1928
Der Abend
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45. Jahrgang.
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Staatsanwalt auf der Toilette.
Landgerichtsrat Peltzer beschimpft die Presse.
Die verweigerte Afteneinsicht.
' Die heutige Bormittagssigung des richterlichen Disziplinar fenats beim Rammergericht gestaltete sich mitunter äußerst dramatisch. Sie spielte sich in der Hauptsache in der Form von Dialogen zwischen dem Vorsitzenden, Senatspräsidenten Dr. Breiser, und dem beschuldigten früheren Staatsanwalt und jetzigen Landgerichtsrat Pelzer ab. Der Vorsitzende tam anscheinend aus der Berwunderung nicht heraus und sparte nicht mit scharfen Kennzeichnungen für das Verhalten des früheren Staatsanwaltschaftsrates. Aber er machte damit feinen Eindrud, denn Dr. Pelzer begann seine Verteidigung mit einem Vorstoß gegen die Presse! Er rügte, daß diese sein gestriges Fehlen als mert. mürdig bezeichnet habe, während er als Vorsitzender eines Gerichts unabkömmlich gewesen sei. Uebrigens, meinte er, jei er es ja gewöhnt, daß die Presse alles verdrehe also wird sie sich diesmal die Mühe geben müssen, die Bernehmung des Landgerichtsrates mit größter Genauigkeit darzustellen. Ob er damit zufrieden ist, dürfte fich ja zeigen.
Petter in der Toilette.
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Es handelt sich in der Hauptsache um die bereits gestern angedeutete Aften und Toiletten Angelegenheit. Der Staatsanwaltschaftsrat Pelzer war im Verlaufe der Ermittlungen in Sachen Barmat auf die Notwendigkeit geftoßen, beim Red)= nungshof gewisse Aften einzusehen. Neben verschiedenen Schdiftstücken erhielt er hier auch einen für den Reichstag bestimmten Entwurf zu einer Denkschrift, deren 3wed es sein follte, diesen über Unstimmigteiten zwischen Rechnungshof und Reichsfinanzamt zu informieren. Der Rechnungshof forderte vom Reichsfinanzamt bestimmte Aften, die sich auf Abwidlungsgeschäfte verschiedener Unternehmen während der Nachkriegszeit bezogen. Die Einsicht in diese Aften wurde ihm ver= weigert. In der Hoffnung, daß die Staatsanwaltschaft ihn vielleicht bei dieser Forderung unterstügen fönnte, überreichte der Ministerialrat o art dem Staatsanwaltschaftsrat Beltzer auf dessen Verlangen hin eine Reihe von Schriftstücken und den Entwurf zur Denkschrift. Das geschah ohne Wissen des Präsidenten des Rechnungshofes, Sämisch, zur ffreng vertraulichen Bearbeitung. Pelzer erschien aber kurz danach in einem Restaurant, wo er in Begleitung des Redakteurs des Hugenberg- Berlags, v. Medem, und des früheren Kriminalkommissars Dettmann den Hauptmann a. D. Knoll traf. Dort verriet Pelzer dem Knoll, daß er in seiner Aftenmappe geheime Schriftstücke habe, die ihn interessieren würden. Er dürfe sie ihm aber nicht geben! Dann machte er ihm ein Zeichen und begab sich zur Toilette. Knoll verstand den Wint, entnahm der Attenmappe die Denkschrift und legte sie in feine eigene Aktentasche. Nachdem er zu Hause Abschriften gemacht hatte, gab er fie an Belzer zurück.
Der Borfizende hält dem jezigen Richter Pelzer vor, wie er benn ein Schriftstück, das er zur streng vertraulichen Bearbeitung erhalten hatte, einer dritten Person hatte aushändigen fönnen und warum er sich eines derartigen eigentümlichen Beges bei der Uebermittlung der Denkschrift habe bedienen fönnen. Dr. Belger erflärt, Knoll sei ja sein Vertrauens= mann" gewesen und habe dieses Vertrauen auch in bezug auf die Dentschrift in feiner Weise mißbraucht.
Die Matratzen vor der Tür.
Beshalb Belzer den eigentümlichen Beg bei der Uebergabe der Denkschrift gewählt hat? Ja, fagte er, mir Dezernenten der Barmat- Sache wurden von hinten und vorne bespizelt. Die Tücen unseres Arbeitszimmers im Kriminalgericht haben wir mit Matragen ausstaffieren müssen, da wir belauscht wurden. linferen Mittagstisch haben wir wechseln müssen, weil an den Nebentischen verdächtige Personen uns beobachteten. Aus diesem Grunde, meint Herr Belzer, habe er die Nebergabe der Denkschrift en Knoll fo geheimnisvoll gestaltet.
Aber, sagt der Borsigende dazu, das ist mit vollkommen unverständlich. Gehört das nicht auch in das Kapitel des Romandetektivs, von dem Justizrat Löwenstein gesprochen hatte? Sind das nicht bloß Phantasien der Herren Dezernenten gewefen un schien es nicht gerade wegen der angeblichen Bespigelung gefährlich, in einem Restaurant in Gegenwart von zwei fremben Ceuten, eines Redakteurs und eines Kriminalbeamten, die Dentfchrift auf diese Weise dem Hauptmann a. D. Knoll zu überlassen, da hätten Sie doch beffer den großen Stern als Treffpunkt wählen jollen.
