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Nr. 116

45. Jahrgang

Technik

Des Bergmanns Höllenfahrt.

Donnerstag

8. März 1928

Das Unglüd auf der Zeche Ewald, das durch Absturz des Fahrtorbes infolge Seilbruchs entstand, ftellt die Frage der Siche­rungen für Förderkörbe in Bergwerten in den Bordergrund des Intereffes. Wir geben in Folgendem einem Fachmanne das Wort, der diese Frage einer eingehenden Behandlung unterzieht und dabei auf eine Konstruktion verweist, deren Brauchbarkeit gegenüber den veralteten Fangvorrichtungen verbürgt ist. Die Redallion.

Die Förderung senkrechter Lasten aus großen Tiefen erfolgt faft ausschließlich durch an Tragseilen hängende Förder= förbe. Das Abfangen des Förderkorbs bei Seilbruch ist ein Problem, das den menschlichen Geist seit mehr als hundert Jahren beschäftigt. Keine der bisher gebräuchlichen Fangvorrichtungen ist in der Lage, einen feillos gewordenen Förderkorb stoßfrei und gefahrlos für den Korb, für die im Rorb befindlichen Bersonen und Baren, sowie den Schachteinbau anzuhalten; sie werden deshalb von vielen Sachverständigen nicht mit Unrecht als

werflose Attrappen

bezeichnet. Die Prüfung der Konstruktion dieser Fangnorrichtungen durch die Aufsichtsbehörde, sowie deren Ueberwachungs- und Bartungsvorschriften dienen nur dazu, diesen wertlosen Attrappen einer Fangporrichtung den Schein einer Sicherheitsvorrichtung zu geben und das ahmmgslose Bublifum, das täglich sein Leben diesen Fangnorrichtungen anvertraut, in Sicherheit zu wiegen. Diese Fest stellung wird auch dadurch nicht abgeschwächt, daß seit einigen Jahren dem Tragfeil erhöhte Aufmerksamkeit geschenft wird mit dem Hin weis, daß mangels einer brauchbaren Fangvorrichtung die beste

Alte ,, Fahrkunst. Auf dem Baumstamm in den Schacht

Fangvorrichtung ein gutes und mit großen Sicherheitszahlen Be rechnetes Tragfeil sei. Folgende Unglüdsfälle ereigneten sich in den Tetzten Jahren infolge Seifbrudys:

24. März 1923 Grube Kaiserstuhl . 28. Juni 1924 Grube Thyssen.. 27. März 1925 Grube Merlebach 28. April 1925 Grube Westphalia. 16. August 1925 Grube Constantin. 21. Oktober 1925 Grube Germania 13. Juni 1926 Grube Langenbrahm 1. März 1928 Grube Ewald.

.25 Tote, 6 Schwerverletzte

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1

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Sie beweisen, daß äußere Besichtigung und Prüfung des Trog­feiles feinerlei Gewähr für die Haltbarkeit zu bieten vermögen; nicht selten sind Seilbrüche wenige Stunden nach der Seilprüfung vor­gekommen, obwohl diese sorgfältig und vorschriftsmäßig durchgeführt wurde.

Die Ursache dieses Mißerfolges

Der Fangporrichtungen im In- und Auslande liegt in der falschen Anwendung der technischen Mittel zur Lösung des Problems, Jede der heute gebräuchlichen Fangvorrichtungen benußt die Schwerkraft des Korbes zur Vorspannung einer Feder. Bricht das Seil, so soll die vorgespannte Feder am Korb angebrachte gezahnte oder messer­artige änger gegen die hölzernen Führungsschienen des Schacht­einbaues drücken, die sich unter dem Einfluß der Schwer- und Massenträfte des Rorbes und Hängefeiles selbsttätig tiefer in die Führungsschienen arbeiten und diese teils abholen, teils auffchligen. Entsteht der Seifbruch turz über bem Rorb, so tann die Feder diefe Austöfung der Fangoorrichtung mohl bemitten, ist aber ein Geil. schwanz von 30 Meter Länge vorhanden, so tritt eine Entspannung der Feder nicht ein, mie Bergrat Czalinsfi dies bereits 1914 nady gewiesen hat und Dr.- Ing. Weber dies noch 1923 an einem Aufzuge mit einem 15 Meter hohen Seilschwanz bestätigte. Aber selbst wenn die gezahnten und mefferartigen Fänger, Reile oder Erzenter zum Eingriff gelangt find, so ist keine Gewähr vorhanden, daß der Korb gefahrlos zum Stillstand kommt; denn es liegt in der Natur dieser Borrichtungen, daß fie felbfthemmend sind und die dem abfaufenden Rorb innewohnende Energie auf einem sehr furzen Wege son menigen Zentimetern vernichten, was einen Berzögerungsfloß ner. infacht, bei dem gewöhnlich die Fanguorrichtung mit Sorb und Shahteinbau vollständig zertrimmert werden.

