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Morgenausgabe
Nr. 603
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45.Jahrgang
Böchentlich 85 Bt., moratlich 8,60. tm voraus zahlbar. Boftbezug 4.32 2. einschl. Bestellgeld. Auslandsabonne ment 6.-M. pro Monat.
Der Borwarts erichetnt mochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abenbausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel„ Der Abend". Juuftrierte Beilagen Balk und Zeit" und Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wiffen"," Frauen. ftimme". Technik" Büchermelt" und Jugend- Borwärts
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Sonnabend 22. Dezember 1928
Groß- Berlin 10 Pt. Auswärts 15 Pf.
De etats att ge Ronpareillege 10 Biennig. Reflame eile- Seichs mart. Kleine Anzeigen das ettge brudte Bort 25 Pfennig( zulässig zwe Jettgebrudte orie).. jebes weitere Bort 2.Pfennig. Steuengesuche das erite Bort 15 Bfennig, jedes weitere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben Arbeitsmartt sählen für zwei Worte. Beile 60 Pfennig Familienanzeigen für Abonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigen ennahme im Hauptgeschäft Linden traße 3, wochentägl, von 8 bis 17 Uhr.
Bentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands
Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Vorwärts Verlag G.m. b. H.
Fernsprecher: Tonboft 292-297 Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin
Politisches Attentat in Paris .
Generalstaatsanwalt Fachot erschossen.- Racheaft für den Colmarer Autonomistenprozeß.- Der Täter stellt sich.
Paris , 21. Dezember.( Eigenbericht.) Der frühere Staatsanwalt und jehige Rat am& affaDer frühere Staatsanwalt und jetzige Rat am Kaffaflonshof in Paris Fagot ist in den Morgenstunden des Freitag das Opfer eines Attentats geworden. Ein Unbekannter erschien am frühen Morgen in der Parijer Woh nung Fachots und verlangte ihn zu sprechen. Fachof war jedoch nicht anwesend. Als der Unbekannte das drittemal erschien, traf er den Staatsanwalt selbst und gab auf ihn drei Revolverschüsse ab, von denen zwei das Ziel er reichten. Der Täter entfernte fich darauf ruhig. Fachot wurde mit zwei schweren Bauchschüssen ins Krankenhaus gebragt. Sein Zustand ist sehr ernst.
Man nimmt an, daß es sich um den Racheatt eines Elsässers handelt, da Fachot im Colmarer Autonomistenprozeß die Anflage veritat. Auch Fachot gab dieser Bermutung Ausdrud. ftellt.
Nach einem Abendblatt hat man auch einen Schirm auf der Treppe gefunden, und zwar zwei Stodmerte tiefer, als die Bohnung des Rats beim Kaffationshof liegt. Der elfäffische Diener Fachots soll nach dem„ Intransigeant" dem Untersuchungsrichter ertlärt haben, er glaube, daß es sich um einen Elsässer handele, er fönne aber nicht behaupten daß der Täter mit ihm in elfäffischem Dialett gesprochen habe.
Nach Ueberführung in die Klini! wurde Fachot operiert. Die Eingeweide find durch Revolverschüsse an fleben Stellen 3erriffen. vor der lleberführung in das Krankenhaus, daß er bereits in Colmar Fad of erklärte dem in seine Wohnung eilenden Polizeikommissar während des Autonomistenprozesses und nach seiner Beendigung 3uschriften erhalten habe in denen man ihm mit dem Lode bedroht habe. Auch in Paris seien ihm, besonders in der letzten Zeit, derartige Buschriften zugegangen.
Wenn je ein Attentat finnlos war, so in diesem Fall. dem
Bankkonto: Banf der Arbetter, Angestellten
und Beamten Ballstr. 65. Diskonto- Gesellschaft. Depofitentafle Lindenstr. 8
Mein Schiedsamt.
Persönliche Bemerfungen zum Schiedsspruch.
