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BERLIN Donnerstag 23. August

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B 192 45. Jahrgang.

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Das Weltparlament eröffnet! Michskanzler Mütter begrüßt die Interparlamentarische Llnion.

Die erste Sitzung. Am heutigen Dormittog fand im Sitzungssaal des Reichstags die erste Vollsitzung der Interparlamentarischen Union statt. Der Saal wies einfachen Blumenschmuck auf. Auf der großen Längswand waren in roten und weißen Blumen die Worte dar- gestellt:.Interparlamentarische Union , 2S. Konferenz. 1889 1928." Als Vertreter der Reichsregierung waren mit dem Reichskanzler Müller die Reichsminister o. Guärard, Koch-Weser, Dietrich und Dr. Stresemann erschienen. An Stelle des erkrankten Vorsitzenden des Barons Adslswärd, eröffnet der stellvertretende Vorsitzende B r a b e-Tschechoslowakei die Konferenz. Er teilt mit, daß der Rat der Union vorschlägt, den Präsidenten der deutschen Gruppe, Abg. Prof. S ch ü ck i n g. zum Vorsitzenden des Songresses zu wählen. Die Versammlung stimmt diesem Vorschlage mit lebhaf- tem Beifall zu. Prof. Schücking dankt sür die Wahl und sührt dann in seiner Begrüßungsansprache weiter aus: Eine Versammlung, so repräsentativ für das parlamentarische Leben ihrer Zeit, wie dies«, haben unsere Räume erst einmal im Jahre 1908 erblickt. Namens der auf mehr als LS0 Mit- g lieber angewachsenen deutschen. Gruppe der Inter» parlamentarischen Union habe ich die Ehre, Ihnen ein herzliches Willkommen zu entbieten. So schwer die Nachwirkungen des Krieges sind, unter denen der größte Teil der Welt heute noch leidet, wir erleben eine merkwürdig interessante Zeit. Was einst Kant als das größte Problem der Menschengattung bezeichnet hat. zu desien Lösung die Natur uns zwinge: die Ausrichtung einer das Recht verwaltenden Organisation der mensch- lichen Gesellschaft, ist im Werke. Aber noch stehen w,r mitten in dem Zeitalter des Uebergangs. Altes ringt mil Neuem auf der ganzen Linie, und es wäre töricht, zu glauben, daß die Kräfte des Alten heute schon erstorben und daß die alten Methoden der auswärtigen Politik längst überall über Bord geworfen feien. Und doch, wieviel hoffnungsvolle Ansätze zum Neuen sind überall hervorgesprossen wie die junge Saat im Frühling. Gedanken, die noch vor wenig Jahrzehnten von einzelnen Pionieren des Völker- rechtlichen Fortschritts gedacht und von der Mehrzahl ihrer Volks- genossen belächelt wurden, beschäftigen heute hie Kabinette der ganzen Kulturwelt. Di« Wahrheit ist auf dem Marsche, aber es gilt, ihr zum Durchbruch zu verhelfen Die Interparlamentarische Union ist heute in aller Welt die vornehmste Repräsentantin dieser neuen Ideenwelt. Groß sind die Leistungen, die sie zu ihrer Verwiklichung in der Ver- gangenheit gemacht hat. größer noch sind die Aufgaben sür die Zukunft, wenn unsere Organisation in der Vergangenheit auch nichts anderes geleistet hätte als jene berühmte Denkschrift an die Mächte über die international« Schiedsgerichtsbarkeit, die der belgische Baron Descamps den Regierungen unterbreitere und die das Fun- dament für die bezüglichen Arbeiten der ersten fjaager Friedens­konferenz geworden ist, so würden sie doch den Grundstein zu einem Zeitalter internationaler Gerechtigkeit gelegt haben. Aber wie manches andere Verdienst hat die Interparlamentarische Union sich seitdem erworben... Ich beschränke mich aus den chinweis, daß auch der Kellogg . Pakt nur ein« Resolution wider- spiegelt, die wir schon auf der Plenarkonferenz des Jahres 192S in Bern gefaßt haben. Aber Größeres und Schwierigeres ist noch zu tun. Wir müssen auch sozusagen die soziologischen Ursachen der Krieg« bekämpfen. Möchten all« Wähler im Land« die Ueberzeugung teilen, die uns hier zusammengeführt hat, jene Ueberzeugung, die ein Amerikaner trefflich mit den Worten formuliert hat:Niemand ist berechtigt, dies« Welt so zu verlassen, wie er sie vorgefunden hat!" Reichskanzler Hermann Müller begrüßt die Konferenz der Interparlamentarischen Union zunächst im Auftrage des Reichspräsidenten und der Reichsregierung. Seit Iahren gehöre ich selbst der Interparlamentarischen Union an. Ich dars zunächst meiner Genugtuung über das stetige Wachsen der Union Ausdruck geben, die nur der ermessen kann, der die Fort- schritte erkennt, welche unsere Union seit der Griindung erzielt hat. Gewiß, als internationale Einrichtung blickt die Union erst auf dreißig Jahr« zurück, zwar nur ein Menschenalter, aber doch schon eine lange Periode, wenn man an die Schnelleb'gkeit unserer heutigen Zeit denkt, die im Zeitraum weniger Jahre Umwälzungen hervorgerufen hat, wozu in früheren Epochen Jahrhunderte nötig (Fortsetzung auf der 2. Seite.)

