Morgenausgabe
Nr. 49 A 25
45. Jahrgang
Böchentlich 10 Btennig monatio 3.- Reichsmart im voraus zahlbar Unter Streifband im In- und Ause land 5,50 Reichsmart pro Monat
Det Borwarts mit bez tuftrier ten Sonntagsbeilage Bolt und Zeit fowie den Beilagen Unterhaltung und Wiffen" Aus der Filmwelt". .Stadtbeilage.Frauenstimme
Der Kinderfreund Jugend- Bor warts" Blid in die Bücherwelt, Kulturarbeit and Technit ericheint wochentäglich weimal Sonntags und Montags einmal
Sonntag 29. Januar 1928
Groß- Berlin 15 Pt. Auswärts 20 Pf.
Die etapelttge Ronpareillezetts 80 Pfennig. Reflamezeile 5.- Reichs mart Rletne Anzeigen" das fettge. brudte Wort 25 Pfennig( zuläffig met fettgedruckte Borte), jedes meitere Bort 12 Pfennig Stellengefuche das erfte Bort 15 Brennig, jedes weitere Bort 10 Bfennig Borte über 15 Buchstaben zählen für zwet Worte Arbeitsmarkt Beile 60 Bfennig Familianzeigen für Abonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigen annahme im Hauptgeschäft Linden Straße 3. wochentagl von 8 bis 17 Uhr.
Redaktion und Berlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Tönhoff 292-297 Telegramm- Adr: Sozialdemokrat Berlin
Vorwärts- Verlag G. m. b. H.
Prag , 28. Januar. ( Eigenbericht.)
Im Festsaal des Boltshauses in Brag- Smichow trat heute zum erftenmal seit 22 Jahren ein gemeinsamer Kongreß der tschechischen und deutschen sowie der polnischen und matjarischen Sozialdemo
tratie der Tschechoslowakei zusammen. Vor etwa 600 Delegierten fand der Kongreß eine feierlich symbolische Eröffnung durch ein Gruppenbild tschechischer und deutscher Arbeiter turner, die ben internationalen Gedanken versinnbildlichten, während zugleich die Arbeiterfänger die Internationale vortrugen.
Die Eröffnungsreden hielten der tschechische Parteivorsitzende Hampel und der deutsche Parteivorsigende Dr. Czech. Hampel mies auf die durch Krieg und Umfturz veränderten Berhältnisse und auf die jetzt immer stärker merdende reaktionäre Welle hin. Das brutale Vorgehen des Bürgerblocks habe der Arbeiterschaft die Wahrheit des Kommunistischen Manifestes und feiner Parole ,, Ar Beiter aller Länder, vereinigt euch!" zum Bewußtsein gebracht. Es feien teine grundsäglichen Gegenfäße zwischen den einzelnen Parteien, und die taftischen Differenzen wären nicht so groß, daß sie nicht zu überbrücken wären
Dr. Czech fagte u. a.: Mit angehaltenem Atem hat das deutsche Proletarrat dieser Stunde entgegengesehen. Der Gedante der ein heitlichen Profetarierbewegung ist auf dem Wege der Berwirt lichung. Die bloße Tatsache, daß nach 20 Schren
4
endlich ein gemeinsamer Bongref
tagt, gibt ihm schon historische Bedeutung. Wir sind alle ents Ichloffen, die großen Aufgaben der Tagung einmütig im 1ozia. Liftischen Geiffe zu lösen und eine dauernde Arbeits- und Kampfgemeinschaft aller sozialistischen Parteien der Republik zu schaffen.
Als sich der Kongreß fonstituiert hatte, führte, lebhaft begrüßt, der Bertreter der Arbeiterinternationale, Dr. Friz Adler, aus: Der Kongreß hat Bedeutung weit über die Grenzen der Tschecho flowafei hinaus als eine Tagung der Zuversicht der ganzen Internationale. Leider ist noch eine Schjar von Proletariern, die Kommunisten, hier nicht vertreten. Sie glauben, daß die Spaltung des Proletariats ihre eigentliche Aufgabe ist.
Wir sind es, die die wahre Einheit des Proletariats verwirklichen
wollen.