Bon dem etwas ver.

oder

schleierten Wesen dieses Berzögerungsstoßes des negativen Beschleuni­gungsdrudes bekommt man eine flare Borstellung, wenn man sich aus der Einsteinschen Rela tivitätslehre das Bild vom Mann im Kaffen" vergegenwärtigt. Diefer Kasten möge der feillos gewordene, Förder­forb sein, der sich mit gleichbleibender Geschwin­digkeitszunahme infolge feiner Schwerkraft ab­märts bewegt. Die Schwerkraft wirtt natür. lidh ebenfalls gleichartig auf alle im Korb befind­lichen Personen und Ge­genstände und hat zur genstände und Folge, daß der Druck dieser und Gegen­Personen stände auf den Korbboden: aufhört, sie sind also zum Sorb relativ gewichtlos gemorden. Ein Kind mürde mit dem fíeinen

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Schweblage bringen fön­nen, die sie behalten mer den, bis eine äußere Kraft ihnen eine andere Stel lung zuweist. Dabei mer. den die mitfahrenden Ber­fonen diesen Zustand nicht einmal unangenehm emp finden, feineswegs fann er als gefährlich angesehen werden, da ja die Be­schleunigung der Abwärts­bewegung höchstens bis zur Erdbeschleunigung an­wachsen kann. Wir sehen also, die Beschleunigung beim freien Fall des ſeil los gewordenen Förder forbes, die Fallgeschwin digkeiten, die Fallzeiten werden dem Korbinsassen nicht gefährlich, und die amtlichen Vorschriften, welche diese Eigenschaften zur Grundlage der Branch barfeit, einer Fangpor richtung machen, beruhen auf Irrtümern und väl liger Bertenmung des phy. fitalischen Vorganges. Die Verzögerung und nega tipen Beschleunigungen. find es, die eine so unheilvolle Wirkung auf den Korb und feine Rorbinsaffen ausüben. Bei einer Berzögerung non 10 Meter pro Sekunde im Quadrat( sec) wird der Korbfußboden nou den mitfahrenden Personen und Laften schon mit dem doppelten Gemicht ihrer Körperschwere gedrüdt, um bei 50 Meter bereits auf ben fechsfachen Betrag zu steigen; einen Berzögerungsbrud bel 100 Meter vermag der Mensch nur noch mit gebeugten Knien abzu­

Finger Personen Bersonen und Gegenstände in die

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Förderturm und Fördermaschine.

fangen, bei 200 Meter sind Knochenbrüche und schwere Berlegungen bereits die Regel, und bei 300 und 400 meter brechen Fangvorrich tung. Förderforb und Schachfeinbau zusammen, und Bersonen werden nur noch als Tote geborgen. Das find dann jene schweren Unglüdsfälle, von denen die Geschichte des Bergbaues so zahlreich zu berichten weiß. Diese großen Verzögerungen bis 400 Meter pro berichten weiß. Diese großen Verzögerungen bis 400 meter pro Sefunde pro Sefunde find eine unvermeidliche Folge der heute gebräuchlichen Kell- und Egjenter- Jangnorrichtungen mit gezahnten nab mefferartigen Jängern und ihrer selbstiperrenden Wirkung.

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Es brängt sich nun die Frage auf, wie sieht denn eine Fang­vorrichtung aus, die das Problem des feillos gewordenen Förder­forbes löst, mit dem weder Aufsichtsbehörden noch die hochentwickelte Fördertechnik im In- und Auslande fertig werden können. Diese Frage hat Dr.- Ing. Franz Jordan bereits vor zehn Jahren be­antwortet mit seiner

