Der Abend
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Spätausgabe des„ Vorwärts
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Nr. 208
B 103 45. Jahrgang.
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Kardinal Tosi überreicht Nobile das geweihte Kreuz.
In den frühen Morgenstunden des heutigen Tags ist General Nobile mit der Italia " in Stolp zum Flug nach Spitzbergen aufgeftiegen.
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" Der Papst hat dem Luftfahrer Nobile ein geweihtes Kreuz mit. einer Eisenspize mitgegeben, damit es sich beim Abwurf über dem Nordpol einbohre. Man scheut jedenfalls nicht mehr die mit dem Polbegriff verbundene Erinnerung an die Zeit Galileis, der bei Vermeidung der Rezerverbrennung abschwören mußte, daß sich die Erde um sich selbst und um die Sonne dreht... Außerdem führt Nobile ein Dokument mit, das er auf dem ersten unerforschten Boden, den seine Expedition berühren wird, niederlegen soll. Es lautet:
Sohn des italienischen Genius, belebt von der Kraft einer mehrtausendjährigen Zivilisation, gesegnet von Gott, beschützt vom Kreuz Christi , von der Trikolore und dem Ruten bündel des römischen Littors, bringt der Lenkballon Italia" dem hohen Norden das vibrierende Echo des neuen italienischen Lebens, glühend, tatkräftig in seinem Aufstieg, der Völker und Religionen beherrscht. Du, der diefes Echo in diesem Blatt vernehmen wird, wer du auch seist, bedenke, daß dieses Echo von Rom tommt. Die unsterbliche lateinische Mutter, die Gott seinem Sohn durch den Tod und die Auferstehung zeigte, bleibt erhaben denen, die ihrem Gesetz gehorchen; bedenke, und blicke auf dich: wo immer du hinsiehst, wirst du das Licht von Rom leuchten sehen.
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Die Kinder flagen an.
Kinderelend und Panzerfreuzer.
Noch viel zu wenig bekannt ist das grenzenlose Kinderelend in Deutschland , das jeden erschüttern muß, der es aus der Nähe gesehen. Der Bürgerblod fümmerte sich nicht darum, und wenn es galt, für hungernde Proletarierkinder etwas zu tun, erflärte die Regierung stets, daß fein Geld da sei. Der Bürgerblod hatte andere Sorgen. Er mußte die erste Rate für den Bau eines nuglosen Panzerfreuzers bewilligen, der insgesamt 80 Millionen Mart foften wird. Er mußte für die Reichswehr 700 Millionen Mark in den Etat einsetzen und den Ruhrindustriellen 715 Millionen Mark in die Taschen schieben. Aber die von der Sozialdemokratie beantragten fünf Millionen Mart für Kinderspeisungen wurden abgelehnt.
Das geschah, obwohl die Regierung und die Parteien des Bürgerblocks genau wußten, wie schlimm es um den Ernährungsund Gesundheitszustand der Schulkinder steht. Selbst der deutsch nationale Innenminister v. Reudell mußte in seiner Denkschrift, die er am 24. Januar 1928 dem Reichstag überreichte, feststellen, daß in einigen Bezirken, weil die Schulkinderspeisungen in vermindertem Maße als im Vorjahr durch geführt wurden, ein Rückgang im Ernährungszustand der Kinder eingetreten sei.
Aber darüber hinaus mußte vom Reichsgesundheitsamt eine grauenhafte Feststellung gemacht werden. An einem Stichtag wurde im Waldenburger Bergbaurevier ermittelt,
daß 41 Proz. der Kinder ohne warmes Frühstück zur Schule gekommen waren und für 25 Proz. der Kinder nach Schulschluß zu Hause fein warmes Mittagessen bereit stand.
In vielen anderen Bezirken ist es nicht besser. Auch in Berlin wurde bei einer früheren Untersuchung festgestellt, daß in einem Schulbezirk( Prenzlauer Berg ) 7380 Kinder regelmäßig ohne erstes und 208 Kinder ohne zweites Frühstück zur Schule kommen.
Dazu kommt noch, daß die Schulkinder unter dem entsetzlichen Wohnungselend schwer zu leiden haben und dadurch in ihrer Entwicklung in hohem Maße ungünstig beeinträchtigt werden. Auch für die Linderung der Wohnungsnot hat der Bürgerblock kein Geld. Die wirtschaftliche Not der Eltern zwingt aber oftmals zur
Kinderarbeit.