Der Schiedsspruch im Lohntampf der rheinisch- westfälischen Eisenindustrie steht jetzt zur Kritik. Nicht um ihr auszuweichen dazu sehe ich keine Beranlassung und ebenso wenig um dem Schiedsspruch eine besondere Empfehlung mit auf den Weg zu geben, schreibe ich diese Zeilen, sondern um einigen schiefen Auffassungen entgegenzutreten, denen ich häufig in den letzten Wochen begegnet bin. Die Debatte über das Kapitel im Ruhrkampf, an dem ich beteiligt war, ist mit dem Schiedsspruch geschlossen, und in einer derartigen Situation ist es nach altem parlamentarischen Brauch erlaubt, auch persönliche Bemerkungen anzubringen. Bon diesem Recht möchte ich heute Gebrauch machen.
Als ich das Amt des Schiedsrichters übernahm, bin ich in Parteitreisen vielfach auf merkwürdige Stimmungen gestoßen. Ein Teil der Parteifreunde erinnerie mich daran, daß ich eine undankbare Aufgabe übernehmen würde. Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang" ,,, du gefährdest deinen Ruf" und ähnliche Besorgnisse wurden Andere meinten mieder, daß ich mit der
Der Täter hat sich inzwischen freiwillig der Polizei ge- Der Generalftaatsanwalt des Colmarer Prozeffes war aus Uebernahme des Amtes gewerkschaftliche Grundsätze berührt,
Wie uns in später Nachtstunde aus Paris berichtet wird, heißt der Täter Georges Benoit und ist in alburg( Eliah) am 2. Juni 1900 geboren. Er war bis vor einem Monat Fleischergeselle in strak burg und wohnt erst neuerdings in Paris . Die Barijer Adresse, die er angegeben hat, 41 avenue du Maine, wird noch nachgeprüft. Benoit hat, wie savas berichtet, bei seiner ersten Bernehmung zugegeben, daß er Autonomist ſei und Elsah- Lothringen habe rächen wollen.
Einzelheiten der Tat.
gegangen. Sein Anflagegebäude war unter dem Fluch der lächerlichkeit zusammengebrochen, und er selber hatte unter diesem Eindruck bei seinen Strafanträgen einen offenfundi gen Rückzug angetreten. Die Berurteilten find inzwischen aile, auf freien Fuß gefeßt worden, aber auch ohne Begnadi gung wäre jest ihre Strafe verbüzt. Der Colmarer Prozeß stische Bewegung, wie die jüngsten Ergebnisse der General war in Wirklichkeit die beste Propaganda für die autonomi ratswahlen bewiesen haben.
Die Autonomisten hätten aber allen Anlaß gehabt, bem Staatsanwalt Fachot dankbar für die unfreiwilligen Helferdienste zu sein. die er ihnen geleistet hat. Das ist sicher lich die Ansicht der damaligen Angeflagten und Berurteilten. Das war wohl auch das Gefühl der französischen Regie rung, die ihn bald danach aus dem Elsaß abberief, aller dings um ihn zum höchften Gerichtshof zu befördern. Dort hätte er jedoch fortan nur noch anonym und unpolitisch ge wirkt. Durch dieses Attentat werden nun in Frankreich und auch im Elsaß viele Sympathien, die sich den Autonomisten zuzuwenden begannen, wieder denen zugeführt werden. Die eine rücksichtslose Bekämpfung des Autonomismus predigen. Daß der Attentäter diefe naheliegenden Erwägungen nicht felbft angestellt hat, läßt darauf schließen, daß er nur ein befch rantter Fanatiker ist, der den Gegnern der Sonderrechte für das Elsaß einen unverhofften Dienst erwiesen hat.