Hier wird der Pakt unterzeichnet.

Das franzosische Außenministerium(Quai d'Orsay) in Paris , in dem am 27. August der Kellogg- Pakt zur Aechtung des Krieges unterzeichnet werden soll. Rülkgang der Potsdamer Typhusepidemie. Gestern nur drei Erkrankte eingeliefert!

Die Hoffnung, den Typhusherd In Beelitz abzu- schnüren, scheint sich zu bestätigen. 3m Lause des gestrigen Tages sind in die Potsdamer Krankenhäuser nur drei Er- krankte eingeliefert worden, die aus Eiche stammen. Die Potsdamer Gesundheitsbehörden haben noch- mals nachdrücklich daraus aufmerksam gemacht, daß eine wirksame Bekämpfung der ansteckenden Krankheit nur dann möglich ist, wenn in jedem Haushalt die Milch vor dem Genuß abgekocht wird, um alle Bazillen zu vernichten. Offenbar wird leider diese Warnung noch immer nicht sorgfältig genug beobachtet. Durch die zu- ständigen Kreisbehörden werden alle Molkereien, die Milch nach Potsdam einführen, jetzt täglich überwacht, so daß anzu- nehmen ist, daß keimhaltige Milch nicht mehr in den Verkauf gelangt. * Zu den Typhuserkrankungen, die jetzt in vielen Orten Deutsch - lands auftreten, gibt der Landesausschuß sür hygienische Volks- belehrung folgende Aufklärungen: Krankheiten kommen oft wie Gewitter. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel der Gesundheit und bald hier und bald dort schlägt der Blitz ein. Ein solches Typhusgewitter hat sich jetzt, wie die Zeitungen melden, in der Gegend von Potsdam und Schlesien entladen. Wie der Blitzableiter und die sonstigen allgemein bekannten Schutzmaßnahmen dem Naturgewitter seine Schrecken nehmen, so gilt das auch von Krankheitsgewitter. Der Blitzableiter für den Typhus führt den NamenSauberkeit". Der Typhus ist eine ansteckende Krankheit, verursacht durch den Typhusbazillus, der auf dem Wege durch den Mund in den mensch- lichen Körper Eingang findet. Dabei kann die A n st e ck u n g d: r e k t von Mensch zu Mensch oder indirekt erfolgen durch Bakterien, die sich im Trinkwasser, in der Milch oder sonst auf Nahrungsmitteln (Obst, Gemüse usw.) befinden. Der erkrankte Mensch scheidet Typhus -

bazillen hauptsächlich durch Kot und Harn aus. Daraus ergibt sich, daß diesen menschlichen Ausscheidungen gegenüber ganz besondere Sauberkeit am Platze ist. Peinlichste Reinhaltung der Aborte, Per- meidung der Benutzung von Wäsche oder Kleidungsstücken,- a�er Trinkgeräten, die mit dem Erkrankten irgendwie in Berührung ge- kommen sind, ist also unbedingte Pflicht. Neben diesen Uebertragungswegen spielt noch ein dritter eine wichtige Rolle, bei dem die Krankheit auftritt wie der Blitz aus heiterem Himmel. Es gibt nämlich Menschen, die ohne krank zu sein. Typhus bazillen ausscheiden. Diese gesunden Kranken" sind entweder einmal selbst typhuskrank gewesen, und zwar wieder genesen, scheiden aber oft Monate und Jahre hin- durch den krankmachenden Ansteckungsstoff noch aus; oder aber es handelt sich um Personen, die gleichsam von Natur aus gegen die Krankheit unempfindlich find, d. h. sich, ohne je zu erkranken, irgend- wie einmal angesteckt haben und nun ständig durch die Ausscheidung von Bazillen eine Gefahr für ihre nähere und weitere Umgebung bilden. Da gegen diese Keimträger keine gesetzlichen Maßnahmen ergriffen werden können, um sie unschädlich zu machen, Hilst nur wiederSauberkeit" als Blitzableiter. Man mache sich zur Ge- wohnheit, nach jeder Bemitzung des Abortes sich gründlich die Hände zu waschen, Ob st und Gemüse zu waschen, zu putzen, zu schälen, zu kochen und im Zweifelsfalle auch nur abgekochte Milch zu genießen. Im übrigen wird die Befolgung der staat - lichen Abwchrmaßnahmen(polizeiliche Meldung, Isolierung, Des- infekiion usw.) bei verständnisvollem Zusammenwirken von Arzt und Publikum stets genügen, der Ausbreitung einer Typhusepidemie Einhalt zu gebieten. In gefährdeten Gegenden ist die Schutzimpfung, die uns im Kriege so außerordentlich gute Dienste gegen den Thyphus geleistet hat, empfehlenswert: im übrigen aber gilt im Abwchrkampf gegen den Typhus der Satz:Reinlichkeit ist's halbe Leben" manchmal sogar das ganze!"