1928
Der Abend
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Spätausgabe des„ Vorwärts
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Nr. 298
B 147 45. Jahrgang.
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Bei fchlechtem Wetter fichtete die Mannschaft eines Curhavener Fischdampfers am 17. Juni abends 8 Uhr im Stagerrat einen Mann im fleinen, faum 5- meter langem Segelboot und rettete ihn aus schwersfer Seenof. Er war total erschöpft, tranf Unmengen Wassers, erhielt dann trockene kleidung und fiel, nachdem ihm der 1. Steuermann seine koje zur Verfügung gestellt hatte, in einen totenähnlichen Schlaf. Erst am anderen Morgen konnte der Mann, ein Norweger namens Michael Abramson, wieder flar reden. Nun erfüllte ihn die Sorge um feine Frau, die in banger Ungewißheit über sein Geschid war. Er hatte Glüd. Nach zwei Tagen traf der Fischdampfer einen normegischen Fischer, der seinen Landsmann mit nach Hause nahm.
Auch in Norwegen ist die Arbeitslosigkeit sehr groß. Unterftützt werden nur Familien, die Kinder haben. Der Zimmermann Abramson aus Arendale wollte für das fonntägliche Mittagbrof ein paar Mafrelen fangen. Darum fuhr er am Sonnabendabend gegen 6 Uhr noch mit seinem Segelboot hinaus. Das war nun an und für sich etwas Alltägliches; denn wenn an der steilen norwegen Küffe der Wind„ abländisch" weht, wie die Seeleute jagen, Wind, der vom Lande kommt, dann ist in den Scheren ruhiges Waffer, auf dem die Jugend Wassersport treibt und wo selbst fremde Schiffe vor dem Sturm Schuh suchten. Das Segelboot war natürlich nur bei ruhiger See zu gebrauchen. Als der Zimmermann nun draußen war, sprang der Wind plötzlich auf Nordwest. Gleichzeitig setzte der Strom nach Süden ein. Damit war dem Mann jede Möglichkeit genommen, die küfte zu erreichen. Der Wind nahm bis zu acht Stärken zu, und so trieb das Boot immer weiter in das Stagerrat hinein. Zweimal schlug es voll Waffer, das mit einem kleinen Blechtopf wieder ausgeschöpft werden mußte. 26 Stunden frieb der Zimmermann etwa 50 Seemeilen, hilflos im kleinen Boot Wind und Wellen ausgesetzt, auf hoher See.
Der Tod durch Gas! Selbstmord einer Achtzehnjährigen.
In ihrem Schlafzimmer in der Wohnung ihres Arbeitgebers im Hause Kantstr. 23a wurde heute früh die 18jährige Hausangestellte Martha Gräbner durch Gas vergiftet aufgefunden. Die Hilfe der alarmierten Feuerwehr kam bereits zu spät. Nach dem Befund liegt zweifellos Selbstmord vor, doch ist das Motiv zu dem Berzweiflungsschritt unbefannt.
Das Opfer eigener Invorsichtigteit scheint der 58jährige Raufmann Maximilian Engewicht aus der Prinzen str. 17 geworden zu sein. Auf dem Treppenflur machte sich in den Morgen stunden starter Gasgeruch bemerkbar, der aus der Wohnung E.'s drang. As man die Tür öffnete, fand man Engewicht im Bett feines völlig mit Gas angefüllten Schlafzimmers tot auf. Der Hahn der Gaslampe war nur halb geschlossen und die ausströmenden Gaje führten den Tod des Mannes herbei.
Feuer in einer Lederfabrik.
Die Feuerwehr wurde gestern gegen Mitternacht nach der Brinzessinnenstraße 18 gerufen, wo in der Lederfabrik von Schmidt. die im zweiten Stockwerk des zweiten Quergebäudes gelegen ist, Feuer entstanden war. Beim Eintreffen der Behren brannte der Maschinensaal und das angrenzende Lager bereits lichterloh. Da es zunächst sehr schwierig war, an den Brandherd heranzufommen, fonnte das Feuer in der Zwischenzeit noch an Ausdehnung gewinnen; an mehreren Stellen wütete es mit solcher Gewalt, daß die Decken zum ersten und dritten Stodwert durchbrannten. Erst nach längerem Waffergeben aus mehreren Schlauchleitungen großen Kalibers fonnte der Brand niedergekämpft werden. Die Aufrämungsarbeiten mußten megen der bestehenden Einsturzgefahr der start in Mitleidenschaft gezogenen Decken sehr vorsichtig durchgeführt werben. Erst gegen 4 Uhr früh fonnten die Wehren unter Zurüdlassung einer Brandma che wieder abrüden. Die Entstehungsursache des Feuers ist noch ungeflärt.