( Fortsegung auf der 2. Seite.)
" பாலாமா......
Die chinesische Südarmee hat die Hauptstadt des Reiches der Mitte erreicht. Die Spannung in der Stadt steigt, überall tauchen wilde Gerüchte auf und die Lebensmittelpreise schnellen in die Höhe. Der Schutz der Gesandtschaftsviertelzone wurde durch die Besetzung der anliegenden überragenden Gebäude erweitert.
Aufklärung nach elf Jahren.
Die Ermordung des Grenadiers Hermann Behrendt.
In der Nacht vor dem Bußtag des Jahres 1917 war auf einem Bauerngehöst in Rudow bei Potsdam der 20 Jahre alte Grenadier Hermann Behrendt, der bei
die Schulter. Behrendt, der, mit einem Seitengewehr bewaffnet, seiner Schwester zu Hilfe eilte, verlegte Böhme am Unterleib, während ihn Böhme durch einen Stich in die Kehle tödlich ver
feiner Schwefter auf Heimatsurlaub war, erstochen werden, wundete. Beide waren hierauf entomen. Die Stehle töblich
Als Täter wurden jetzt, nach 11 Jahren, der jeht 42 Jahre alte Arbeiter Paul Böhme und der ein Jahr jüngere Steinseher Paul Grahl ermittelt und festgenommen. Nach harinädigem Leugnen haben beide die Tat zugegeben. Beide Männer arbeiteten damals als Granatendreher und ver
dienten soviet, daß sie einen Diebstahl nicht nötig hatten. Grahl hatte nun zwischen Nudow und Saarmund ein einsames Gehöft aufgespürt und machte sich mit seinem Freund Böhme auf den Weg, um dort Gänse und anderes Geflügel zu stehlen. Während beide mit dem Abschlachten der Tiere beschäftigt waren, hörte die Bäuerin Geräusch und ging mit ihrem Bruder hinaus, um nachzuforschen. Grahl und Böhme, die sich entdeckt sahen, versuchten zu flüchten, und Grahl raffte eine Eisenstange auf, um damit die Bäuerin niederzuschlagen. Zum Glück ging der Schlag fehl und traf nur
Der Parteiausschuß tagt.
Aber die Berhandlungen sind vertraulich. Köln , 6. Juni.
Heute vormittag 10 Uhr wurde im Volkshaus die Tagung des sozialdemokratischen Parteiausschusses durch den Parteivorsitzenden Otto Wels eröffnet. Es find etwa hundert Vertreter aus allen Zeilen Deutsch lands anwesend, unter ihnen zahlreiche Mitglieder des Reichstags und der Landtage. Das politische Referat er. stattete der Fraktionsvorsitzende Hermann Müller . Franken. Die Verhandlungen find vertraulich und werden wahrscheinlich mit einem Gutachten des Partei. ausschusses über die Stellung der Sozialdemokratie gur Regierungsfrage abgeschlossen werden.
Der Verdacht, in jener Nacht vor dem Bußtag 1917 auf dem Bauerngehöft bei Potsdam den Grenadier Hermann Behrendt erstochen zu haben, fiel schon damals auch auf den Arbeiter Baul Böhme und den Steinsetzer Paul Grahl, die jetzt als Täter ermittelt wurden und geständig sind. Seinerzeit war ihnen aber nichts nach
zuweisen. Erst jetzt führten die Nachforschungen, die Kriminalrat Gennat und feine Beamten wegen der Wildereien angestellt hatten, zur Aufklärung des Verbrechens. Böhms Zunftbrüder beim Wilder: 1 hatten ihn wiederholt Borhaltungen gemacht, daß er einen hellen Rudsad trage, der selbst auf 50 Schritt im dichten Walde noch leuchte und so zum Verräter werden könne. Böhme trug ihn aber trotzdem ständig weiter, um seine Forsche zu zeigen. Jetzt ist der Rucksack dem Böhme doch zum Verräter geworden.
Den Einbruch in das Bauerngehöft
Um nicht
in Nudow bereiteten Böhme und Grahl sorgfältig vor. überrascht zu werden, verbarrikadierten sie draußen die Hustür und die Fensterläden, so daß ihrer Meinung nach niemand herauskommen tonnte, wenn bei dem Abschlachten der Hühner im Stall Lärm entstehen sollte. Ein Fenster jedoch hatten sie übersehen, und so wurden sie trotz aller Borsicht doch überrascht. Im Handgemenge tam der Grenadier durch einen Messerstich zu Tode. Böhme, der von seinem hielt, lief trog seiner schweren Verlegung zu Fuß von Nudow über Gegner mit einem Seitengewehr einen Stich in den Unterleib erNikolassee bis nach Charlottenburg .
Berichte 2. Seite.