Morgenausgabe
Nr. 257
A 132
45.Jahrgang
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Sonnabend
2. Juni 1928
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Tschangtsolin will abdanken.
Pefing vor dem Fall.- Ausländerflucht.
London , 1. Juni. ( Eigenbericht.)
us zuverlässiger japanischer Quelle verlautet, daß General Tschangtsolin, der ,, Diktator" von Peking und oberste tommandierende General der chinesischen Nordtruppen, den endgültigen Beschluß der Abdan. fung gefaßt hat. Eine Proklamation, in der er von seinem Entschluß offiziell Mitteilung macht, wird noch erwartet. Inzwischen machen die Führer Nord. chinas alle möglichen Anstrengungen, unter Tuantschijui eine neue Regierung zu bilden. Japanischen Zeitungsberichten zufolge ist die chinesische Nordarmee, welche längs der Peking - Hankau - Eisenbahnlinie operiert, völlig zusammengebrochen, so daß mit einer Besetzung Pekings durch die nationalistischen Südtruppen in spätestens fünf Tagen zu rechnen ist. Obwohl noch mit Kämpfen im Stadtgebiet der chinesischen Sauptstadt zu rechnen ist, verlassen die in Beking lebenden Ausländer fluchtartig die Stadt, da man damit rechnet, daß sich der Rückzug der geschlagenen und demoralisierten Nordtruppen aus Peking unter schwe. ren Ausschreitungen vollziehen wird.
Zokio, 1. Junt.
Wie Telegramme aus Peting besagen, hat Marschall 2ichangtfolin die Vertreter der auswärtigen Mächte informiert, daß er binnen furzem Peking räu men werde und alle Dispositionen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung nach der Nänmung getroffen habe.
Vor der Uebergabe Defings.
Beting, 1. Juni. Der Militärattaché der japanischen Gesandtschaft in Beting hat fich in Begleitung von zwei Offizieren zum General en begeben, um diesem die Borschläge für die Belegung Betings zu übermitteln. Die Besetzung der Stadt müffe demnach im Einverständnis mit dem japanischen Oberbefehl erfolgen. Die am besten disziplinierten 6000 Mann der Südtruppen werden in Befing einquartiert. Der Reft verbleibt außerhalb der Stadtgrenzen. Das Betreten des diplomatischen Biertels ist der boten. Ueber den Schuß der Stadt wird ein besonderes Abkommen
Parlamentseröffnung in Paris . Vincent- Auriol Führer der sozialistischen Fraktion. Paris , 1. Juni. ( Eigenbericht.)
Die Rammer wurde am Freitag nachmittag mit dem üb. lichen Beremoniell feierlich eröffnet. Die BegrüßungsDie Begrüßungs ansprache hielt den herrschenden Gepflogenheiten gemäß der 81jährige Alterspräfident Stbille, umgeben von den jüngsten Abgeordneten. Die von starfem Zukunftsglauben erfüllte Rede des Alberspräsidenten war ein Appell zur Einigkeit. Sie fand eine überraschend fühle Aufnahme; felbft beim Lobe Poincarés wurde nur auf einigen Bänken geflatscht. Die nächste Sigung der Kammer findet am Montag ftatt.
Die sozialistische Frattion hielt am Freitag vormittag eine Sigung ab, in deren Berlauf auf Borschlag Brades und Renaudels eine Resolution angenommen wurde, durch die Léon Blum der Danf der Fraktion und ihr Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht wird, daß er infolge der Intrigen der Gegner des Sozialismus von rechts und lints vorübergehend der Kammer fernbleiben müsse. Die Fraktion gibt der Hoffnung Ausbrud, baß Léon Blum balb in die Lage verfeßt sei, feinen Blag im Barlament wieder einzunehmen. Die Fraktion wählte alsdann zu ihrem Führer den Abgeordneten Bincent Auriol
Die sozialistische Stammerfraktion, die übrigens genau 100 Mit glieder zählt, hat befchloffen, fofort eine 3nterpellation über Die allgemeine Politit der Regierung fowie zwei Gesetzesvorschläge einzubringen, von denen einer die volle Amnestie und der andere die Abschaffung der Berfolgungsgefeße gegen Anarchisten fordert.
Interfraktionelle Gruppe für deutsch - franzöfifche Berständiguna.
Paris , 1. Juni. ( Eigenbericht.) In der Kammer bildete sich am Freitag eine interfrattionelle Gruppe für die deutsch - französische Ber ftändigung unter dem Borsiz des Außenministers Briand und des sozialistischen Abgeordneten Paul Boncour . Der Gruppe find Mitglieder von links her bis zur Mitte beigetreten, insgesamt bisher schon etwa 100 Abgeordnete.
