Durch die erhöhte Ansahrgeschwindiqkeit, die allen elektrischen Schnellbohnen eigentümlich ist. wird vor ollem ein« wesentlich« Verkürzung der Fahrzeit erreicht, der Hauptvorteil des elektrischen Betriebes. So wird sich z. B. die Fahrzeit von Charlottenburg bis Schlefischer Bahnhof von 33 auf etwa 20 Minuten verkürzen: der Ring wird in etwa 80 Minuten statt wie bisher in 120 Minuten umfahren werden können. Um ein schnelles Aus- und Einsteigen zu erreichen, sind die Wogenfußböden so tief wie möglich gelegt, und außerdem die Bahnsteige erhöht worden, damit die Wagen ohne Stufen betteten werden können. In Zeiten schwächeren Verkehrs müssen die ,Bgll- züge rasch in Halb- und Viertelzüge zerlegt werden können. Die neuen.Stadtbahnwagev erhalten deshalb«in« selbsttätige Mittel- pufferkuppelung, die sich durch das Zusammenschieben zweier Wagen schließt und die von außen gelöst werden kann, ohne daß ein Rangierer zwischen die Wagen tritt. Beim Anfahren setzt der Mhrer den Wagen durch einfaches Drücken auf einen Knopf, den sogenannten I o t m a n» s k o p f" in Gang, wobei der Scholworgang selbst- tätig durch die Steuerungsapparat« bewirkt wird. Läßt der Führer diesen Druckknopf, der während der Fahrt ständig heruntergedrückt werden muß, los, so schaltet sich der Strom selbsttätig aus und der Zug wird zum Halten gebracht. Ein« solche Umstellung vom Dampf- betrieb aus den elektrischen läßt sich nicht in wenigen Tagen oder Wochen vollziehen. Die im Intereste des Verkehrs liegende mög- lichst reibungslose Ablösung des Dampfbetriebes durch den elektrischen wird vielmehr viele Monate erfordern. Voraussichtlich werden Ende des Jahres 1928 folgende Strecken der Stadt-, Ring- und Vorortbahnen in den elektrischen Betrieb umgestellt fein: die Stadtbahn vom Schlesischen Bahnhof bis Charlotten bürg mit den anschließenden Borortstrecken nach Spandau , Wannsee ,

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�Zeuient. OKoman vo» Fjodor Gladkow .

Gljeb drängte sich vor, schob die Masten auseinander, konnte aber schwer aus dem Gedränge herauskommen. Die Menschen brüllten, stießen sich aus einer Stelle herum, fuchtelten mit den Armen und stampften mit den Füßen auf dem Beton. Tschumalow, hooochheben!... heeeben!... Tschu- malow." Sawtschut stieß Gljeb mit aller Wucht mit seiner Faust. heulte wie verrückt und sah ihn durch die kühle Feuchtigkeit seiner Augen an., Du Ungeheuer, du... Gljeb!.... Laß auch die Böttcherei in Betrieb setzen.... So halte ich's nicht aus! ... Ich werde sie prügeln... dies Gesindel!" Gljeb schwenkte seinen Helm über dem Kopf. Gromada, wo ist Gromada?... Stoßt ihn her, Brüder.... So... komm, fahren wir. Gromada!" Gljeb fuhr nicht in den Volkswirtschaftsrat, sondern stieg vor der Türe des Exekutivkomitees aus dem Wagen. Auf der Treppe, im zweiten Stock, mußte er Gromada fest unter den Arm stützen. Und Gromada keuchte, erstickte fast und glotzte vor Erschöpfung mit seinen Augen. Pfui, bist eine krepierte Henne, du Tölpel!... Für einen Feldzug taugst du nicht viel.... Halt! Schöps Atem ruh dich aus zum Kampf." Du weißt doch, Genosse Tschumalow, wie ich bin, wenn mir der Atem vergeht, aber jenen Spezen gebe ich noch vierzig Punkte vor/.,,. Ha. Berge werden wir umwälzen, zum Teufel noch einmal..., Stimmt schon.... Bist halb krepiert, aber schießen kannst du wie ein Maschinengewehr. Und kaum hatte der zottige Alte Gljeb bemerkt, als er die Tür öffnete und sich mit seinem Stuhl zur Seite schob. Badjin war nicht allein: bei ihm saßen Schramm, Tschibis und Dascha. Sie sah ihn an und ihre Augen wurden groß vor Staunen, und eine Unruhe und Freude strömten ihm in breiter Welle au« ihren Blicken entgegen. Aber es war nicht Freude, die Gljeb in ihren Augen sah. etwas anderes war in ihnen, etwas, was er nie früher gesehen hatte, das