Sozialistischen Arbeiterinternationale zusammentreten, mir auch als einen der Erfolge werden mitteilen fönnen, daß die Arbeiterschaft aller Rationen in der Tschechoslowakei es war, die zum Siege der internationalen Solidarität beigetragen hat.( Stürmischer Beifall.) Im weiteren Verlauf der Tagung nahmen die Vorsitzenden der tschechischen und der deutschen Sozialdemokratie das Wort zu dem ersten Bunft der Tagesordnung: die Zusammenarbeit aller fozialdemokratischen Parteien in der Tschechoslowakei . Der Kongres
nahm schließlich
ein Kampfmanifest an die Arbeiterschaft
an. In dieser Rundgebung wird der Bürgerblodregierung der schärffte Kampf angesagt. In einer außerdem angenommenen Resolution heißt es:
,, Die auf dem Kongres vertretenen Parteien verpflichten sich, auf dem Boden dieses Staates brüderlich für die Forderungen des Proletariats zu wirten Nach diesem Kongres muß der zweite Schritt die engste Zusammenarbeit der sozialistischen Parteien sein. Der Kongreß beschließt die Einfegung eines vorbereitenden Aus, schusses aller sozialdemokratischen Parteien, den er beauftragt. alle wirtschaftlichen, fulturellen und nationalen Probleme zu er örtern und alle programmatischen und organisatorischen Arbeiten örtern und alle programmatischen und organisatorischen Arbeiten zu leisten, die zum erfolgreichen Ausgang der Eini. gungsbestrebungen nötig sind. Die sozialdemokratischen Barteien werden alles daranfeßen, um den Einfluß und die Macht der Arbeiterflaffe in diesem Staat zu ftätten, eine wirkliche Ber. ständigung zwischen den Nationen dieses Staates herbeizuführen und diesen Staat zu einer politisch und wirtschaftlich, national und fulturell gerechten Republit zu ceftelten.
Am Sonntag wird der Kongreß, dem Konferenzen der einzelnen Borteien vorangegangen waren, über die Sozialversicherung und die reaftionären Bläne und Taten des deutsch - tschechischen Bürger
blods beraten.
Arbeiterpolitif Stabilisierung.
Programm der sozialistischen Regierung Norwegens .
Oslo , 28. Januar. ( Eigenbericht.)
Der Ministerpräsident Genosse Hörnsrud erklärte Bressevertretern, daß eine der ersten Aufgaben feines Kabinetts die endgültige Stabilisierung der starf schwankenden Krone sein müsse. Es wäre unbedingt notwendig, endlich den Kronenfurs
Wir hoffen, daß, wenn wir im August in Brüssel zum Kongreß der entsprechend seinem wirklichen Wert festzumachen.
Hinrichtungen in England.
Proteststurm des Volkes.
Bankkonto: Bank der Arbeiter. Angestellten und Beamten Wallfir. 65. Diskonto- Gesellschaft. Depofitentasie Lindenstr 3
3m Zirkus.
Die Woche der Agrarier beginnt.
Die
3m 3irtus Busch finden sie sich wieber zufammen, die Herren von Ar und Halm, mit dröhnendem Baß und gewaltigen applausbegeisterten Händen: Die ,, Grüne Woche " beginnt; der Reichslandbund führt seine Parade auf und hofft, daß der Welt vor Staunen der Atem vergehe! Jede solche Tagung ruft Erinnerungen wach, die nicht immer und nicht jedem angenehm sein mögen. agrarischen Zirkusveranstaltungen früherer Jahre haben sich immer einen besonderen Ruf erhalten. Seit einer der Gründer des Bundes der Landwirte das klassische Wort prägte, man müsse schreien schreien und noch mals fchreien", feit Rupprecht aus Ransern die Land wirte aufforderte, fogar ,, unter die Sozialdemokra ten" zu gehen, um ihre Sonderwünsche durchzusehen, waren die Zirkustage der Agrarier immer wieder auf den Ton des feligen Dieft- Daber gestimmt: Die Minister tönnen uns sonst was! Sie reden ihre eigene Sprache und mußten, daß sie Berständnis fanden bei den königlichen Ministern von ehedem, die sämtlich aus ihrer Klasse entnommen
waren.
