Morgenausgabe
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46. Jahrgang
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Donnerstag
10. Januar 1929
Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.
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Vor der Entscheidung in Frankreich . Staat und Kirche in Rußland
Die Radikalen gegen die Regierung. - Was wird Poincaré tun? Paris , 9. Januar. ( Eigenbericht) finden wird, eine Majorität, die es ihm wohl gestatten würde, die De kammer zeigte am Mittmodj alle Borzeichen eines Reparationsverhandlungen zu Ende zu führen, auf großen Tages. Die Gruppen haben ihre lehten Borbereitungen deren Grundlage fich aber feinesfalls ein dauerhafter innerpolitischer getroffen. Die Sozialisten werden Frossard und Vincent Kurs begründen läßt. Die eigentlichen Auseinandersetzungen Auriol, die Radikalen u. a. ihren Parteivorsigenden Daladier werden sich am Freitag bereits bei der Debatte über die Brio vorschiden. Die gesamte Oeffentlichkeit erwartet von der am Donners- rität der radikalen Tagesordnung abspielen. tag und Freitag stattfindenden Debatte die Entscheidung über
das Shidial des Minifteriums, besonders nachdem sich Boncour gegen die Doppelzüngigkeit der Regierung.
durch den Beschluß der Radikalfozialen vom Dienstag die Lage außerordentlich verschärft hat.
Die Radikalfozialen erflären, nur einem Ministerium Vertrauen gewähren zu können, das durch seine 3 ufammensehung und jela programm die Möglichkeit des Zusammenschlujies aller republitanischen& räfte bietet. Die von vielen gemachte Rechnung, daß etwa 20 Mitglieder des rechten Flügels den Weisungen der Partelleitung nicht folgen würden, scheint also dies. mal ohne den Wirt erfolgt zu sein. Der Ministerpräsident, der immer noch an der Fiktion der Nationalen Einigkeit festhält, wird von den Radikalen gegenwärtig tatsächlich in so scharfer Form wie noch nie zur Entscheidung zwischen rechts und links gezwungen. Wird er, fo fragen deshalb einige Blätter, versuchen, wieder Radikale in fein Kabinett aufzunehmen? Die Radikalen haben jedoch selbst wiederholt erklärt, daß fie teine Koalition mehr mit der Gruppe Marin eingehen würden. Poincaré feluerfeits will fich nicht von der MarinGruppe trennen. Er will aber auch nicht als Politiker der Cinken, für den er fich zum mindesten hält, elnem ausgesprochenen Rechtsfabinett präsidieren. Undere erklären, der Ministerpräsident wiffe aus der ganzen Lage feinen Ausweg mehr und werde sich defin zurudziehen. Das wird freilich einmal die logische Konsequenz feiner Berjuche sein, aus dem unter dem Drud der Frankentrife erfolgten Zusammengehen zwischen' rechts und links eine dauernde politische Kombination zu gestalten. Ob er aber heute schon diese Konfequenz ziehen wird? Darauf werden die folgenden Tage Antwort bringen.
Gewiß scheint in jedem Falle, daß Poincaré trotz der Haltung der Radikalen eine, wenn auch nur eine schwache majorität, etma vou 310 bis 315 gegen 250 Stimmen bei 50 Stimmenthaltungen,
Der sozialistische Abgeordnete Baul Boncour hat auf einer sozialistischen Veranstaltung erklärt, er habe fein. Mandat in Genf. moer Frankreich und den Sozialismus vertreten habe, nieder. gelegt, meil er zwifchen& meillebeln das fleinere habe mählen müssen. Es sei notwendig, die Regierung zu erobern, denn man förme in Genf nicht eine Friedenspolitit betreiben, während die französischen Regierungen in Baris fió auf einem bringe, eine ernste sei; aber er habe das Recht, sie auszuführen. anderen Plan bewegten. Er wiffe, daß die Tat, die er voll
Die Untersuchung des großen Gfandals.
