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BERLIN Montag, 10. September 1928

Der Abend

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Spätausgabe des Vorwärts

10 Pf.

Nr. 428

B 212

45. Jahrgang.

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Ein Sonntag der Katastrophen

Dampferunglücke auf Elbe und Havel. - 23 Tote auf der Rennbahn

Hamburg , 10. September.

Nach Beendigung des Feuerwerks zum Schluß der Altonaer Blankeneser Woche wurde auf der Elbe vor Blankenese der Dampfer ,, Königin Quise" der Ostlinie von einem eng lischen Kohlendampfer an der Steuerbordseite hinter dem Radkasten gerammt. Auf dem übervoll be. setten Dampfer ,, Königin Luise " entstand sofort eine große Panit. Viele Personen sprangenüber Bord. Die Königin Luise " wurde hinter dem Elb. furhaus Dockenhuden auf den Strand gesezt.

Zu der Rollision auf der Elbe wird weiter mitgeteilt: Als fich der Elbepaffagierdampfer Königin Luise", der etwa 300 Fahr gäste an Bord hatte, wieder an die Blankeneser Landungsbrüde begab, wurde er von dem auffommenden englischen Kohlendampfer ,, Cornwood" längsfeits gerammt und schwer beschädigt Der englische Dampfer drüdte die Königin Luise " auf das nörd. liche Ufer, um ein Sinten des Schiffes zu vermeiden. Auf der Königin Luife" erlosch sofort das elektrische Licht, da Wasser in die Maschinenräume eindrang.

Es entstand eine Panit, und ein vielhundertffimmiger Entfehens­schrei gellte durch die Nacht.

Zahlreiche Elbedampfer und Barfassen eilten an die Unglüdsstelle und übernahmen die Passagiere der Königin Luise ". Durch den heftigen Zusammenstoß wurden zahlreiche Fahrgäste mehr oder weniger schwer verletzt. Auf der Blankenefer Landungs­brücke wurde etwa 30 Verunglückten die erste Hilfe zuteil. Drei von ihnen find schwer verlegt und mußten dem Blankeneser Krantenhaus zugeführt werden. Soweit bisher festgestellt werden tonnte, find Opfer an Menschenleben nicht zu beklagen. Allerdings war auf dem verunglückten Dampfer die Wirkung des Zusammenstoßes so start, daß sämtliche Passagiere durch ein. andergeworfen wurden. Im erffen Schreden fprang eine ganze Reihe von ihnen über Bord. Die meisten von ihnen fonnten rasch gerettet werden. Der Bug des englischen Dampfers rammte die Königin Luise " dicht hinter dem Radkasten. Der Zu­fammenstoß war so start, daß das Schiff sofort schief lag. Der englische Dampfer ging nach dem Zusammenstoß sofort mit voller Kraft vorwärts, um seinen Bug in der Leckstelle der Königin Luife" zu halten. Unter ohrenbetäubendem Tuten und Pfeifen, um die fleinen Boote und Barkaffen zu warnen, fehte er die königin Luife" auf den Strand. Ein Bericht des Altonaer Polizei. präsidiums, der um 1 Uhr morgens herausgegeben wurde, besagt noch: Der englische Dampfer fuhr elbaufwärts ini südlichen Fahr wasser und wollte den Passagierdampfer überholen, wobei es auf bisher ungeklärte Weise zu dem Zusammenstoß tam. ,, Corn­wood" drückte die ,, Königin Luise an das nördliche Ufer. Dampfer und Bartassen tamen fofort zur Hilfeleistung herbei. Soweit fich bis zur Stunde feststellen läßt, sind teine Tobesopfer zu beflagen. Fahrwasser und Uferstreifen wurden sofort von Polizei­fahrzeugen abgesucht, doch wurden keine Leichen geborgen.

Vier Frauen vermißt.

