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Albendausgabe

Jr. 580

B 289

45. Jahrgang

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Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Sonnabend 8. Dezember 1928

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Wer wird Zentrumsführer?

Verwirrung auf dem Kölner Parteitag.

Köln , 8. Dezember.( Eigenbericht.)

Der Reichsparteitag des Zentrums, der unter großer Beteiligung im Mefchof zu Köln begann, fteht unter dem Zeichen der Ber­wirrung. Nur mühsam verdecken die äußere Aufmachung und die Reihe der Begrüßungsreden aus Defterreich, Danzig , dem Saar­gebiet und nicht zuletzt die des bayerischen Prälaten Ceicht durch ihre Mahnung zur Einigkeit die tiefen Riise, die durch den Zentrumsturm gehen. Die Amtsniederlegung des früheren Kanzlers Dr. Marg erfolgt angeblich aus Gefundheitsgründen. Tatsächlich ift fie nur eine endgültige Bestätigung für die längst auch im Jentrum bekannte Tatsache, daß der schwankende Marg troh allen guten Willens feine Führernatur werden konnte, daß er höchstens ein treuer Verwalter ihm anvertrauten Gutes war.

Jetzt ist die Führerfrage plötzlich auch im Zentrum alut geworden. Die Deutschnationalen haben sich für den Scharf. macher hugenberg entschieden. Im Zentrum geht ein solcher Rud nach rechts nicht ohne Erschütterungen ab, denn die soziale Gliederung dieser bisher meltanschaulich gebundenen Partei ist eine solche, die einen Einheitswillen nur unter großen Schwierigkeiten fich entwickeln läßt. So erlebt man denn die für eine große Partei überraschende Tatsache, daß ihr Parteitag eröffnet werden mußte, ohne daß er in der Lage war, feine Tagesordnung so zu erledigen, pie fie vorgesehen mar. Zunächst sollte die Wahl des Reichs. parteivorstandes vorgenommen werden. Dann sollte ein Bortrag Stegerwalds über die Zentrumspartei und die deutsche Bolitit der Gegenwart und Zukunft folgen. Dieser Vortrag sollte gleichzeitig als politischer Rechenschaftsbericht gelten, der nach den Zentrumsfagungen zu erstatten ist. Die Reihenfolge sollte aber

Abg. Josef Joos , einer der drei Vorsitzenden des Zentrums. augenscheinlich auch eine fymbolische Bedeutung haben, denn es war tein Geheimnis, daß Siegerwald als Nachfolger des bisherigen Parteivorsitzenden Marg propagiert wurde, besonders von den christlichen Gemertschaftern, die durch seine Wahl so wohl das Prestige ihrer Organisationen zu heben glaubten, an­dererseits aber auch Stegerwald gern ganz aufs Politische abge schoben hätten, um ihn in ihren eigenen Reihen durch einen an­deren zu ersetzen.

Aber was auch immer die Absicht sein mochte: der Parteitag findet zunächst alle Pläne zerschlagen. Trotz der Vor­tagungen von Parteivorstand, Reichsausschuß, trotz Sonderkonfe renzen von Arbeitern, Beamten, Mittelständlern und sonstiger Gruppen ist es nicht gelungen, einen einheitlichen Borschlag für den Parteivorsitzenden zu erzielen. Stegerwald ist im Reichsausschuß des Zentrums ausdrücklich ab gelehnt worden, weil Beamte und Intellektuelle sich gegen ihn er­flärten, vor allem gegen seine Absicht, Partei- und Fraktionsführer in einer Berson zu sein. Um den ungünstigen Eindrud zu ver­wischen, der durch die Ablehnung des früheren Arbeiters notwendig in den christlichen Gewerkschaftskreisen eintreten mußte, verfiel man auf den Ausweg, den sympathischen Abgeordneten Joos, lang jährigen Rebatteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung", zum Bor. fizenden der Partei vorzuschlagen. Aber Joos lehnte nach furzer Besprechung mit seinen Gewerkschaftsfreunden die Wahl ab, und so verfiel man auf den Ausweg, der auch schon bei den Deutsch . nationalen eine Rolle gespielt hatte, das Direktorium: Man will brei Männer zusammensegen, die statt eines die Führung haben follen.

Der neue Bahnhof ,, Ausstellung".