Zu dem Attentat auf Fachat berichtet die Agentur Havas noch. baß nach vollzogener Tat eine Bewohnerin des Hauses auf ber Treppe einen jungen Mann angetroffen habe, der es nicht 91-9 au Jehr eilig gehabt habe, ben Ausgang zu erlangen. Sie habe ihn gefragt, ob er night einen Schuß gehört habe. Er habe erwidert: Ja, ich glaube, daß im 3. oder 4. Stod sich ein Unfall ereignet hat. Die erfte am Tatort angestellte polizeiliche Untersuchung hat, abgesehen von den drei Patronenhülfen, einen Brief zutage ge fördert, der bem Täter in dem Augenblick aus der Tasche gefallen fein muß. als er den Revolver 30g. Der Brief lautet: Herr Generalstaatsanwalt! Ich bitte um eine Zusammenfunft., 3d erwarte Sie im Hotel Moderne Blace de la République." Unter- Daß der Kampf für und gegen den Autonomismus nach zeichnet ist der Brief:„ Eine Freundin. Fachot felbft soll der zehnjähriger französischer Verwaltung bereits solche Gewalt Agentur Havas zufolge, als man ihn nach der Tat auf ein Rhebett taten erzeuren fann, ist jedenfalls ein bedentliches legte, erklärt haben: Es ist jemand aus dem Elsaß , bereichen für die Zustände in Elsaß- Lothringen , ein Zeichen, die Tat verübt hat, ich bin verloren. das alle Teile zur Besinnung mahnen sollte.
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Elatforgen 1929.
Abftriche an den Borentwürfen und neue Steuern.
Der Etat für das Jahr 1929 soll dem Reigs. tag nach den bisherigen Dispositionen in der ersten Hälfte des Februar zugehen. Das bedeutet, daß die Borlage Mitte Januar an den Reichsrat zu bringen ist. Bis zu diesem Termin muß er aber vom Kabinett verabschiedet sein.
Eisenkommission in England. Bereinbarung Arbeiterpartei- Industrielle.
London , 21. Dezember. ( Eigenberidyt.) Am Mittwoch trat im Unterhaus die Erefutive der Arbeiter partei mit einem Ausschuß der Gifen und Stahlföderation zusammen, Eisenum zur age biefer a haj bie Steines out the pieningen Industrie Stellung zu nehmen. Nach der Beratung erklärte fich Arbeiterpartei einverstanden, bas Grfuchen der Eisen- und Stahlföderation nach sofortiger Einfegung einer Kommission durch die Regierung zu unterstützen, deren Befugnisse im wesentlichen der der Kohlenfommission unter Herbert
Die Konferenz des nationalen Vollzugsausschusses der Arbeiter
Zurzeit ist der Finanzminister bemüht, die einzelnen Refforts mit Rücksicht auf die Finanzlage zu Ab Samuel entsprechen dürften. treichungen an ihren Borentwürfen zu veranlassen, um auf diese Weise das Defizit zu verringern. Bei der Hartnädigteit, mit ber bie Aemter ihre Forderung zu verteidigen Pflegen, ist das natürlich feine ganz leichte Arbeit. wollen hoffen, daß die Aufgaben für notwendige fozialpoliti . 2 dhe unb tulturelle Zwecke nicht beschnitten werden.
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Die Hauptschwierigkeit bietet nach den erfolgten Streichungen natürlich die Dedung des verbliebenen Defigits. Ob bie Borschläge des sozialdemokratischen Finanzministers vom Kabinett angenommen werden, ist weifelhaft. Aber jelbst wenn man dort zu einer Einigung gelangen sollte, wird der Kampf um die neuen Steuern in Höhe von schäßungsweile 350 Millionen Reichs.
partei und des Ausſchuſſes bes Gifen- und Stahlverbandes( der alle Handelszweige dieſer Induſtrie vertritt) faßte gleichzeitig ben Be schluß, Widerstand gegen die Ausdehnung der Industrieschutzzoli, politit auf die Eisen- und Stahlindustrie zu leisten, mindestens fo lange, bis von Reichs wegen eine lIntersuchung der ganzen Bage der Industrie veranstaltet worden ist.
Oslo , 21. Dezember.( Eigenbericht.) Die normegische Arbeiterpartei erzielte bei ben Gemeinde mart in Reichsrat und Reichstag entbrennen. Im Parla- mahlen in Oslo 42 Mandate, die bürgerlichen Parteien ebenjovial, ment muß ein kompromiß gefunden werden. Aus dieser o daß die Wahl des Borsitzenden durch bas Los su entscheiben Inzwischen ist ein demokratischer Stadtverordneter der Rotwendigkeit ergibt sich die andere, bis zum Beginn der war. Ctatsberatungen im Reichstag Sicherheit über die Geſtal- Arbeiterpartet als ber größten Frattion beigetreten. Die Arbeiter partel bat bamit bla mehrheit im Dslaer Rathaus erlangt. ung ber Regierung geldhaffen su haban
das Schlichtungswesen gefährdet und damit den Gegnern des Schlichtungsverfahrens einen billigen Triumph verschafft habe.