Auf dem Wege zur Sozialdemokratie.- KPD. als Durch gangsstation für ehemalige Rechtswähler.
mit der japanischen Kommandantur geschlossen. Tschangisolin beab. Niederlage. Wir, die unbestrittenen Sieger im letzten Wahlfichtigt, morgen abend Befing zu verlassen.
Die chinesische nationalistische Regierung hat der japanischen Regierung durch den Generalfonful in Schanghai nunmehr die Antwort auf die japanische Note vom 18. Mai überreichen lassen. Japan hatte in dieser Note festgestellt,
Pauting
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Port Arthur GELBES MEERE
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es werde sich unter Umständen gezwungen sehen ,,, wirksame Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Frieden und Ordnung in den drei chinesischen Ostprovinzen" zu ergreifen. Darauf ant wortet nunmehr die chinesische nationalistische Regierung, daß solche Maßnahmen nicht nur einen Eingriff in die inneren Berhältnisse Chinas darstellen würden, sondern auch als eine flagrante Berlegung des Grundsatzes der gegenseitigen Achtung der Landessouveränität" zu betrachten wäre, die vom internationalen Recht voll und ganz anerkannt sei. Die Note schließt mit dem Ausdrud der Hoffnung, die japanische Regierung werde jede Handlung vermeiden, welche die günstige Entwicklung der beiderseitigen freundschaftlichen Beziehungen stören tönnte.
Wirtschaft mit Frankreich . Beginn neuer Handelsvertragsverhandlungen. Paris , 1. Juni. ( Eigenbericht.)
Eine Delegation unter Leitung des Ministerialdirektors Boise vom Reichswirtschaftsministerium ist in Paris eingetroffen, um über die Berbesserungen der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutsch land und Frankreich zu verhandeln. Endziel der Verhandlungen ist die Ersetzung des jetzigen Wirtschaftsprovisoriums vom 17. Auguft 1927 durch einen endgültigen handelsvertrag.
Pilsudski Diktatur oder Parlamentsherrschaft.
Warschau , 1. Jum.( Eigenbericht.) Im Sejm , wo in diesen Tagen die Regierung der Diftatur in lebhaftem Streuzfeuer gegen sozialistische und deutsche und nationaldemokratische Angriffe zu tämpfen hat, nahm der Sozialist Niedzieltowski Stellung zur Wirtschaftskrise, aus der Polen überhaupt nicht herauskommt. Er betonte, daß er nicht daran zweifle, daß die inneren Widersprüche des Regierungsblods zutage treten müßten, ba sie nur durch die Autoritát Pilsuditis gebunden feien. Das bisherige Regierungssystem sei durch eine Persön lichteit geschaffen und lasse sich ohne diese Persönlichkeit nicht verewigen. Bolens Innenpolitit stehe jeßt am Scheidemege. Sie habe zu entscheiden, ob Rechtsdiftatur geübt oder ob endlich der demokratische Parlamentarismus zur Durchführung gebracht werden solle. Eine nicht minder scharfe Oppositionsrede hielt der Nationaldemokrat Ryba miti. Er bezeichnete es als unerhört, daß die Regierung das Budget ohne Zustimmung des Barlaments um eine halbe Milliarde Zloty überschritten habe.
Die polnische Gefandtschaft in Berlin erhält als neuen Beiter den befannten Politiker Roman Knoll Gesandter Olszowski geht nach Angora.
In Rußland als Spion zum Tode verurteilt wurde der E ft. tänder Buschmann, ein früherer ruffischer Offizier, der nach Rußland gekommen sein will, um die Gräber seiner ersten Frau und seiner Schwester zu besuchen.