Der Untersuchungsrichter im Standal ber Bazette da Franc" stellt den Ministerpräsidenten Boincaré an Berühmtheit mehr und mehr in den Schatten. Seine Nachforschungen, an benen sich nach franzöflicher Elite auch mehrere Blätter beteiligen, er scheinen der Deffentlichkeit fast wichtiger als die ganze Bofitit. Herr Glard ist inzwischen den von der„ Liberté gezeigten Spuren gefolgt und hat durch fünf Kommiffare eine Reihe Angestellter der Gazette du Franc" vernehmen laffen, ohne jedoch die erwünschten präzisen Ausfünfte über das mysteriöse Kontenbuch der Frau anau zu erhalten.
Die kommunistische humanité" weist darauf hin, daß der Teilhaber, Lazare Bloch, geschiedene Gatte der Frau Hanau , biss her noch nicht verhört wurde. Man scheue seine Enthüllungen. Er jei turz vor seiner Berhaftung noch zu einer diplomatischen Mission bei mussolini ausersehen gemejen
Verfolgungen als Konsequenz des Stalinfurfes Von Peter Garwy
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Längst ist die Sturm- und Drangperiode vorbei, in der die Bolschewiti als tampfluftige Atheisten den Himmel attadierten. Die antireligiöse Propaganda murde in den letzten Jahren zwar nicht aufgegeben, sondern nur gedämpft und in die Hände der freiwilligen Gottlosen"-Organisation übergeben. Die, Berfolgungen der Kirchen aller Glaubens bekenntnisse würden einigermaßen gemildert. Bor furzem sah es schier so aus, als ob die Sowjetmacht gleich Napoleon eine Art von Kontordat" mit der orthodoxen Kirche abzi Bewegungsfreiheit erlangen, dafür aber sich gewissermaßen in den Dienst des Staates ftellen, indem sie sich verpflichten follte, die den Sowjetstaat bejahende Gesinnung unter den Gläubigen zu fördern.
schließen beabsichtige. Die Kirche sollte wieder eine gewisse
Jezt auf einmal tritt eine schroffe Wendung ein! Die antireligiöse Front ist wiederhergestellt. Die Sowjetpreffe schlägt Alarm. Die bisherige Dämpfung, fogar Einstellung der antireligiösen Propaganda im großen Maßstabe wird als ein marfantes Zeichen für die Liebäugelei mit den Seftanten" auf die Rechnung gestellt.
,, Es gibt Genossen" führt entrüstet die Stalinsche Brawda" aus die meinen, daß es überhaupt kein Ber dürfnis für die antireligiöse Propaganda gäbe, da die Religion mit der Aenderung der ökonomischen und sozialen Ber hältniffe des Daseins der Maffen absterben wird." Mit eni sprechenden Zitaten aus der heiligen Schrift Lenins werden diefe Regeräußerungen entschieden widerlegt. Die Unterschätzung der religiösen Gefahr wird der unterschäzung der Rechtsabweichung in der KPDSU. gleichgeftellt.
Partei und Kirche stehen wieder in Kampfstellung gegen einander. Die Prawda" macht in diesem Zusammenhang intereffante Angaben über die Stärke der religiösen Organisationen im 12. Jahre der Sowjetdiktatur. Zwar ist die Kirche vom Staate und die Schule von der Kirche längst getrennt, zwar find Tausende von Kirchen, Klöster, Synagogen und Moscheen enteignet, unzählige Geistliche erschossen und verbannt worden, dennoch wird die Kirche immer noch als der stärkste Feind der Sowjetmacht" angesehen.
