Morgenausgabe
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45.Jahrgang
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Sonntag 9. September 1928
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V. Sch. Genf , 8. September. ( Eigenbericht.)
Die politische Debatte, die am Sonnabendvormittag fortgesetzt wurde, stand im Zeichen der Frage des Schutzes der minder heiten. Schon bei der ersten Beratung des Themas hatte der Schweizer Bundesrat Motta auf die Bedeutung dieses Problems hingewiesen und die holländische Anregung einer Ständigen Minderhingewiesen und die holländische Anregung einer Ständigen Minder heitenkommission des Völkerbundes begrüßt.„ Die Freiheit," so
führte er am Schlusse seiner Rede aus ,,, müsse man achten
als unantastbares Guf der menschlichen Natur.
Die Achtung vor der religiösen Ueberzeugung, vor der Sprache und vor den Sitten ist ein geheiligter Begriff. Wenn man auch von den Minderheiten Besonnenheit und Mäßigung verlangen müsse, so müsse man auch von den Mehrheiten Gerechtigkeitsfinn und Rechtsempfinden fordern. Da ich selbst Bürger eines Landes bin, in dem Mehrheit und Minderheit brüderlich zusammenwirken auf der Grundlage pollendeter Gleichheit und gegenseitigen Verständnisses, da ich selber ein Kind der italienischen Minderheit meines Landes bin, so bin ich wohl befugt, hier auszusprechen, daß die fofortige Anwendung der Verträge über die Rechte der Minderheiten eines der Kernprobleme im Sinne aller derer bildet, die auf die Verwirklichung der höchsten Ziele des Bölkerbundes hinarbeiten." Stürmischer Beifall, an dem sich fast nur die italienische Delegation nicht beteiligte, die sich wohl mit Recht getroffen fühlte, begrüßte diesen warmen Appell. Wenn man heute für den Schutz der Minderheiten plädiert, so denkt die ganze Welt
unwillkürlich an Südtirol . Diese Gedanken drängten sich unmittelbar nach der Rede von Motta noch viel stärker auf als der
österreichische Bundeskanzler Seipel
das Wort ergriff. In feingeschliffenen, überaus geschickt formulierten Worten, deren sachliche Schärfe dennoch unmittelbar wirkte, perteidigte Seipel das Recht der Minderheiten, ob nun ein solches Recht irgendwo vertragsmäßig niedergeschrieben steht oder nicht" eine unzweideutige Anspielung auf die Schuhlosigkeit der durch den Vertrag von St. Germain abgetrennten ehemaligen Deutsch österreicher: ,, Das Recht an ihrer Muttersprache, an Art und Brauch ihrer Länder, an der Quelle ihrer fulturellen Eigenart und ihrem Boltstum festzuhalten und
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sich ungestraft als Angehörige ihrer Volksfreiheit bekennen zu dürfen.
dies muß endlich einmal endgültig in das Bewußtsein der Allgemeinheit, dann aber möglichst bald auch in die Sagungen des Bölkerrechts übergehen." Der österreichische Bundeskanzler erntete mit diesen fühnen Worten einen großen Beifall bei den meisten Delegationen, die damit deutlich bewiesen, auf welcher Seite ihre Sympathien in dem jüngst erlebten schweren Konflikt zwischen der faschistischen Regierung und der Regierung des fleinen Desterreich stehen. Die Reihe der italienischen Delegation zeigte dagegen das Bild eines Ameisenhausens, in den man einen Stein geschleudert hat. Auf= geregt spradjen namentlich die jüngeren Herren mit den faschisti schen Abzeichen durcheinander, fie fuch telten mit der schriftlich vorliegenden Uebersetzung der Rede Seipels in der Luft, fie zeigten sich gegenseitig bestimmte Stellen und sie redeten auf Scialoja minutenlang so lebhaft ein, daß dieser schließlich mit einem Zeichen von Ungeduld seine Mitarbeiter zur Ruhe weisen mußte, weil sie ihn daran hinderten, den nächsten Redner Zalesti zu hören. Es muß leider gesagt werden, daß die Rede des polnisch en Vertreters wohl die reaktionärste von allen denen war, die man bisher in der Debatte vernommen hat. Daß er hinsichtlich der 25rüftungsfrage den gleichen verschleppenden Standpunkt vertrat, wie der Belgier Hymans zwei Tage zuvor, war aus dem Munde des Vertreters der Pilsudsti- Regierung nicht überraschend. Er erklärte ausdrücklich, daß er die Enttäuschung über den Fortgang der Abrüftungsverhandlungen des Bölterbundes, die aus den Reden der Bertreter Schwedens , Norwegens , Deutschlands und Desterreichs geflungen wären, nicht teilen fönne.
