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BERLIN Sonnabend

9. Juni

1928

Der Abend

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Nr. 270

B 133 45. Jahrgang.

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Der Prügelheld ausgeschlossen!

Kommunist Golfe auf acht Tage aus dem Landtag entfernt.

Regierungserklärung im Landtag.

Heute Nachmittag: Rede Otto Brauns.

Heute nachmittag wird im preußischen Landtag nach der Wahl des Präsidiums eine Regierungserklärung abgegeben werden. Ministerpräsident Braun wird darin einen Rückblick über die preußi­fche Politik der letzten Jahre geben und auf Grund des Wahlergeb­niffes vom 20. mai feststellen, daß diese Politik von den Wählernge billigt worden ist. Die preußische Regierung habe deshalb keinen Anlaß, zurückzutreten und werde auf dem bisher von Ihr verfolgten Weg fortfahren. Jede Partei, die sich zu den Richt­linien der preußischen Regierung bekenne und fest auf dem Boden der Republik stehe, sei zur Mitarbeit willkommen. Die preußische Regierung sei bereit, sobald dieser Wille offen und ehrlich zum Ausdrud gekommen sei, in Berhand­zungen zur Erweiterung ihrer gegenwärtigen parlamentarischen Basis einzutreten.

Die Debatte über die Erklärung der preußischen Regierung wird am Montag beginnen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Roalitionsparteien fich mit einer gemeinsamen Erklärung begnügen.

Bor der heutigen Landtagsfizung trat der Aeltestenrat zu einer Besprechung zusammen. Wir wir erfahren, wurde bei Be­sprechung der Frage der Vizepräsidenten an die kommunistische Ber­tretung die Anfrage gestellt, ob ein von der kommunistischen Fraktion gestellter Vizepräsident die Bestimmungen der Ge= schäftsordnung gewissenhaft handhaben würde. Bekanntlich haben die Kommunisten als viertstärkste Fraktion ihrer Zahl nach Anspruch auf die Stelle des 3. Vizepräsidenten. Die Kommunisten gaben die Erklärung ab, daß im Falle die kommu­nistische Fraktion einen Bizepräsidenten in Vorschlag bringen würde, dies selbstverständlich die Bedeutung habe, daß der Betreffende sich an die Geschäftsordnung halten werde. Nach dieser Erklärung be­steht die Wahrscheinlichkeit, daß die Kommunisten den 3. Bizepräsi­denten erhalten werden, falls sie nicht selber darauf verzichten sollten. Der Aeltestenausschuß wandte sich sodann der Besprechung der geftrigen skandalösen Vorgänge zu. Als Haupttäter auf tommu­nistischer Seite ist inzwischen der Abg. Golfe ermittelt worden. Er war es, der als erster auf die rechte Seite hinüberschritt und dem Abg. Dr. Bonfid mit geballter Faust wuchtige Schläge ins Gesicht versetzte. Auch die tommunistischen Ver­treter im Aeltestenausschuß fonnten diesen Tatbestand nicht be­streiten, sie suchten ihn nur unter Hinweis auf frühere Vorkomm­niffe im vergangenen Landtag abzuschwächen. Die Beratungen über Diese Angelegenheit dauern noch an. Es ist wahrscheinlich, daß gegen den Abg. Golte der Ausschluß für eine Reihe von Sigungen verhängt werden wird. Nach der Geschäfts­ordnung kann der Aeltestenrat einen solchen Beschluß mit Dreiviertel­mehrheit fassen. Da der Landtag vor den Ferien nur noch wenige Sigungen abhalten soll, so fönnte ein Ausschluß auf mehrere Sigungstage für den Betreffenden unter Umständen bedeuten, daß er während der ganzen Dauer der Ferien Diäten und Freifahrtkarte verliert.

Der Aeltestenrat hat, wie uns kurz vor Redaktions­schluß mitgeteilt wird, den Ausschluß des Abg. Gohlke auf acht Situngstage beschlossen.

Ein Haus

ohne Korridor.

In Hamburg wurde kürzlich ein ,, Laubenganghaus", eir Stockwerkhaus mit Kleinwohnungen, errichtet, dessen Prinzip darin besteht, daß die einzelnen Wohnungen nicht von den Treppen aus zugänglich sind, sondern von Galerien, die in Stockwerfen übereinander liegen. Der Zugang zu den Galerien wird durch drei offene, feuersichere Treppenhäuser vermittelt Die Heizung des ganzen Hauses, das 133 Wohnungen enthält, erfolgt von einer Zentrale im Keller aus. Jede Wohnung ist mit einem Wärmezähler versehen.

Oben: Blick auf das Laubenganghaus ,, Heidbörn" in Hamburg . Links: Blick in einen Laubengang.

Von der, Italia " sind deutliche Notsignale aufgefangen worden Der Prozeß gegen den Frauen­mörder Gutowsky

Berichte 2. Seite.

Friedrich Bartels ( Soz.) wird heute wieder zum Präsidenten des Preußischen Landtags gewählt.

Müller bei Hindenburg .

Auftrag zur Regierungsbildung am Dienstag.

Der Reichspräsident empfing heute vormittag um 10% Uhr den Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei, Hermann Müller- Franken, zur Erörterung der politischen Lage. Die Unterhaltung war nur von furzer Dauer. Genosse Hermann Müller unterrichtete den Reichspräsidenten über die Entschlossenheit der Sozialdemokratie zur Mitverantwortung und zur Führung der künftigen Regierung.

Der Reichspräsident erklärte, daß er im Laufe des heutigen Tages die Führer des Zentrums, der Deut­ schen Volkspartei , der Demokraten und der Bayerischen Volkspartei empfangen werde und beabsichtige, Hermann Müller nach dem Rücktritt des bisherigen Kabinetts mit dem Versuch einer Neubildung der Regierung zu be. auftragen.

Der Reichspräsident von Hindenburg empfing im Laufe des Sonnabendvormittag zunächst den Reichstagspräsidenten 2öbe zu einer Besprechung über die politisch- parlamentarische Lage im Zus

sammenhang mit der Regierungsneubildung. Im Anschluß daran murden die Führer aller größeren Parteien mit Einschluß der Deutschnationalen empfangen. Die Sozialdemokraten waren durch den Vorsitzenden der Reichstagsfraktion, den Abgeordneten Hermann Müller , vertreten, die Deutsch nationalen durch den Parteivorsitzenden Graf West ar p. Für die Deutsche Volks= partei war der Abgeordnete Dr. Scholz erschienen. Das Zen­trum hatte den Vorsitzenden der Reichstagsfraktion, von Guérard, und den Abgeordneten Stegerwald entsandt. Die Wirtschafts­partei war vertreten durch die Abgeordneten Dremiß und Mollath und die Demokraten durch den Abgeordneten Dr. Koch­Weser. Auch die am Sonnabend vormittag abgehaltenen Be­sprechungen tragen unverbindlichen Charakter.

Der Lehrerinnenmörder verhaftet?

Magdeburg , 9. Juni,( Eigenbericht des ,, Abend".) In dem Berdacht der Ermordung der beiden Lehrerinnen Gersbach im Feldberggebiet im badischen Schwarzwald ift in Magde­ burg auf Ersuchen der Staatsanwaltschaft Freiburg der in Magde-­burg wohnende, aus Freiburg stammende Bücherrevisor Karl Friedrich Schmidt verhaftet und dem Magdeburger Unter­fuchungsrichter zugeführt worden.