Morgenausgabe Nr. 369
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Brüssel , 6. August.(Eigenbericht.) Die Montagfitzung unter dem gemeinsame« Vorsitz von Paul Foure-Frantreich und Arthur Crispien-Teutsch- land stand zunächst im Zeichen von Begrützungskund- gedungen, unter denen der Solidaritätsgrnß, den Cor» nelius Merten im Auftrage des Internationalen E, ewerkschaftsbnndes überbrachte, der wichtigste war. Sodann trat man unverzüglich in die materielle Tagesordnung des Kongresses ein. Die Borarbeiten der Wirtschaftskommission gestatteten, die ursprünglich als vierten Punkt vorgesehene Debatte über die weltwirt- schaftliche Lage und die ökonomische Politik der Arbeiter- klaffe vorwegzunehmen. Es sprachen drei Hanptrefe- rentent H i l q« i t- Amerika. Naphtali- Deutschland pnd Eramp- England. Die Referenten entrollten ei« eindrucksvolles Bild von der Wandlung des Kapitalismus zum Hochkapitalis- mus im Zeitalter der Konzerne und Truste. Die Referate gipfelten in der Forderung der demokratischen Kontrolle über die Wirtschaft: Nationen an Stelle der Trusts. Ge- meinschafteu von Nationen an Stelle der internationalen Konzerne. (Bericht siehe 2. Seite.) Die Friedensreden. V. Sch. Brüssel . 6. August.(Eigenbericht.) Auf dem Festbankett der belgischen Arbeiterpartei zu Ehren der Kongreßdelegierten wurden hochpolitische Reden gehalten. De Brouckere- Belgien führte aus: Wir wollten euch gestern durch die Demonstration zeigen, was wir sind. Boran hatten wir die Jugend gestellt, unsere Hoffnung, die jungen Mädchen in ihren schönsten Kleidern als Symbol der besseren sozialen Ordnung, für die wir täglich kämpfen. Dahinter unsere 4006 Fahnen, die ebensoviele Werke der belgischen Arbeiterschaft darstellen, die Fahnen aller unserer Gewerkschaften, Genossenschaften und politi- schen Organisationen, in denen ässst 000 Proletarier organi- siert sind, dietZProz. der Bolksvertretung entsandt haben. Je größer aber in den letzten Jahren unsere Macht wurde, desto stärker wurden auch die Angriffe der Reaktion. Daher der dritte Teil des Festzuges, die Arbeiter m i l i z e n, deren Hundert- schaften der belgischen Bourgeoisie zuriefen: „Das ist unser werk und nun wogl nur. e» anzurühren!" De Brouckere sprach sodann von dem Kampf, den gerade jetzt die beigische Arbeiterpartei um die Herabsetzung der Militärzeit führt. Der Einsatz dieses Kampfes ist, ob in Europa jetzt trotz der Ber- heißungenvonGenfeineneueAeraoonRüstungen einsetzen soll, die zum Krieg führen. Unser Haup:g«dank«, auch für uns in Belgien , ist die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich , die den Frieden Europas verbürgt. Der alte Rhein , dessen Fluten 2000 Jahre lang vom Blut der sich zerfleischender Völker gerötet wurde, ist wenigstens theoretisch seit Lvcarno ein Fluß ohne Krieg geworden. Möge er nun auch ein Fluß ohne Soldaten werdenl(Stürmischer Beifall.) Sodann sp.-ach, lebhaft begrüßt, Rudolf Breitscheid : Zunächst will ich im Namen nicht nur der Deutschen , sondern wohl aller Delegationen, den herzlichsten Dank für unsere Aufnahme durch die belgische Arbeiterpartei und insbesondere für den wundervollen Anblick vom Sonntag aussprechen. Wir Deutsche sind mit beson- deren Gefühlen des Dankes nach Brüssel gekommen. Auf uiis lastet schmerzlich die Erinnerung an die Augusttage 1014. Wenn damals selbst Bethmann Hollweg von dem Unrecht sprach, das Belgien geschah, wieviel schmerzlicher müssen wir Sozialisten dieses Unrecht empfinden! Wir schulden daher den belgischen Genossen eine Wiedergutmachung, und die besteht vor allem darin, daß wir mit besonderem Eifer für den Frieden wirken wollen. (Lebhafter