Nur feine Ueberstürzung, nur Ruhe, nur Geduld, nur Borficht, „ denn jede übereilte Attion tönnte zu einem Mißerfolg der Abrüftung führen. Die polnischen Militärs können mit diesem Außen: minister zufrieden sein. Aber noch schlimmer war Balestis schroffe Zurückweisung jeder Erweiterung des bisherigen Schutzes der Minderheiten im Bölkerbund. Die Anregung des holländischen Außenministers, eine besondere ständige Minderheitenkommission des Bölkerbundes zu bilden, sei nicht nur voller Gefahren, sondern es fehle ihr auch jede vertragsrechtliche Unterlage. Man solle sich mit dem bisherigen Verfahren der vom Rat von Fall zu Fall eingesetzten Dreierausschüsse begnügen. Polen sei nur dann bereit, auf diese Anregung einzugehen, wenn alle Staaten des Bölkerbundes bereit wären, einen allgemeinen Minderheitenschutzvertrag zu unterzeichnen. Offenbar verläßt sich Saleski auf das faschistische Italien , von dem es weiß, daß es einen solchen Vertrag niemals unterzeichen wird. Die Stellungnahme Bolens
dung einer ständigen Minderheitenfommission die ffandalösen Ber
folgungen, denen die Utrainer und Weißrussen in noch viel schlimmerem Maße als die Deutschen in Polen ausgesetzt find, zum Gegenstand offizieller Klagen und Diskuffionen in Genf werden. Diese ablehnende Stellungnahme Polens sollte nun ein Minderheiten sein, die Anregung einer ständigen Minderheiten Grund mehr für alle Anhänger einer gerechten Behandlung der fommission zu unterstügen, die ursprünglich von der Deutschen Liga
für Völkerbund ausgegangen ist und auf dem Haager Kongreẞ der Völkerbundgesellschaften einstimmig angenommen worden war. England und die Räumungsverhandlungen.
Der Besuch Müllers bei Cushendun dauerte nur wenig mehr als eine halbe Stunde. Der englische Hauptdelegierte soll in diefer Unterredung versichert haben, daß England an und für sich zu einer früheren Räumung durchaus geneigt und bereit sei, aber daß es mit den übrigen Besagungsmächten, das heißt vor allem mit Frantreich, tonform gehen müsse. Falls eine allgemeine Aussprache der Besazungsmächte zustande kommt, würde sich England selbst verständlich daran beteiligen.
Mit diesem Bescheid läßt sich freilich vor der Hand nicht viel
anfangen. Was nüßt uns die prinzipielle Räumungsbereitwillig feit Englands, wenn es seine Haltung letzten Endes doch nur von Frankreichs Standpunkt abhängig macht! Von dem Vertreter der fonservativen Regierung Englands war allerdings eine andere Stellungnahme nicht zu erwarten. Cushendun fährt am Sonntag früh nach Air les Bains in Savoyen , wo er sich mit dem britischen Ministerpräsidenten Baldwin, besprechen wird.
Müllers Unterredungen mit Scialoja und Hymans dürften erst am Montag stattfinden. Vom belgischen Außenminister Ginne des Rüdtaufs durch Deutschland der von den kaiserlich ist zu erwarten, daß er bei dieser Gelegenheit einen Vorstoß im deutschen Behörden im Weltkrieg auf belgischem Boden herausgegebenen Machtbanknoten unternehmen wird.
Der Rat sorgt für Oftfrieden.