Nach den letzten Mitteilungen werden vier Frauen, darunter zwei dänische Touriſtinnen, bermißt, die während der Panik über Bord gesprungen sein dürften. 40 Personen sind sehr schwer verlet in Krankenhäuser gebracht

worden.

Unfall auch auf der Havel .

Auf eine Sandbank gelaufen.

zu übertriebenen Gerüchten gab gestern abend ein Dampferunfall Anlaß, der sich furz nach 20 Uhr auf der Havel bei Satrow ereignete.

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Ein Motorfährboot geriet in der schmalen Fahrrinne der Havel zwischen Moorlate und Sakrow infolge falscher Signal gebung in Gefahr, von dem Sterndampfer Potsdam" ge rammt zu werden. Der Kapitan des Dampfers konnte im letzten Augenblid noch eine Katastrophe dadurch verhüten. daß er scharf nach rechts ausbog, hierbei aber geriet er auf eine Sandbank und saß fest. Der Paffagiere bemächtigte sich im gleichen Augenblic ( Fortjeßung auf der 2. Seite.)

Blumenparadies in der Sandwüste.

Dahlienschau des Kleingartenvereins ,, Guter Wille" auf dem Ostteil des Tempelhofer Feldes geschaffen

Rennbahnkatastrophe in Monza.

Bericht auf der 4. Seite.

Der Tod Brockdorff Rantzaus.

In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ist der deutsche Botschafter in Mostau, Graf Broddorff- Rangau, in der Wohnung feines Bruders in Berlin an einem Schlaganfall geftorben. Obwohl Graf Broddorff- Rantau seit Jahren frant war und sich feit längerer Zeit auf Erholungsurlaub befand, fam fein Tod über­raschend. Er ist die Folge einer schweren Halsentzündung, die das schon angegriffene Herz nicht zu widerstehen vermochte.

Der im Alter von fast 60 Jahren verstorbene Botschafter gehörte mit dem Grafen Bernstorff und dem kürzlich gleichfalls dahin­geschiedenen Fürsten Lichnowski zu jenen deutschen Diplomaten, die schon während des Krieges ihren inneren Bruch mit dem alten Regime vollzogen hatten. Graf Brockdorff- Ranhau, in jungen Jahren Offizier, später Generalkonsul in Budapest , während des Krieges Gesandter in Kopenhagen , hatte den Ruf eines Sonderling, aber auch den eines vorurteilsfreien scharfen Beobachters. Deutsche Besucher in Dänemark waren erstaunt über die Offenheit, mit der sich der Gesandte über den Selbstmordkurs der Militärpolitik und über die Ohnmacht der Wilhelmstraße aussprach.

Als die Volksbeauftragten nach der Revolution sich nach einem vertrauenswürdigen Berater umsahen, der sich auf das diplo. matische Handwerk verstand, richtete sich ihr Blick auf Brockdorff- Rangau, und er nahm an. Sein Erscheinen in Berlin wirfte wohl auf alle, die ihn noch nicht gekannt hatten, etwas ver­blüffend; denn dieser neue Staatssekretär der revolutionären Re­gierung war nicht nur ein Graf, was natürlich ganz gleichgültig war, sondern in Aussehen und Gehaben ein Aristokrat, wie ihn die Wigblätter zu zeichnen pflegen. Doch sehr bald lernte man, über folche Aeußerlichkeiten hinwegzusehen und den neuen Staatssekretär i

nicht nur als diplomatischen Handwerker, sondern auch als flugen Politiker schäßen. In der Regierung Scheidemann wurde er Reichsminister des Auswärtigen und übernahm die Führung der deutschen Friedensdelegation nach Bersailles. In der wochenlangen Kriegsgefangenschaft des Hotel des Refer­voirs- anders läßt sich die Unterbringung der deutschen Friedens. delegation kaum bezeichnen traten die Sonderbarkeiten, aber auch die Fähigkeiten dieses aristokratischen Revolutionsministers in

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