Beifall.) Heute sind wir wieder in Belgien einmarschiert, nicht Armeekorps wie damals, nu: 100 Mann stark. Doch hinler diesen 100 Delegierten stehen ganze Heeresgruppen von Mitgliedern, Anhängern und Wählern, die gern mit uns diese friedliche Durchdringung Belgiens mitmachen würden, wir sind als Armee des Friedens einmarschiert. Dürfen wir als Marxisten überhaupt für den Frieden arbeiten? Diese Frage muh man stellen; denn es gibt Leute, die sich Marxisten nennen und die den Sieg des Proletariats nur durch einen neuen Weltkrieg erstreben. Ich glaube, daß wir Sozialisten einen Sieg des Proletariats lieber gar nicht erstreben würden, als wenn er nur um den Preis eines neuen Weltkrieges erkauft werden könnte(Lebbaster Beifall.) Zum Glück richtet sich das Weltgeschehen nicht nach Moskau oder vielmehr nicht nach den jeweiligen Parolen der Boljchewisten. Wir können mit unlerer Arbeit für den Frieden
keineswegs warten, bis der Sozialismus vollständig erkämpft ist, und deshalb arbeiten wir mit am Völkerbund. Aber wir wissen: wir Soziallsten werden allein den wahren Bölterbund bilden. Die Minister echalten zwar die Nobelpreise, und wir gönnen sie ihnen, aber ohne die Millionen des Proletariats, durch die die Staatsmänner in die richtigen Bahnen getrieben worden sind, würden sie sich nicht in diesem Glanz und Ruhm von Friedens- ftiftern sonnen können.(Lebhafte Zustimmung.) Wir Deutschen kommen jetzt zu euch als Regierungspartei, aber das erfüllt uns nur mit ebenso großer Verantwortung gegenüber den deutschen Arbeitern wie gegenüber der gesamten Internationale. Wir wollen für die Arbeiterschast etwas erkämpfen, besonders wollen wir dafür arbeiten, daß der Frieden mit den Ländern, gegen die wir im Kriege gestanden haben, gesichert werde. Die d e u t s ch- f r a n- zösische Verständigung bildet den Angelpunkt des Friedens in Europa . Deshalb müssen wir betonen, wie sehr die deutsch - französische Verständigung erschwert wird durch die Fort- dauer der Rheinlandbesetzung. Wir Sozialisten sind be- rechtigt, weiter zu gehen als die Regierungen, die bloß diplomatische Roten darüber austauschen. Wir fordern die Räumung, und zwar nicht nur weil die Besetzung ein Pfahl im Fleisch Deutsch - londs ist, sondern weil sie einen Pfahl im Fleische des Friedens Europas bildei. Wir danken euch französischen Genossen, euch Genossen in Belgien und England, die für die Räumung des Rhein - landes eintreten und die besonders in Paris dafür den gemeinsten Angriffen der Rat'onalisten ausgesetzt sind. Wie einst in-den ersten Kriegswochen die Berichte des deutschen Hauptquartiers lauteten: „Luttich, Brüssel , Antwerpen fest in unserer Hand", so möge bald der Tag kommen, wo wir sagen können, Brüssel , Lüttich , Ant- werpen, ganz Belgien sind fest in unserer Hand, in der Hand der Sozialistischen Arbeiterinternationale.(Stürmischer Beifall.) Leon Blum - Frankreich führte aus: Wenn man bedenkt, daß kaum zehn Jahre seit Kriegsende und kaum fünf Jahre seit der Ruhrbesetzung verstrichen sind, so kann inan ohne über- triebenem Optimismus behaupten, daß die Gesamttendenz der Menschheit doch auf Frieden gerichtet ist. Das ist aber nicht zuletzt das Verdienst der Internationale.(Lebhafter Beifall.) Die Inter - nationale hat sich wieder gebildet, als sie durch die Spaltung zer- rissen war und als die Friedensverträge neuen Konfliktstoff und neuen Nationalhaß angesammelt hatten. Ich bestätige, was Breit- scheid sagte, daß wir Soziallsten Deutschlands und Frankreich » von der ersten Stunde an keine Weinungsverschiedenheiten gekannt haben. Schon uninittelbar nach Kriegsende haben wir sranzösischen Sozialisten die militärischen Besetzungen gebrandmarkt. Solche Bc- setzungen sind eine Enklave des Krieges inmitten des Friedens Es ist unerträglich, daß erst vor wenigen Tagen verlangt werden konnte, daß gegen deutsche Staatsangehörige wegen eines auf deutschem Boden begangenen Deliktes französische Kriegsgerichts- urteile vollstreckt werden sollten.