Der Sieg verpflichtet ebenso sehr zum Nachdenken wie die fampf, haben nicht weniger Interesse an einer sorgfältigen Untersuchung der Wahlergebnisse wie die besiegten Parteien. Durch eine solche Untersuchung gewinnen wir ein genaueres Bild der Entwicklung, in der wir uns befinden, und eine flarere Einsicht in die Aufgaben unserer politischen und organisatorischen Arbeit. Wir müssen uns zu einem neuen noch größeren Sieg rüsten, und die kritische Betrach tung deffen, was wir schon erreicht haben, ist ein Stück Borarbeit dazu. Die Wahlergebnisse laffen sich zwar noch nicht in allen Einzelheiten übersehen, soviel steht jedoch fest, daß das richtige Ausmaß unseres Sieges durch die Nachprüfung einzelner Ergebnisse nicht verkleinert, sondern noch bedeutend vergrößert wird. So scheinen z. B. die Wahlergebnisse in Sachsen im Vergleich mit Dezember 1924 wenig befriedigend zu sein. Bei näherer Betrachtung wird es aber flar, daß wir auch in Sachsen den Tiefpunkt schon weit hinter uns haben und uns auf einem mächtigen Vormarsch befinden. Im Vergleich mit den Landtagswahlen 1926 haben wir und die Kommunisten an Stimmen gewonnen:
SPD . Wahlkreis Dresden - Baußen.+101 232 +66 518 Chemnitz - Zwidau..+73 452
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In der Stadt Chemnitz haben die Kommunisten im Bergleich mit der Stadtverordnetenwahl 1926 schon 1658 Stimmen verloren und mir 9389( über 20 Broz.!) gewonnen.
Für die übergroße Mehrzahl der Wahlkreise bedeuteten die Wahlen am 20. Mai eine Fortjegung der AufIn märtsbewegung unserer Partei seit Mai 1924. manchen Bezirken wirft aber die starke Zunahme der tom= munistischen Stimmen einen tiefen Schatten auf unseren an sich auch dort sehr beträchtlichen Erfolg. Vor allem gilt das für Berlin . Die richtige Perspektive darf aber durch diesen Schatten nicht verdunkelt werden. In Berlin haben wir eine so weitgehende Umwälzung der politischen Verhältniffe, eine Befreiung der proletarischen Wähler von dem Einfluß der rechten bürgerlichen Bartelen in solchem Ausmaß, daß fein Preis dafür zu hoch ist.
Man muß das Gesamtbild der Entwicklung in GroßBerlin seit Mai 1924 fest im Auge behalten. Seit Dezember 1924 haben wir in Groß- Berlin um 17 Proz. zugenommen, feit Mai 1921 um 81 Proz.; die Kommunisten seit Dezember um 63 Broz. und seit Mai um 54 Broz. Jezt haben wir und die Kommunisten zusammen in Berlin rund 58 Proz. aller Stimmen gegen 47 Proz. im Dezember und 38 Proz. im Mai 1924! Im Mai 1924 waren die Deutschnationalen in Berlin die stärkste Partei, die Bölkischen hatten über 100 000 Stimmen bekommen. Wie sich das Bild seitdem verändert hat, zeigt folgende Gegenüberstellung:
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Mai 1924 499 720 106 600
606 320
Dez. 1924 Mai 1928 549 267 440 216 46 370 39 023 595 637 479 239
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449 627
697 286
815 029
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396 229
4
845 856
375 037 611 190 1072 823 1426 219
Es wäre uns natürlich viel lieber, wenn wir nicht die Früchte dieser Entwicklung mit den Kommunisten geteilt hätten, und es wird unsere allerwichtigste Aufgabe in Berlin fein, dafür zu sorgen, daß der Zufluß zu den Kommunisten feine dauernde Erscheinung, sondern bloß eine 3 wischenstation auf dem Wege zu uns sein wird. Bon fommunistischer Seite wird aber behauptet, daß wir zwar die früheren rechten Stimmen bekommen, selbst aber unsere proletarischen Wähler an die Kommunisten abgegeben haben. Unsere Gegenüberstellung liefert schon eine Widerlegung folcher Behauptung. Wir haben im Dezember 1924 nahezu eine Viertelmillion Stimmen gewonnen, ohne daß die Deutschnationalen und Bölkischen zusammen wesentlich verloren haben. Wir haben ohne Zweifel aus den großen Referven der proletarischen Richtwähler gefchöpft, die nach den Erschütterungen der Inflationsjahre eine Beitlang in ihrer Enttäuschung politisch paffio waren. Wenn wir seitdem zu einer Zwischenstation für die Kommunisten geworden wären, dann müßten unsere Deutschnationalen stärker oder weniger stark verloren haben. Dieser Zusammenhang läßt sich aber nicht feststellen. Im Gegenteil, in der Mehrzahl der Berliner Bezirte stehen die Gewinne der Kommunisten im biretten Ber hältnis zu den Verlusten der Deutschnatio. nalen. Wo die Deutschnationalen start verloren haben, haben die Kommunisten viel stärker als wir gewonnen; wo es feine so großen Reserven aus den deutschnationalen Verluften gab, gewannen die Kommunisten nicht viel mehr oder