Der Tibetforscher Filchner, der unter großen Strapazen seine wissenschaftliche Reise beendet hat, ist in Berlin eingetroffen. Die Behörden hatten es nicht für notwendig befunden, ihn offiziell begrüßen zu lassen. Auf dem Bahnhof hatten sich nur die näheren Bekannten eingefunden.
Das Kabinett vor dem Abschluß.
Vier Posten noch nicht besetzt.
Die Regierungsbildung ist heute vormittag noch nicht zum Abschluß gekommen. Fest steht nur, das der Demokrat Dietrich- Baden das Reichsernährungsministerium übernimmt. Es sind noch zu besetzen die Ministerien der Arbeit, der besekten Gebiete, der Justiz und des Verkehrs. Von diesen dürften drei Ministerien mit Zentrumsabgeordneten besetzt
werden.
Verhandlungen im Bäckerstreif
Die Unternehmer wollen aussperren.
Der Schlichter hatte die beiden Parteien im Streif in den Ber liner Großbäckereien zu Verhandlungen für morgen mittag 12 Uhr zu sich geladen. Das Eingreifen des Schlichters erfolgt von Amts wegen.
Die Unternehmer, die die Forderungen nicht bewilligt haben und bei denen die Arbeiter noch nicht in den Streit getreten sind, scheinen der Meinung zu sein, daß der Erfolg des Verbandes der Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter nicht groß und schnell genug fein kann. Die Unternehmer haben deshalb ihrem Personal ge. fündigt. Die Kündigung erstreckt sich auf rund 200 Arbeiter und wird in vier Tagen fällig.
Lambach soll geopfert werden. Die Hamburger verlangen seinen Ausschluß. Hamburg , 26. Juni. In den Betrieben, in denen die Forderungen der Bäder beDer Vorstand der Deutschnationalen, Landesverband Hamburg, will igt worden sind, ist nicht gekündigt worden. Trotz eines hat in feiner gestrigen Gigung eine Entschließung folgenden Inhalts Pressionsverfuches der Unternehmerorganisation haben diese Begefaßt: Der Landesvorstand hat mit Entrüftung von dem Artikel triebe, die die Mehrheit der Arbeiter beschäftigen, es abgeMonarch is mus" Kenntnis genommen, den der Reichstagsabgelehnt, sich an der Aussperrungsaktion zu beteiligen. ordnete Lambach in der Politischen Wochenschrift" vom 14. Juni veröffentlichte und stellt fest, daß Lambach sich außerhalb der Grundlage der Deutschnationalen Volkspartei gestellt habe. Der Landesvnrband Hambug verlangt vom Parteivorstand und der Parteipertretung, daß aus dieser Tatsache die selbstverständliche Folgerung des Ausschlusses Lambachs aus der Partei gezogen werde.
Es wird zwar auch bei den Deutschnationalen nicht alles so heiß gegessen, wie es in Hamburg gekocht wird. Aber für die Zustände in der monarchisch- verfalften Deutschnationalen sogenannten Volkspartei ist der Hamburger Ausschlußantrag immerhin sehr aufschluß
reich.
Schwarz- Rot- Gold vor Auslandsdeutschen.
Am 3. Juni fand im hiesigen Stadion der jährliche ,, Deutsche Tag " statt, an dem ungefähr 50 000 Deutschamerikaner teilnahmen. Im Festzug fiel besonders die vor neun Monaten gegründete Ortsgruppe, des Reichsbanners Schwarz- RotGold auf. Unter ungeheurem Jubel übergab der Fahnenträger des Reichsbanners im Stadion einem die Germania darstellenden jungen Mädchen die schwarzrotgoldene Flagge, während die Musik. tapelle das Deutschland - Lied spielte