(Sehr wahr!) Seit dem Ham- burger Kongreß ist, was wir mit herbeigeführt haben, L o c a r n o unterschrieben worden, und man muß die schöne und in der Geschichte einzig dastehende Geste Deutschlands bewundern, wodurch die Grenz- festsetzung des Bersoiller Vertrags freiwillig bestätigt wurde. Später ist Deutschland in den Bölkerbnnd«ingetreten und demnächst wird es den Kelloggpakt unterzeichnen. Alle diese Ereignisse lassen die Rokwendigkeit der Räumung dringender denn je erscheinen. So werden wir auf diesem Brüsseler Kongreß bean- tragen, daß die Internationale ihren P r o t e st gegen die Besetzung des Rheinlandes wiederholt und die unverzügliche Räumung fordert. Bor zwei Jahren ist zwar in Dhoiry der Fehler begangen worden, den Standpunkt zu entwicklen, daß die Räumung gegen Gegenlei st ungen erfolgen sollte. Diese Formel ist nicht die unser«, aber sollt« sie von den Regierungen wieder aufgenommen werden, dann werden wir verlangen, daß die Gegenleistungen auf der Grundlage einer gegenseitigen internativ- nalen Kontrolle beruhen. In der jetzigen Situation ist die Internationale noch zu. schwach, um ihr« Anschauungen und Forderungen restlos durchzusetzen, aber st« ist schon zu stark, um sich von den Wirkungen ihrer Handlungen zu desinteressieren. Gerade dieses Stadium ist für die International« besonders schwierig, aber sie wird auch mit diesen Schwierigkeiten fertig werden. Der Schluß der Rede Blums war ein hinreißendes Gelöbnis im Sinne der großen Toten der Internationale, deren Verlust ge- rade die französische Partei in den letzten Jahren besonders heftig zu beklagen hatte, fortzuwirken und die von ihnen übernommene Fackel des internationalen Sozialismus, wenn unsere eigene Zeit vollendet sein wird, der nächsten Generation zu übergeben. Alle diese Reden wurden immer wieder durch stürmischen Applaus unterbrochen, der sich jedesmal am Schluß, besonders aber bei Leon Blum , zu einer minutenlangen Ovation gestaltete.
Sicherheit zuerst! Soll in der Lustfahrt riskiert werden? Von Huxo Heirnanu. Das Problem der Sicherheit der allgemeinen Verkehrs- mittel steht im Vordergrund des öffentlichen Interesses. Die Häufigkeit und Schwere zahlreicher Unglücksfälle im Nah- und Fernverkehr, bei den lokalen Verkehrsmitteln, Straßen- bahnen und Autoomnibuffen, wie vor allem bei der Reichs- bahn, haben im beteiligten Publikum— und wer ist nicht beteiligt!— große Erregung hervorgerufen. Insbesondere wird der Ruf nach gründlicher Durchprüfung der Betriebs- Verhältnisse auf der deutschen Reichsbahn nicht wieder ver- stummen. Die Erklärung des neuen Reichsverkehrsministers Dr. v. Guerard auf der Konferenz im Reichsverkehrsminifte- rium vor wenigen Tagen, daß im Eisenbahnverkehr die höchste Betriebssicherheit erzielt werden müsse, und daß Kosten- und Personenfragen dabei keine Rolle spielen dürfen, hat allgemeine Zustimmung und Befriedigung ausgelöst. Wie die Dinge bezüglich der Deutschen Reichsbahngesell- schaft indessen liegen, kann das Reichsverkehrsmini- st e r i u m selbst nur wenig tun, und wenn auch der General- direktor der Deutschen Reichsbahngesellschaft unter dem Druck der schweren auf ihm liegenden Verantwortung die Worte des Ministers unterstrichen und sich zu eigen gemacht hat, wird abzuwarten sein, ob die Reichsbahngesellschpft sich nun endlich zu dem S y st e m w e ch s e l entschließt, der von be- teiligten Fachkreisen schon so oft und lange verlangt wor- den ist. So geringen Einfluß nach Lage der Verhältnisse der Reichsverkehrsminister auf die Reichsbahn auszuüben ver- mag. so unumschränkt ist seine Herrschest auf dein Gebiet des L u f l f a h r w e s c n s. Daß auch hier, ganz abge- gesehen von den natürlichen Gefahrenquellen dieses neuesten lind schnellsten Verkehrsmittels, die Sicherheitsverhältnisss viel zu wünschen übrig lassen, ist oft genug in der Oeffcn.