Druckluftfangvorrichtung,

die als restlose Lösung des Fangproblems anzusehen ist. Unbeeinflußt von den Konstruktionen und Erfindungen der Vergangenheit geht Jordan ganz neue eigene Wege. Wie schon der Name sagt, ver­wendet er feine Feder, die durch das Tragseil vorgespannt wird, fondern Drudluft als Bremskraft. Dr. Jordans Druckluftfangvor­richtung ist unabhängig vom Seilschwanz und benutzt zur Auslösung der Bremskraft den Beschleunigungsdruck eines durch eine Feder ab­gestürzten freischwebenden Gewichts im Augenblick des Fallbeginns des feillos gewordenen Förderforbes, wodurch ein Ventil geöffnet wird, das die Drudluft aus dem Luftbehälter in den Bremszylinder entweichen läßt. 3n weniger als ein Zehntel Sefunde erreicht die Bremstraft ihren Höchstwert und preßt glatte Bremsbaden gegen die Führungsschienen. Die Bremstraft ist unerschöpfbar und tann so

Gezahnte Baumstämme als Bergwerksleiter im alten Aegypten.

bemessen werden, daß die Verzögerung innerhalb der zulässigen Grenzen bis 20 Meter pro Sekunde bleibt. Der Bremsweg hängt non der Beschwindigkeit im Augenblick des Seilbruches ab: er heträgt bei einer Rorbgeschwindigkeit von 10 Meter pro Sekunde etwa 2,5 Meter und steigt auf 10 Meter bei einer Korbgeschwindigkeit von 20 Meter. Wir erhalten also lange Bremswege bei tleinen Berzögerungs­arüden gegenüber furzen Bremswegen von menigen Zentimetern und großen Berzögerungsbrücken bei den heute gebräuchlichen Fang Dorrichtungen.

Es liegt im Aufbau der Jordan- Fangvorrichtung begründet, daß fie nicht nur bei Seilbruch den abstürzenden Förderkorb gefahrlos stillsetzt, sondern auch in der Lage ist, das lebertreiben des Förder= torbes ficher zu verhindern. Das Grubenunglüd, der Zeche Ewald beweist, daß auf dem Teufeanzeiger fein Berlaß ist, daß auch der Maschinenwärter ebenso wie der Lokomotivführer Haltefignale ver­sehentlich überfahren kann. Beim Eisenbahnbetrieb steht die Ein­führung der selbsttätigen Zugbeeinflussung bevor, die das Ueberfahren der Fahrsignale selbsttätig verhüten soll. Die bisher gemachten Er­fahrungen berechtigen zu der Hoffnung, daß die schweren Eisenbahna unfälle, hervorgerufen durch irrtümliches Ueberfahren der Halte­signale, durch die selbsttätige Zugbeeinfluffung endgültig beseitigt werden. In ähnlicher Weise wie die felbfttätige Bugbeeinflussung beim Ueberfahren des Haltefignales wirkt die selbsttätige Stillfehung der Fördermaschine und die Fangvorrichtung, sobald der Förderkorb etwa 25 Meter vor der Hängebant noch eine Geschwindigkeit besitzt. die größer ist als für das langjame Einfahren festgelegt wurde. Diese Borrichtung fann vom Fördermaschinenführer nicht beeinflußt werden. Sie ist unabhängig vom Teufeanzeiger, tritt also in Tätig feit, sobald Maschinenführer und Teufeanzeiger versagen. Die Still­fegung erfolgt auch nicht plötzlich, wie das bei den verjüngten Spur­latten der Fall ist, sondern fann nur mit einer Verzögerung, wie beim freifallenden Förderkorb also mit etwa 40 Meter pro Setunde pro Sefunde erfolgen, wobei sich ein, Bremsweg von etwa 5 bis 10 Meter ergibt, der Rorb also vor der Haltestelle angehalten wird. Die Seilfahrtfommission des preußischen Handelsminifteriums hat mit großem Interesse die Arbeiten Dr. Jordans perfolgt und in ihrem Bericht vom 6. April 1925 feft­gelegt, daß bei Neuanlagen von Förderschächten Fördertörbe zu verwenden sind, die Fangvorrichtungen befigen, bei denen die Berzögerung im Höchftfall bis zu 40 Meter pro Sekunde im Quadrat beträgt.

Es ist jeht Sache des Bergmanns,

statt der bisherigen wertlosen Fangvorrichtungsattrappen und der gefahrvollen Spurlattenverjüngung einschließlich der unzuverlässigen Leufeanzeiger auf den Einbau von wirklichen Sicherheitsvorrich tungen zu bringen, nachdem die Technit fie fertig zur Verfügung ges stellt hat und die preußische Seilfahrttommiffion fie prüfte und ihre Einführung befürwortete. Dr.- Ing., gron, Breslay