Ich halte es für erforderlich, nicht wegen meiner Berson die darf hier feine Rolle spielen, sondern wegen der Gache diesen Einwendungen mit einigen Bemerkungen entamtes Ende November praktisch an mich herantrat, handelte gegenzutreten. Als die Frage der Uebernahme des Schlichteres sich in dem Lohnstreit Nordwest nicht mehr um einen örtlich begrenzten wirtschaftlichen Kampf, sondern um eine Aus einandersetzung, die das ganze Wirtschaftsleben Deutsch lands in Mitleidenschaft zu ziehen drohte. Die Mittel zur friedlichen Beilegung maren erschöpft. Berwaltungsmaß nahmen der Behörden oder gefeggeberische Eingriffe waren in jenen Tagen das ist reiflich geprüft worden- nicht zu erwarten. Jeder weitere Tag der Aussperrung aber hätte nicht allein die Finanzen des Reiches, des Staates und der Gemeinden in erheblicher Weise in Anspruch genommen, sonbern auch der Wirtschaft und damit am meisten der Arbeiterschaft Wunden geschlagen, die nicht so bald hätten geheilt werden können. Unser Land hat sich nach dem Weißbluten des Krieges wieder erholt. Er hat die Inflation überstanden; aber es wäre frivol, derartige Belastungsproben leichtfertig zu vermehren, da niemand jagen fann, ob nicht durch einen dritten Aderlaß die deutsche Wirtschaft endgültig
zusammenbricht.
die Reichsregierung einschlug. Wenn man mir den beson
So war es einfache Pflicht, den Weg zu beschreiten, den ders schweren Weg vorgestellt hat, dann antworte ich. daß es für den, der heute für das deutsche Volk und namentlich für die deutsche Arbeiterschaft Aufbauarbeit leisten mill, nur schwere ege gibt. Und wenn man mich auf be sonders schwere Wege schickt, dann erblicke ich darin nur eine Bevorzugung, die mich immer anspornen wird, das in mich gefeßte Bertrauen zu rechtfertigen. Was endlich den ,, guten Ruf" anlangt, so würde dieser gute Ruf durch nichts mehr gefährdet werden können, als durch einen berechtigten Hinweis darauf, daß ich mich einer dringenden Pflichterfüllung entzogen hätte. Ich habe so oft in unseren Werbeversämmlungen zum Kampfmillen angespornt mit dem Schlußvers aus Schillers Retterliep:„ Und jezet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!" Hier galt es ja nicht einmal ein Leben einzusehen. sondern nur einen foge
nannten guten Ruf. Vielleicht gilt dieser Einsah wirklich etwas, aber dann ist es gerade Pflicht, ihn zu wagen. Wenn man den guten Ruf eines Politikers wie eine Nippessache in Watte und Seidenpapier wideln oder zur Schau in eine politische Vitrine stellen muß, um ihn feiner Gefahr auszusetzen, dann ist dieser Ruf meines Erachtens feinen Pfiffer ling mert. Und was für den Politifer gift, gilt auch für die politischen Parteten.
Ebenso irrig ist die Auffassung, als ob ich die Kreise der Gemertschaften gestört oder mitürlich in das Schlichtungsnerfahren eingegriffen hätte. Schon gegen Mitte November, haben die Gemertschaften mit dem Arbeitgeberperband Nordmest auf einer Grundlage verhandelt, die in der Form und in der Sache vom Schiedsspruch wesentlich ab w ich. Sie waren auch bereit, felbst für den Fall, daß das Reichs arbeitsgericht ben Schiedsspruch als zu Recht bestehend an exfannen follte, ben blaufstermin des Schlebs/ prudhes nicht