tief war wie ein Seufzer und das fein Herz schmerzhaft oerbrühte. Badjin sah in stirnrunzelnd zerstreut an und schaute dann wieder auf den Tisch, auf die Papiere, in denen er mit seinen haarigen Händen herumwühlte: er hörte Schramm zu. Tschibis faß wie immer. Man wußte nicht, langweilt er sich ausruhend oder denkt er über etwas Persönliches, nur ihn Angehendes nach, das er niemandem laut sagen kann. Wozu ist Dascha hier?.l'a bei Badjin. Ist ihr Scherz, den sie damals lächelnd über das gemeinsame Bett mit Badjin in der Kosakensiedlung gemacht hatte Wahrheit gewesen? War es oder war es nicht? Warum sind ihre Augen so düster und warum sind neue, eigentümliche Wellen in dieler Düsternis? Ihre Augen find trocken, rund, wie von Hitze verbrannt, wie im Fieber. Wieder ist ihre Seele wie ein tiefer Brunnen, und sie ist ebenso unzugänglich für ihn wie das Wasser eines tiefen Brunnens. Und zum erst-n Male ainaen die vergessenen Worte Motjas wie ein Stoß durch fein Herz: kein gemeinsames Leben werden ihre Seelen haben, kein gemeinsames Nest, kein gemeinsames warmes Bett. Er trat zu Dascha. sie blieb ruhig sitzen, sah ihn nicht mehr an und war wie fremd. Schramm saß in unmenschlicher Ruhe vor Badjin und sprach mit dumpfer Grammvphonstimme:..... und es ist nicht meine Schuld. Badjin. daß in der Forstverwaltung Mißbräuche geschehen sind. Ich habe pünktlich die Inspektion der leitenden Organe ausgeführt. Warum hat die RKJ. damals nichts Unnormales bemerkt und warum haben sie jetzt ganze Massen von Akten über Kriminalfälle angehäuft. Der Apparat des Bolkswirtschaftsratss ist mustergültig und die Arbeit funktioniert glänzend. Und plötzlich stellte sich heraus das wäre keine Arbeit sondern fast durchweg nur Kriminalverbrechen. Ich verstehe das nicht und fordere genaue Prüfung." Badjin sah ihn mit der ganzen Schwere seiner Augen, die tief unter seiner mächtigen Stirne lagen, an. Du verstehst das nicht... es ist klar... daß du das nicht verstehst.... Der Apparat des Volkswirtschaftsrates ist musteraültig. das Schema w'rd wunderbar durchgeführt Und weil cher Apparat mustergültig war. war er eben das beste Versteck für alle möglichen Verbrechen. Du hast die ganze Arbeit einem Element in die Hände gelegt, das uns fremd und feindlich ist. Du konntest durch einen muster- gültigen Apparat nicht die ununterbrochenen Plünderungen

der Forstoerwaltung sehen, hast nicht gesehen, daß die Arbeiter ohne Brot waren, ohne Kleidung, ohne Wertzeuge, daß die Agenten offen auf Rechnung des Staates spekuliert haben. Du verstehst und siehst nicht, daß vor deiner Nase alle möglichen Gaunergeschäfte gemacht werden, mit dem Zwecke, sich des Volksvermögens zu bemächtigen... wie zum Beispiel die unlängst erfolgte Verpachtung der Leder- fabrik an ihren früheren Besitzer. Du verstehst und siehst es nicht, daß zum Beispiel in einer deiner Abteilungen ein ganzer Plan ausgearbeitet wurde, um die Konzession des Zementwerkes aus den Händen des Staates zu reißen, um sie den früheren Aktionären zu übergeben. Du verstehst und stehst das nicht, und ich ich sehe darin die schwerste ökonomische Gegen- revolution. Schramm blieb In seiner unmenschlichen Gespanntheit ganz ruhig. Nur seine Augen wurden trübe und feine Stimme hatte einen Sprung vor Müdigkeit. In den angeführten Fällen konnte ich mich nur nach den Ansichten der Sachverständigen richten, die mit Zahlen in den Händen mir die Unmöglichkeit der Ausbeutung des Werkes in den nächsten zehn Iahren bewiesen haben. Das ganze Material in dieser Sache ist in die Zentrale abgegangen. Ich hatte kein Recht, diese Frage der Wirtschaftskonferenz zu überlassen. Die Sache der Lederfabrik wurde in bejahendem Sinne im Exekutivkomitee gelöst. Badjins breite Zähne blitzten und er wechselte einen Blick mit Tschibis. Ich weiß, daß die Frage im Exekutivkomitee gelöst wurde. Dort hatte man von den falschen Daten und den unterschobenen Personen keine Ahnung. Darüber werden wir in der heutigen Sitzung des Präsidiums sprechen." Er nahm ein Papier vom Tisch und durchflog es rasch mit den Augen. Nimm das. Genossin Tschumalowa. Geh sofort in den Kommunalwirtschaftsrat: heute noch soll man den Befehl erteilen, daß die drei Häuser freizumachen und sofort als Kinder- und Mutterbsime einzurichten sind. Dascha lief zum Tisch, sah weder Badjin noch Glseb an, aber Gljeb bemerkte nur eine Sekunde lang ein trunkenes Fünkchen in Badi'ns Augen. Gljeb biß die Zähne zusammen. daß es in seinen Ohren krachte. Genosse Badjin!" Ah. der Held der roten Fahne auf der Wirtschaftsfront. Run, berichte über deinen Ruhmesfeldzug" Und er lächelte Gljeb freundschaftlich an. (Fortsetzung folgt.)