Die religiösen Organisationen verfügen auch jetzt gratis über 50 000 Kirchenräume, in denen mehr als 250 000 Priester verschiedener Religionen religiöse Propaganda führen. Außer dem gibt es in Rußland , nach Berechnungen der„ Prawda". über 100 000 Mönche, die zirka die Hälfte der früheren Klöster unter dem Deckmantel der Erwerbsgenossenschaften, Kollektipmirtschaften usw. immer noch Tausende von Mönchen und Ronnen birgt. Dazu kommen noch etwa 50 000 Kirchenräte. Agitatoren nach der Pramda" rund eine Million Matin. Auch die religiösen Jugendorganisationen( Christomol überholen an der Stärke hier und da die jungbolichemistische
Eine stürmische Fraktionssikung.- Beschluß: man stimmt gegen Gen. Haß als 3m großen und gangen erreicht die Armee der religiösen
Stadtverordnetenvorsteher.
Heute abend foll im Rathaus wieder einmal verrüdt gespielt werden. Mostau hat's so gemollt. Bied ist gestern in höchst eigener Berson in der tommunistischen Rathausfraftion erschienen; er hat bort getobt und gewettert, mit Zuderbrot und Besche gearbeitet und hat dadurch die beffere Einsicht der bisher maßgebenden tom munistischen Stadtverproneten niedergefnüttelt. Snapp, mit einer Stimme Mehrheit aber der Sieg ist sein! Es wird mieber verrüdt gespielt. Auf seinen Befehl, auf Mostaus Befehl Siehe Frankfurt a. M. und Kiel .
Die Kommuniffen ftimmen nicht für den foglaldemokratischen. Stadtverordnetenvorsteher,
für den fie im norigen Jahre in einer minute der Befinmung ihre Stimme abgegeben haben. Sie stellen Schwent als aussichts. lofen Gegenfandidaten auf. Soweit der Beschluß. Sie haben die Frechheit, der fnzialdemokratischen Frattion trotz diefes ihres Be fchulfes eine proletarische Einheitsfront" anzubieten, die den ge famten, Borstand der Stadtverordnetenversammlung nur aus Rom ministen und Sozialdemokraten zusammenfchen foll. Sie muten ber fozialdemokratischen Frattion au, auf eine solche plumpe Anbiederung einzugehen, ohne auch mir ein Wort darüber zu fagen, wie fie fich de fünftige politische Zusammenarbeit zwischen beiben Bartelen denken, ie, fie fich zur Bewilligung des nachstjährigen Etats ftellen mürben, nachdem fie Jahr für Jahr gegen den Efat ber Stopt gestiunt haben. Das Schreiben der KPD., in dem fie thren unter dem Diftat des Diftators Bied gefaßten Beschluß der fogialbemotratifchen Frattion mittellten, ging ber Frattion erst nach Schluß ihrer Sizung zu offenbar infolge bes
mörderischen Kampfes, der sich in der fommuniffischen Fraffion felbft abgespielt hat.
Die Antwort der fozialdemokratischen Frattion tann nicht zweifelhaft fein, fie ift durch ihren grundsätzlichen Beschluß zur Frage der Bar standsbelegung festgelegt. Die Sozialdemokratie im Berliner Rat. bays wird jeber Frottion das Recht auf Besetzung der Borstandssize nagh ihrer Störte guerlennen, men fie ihr felbft das gleiche Prinzip zugefteht
Die Kommunisten haben es 1928 gaton. Daraufhin hai die So gialbemotratie ihren Kandidaten als Stellvertreter gemählt. Die
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Romemmisten werden es 1929 nicht wieder im Bied hai be- Organisation, Komsomol". | fohlen- also wird die fogialdemokratische Frattion auch den fanmuniftifchen Kandidaten, wer immer er fei, nicht miederwählen, weil sie Ehrlichkeit, Konsequenz und Gegenseitigkeit für die Funda mente jeder politischen Arbeit hält. Die Berliner Arbeiterschaft aber wird staunend hören, daß die Politik des Januars 1928 im Jamuar 1929 von der Zentrale der Kommunistischen Bartei als arbeiterverräterisch gebrandmarkt wird, daß die kommunistische Raf hausfrattion 1928 Rin in die Kartoffeln rufen durfte, 1929 aber auf Bleds Befehl, auf Mostaus Befehl, Raus aus den Kartoffeln"
rufen muß
Arbeiterverrot? Arbeiterverrat!
