Nr. 294.
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Vorwärts
12. Jahrg.
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Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Erinnerungen.
Was Sokrates gelehrt hatte, wurde von seinem Lieblingsschüler PI ato verbreitetes hat als Philosophie weit über 1000 Jahre hinaus die Geister der Menschen beherrscht, beherrschte namentlich das ganze Mittelalter, ist zum theil in das Christenthum übergegangen und übt heute noch einen mächtigen Einfluß aus.
Dienstag, den 17. Dezember 1895. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.
Der Winzer beschneidet die Rebe, un dem neuen Trieb Raum zu schaffen; er beseitigt die Zweige, die schon Früchte ge= tragen haben, auf daß reichere und kräftigere Frucht gedeihe. Gerade so ergeht es dem Volk Gottes; es gleicht dem fruchtbaren Weinstock, den die Hand unseres Herrn und unseres Heilands Jesus Christus gepflanzt hat."
je mehr die Armuth wuchs und das Elend, denn sie wandte| größer wird die Zahl der Genossen. sich an die Mühseligen und Beladenen.
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Tausende und Abertausende wurden getödtet, Hunderttausende von Haus und Hof gejagt, die Frauen von den Männern, die Eltern von den Kindern gerissen, Millionen beschimpft, gehetzt die Bewegung wuchs und hundertundachtzig Jahre, nachdem Justinus der Märtyrer jenen Lehre des vaterlandslosen Gesindels" vom Staat anerkannt und zur Welt religion. Der„ Galiläer", den die Gewalthaber 300 Jahre vorher ans Kreuz geschlagen, hatte gefiegt.
Und wiederum gab es vaterlandsloses Gesindel, das den göttlichen und menschlichen Gesetzen ins Gesicht schlug und von den Gewalthabern im Namen der Religion, Ordnung und Sitte aus der menschlichen Gemeinschaft Mit Feuer und verwiesen, grausam verfolgt ward.
man die Kezer des Mittelalters auszurotten, welche das ausgeartete Christenthum reinigen wollten. Die unglaublichsten Verbrechen wurden ihnen angedichtet: sie trieben greulich Unzucht und Unfug mit dem Teufel, der als schwarze Katze zu ihnen kam, sie wollten Staat und Gesellschaft zu grunde richten.
So lange ihrer nicht viele waren und sie sich in der Vor zwei Jahrtausenden und vierthalb Jahrhunderten Verborgenheit hielten, fümmerten die Gewalthaber des es ist also schon lange her lebte in dem berühmtesten Römerreichs sich nicht um das vaterlandslose Gesindel", Gemeinwesen des Alterthums ein Mann, der die Staats- welches das Vaterland für einen reaktionären Begriff er einrichtungen tadelte, die Götter von Stein und Eisen für Klärte, den Mammon des Geldhungers und den Moloch unsinnigen Gözenkram erklärte und über den Menschen, die der Kriegs- und Eroberungsluft verdammte und die MenNatur und die Gesellschaft neue Lehren aufstellte, welche schen aufforderte, Buße zu thun, die falschen Götter nach Meinung der Gewalthaber die Grundlagen des Staats von ihren Sockeln 3u stoßen und die Gesell und der Gesellschaft bedrohten, den Glauben des Volks an schaft auf neuen Grundlagen aufzubauen. Allein das die Autoritäten des Himmels und der Erde umstürzlerisch Häuflein des„ vaterlandslosen Gesindels" schwoll au mit ins Wanken brachten. Angeklagt, das Volk und namentlich der anschwellenden Noth, das arme arbeitende Volk triumphirenden Schmerzensschrei ausgestoßen, wurde die die Jugend zu verführen, wurde er von dem höchsten Ge- schaarte sich um die Prediger der neuen Lehre und den richtshof