Heute schreien" sie wieder nach bewährtem Rezept. Heute sind sie zwar nicht unter die Sozialdemokraten" ge зи gangen, aber doch im Begriff, die Bauernrevolution" zu machen, von der ihre Presse in schöner Offenheit spricht.
*
" F
Auch morgen wird geschrien" werden: Wieder im Sirkus Busch. Aber auch im Großen Schauspielhaus. Und es find dieselben Arrangeure von ehemals, es ist berselbe Geist von ehemals, nur daß die Qualität der Führer eine andere, aber feine bessere ist. Scharfmacher find es auch heute. Aber die Führer des alten Bundes der Landwirte waren doch keine Bankrotteure. Fast vier Jahre lang stand nach dem Schreien der heutigen die deutsche Landwirtschaft ,, vor dem Untergang". Vier Jahre lang wurden die Zölle erhöht, wurde die Landwirtschaft mit Krediten vollgepumpt auf ihre Veranlassung. Sieben Milliarden neuer Kredite sind in die Landwirtschaft hineingeflossen, vier Milliarden davon sind nach dem Urteil der Sachverständigen heute nicht mehr aufzufinden, find spurlos ver schwunden, sind nußlos verbraucht! Das Ergebnis ist die heutige Krise. Aber es wird morgen im Zirkus Busch wieder geschrien werden nach der Erhöhung der Zölle, nach neuen milliarden für neue Kredite. nach ermäßigten Zinsen und Steuern, nach verschärfter Aushungerung der Armen in Deutschland durch die Beseitigung der zollfreien Gefrierfleischeinfuhr.
In der Kohlenhafenstadt Cardiff sind die Bergarbeiter| lichen Rauferei, ein Mensch zum Tode verurteilt, geschweige daß die 1927 haben sich die Zeichen des Zusammenbruches Driscoll und Edward Rowlands hingerichtet worden. Der Todesstrafe an ihm vollzogen worden wäre.
Bruder des hingerichteten Rowland, John, der gleichfalls zum Tode verurteilt mar, mußte wegen Geistestrantheit ins Irrenhaus gebracht werden. Alle drei waren angeklagt, dem Meisterboger David Lewis während einer nächtlichen Straßenrauferei eine schwere Berlegung zugefügt zu haben, an deren Folgen er ge storben ist.
Das Todesurteil gegen die drei hatte nicht allein in Cardiff ungeheure Erregung hervorgerufen. Berteidiger Abg. O'Connor war von der Unschuld feiner Klienten überzeugt. Acht Ge= schworene hatten gemeinsam mit ihm den jezigen stellv. Innenminister
Chamberlain, der die Begnadigung abgelehnt hatte, darum gebeten, das Urteil dem König vorzulegen. Der Friedens Nobelpreisträger weigerte sich jedoch, dies zu tun. Ergebnislos blieb cuch eine Petition mit mehr als 200 000 Unterschriften; ebenso die Fürsprache der Erzbischöfe von Cardiff und Birmingham sowie von 28 Bischöfen, mehr ais hundert Richtern, Geistlichen, Aerzten, Advokaten, führenden Politifern, hervorragenden Schriftstellern wie Bernard Shaw und Wells, die schriftlich oder telegraphisch beim Innenminister interveniert hatten. In Cardiff wurden große Protest meetings abgehalten. Die Gewerkschaften drohten mit dem Generalstreit. Eine vieltausendföpfige Menge umlagerte tagelang das Gefängnis- trotz alledem wurden die beiden Berg
arbeiter hingerichtet.
Es ist festzustellen, daß England wo die Bewegung gegen die Todesstrafe vielleicht am festematischften betrieben wird, in den letzten Wochen mehr Hinrichtungen erlebt hat als irgendein weft europäisches Land. So find jüngst allein
in einer Woche vier Hinrichtungen vollstrect worden. Es ist schwer bentbar, baß etwa in Deutschland und Frankreich wegen eines Totschlages, begangen bei einer nächt
Sozialisten und Radikale.
Die Kluft vertieft sich.
Paris , 28. Januar. ( Eigenbericht.) Das Interesse an der großen finanzpolitischen Debatte in der Kammer tonzentriert sich mehr und mehr auf die Intervention éon Blums, der man in Kreisen der bürgerlichen Parteien mit wachsender Unruhe entgegensieht. Was man befürchtet, ist weit mehr noch als die sozialistische Kritik an der Sanierungss politit Poincarés die gründliche Abrechnung, die Léon Blum mit der radikalen Partei halten wird.