- lichkeit und auch in den Spalten unseres Blattes konstatiert und kritisiert worden. Anfang Juni Hot in Danzig eine Tagung der Wissen- schaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt stattgefunden, auf der Ministerialrat Brandenburg , der Leiter der Luftfahrt- abteilung des Reichsverkehrsministeriums einen ausführlichen Vortrag über den Stand der deutschen Luftfahrt in 1928 ge- halten hat. Einen Bericht über diese Tagung brachte der „Vorwärts" am 10. Juni. In diesem Bericht wurde bereits darauf hingewiesen, daß im Vortrag des Herrn Branden- bürg zwar alle Fragen der Luftfahrt eingehend er- örtert wurden, das Problem der Sicherheit aber in so auffälliger Weise übergangen ist. daß gle'ch der erste Diskussionsredner diese Unterlassung auf das nach- drücklichste hervorgehoben und gcktodelt hat. Die Protokolle der Danziger Tagung sind soeben erschienen, und der Reichs- verkehrsminister hat' Sonderabzüge des Brandenburgschen Vortrags mit der anschließenden Diskussion einem weiteren Kreise von Personen zugängig gemacht. In dem Anschreiben des Ministers heißt es u. o.. daß der Vortrag„in unverbind- licher Form einige für das Luftsahrwesen wesentliche Gesichts- punkte, wie sie auch den Arbeiten meines Ministeriums im allgemeinen zugrunde liegen, zu erkennen gibt". Der erwähnte erste Diskussionsredner Marinebaurat Engberding erörterte dos Sicherheitsproblem in aus- führlicher Weise und erklärte zu Beginn seiner Darlegungen unter anderem: „Die Frage der Sicherheit ist heute eines der großen Probleme des Flugzeugverkehrs. Ich glaube, daß niemand unter uns ist, der annimmt, daß heute die Sicherheit schon in dem Ausmaß vor- Händen ist, wie sie für einen Verkehr unter allen Ilm - ständen und ohne Ausnahme unbedingt erforder- l i ch ist. Es sind in der letzten Zeit genügend tief bedauerliche Unfälle geschehen. Ich möchte absichtlich heute nicht näher aus ihren Verlauf und ihre Ursachen eingehen. Ich möchte aber betonen, daß wir neben den bisherigen Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit meines Erachtens versuchen müßten, auch g r u n d- legend Neues zu schaffen." In seinem Schlußwort erwiderte Herr Ministerialrat B r a n d e n b u r g auf die Engberdingschen Darlegungen das folgende: „Wenn Herr Engberding das Problem der Sicher- h e i t, das natürlich seine volle Geltung beansprucht, so sehr in den Bordergrund gerückt hat, frage ich auch die übrigen Herren Techniker, ob man in der Luftfahrt weiterkommen wurde, wenn man diesem Problem der Sicherheit einen alles überragenden Einfluß einräumen würde. Ich zitierte vorhin schon ein Wort, da- mir heute morgen gesagt worden ist und das ein bedeutender In- genieur aussprach:„Alles, was schwer wird, ist falsch". Die Sicher heit drängt nach Erschwerung. Wir werden gewisse Risiken in Kails nehmen müssen, wenn wir nicht die Entwicklung zur Erstarrung bringen wollen." Solche Ansichten erscheinen vollkommen unoer st änd- l i ch und abwegig, und sie sind unvereinbar mit den Ansichten, die der Reichsverkehrsminister Dr. v. Guörard be- züglich der Sicherheit auf den Eiseybahueu geäußert hat. Auch