des Landes als Frevler gegen Religion, Ordnung Gewalthabern wurde es angst. Sie sahen, wie die Welt, als und Sitte zum Tode verurtheilt, und vor jeßt 2295 Jahren deren Stüßen sie sich ansahen, um sie herum verfaulte, - im Jahre 399 vor unserer Zeitrechnung-mit Gift unter ihren Füßen zerbröckelte, und mit der fossilen Logik hingerichtet. Der Verbrecher hieß Sokrates. der Gewalthaber erblickten sie die Ursachen der Fäulniß und Berbröckelung nicht in der Verkehrtheit der Zustände, sondern in der verbrecherischen Thorheit" der Menschen, welche die Verkehrtheit der Zustände aufdeckten und eine Besserung forderten. Die Staatsmacht wurde in Bewegung gesetzt Schwert suchte gegen das vaterlandslose Gesindel. Ausnahmegesetze wurden verhängt, denn die Neuerer untergruben nicht nur alle Vierhundert Jahre nachdem Sokrates , der Umstürzler göttliche und menschliche Autorität, sie stellten sich auch und Hochverräther, den Schierlingsbecher in Athen hatte außerhalb der menschlichen Gemeinschaft", indem sie die trinken müssen, trat in einem andern Staate des Alter- ewigen Grundlagen des Staats und der Gesellschaft leugneten, Sie hatten feinen thums ein Mann auf, der gegen die Sittenverderbniß eiferte, untergruben, umzustürzen trachteten. Das dauerte Jahrhunderte lang, bis schließlich das den Formenkultus, der von den Priestern für Religion aus Sinn für den unermeßlichen, auf tausend Schlachtfeldern Kezerthum in der Reformation von einem Theil der gegeben ward, als Gottes unwürdig verurtheilte, die Gleich geernteten Ruhm" des Römerreichs, erklärten das Kriegs- Gewalthaber selbst zur Herrschaft erhoben ward. heit der Menschen verkündete, den Reichen, welche das handwerk für Mordhandwerk und weigerten sich, in der In der Mitte dieses Jahrhunderts noch-- politische Volt ausbeuteten, das Recht absprach, in den Himmel zu Armee Dienfte zu thun. Strenge und strengere Geseze Beispiele wollen wir hier nicht anführen erlebten wir kommen und der Seligkeit theilhaftig zu werden. Er trieb wurden erlassen, schärfer und schärfer gingen die Behörden ähnliches in den amerikanischen Südstaaten. Die Sklaverei die Geldproßen aus dem Tempel, riß den Gleiß- vor. Die Vereine des vaterlandslosen Gesindels wurden war eine„ göttliche Einrichtung" nach dem Machtspruch nern, welche Gott im Munde führten und mur geschlossen, jede Zusammenkunft der Neuerer bei schwerer der Gewalthaber. Wer die Befreiung der Sklaven, die ihren persönlichen Vortheil im Herzen hatten, die Strafe verboten. Wer sich zur hochverrätherischen Sette be- Abschaffung der Sklaverei forderte, lehnte sich auf gegen im Heuchlermaske vom Gesicht, brandmarkte das Handwerk kannte, verging sich gegen die Majestät des Kaisers und göttliches und menschliches Gesetz, untergrub die ewigen des Menschenmordes und erregte bei den Gewalthabern wurde in den Kerker gesperrt, oder den wilden Thieren Grundlagen der menschlichen Kultur, war Hoch- und Landessolches Aergerniß, daß sie ihn vor Gericht stellten, der vorgeworfen- im Namen der Ordnung, Religion und verräther, hatte Leib und Seele verwirkt. Im Namen freventlichsten, jede Autorität untergrabenden, mit den Sitte. der Religion, Ordnung und Sitte wurde der heilige ewigen Grundlagen des Staates und der Gesellschaft un- Alles vergebens. Die hundertmal geächtete, hundertmal Krieg gegen die Frevler gepredigt, und Hunderte verträglichen Umsturzbestrebungen schuldig befanden, im dem