Am Nachmittag gab es wieder eine mehrstündige Rats figung, die abermals zum größten Teil dem polnisch- litauischen Konflikt gewidmet war. Borerst wurde unter anderen Punkten mit Befriedigung festgestellt, daß der Danzig - polnische Streit um die Westerplatte durch direkte Verhandlungen zwischen beiden Barteien bereinigt ist. Nachdem in Danzig die Sozialdemokraten ausschlaggebend mitregieren, ist nicht nur die Verständigung über alte Streitfragen auf einmal möglich geworden, sondern es sind auch keine neuen Ronflitte mehr entstanden, während es früher manchmal ein halbes. Dutzend solcher Streitfragen auf der Tagesordnung einer einzigen Ratstagung gab.
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und Beamten Wallstr. 65. Distonto- Gesellschaft, Depofitenkaffe Lindenstr. 8
Händler und Helden.
Der Fall Stinnes.- Zum Tode Amundsens . Hugo Stinnes der Sohn sigt in Moabit im Unterfuchungsgefängnis unter der Anschuldigung des versuchten Betrugs am Reich.
Hugo Stinnes der Bater wurde vor fünf Jahren ob des vollendeten Betrugs am Reich als ein Heros der Deutschen
gefeiert.
Wir wünschen an diese Tatsachen eine moralische Beseinem Handeln Wert darauf gelegt hat, sich vom Moralischen trachtung zu fnüpfen, um so mehr, da Stinnes der Bater in zu distanzieren. Am 11. Dezember 1920 sprach er im Reichs
wirtschaftsrat:
,, Was nüßt es, meine Herren, wenn wir hier von Idealismus und von Moral sprechen. Von dem Idealis= mus und von der Moral leben Sie nicht, da verhungern Sie im Laufe des nächsten Jahres, vielleicht schon früher. Deswegen möchte ich Sie doch bitten, sich ausschließlich auf die Maßnahmen einzustellen, die wirken, und die Maßnahmen, die wirken, sind nur rein praktische Maßnahmen."
Die Entstehung großer Vermögen hat noch nie etwas mit Idealismus und Moral zu tun gehabt, um so mehr mit Gewalt, Betrug und Verbrechen. Hugo Stinnes der Vater hat seine Rechnung auf beides gestellt gehabt: auf die Gewalt im Kriege auf den Betrug nach der Revolution.
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Es versteht sich: es war legal, höchft legal, daß mit dem Evangelium Mart ist Mark an Großunternehmer gleich Herrn Stinnes in Form von Inflationskrediten Millionen perschenkt wurden, es war legal, daß Herr Stinnes , auf die Kurssichtigkeit und Dummheit der anderen spekulierend, Papiertredite in Gold und Goldwerte verwandelte und nach der Entmertung mit einem Bappenstiel zurückzahlte. Wir hätten den Staatsanwalt sehen mögen, der in den Inflationsjahren Herrn Stinnes den Vater unter der Anschuldigung des Betruges am Reich nach Moabit gesetzt hätte! trug, schändlicher, empörender Betrug, der Herrn Stinnes Aber unter moralischem Gesichtspunkt war es Be= dem Volte aber trug, schändlicher, empörender Betrug, der Herrn Stinnes zu Reichtum und Macht verhalf zu Not, Hunger und Elend. Bollendeter Betrug am Reich und am Bolt in einer Zeit, in der man denen, die die Dummen dieses praktischen, wirksamen Betruges waren, den nationalen Idealismus und die Moral des Hungerns predigte.
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Idealismus und Moral das waren gewiß nicht die Triebfräfte des Handelns von Stinnes dem Bater. Das war der Machtrausch eines von seinem Zahlenwahn getriebenen Spekulanten, der sich für einen großen Mann hielt, weil die 3iffern seiner Bilanzen groß waren. Nicht er allein: diesen Händler und Spekulanten hat das deutsche Volk für einen Heros gehalten!"