Kro

moderne Architektur und die zmedmäßige Ausstattung der neuen Bahnhofsanlagen auf. Da gibt es eine Rolltreppe( gum ersten Male auf einer Bahnhofsanlage der Reichsbahn!), bie ben oberen Bahnsteig mit den beiden unteren verbindet. Die Bahn­steige felbft find in ihrer ganzen Länge mit Hallen überdacht. Die Bahnsteighäuschen wirten durch rotgelbe Rachelverkleidung freund­

Am 10. Dezember wird der neue Bahnhof Ausstellung" dem Betrieb übergeben. Seine Lage am Schnittpunkt der beiden Linien Grunewald- Charlottenburg und Spandau Best- lich und anheimelnd. Das Stellwertsgebäude mit dem porspringen­Charlottenburg mit der Vollringstrecke 5 a lense e- Best­end wird den Umsteigeverfehr wesentlich erleichtern und nament­lich für Sonntagsausflügler, die vom Nord- oder Südring her tommen, einen bequemen Uebergang zu den Zügen nach Grune wald oder Wannsee ermöglichen. Der zweite Zweck des neuen Bahnhofs, das neue Ausstellungsgelände der Stadt Berlin dem Berkehr näher zu bringen, tritt noch nicht so deutlich in Erschei­nung, da das neue Ausstellungsgelände noch gar nicht besteht und man die bisherigen Ausstellungshallen vom Bahnhof Big leben aus in viel fürzerer Zeit erreicht. Angenehm fallen die

Unter den dreien, so sagt man, solle Joos wie Stegerwald sein. Der Dritte wird vermutlich ein Prälat werden. Man spricht noch immer von Raas, dem flerifalen Prälaten, und von Uligta, dem demokratischen Kleriter aus Oberschlesien . Doch während heute offiziell im großen Saale verhandelt wird, während die Reihe der Gaftreden am Ohre des Hörers vorüberrauscht, ja, während Steger­wald selbst sein großes Referat erstattet, wird hinter den Kulissen noch immer verhandelt und gefuhhandelt. Niemand weiß, was in den nächsten Augenblicken geschieht. In den Kreisen des tinten 3entrums herrscht tiefe Berstimmung. Es ist nicht aus­geschloffen, daß diese auch während der weiteren Berhandlungen trog aller inneren Disziplin zu explosivem Ausbruch kommt. Einst­weilen ist ein Kommission damit beschäftigt, die Führerfrage bis heute nachmittag so weit vorzubereiten, daß der Parteitag endgültig Stellung dazu nehmen tann. Auf jeden Fall wird es Flickwert bleiben.

Eisenbahnunglück bei Colmar .

Ein Zoter, zwanzig Verletzte.

Colmar , 8. Dezember. Heute früh 6 Uhr 15 Minuten fuhr infolge Nebels ein Güterzug beim Bahnhof Sündhofen auf einen Personenzug, der aus Neu- Breifach fam, auf. Der Güterzugführer wurde ge­tötet und zwanzig Reifende verletzt, von ihnen sollen mehrere nach Einlieferung ins Krankenhaus in Kolmar gestorben sein. Unter den Verletzten befinden sich vier Kinder. Weitere Einzelheiten fehlen.

den Stellwertsturm ist aus roten Klinkern erbaut. Von hier über­fieht man die großen Veränderungen, die in 24 jähriger Bauzeit durchgeführt wurden: die alten Ferngleise sind nach Westen ver­schwenkt worden, damit das neue Ausstellungsgelände nicht durch­schnitten wird. Mit den 800 000 Kubikmetern Erdmassen aus dem Einschnitt der neuen Linie Heerstraße- Charlottenburg hat man Berlins höchsten Berg geschaffen, der alte Bahnhof Eich tamp ist verschwunden und neue Brücken, die wichtige Berbindungen herstellen, sind im Bau oder bereits fertig gestellt.

Merifo in neuem Aufruhr.

Kämpfe zwischen Arbeitern und Bauern. Megito, 8. Dezember.( Eigenbericht.) Die politische Situation ist sehr ernst. Calles erklärt, er sehe sich durch die Entwicklung in den letzten Tagen veranlaßt, fich für immer aus dem politischen Leben zurückzuziehen, desgleichen die Führung der neugegründeten nationaltevolutionären Partei aufzu­geben. Zu der zunehmenden Spannung zwischen Gewerkschaften und Portes Gil- Regierung teilt Morones in der heutigen Sigung des Gewerkschaftskartells mit, daß Bauernabgeordnete und Anhänger­scharen auf dem Marsch nach dem Tagungsort find, um flörend ein­zugreifen und um die Tagung gewaltfam aufzulösen. Seitens der Arbeiterführer find die nötigen Schritte unternommen worden, darunter die Anweisung an sämtliche Gewerkschaftskomitees in der Hauptstadt und im Lande, im Falle gewaltsamer Atte das Cand aufzurufen und nach Arbeitsniederlegung auf die Straße zu gehen. Die Demonstrationsführer der Bauern zogen es vor, nach dieser Ankündigung auf die geplanten Schriffe, in die Tagung ftörend einzugreifen, zu verzichten.

Die Abendfihung des Parlaments brachte heftige Debatten für und gegen Calles, sowie maßlose Angriffe gegen die Arbeitet. führer. Die Feuerwehr trieb die vor dem Parlament demon­ftrierenden, von arbeiterfeindlichen Bauernführern geführten Elemente mit Wassersprißen auseinander.

Ab Montag im Abend: Luise Kautsky

Erinnerungen und Begegnungen