Haß des Pöbels überlieferte„ Rotte", die nach Ansicht der von ihnen haben wie der alte John Brown am Namen der Religion, Ordnung und Sitte zum Tode ver- Bäsaren nicht werth war, den Namen Römer zu tragen, Galgen geendet- bis die Geduld der Nordstaaten erschöpft urtheilten und vor jetzt genau 1863 Jahren nach unserer schwoll lawinenartig an, und das Märtyrerblut war war und der Sklavenbefreiungskrieg begann, der die göttZeitrechnung hinrichteten. Märtyrersamen". Bon allen Seitenrief Justinus der liche Weltordnung der Sklaverei zertrümmerte und den Der Mann hieß Jesus von Nazareth . Märtyrer) um die Mitte des zweiten Jahrhunderts unserer Bestrebungen der Ümstürzler die Sanktion der amerikanischen Als Jesus von Nazareth an's Kreuz geschlagen ward, Beitrechnung- von allen Seiten bedrängen uns Juden Bundesverfassung gab. da wagte das Häuslein der Armen und Niedrigen, die seine und Heiden. Man köpft oder kreuzigt uns, wirft uns den Lehre für wahr hielten, sich nicht hervor in das Licht der wilden Thieren vor, foltert uns in Eisen oder Feuer und Deffentlichkeit; in Rom , der Hauptstadt der Welt, läßt uns grausam die gräßlichsten Qualen erdalden. fannten wenige die Gette der Nazarener" Aber je größer unser Leiden ist, desto oder Galiläer" und diese Wenigen betrachteten
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fie mit Haß und Verachtung. Doch langsam und*) Das Zitat entnehmen wir einem, Martyrologium" überstätig wuchs die Sekte, wuchs schneller und schneller, schriebenen Aufsatz der„ Zukunft".
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Clotilde.( Nachdruck veckoten.) Roman aus der Gegenwart von H. W. M. von Walthausen.
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Es ist immer die alte Geschichte. Was den Gewalt habern des Augenblicks nicht in das System paßt, das ist wider göttliches und menschliches Gesetz, wider Religion, Ordnung und Sitte, bedroht die Kultur. Die Erfahrungen der Vorgänger sind an ihnen verloren. Gleich den Kindern muß jeder sich die eigenen Finger verbrennen, ehe er die Macht des Feuers begreift.
daun
Zum ersten Male wurde ihm klar, daß er doch ein Auf das„ Herein" des Majors verschwand Hanne in gewagtes, sträfliches Verhältniß mit Georgine, der Frau sein Zimmer. eines anderen, pflege. Was mußte der König, sein ehe- Clotilde, den Herrn Doktor begrüßend durch ehrfurchtsDer Major fühlte sich plößlich unheimlich in dem maliger Kriegsherr, denken, wenn er ihn neben dieser Fran volle Verbeugungen, sagte verlegen und erröthend:" Mama Hause Brambach's. Es hatte ihm geschienen, als wolle sah; wenn es bekannt würde, daß er sie mit Gewändern läßt Sie bitten, einen Augenblick zu warten Brambach auf die Sympathie hin, die der Major für seine beschenkte, die Stand und Vermögen ihr zu tragen nicht eilte sie fort, als hätte sie etwas für den Doktor Wichtiges Frau an den Tag legte, ihn brandschaßen und Geld von gestatten. In welche klägliche Situation mußte er gerathen, zu holen. Sein ihm erpressen. Er dachte daher ans Abreisen, suchte Feder wenn bekannte Offiziere ihn hier erblickten. Darum beschloß Guten Morgen, Fräulein, warum so eilig?" und Tinte und legte sich Papier zurecht, um dies Palavij er, sobald als möglich abzureisen. Jetzt traf er Palavi noch wurde überhört und der Doktor blickte verwundert bald zu schreiben. in Marseille an. nach der Thür, wo Clotilde, und bald nach jener, wo Hanne verschwunden war.