Beit mehr, als in der Deffentlichkeit bekannt ist, werden schulpflichtige Kinder zur Erwerbsarbeit herangezogen. In Mannheim wurde festgestellt, daß von 10000 Schulkindern der 3. bis 7. Klasse
Noch am Abend des Mittwochs um 19 Uhr war die Frage, ob man die lange Reise über 3000 Kilometer antreten soll, oder nicht, völlig offen. Die Wetterwarten in Hamburg , Lindenberg und auch in Stocholm rieten nicht zu, aber auch nicht ab, da ein Tief, das über Nordschweden sich ausbreitete, zunächst noch feine festen Schlüsse zuließ. So wartete man, wie auch am Abend zuvor in der Halle, ungewiß, ob die Entscheidung in dieser Nacht fallen würde oder nicht. Professor Malgreen, der Wettermacher" der Italia", tonferierte lange mit Nobile und den Steuerleuten. Um 11 Uhr endlich fam das Kommando:„ Schiff zur Fahrt klar machen". Bon diesem Augenblic an glich die alte Luftschiffhalle in Seddin einem Ameisenbau. Die italienische Besatzung wetteiferte mit deutschen Hilfsmann schaften, das Polarluftschiff fertig auszurüsten. Da man wegen der drückenden Hize am Dienstag viel Gas hatte ablassen müssen, war eine zweistündige Nachfüllung notwendig. Lebensmittel und Apparaturen wurden in dem Mittelgang des Luftschiffes verstaut; die Motoren erhielten den letzten Trimm und in der Funkenbude" saß der Marconi- Telegraphist und nahm bereits Probeverbindungen mit Mailand , Berlin und Stettin auf Kurzwelle 33 auf. Die Besazung zog um so lieber die pelzgefütterten Lederjacken und Stiefel an, als Ganz abgesehen davon, daß weder Jesus noch seine Jünger, die Nacht recht unfrühlingsmäßig falt war. Die Berliner Polizei wohl aber Pontius Pilatus und seine Söldner Lateiner waren; beamten bauten 12 Scheinwerfer mit den Akkumulatoren- follte dieses Dokument wohl durch eine Schicht von Rizinusöl betrieb rechts und links vor der großen zugigen Halle auf und rich- fonserviert werden, zumal es so wahr von dem vibrierenden Echo teten die Scheinwerfertegel prüfend auf die Tore und das Feld. des neuen italienischen Lebens spricht, aus dem die Seufzer und das Um Mitternacht erschien General Mobile, der in den Abend- Todesröcheln der Märthyrer vibrieren. stunden noch eine wahre Flut von Telegrammen zu beantworten. hatte, wieder an der Führerfabine und erklärte, daß man trotz des zweifelhaften Wetters über der Ostsee starten werde. Ueber den See tobte ein steifer Nordost pon Windstärke 8, so daß man in den nahegelegenen Häfen die fleineren Dampfer vor dem Auslaufen marnte. Aber die Messungen mit den Pilotballons ergaben, daß in 600 bis 1000 Meter Höhe 11 bis 14 Gefundenmeter Wind herrschte, eine Strömung, die Nobile der Italia " wohl zumuten zu fönnen glaubte. So wurde um Mitternacht das Reiterregiment in Stolp alarmiert und nach 2 Uhr 200 Mann entfandt. Während man auf das Intensivste mit der Abfahrt beschäftigt war, kam vom Oberbürgermeister der Stadt eine schlimme Kunde. In der großen die nach Westen geöffnet war, während hoch oben das Berlin . Ich war im Dezember 1927 selbst bei den Heimarbeitern der Thürin Danziger Nachtflugzeug grüßend eine Schleife flog, das sich scharf ger Spielwarenindustrie. Dort werden in den Spielwarendörfern als Silhouette vor dem untergehenden Mond abhob.
Möbelfabrik Beder war ein Riefenbrand ausgebrochen, der ein ganzes Wohnviertel bedrohte, so daß etwa 20 bis 30 Häufer vorsichtshalber geräumt werden mußten. Auch die Reichswehr wurde zur Bekämpfung der wirklich für die Stadt ernsthaften Gefahr her. angezogen. So entstand die Frage, ob das Reiterregiment die ver. langten 200 Mann an die Luftschiffhalle abgeben könne, von deren Mithilfe der Start vollkommen abhängig war. Endlich fam die Nachricht, daß man doch auf die Reichswehr rechnen tönne, und nun wurde es Ernst mit dem Abschied von Stolp .
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Um 2½ Uhr wurden die Tore der Halle geöffnet. Die Reichswehrmannschaften ergriffen die Halteseile, und nun begann das„ Abwiegen", d. h. die Prüfung auf das statische Gleichgewicht des Luftschiffes. Das Heck war zu schwer, und so mußte man sich entschließen, 300 Liter Benzin abzulassen sowie einen Trinkwasserdestillierapparat zu opfern, der Schneewasser für den menschlichen Genuß zurecht machen sollte. Jezt lag die" Italia " beim Kommando Anlüften" in der Wage, und 10 Minuten vor 3 Uhr 30g man das Polluftschiff aus der Halle heraus,
( Fortsetzung auf der 2. Seite.)
Bericht 2. Seite.
3929 erwerbsfrei waren,
4132 im Haushalt beschäftigt, 1200 mit Austragen beschäftigt,
199 in der Landwirtschaft beschäftigt, 274 in der Hausindustrie beschäftigt, 109 in der Wirtschaft beschäftigt, 46 im Theaterberuf beschäftigt, 28 im Mufitberuf beschäftigt ,. 67 haben diverse Berufe.
Zu berücksichtigen ist noch, daß wahrscheinlich nicht alle erwerbstätigen Kinder festgestellt werden konnten, weil viele Eltern ihren Kindern verboten haben, anzugeben, daß sie arbeiten müſſen. Am schlimmsten ist das Kinderelend natürlich in den Bezirken der Heimarbeiter.
60 Proz. und mehr der Schulkinder in der Spiel. warenindustrie beschäftigt. Ich sah die Kinder mit ihren bleichen Wangen selbst bei der Arbeit. Bei nächtlichen Besuchen in Heimarbeiterwohnungen fonnte ich zuweilen feststellen, daß Schulfinder mit ihrer halbfertigen Arbeit in der Hand über dem Arbeitstisch eingeschlafen waren. Der Ernährungs- und Gesundheitszustand dieser Kinder ist denkbar schlecht. In einem Dorf konnte ich