Kabul Fort in Rebellenhand! Amtlich zugegeben.
onftantinopel 9. Januar. Wie aus Kabul gemeldet wird, wird die Befehung des Foris in der Nähe von Kabul durch die Aufständischen amtlich betätigt. Die Aufständischen unternahmen am Dienstag einen Angriff gegen Kabul , der jedoch von den Regierungstruppen zurüdgeschlagen wurde.
Angeblicher Friedensschluß.
Condon,& Jamunar.
Die Berhandlungen mit ben aufständischen Schinmaris find nach englifchen Melbungen aus Befchapar erfolgreich abgefchloffen uf Grund febr bedeutender 3u menbungen in Golb an die Mohmands und die Rhugianis haben die beiden Stämme auf einer Zusammenfunft der Stammes führer dem Ausgleich mit Amanullah zugestimmt. Beide Stämme find bereits aus der Gegend von Dichellalabad abgezogen und haben den Schinwaris dieses Gebiet überlassen.
Troß dieser für die afgbanische Regiering bedeutenden Grfolge ist die Gesamtlage noch nicht geftart, ba in anderen Bezirken die iederaufnahme der eindfeligteiten in her Nachbarschaft von Stabul bestätigt wird,
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Diese mächtige Kirchenorganisation wird nun durch die Bolschewiften als eine gegenrevolutionäre Kampforganisation ber bürgerlichen Schichten in Stadt und Land hingestellt. Die Kirchenräte werden dabei als Sammelpunkte der bürgerlichen Gegenrevolution gebrandmarkt, die die Schwierigkeiten des sozialistischen Aufbaues" auszunuzen suchen, um die Sowjetmacht zu unterwühlen. Das Schlimmste sei aber, daß die Stirche neue Stellungen auch in der Arbeiterklasse und in der Bauernschaft erobere. Hier und da bauen die Arbeiter neue Kirchen, erzwingen das Feiern der Religionsfeste, sammeln große Summen für religiöse 3mede usw. Besonders rege Tätigkeit entwickeln dabei die Seftanten, die unter dem Zarismus in den Berfolgungen gestählt und in den Konfpirationen ausgebildet wurden.
Daher Kampfansage an die Religion! Nicht nur die Gottlosen Organisation, sondern die gesamte Kommunistische Bartei, die Gewerkschaften, die Staatsorgane sollen diesmal gegen die Kirche mobilisiert werden. Auch die Schule dürfe nicht mehr ,, neutral" in diesem Kampfe bleiben, da die Hälfte der Schüler unter dem Einfluß der Kirche steht".
Der Klassenkampf in Stadt und Land soll auch auf dent Boden der Religion geführt werden. Die Somjetmacht, hot fich seinerzeit nicht damit begnügt, die Trennung der Kirche Dom Staate und der Schule von der Kirche durchzuführen und eine Aufklärungsarbeit zu entwiddn. Sie hat befanntlich den eg der finnlnjen erroristischen Berfolgungen betreten. Daburch hat fie jedoch eine mächtige und tiefe religiöse Bewer gung nicht nur unter den entelgneten Klassen der vorrevolu tionären Gesellscha fondern auch unter den Arbeitern und Bauern hervorgerufen. Die große geschichtliche Enttäuschung der Arbeitertlaffenfolge des fläglichen Zusammenbruches der weltrevolutionären Illusionen des Bolichemismus hat in der Seele vieler Arbeiter eine Leere hervorgerufen, die sie durch die Religion auszufüllen fuchen.
Der Schwerpunkt der Kampfansage an die Kirche und Religion liegt in dem Linksturs, der in erster Linie gegen bas flache Lanh gerichtet ist, Etma 83 Broz der russischen