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In der Zeit, in der alles versant im Grau hoffnungslosen Elends haben wir es schon vergessen? blieb der märchenEine Klage des Deutschen Volksbundes O stoberfchlesiens hafte Glanz des Stinnesschen Reichtums, seine Gestalt wuchs über ungenügenden Schuß der deutschen Minderheiten gegen pol- in die Wolfen . Wann wird der Retter kommen diesem nische Ueberfälle und Gewalttaten war mit einer Denkschrift der Bolte?" so riefen die Saboteure des neuen Deutschland , und polnischen Regierung beantwortet worden, in der zum Teil die die Stimme derer, die nie denken, sondern immer die Beute Beschwerden als übertrüben bezeichnet, zum Teil Befferung von Charlatanen find, antwortete ihnen: Stinnes, Stinnes! versprochen wurde. Der Rat nahm von diesem Versprechen Renntnis.
Schließlich wurde der litauisch- polnische Konflitt noch einmal verhandelt und vertagt. Der holländische Berichterstatter van Blokland, der jetzt mit seinem Lande aus dem Völkerbund ausscheidet, hatte einen Bericht ausgearbeitet, in dem die bisherige Er folglosigkeit der litauisch- polnischen Verhandlungen fonstatiert wird. abwarten; sollten sie ebenfalls ergebnislos verlaufen, dann sollte Man wolle die noch in Aussicht genommenen neuen Berhandlungen ber Rat eine neue Prüfung des Konflikts vornehmen, zumal wenn durch dessen Fortdauer die Rechte Dritter verlegt würden. Eventuell sollte dann eine Unterstützung an Ort und Stelle vor
genommen werden.
Gegen diesen Antrag erhob in endlosen Ausführungen Woldemaras allerhand Bedenken rechtlicher und sonstiger Art, um schließlich mit der Miene des Vergewaltigten zu erklären, daß er sich diesem Spruch doch füge. Der Rat sprach dem ausscheidenden Bericht erstatter van Blokland feinen Dank für seine mühevolle Bermittlungsarbeit aus und beschloß, den am Montag neu zu wählenden Rat zu bitten, einen neuen Berichterstatter zu ernennen und den polnisch- litauischen Konflikt auf die Tagesordnung der Dezember tagung zu setzen.
Paris , 8. September. ( Eigenbericht.) Außenminister Briand , der am Sonnabend eine längere telephonische Unterhaltung mit dem Quai d'Orsay hatte, fündigte seine Abreise nach Paris für den nächsten Donnerstag an. Bleichzeitig betonte er, daß er nicht den Eindrud habe, als ob die Räumungsverhandlungen bis dahin schon zu irgendwelchem Ergebnis führen könnten, zumal da sie jetzt erst mal noch in den Anfängen Es hat in der Tat allen Anlaß zu befürchten, daß bei der Grün- unverbindlicher Besprechungen stedten.
zeugt von fchlechteftem Gewissen.
Es schrien die am lautesten, die er ausnutte: die Kleinen aus dem Lager des Unternehmertums, die vor die Hunde gingen, der Mittelstand, der ihn als den deutschen Heiland anbetete und dabei verhungerte. Es ist phantastisch, sich vorzustellen, daß ein ganzes Bolt damals den einfachen Mechanismus des gewaltigen Betruges nicht durchschaute, dem es Helden feierte zum Opfer fiel noch phantastischer, daß es Stinnes als - mit Berehrung, Ehrfurcht und wundergläubiger Hoffnung.
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Heute ist es vorbei mit der Magie, und Millionen, für die einst das Wort„ Stinnes" die Berförperung menschlicher Größe bedeutete, fluchen ihm heute als einen Urheber und Nuznießer der unwahrscheinlichen Not, die sie erlebt haben.
Hugo Stinnes der Sohn hat den Konzern und die Grundfäße des Vaters geerbt. Den Konzern: ein Werk der Inflation, unorganisch, schlecht fundiert. nicht vorbe reitet auf die Stabilisierungskrise. Die Grundsäge, die nicht auf Produzieren, sondern auf Handel abgestellt waren. Die Freiheit von Idealismus und Moral zudem: Hugo Stinnes der Sohn war zu Lebzeiten des Vaters der Chef der Abteilung T des Stinnes- Konzerns in Hamburg , des großen Devisensammelbeckens, der Zentrale der Stinnesschen Inflationspolitik. Er hat den Machtrausch geerbt und den Namen, dessen magische Kraft auch nach der Stabilisierung noch wirkte bis zur 200- Millionen- Bleite des Stinnes- Konzerns im Jahre 1925.
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