"
In der radikalen Presse wird Léon Blum neuerdings zum Borwurf gemacht, daß er dem Wahlkampf der Partei eine in erster Linie gegen die demokratische Linke gerichtete Spige gegeben habe. In Wirklichkeit liegen die Dinge umgefehrt. Die schwächliche Kapitulation der Radikalen vor Poincaré und ihre mangelnde Entschlußkraft, der Koalition der Nationalen Einheit" endgültig den Rücken zu fehren, sowie der ausgesprochene, gegen die Sozialisten gerichtete Frontwechsel ihrer gesamten innenpolitischen Einstellung tragen die alleinige Schuld daran, daß die Kluft zwischen Sozialisten und bürgerlicher Demokratie sich von Tag zu Lag vertieft Die Sozialistische Partei hat feinen Anlaß, mit diefer Entwicklung der Dinge unzufrieden zu sein, denn die Miß Stimmung der radikalen Wählerschaft über die Schaufelpolitit der eigenen Fraktion, die von Woche zu Woche größeren Umfang annimmt, wirkt sich schon letzt in einer Massenflucht in das fozialistische Lager aus. Bebauerlich ist daran nur, daß diese Berschärfung der Begenfäße die politische Stoßtraft der Linfen in ihrer Gesamtheit auf die Dauer beeinträchtigt und früher pber später der Reattion zugute temmen muß.
Die Krise der deutschen Landwirtschaft ist eine Krisis der Bauernwirtschaft. Es ist die Gefahr des Rusammenbruchs der oftelbischen Großbetriebe, die aus dem Bollen gewirtschaftet und verbraucht haben. Der Beweis dafür liegt vor. Ihn leisten die Ziffern der in der Landwirt schaft festgestellten Zwangsversteigerungen. In der Vorfriegszeit famen von allen Zwangsversteigerungen nur etwa 45 Broz. auf die Betriebe von 100 hektar und mehr. Im Jahre 1926 ist der Prozentsatz auf 72 gestiegen. Im Jahre der Ostelbier verstärtt: 90 bis 95 Broz. der insgesamt versteigerten Bodenflächen entfallen auf die fünf östlichen Brovinzen des Deutschen Reiches . Dagegen haben sich die Zusammenbrüche und die Zwangsversteigerungen bei den Reinbauern bis zu 20 hektar seit 1924 auf ein Drittel verringert, bei den Mittel- und Großbauern von 20 bis 100 Hektar ist die Ziffer stabil geblieben. und nur bei den Großgütern über 100 hektar ist sie um über 40 Broz. gestiegen. Wenn ein Beweis dafür nötig ist, daß die Landwirtschaftsfrise in Deutschland nur die Großagrarier angeht: hier ist er.
Die Lage der Bauern ist keineswegs rosig, sie ist vielfach schlecht, und Hilfe für die Bauern ist not. Aber der Reichslandbund ist nicht dazu berufen. Hilfe für die Bauern zu fordern. Wo auch bei den Bauern heute Not herrscht, danken die Bauern diese Not dem Reichslandbund. Daß der größte Teil der vier Milliarden in der Landwirtschaft verschwundener Kredite nach Ostelbien ging und dort verpulvert wurde, das hat den landwirtschaftlichen Kredit in Deutschland so verteuert, daß auch die Bauern thre Not haben, ihren 3ins- und Steuerverpflich tungen nachzukommen.
Wenn das von den Bauern in ihren Genossenschaften angelegte Geld teuer geworden und teuer geblieben ist, so war das ausschließlich die Folge davon, daß der oftelbische Moloch zum Schaden aller Bauern und zum Schaden der gesamten Landwirtschaft die Kreditdecke so verkürzt hat, daß die Zinsen hoch bleiben mußten. Aber auch billige Hypotheken waren für die Bauern nicht zu beschaffen, obwohl sie unvergleichlich viel sorgfältiger gewirtschaftet haben und für die Hypothekengewährung unvergleichlich viel würdiger gewesen wären. Nach dem Often sind die meisten und billigsten Hypotheken gewandert, weil die Großagrarier durch ihre unerfäftlich ge