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Bei dem Worte„ abreisen" tauchte wieder die herrliche Er setzte sich und schrieb. Gestalt Georginens leuchtend vor ihm auf. Wie bezaubernd Klopfte es nicht an seiner Thür? Nein, er hatte sich sah sie heute aus! Welche Reize hatte sie entwickelt ihm zu wohl verhört. Liebe. Sein Wünschen und Hoffen war ihm jetzt zur Gewißheit geworden. Georgine liebte ihn, das hatte sie heute gezeigt. Sie trug nothgedrungen das verhaßte Ehejoch mit einem ungeliebten Manne, sie hatte es eingehen müssen, weil ein Thor ihr einst einen Korb gegeben.
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Der Major hatte recht gehört. Hanne hatte an seiner Thür geklopft. In demselben Augenblick jedoch war an der Wohnungsthür geklingelt worden und sie eilte erst zu öffnen. " Oh! Der Herr Dr. Langenberg", sagte Hanne zu dem Eintretenden.
Der Major schlug sich vor die Stirn er war dieser Thor! Er verehrte Georgine wie eine Heilige wegen ihrer Tugend. Wie trug sie das ihr auferlegte Ehejoch! In" Guten Morgen, Hannchen. Was! Sie kommen mir Entbehrungen und doch edelmüthig. Alle seine Liebesworte gleich mit einem vollen Glase entgegen." überhörte fie, allen Liebkosungen entwand sie sich. War" Das ist nicht für Sie, ich wollte es eben dem engauch viel Roketterie dabei, so reizte ihn doch gerade lischen Major bringen," sagte Hanne, indem sie dem Doktor dieser Widerstand zur Ausdauer. Dieses Weib mußte die Empfangszimmerthür öffnete. er noch für sich gewinnen, eher wollte er nicht ruhen. Nur dieser Brambach war ihm im Wege. Er hätte ihn schon längst gern niedergeschossen wie einen Hund, wenn er ihm nur standesgleich wäre. Und dieser Verhaßte gab ihm deutlich seine Geldnoth zu verstehen, was er schon längst wußte. hm Geld geben? Nein, zu grunde mußte schon" dann der Verhaßte gehen, dann würde Georgine frei konnte er sie ihm abkaufen.
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" Ist denn der Major da?"
" Ja. Ich soll ihm ein Glas warmes Wasser bringen." " So. Dann eilen Sie, daß es nicht falt wird." " Soll ich Sie nicht erst melden?"
" Ich bin schon gesehen worden. Hören Sie, da kommt
"
Das Fräulein Clotilde gewiß-" sagte Hanne und flopfte nochmals an der Thür des Zimmers, wo der Major Da trat Clotilde ein.
Der Major sprang auf. Seine glühende Leidenschaft wohnte. war zu weit gegangen, seine Offizierehre erwachte.
Er sagte sich: Das Jubiläum, welches auch ihn so früh hierher geführt, läßt die Leutchen heute anders als sonst erscheinen er setzte sich und blätterte in einem auf dem Tische liegenden Album.
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Dr. Eugen Langenberg, ein wohlgebildeter schneidiger" junger Mann, hatte als Gehilfe des Dr. Flinker, welcher Hausarzt in der Brambach'schen Familie war, diesen oft vertreten, später dessen ganze Praxis übernommen, weil Dr. Flinker zum Professor an die Universität berufen wurde.
Langenberg hatte im Brambach'schen Hause sowohl Georgine als auch Clotilde vom Scharlach befreit. Der junge Arzt hatte seine Patientinnen mit viel Geschick und Hingebung behandelt und besuchte sie nun als Hausarzt auch nach der Genesung fleißig.
Clotilde bezeugte ihm für ihre Heilung eine rührende Dankbarkeit und blickte mit großer Ehrfurcht zu ihm auf. Georgine, welche jeden Umstand auszunuzen verstand, wnßte auch die nachträglichen Besuche des Doktors zu ver werthen. Sie suchte ihre Freundin Blanta von Boheimb mit ihm zusammen zu bringen. Blanka war zwar etwas älter als der Doktor, aber Georgine bestärkte ste in ihrer firen Idee, der hübsche Doktor sei eine gute Partie für sie. Dadurch lockte Georgine die Sofdame in ihr Haus und machte sich dieselbe verbindlich.