Morgenausgabe
Rr. 51
A 26
-46. Jahrgang
Böchentlich 85 B1. moretic 3,60 St. tm voraus zahlbar. Boftbezug 4,32 R. einfcht. Bestellgeld, Auslandsabonne ment 6,- m. pro Monat
Der Bormarts ericheint wochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, bie Abenbausgaben für Berlin und im Handel mit dem Sitel„ Der Ubend", Illuftrierte Beilagen Bolt und Zeit" und„ Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wiffen". Frauen ftimme".
Technif". Blid in die Bücherwelt" und Jugend- Borwärts
Die etni paltige Nonpareillezelle 80 Pfennig. Reflame eile- Reichs mart. Kleine Anzeigen' das ettge. druckte Wort 25 Pfennig( zuläjfig ame Jettgedruckte sorte), jebes weitere Bort 2 Pfennig. Steuengesuche das erste 23ort 15 Bfennig, jedes weitere Bort 20 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben sählen für zwei Borte. Arbeitsmartt Seile 60 Pfennig Familienanzeigen für Abonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigen. annahme im Hauptgeschäft Linden. traße 3, wochentagl, von 8 bis 17 Uhr,
Vorwärts: Verlag G. m. b. H.
-
Bankkonto: Bank der Arbetter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65 Distonto- Gesellschaft, Depofitentaffe Lindenstr. S
Der Norden Berlins hat gestern abend eine Feuers brunst erlebt, wie sie seit Menschengedenken in der Hauptstadt in einem solchen Ausmaße nicht mehr zu verzeichnen war. Das Warenhaus Tiek in der Chausseestr. 70, ein dreistöckiges Gebäude, das elf Schaufenster Front mint, brannte vollständig nieder. Ein Teil des Warenhauses stürzte während der Löschaktion, zu der ein riesiges Feuerwehraufgebot herangezogen worden war, brennend in sich zusammen. Eine zwanzig Meter hohe Feuersäule kennzeichnete bis in die entlegen jten Stadtteile den Riesenbrandherd, und der Himmel war in weitem Umkreise in ein blutiges Rot getaucht. Durch die riesige Flammen- und Funkenbildung- ein un geheurer Funkenregen stob bei dem heftigen Nordostwind nach allen Seiten auseinander gerieten die angrenzenden und gegenüberliegenden Wohnhäuser in einem Um. freis von vielen hundert Metern in ernste Feuersgefahr. Eine Zeitlang mußten sich die Wehren überhaupt nur darauf beschränken, die gefährdeten Wohnhäuser vor dem Feuer zu schüßen.
Wie der Brand entstand.
Es war furz nach 8 Uhr, in der Chauffeestraße herrschte noch ein reger Berkehr. Das Warenhaus Tieh, an dessen Fassade riesige Reklamefchilder und Transparente für die„ Weiße Woche" hängen, ftrahlt in seinen Schaufenstern und Auslagen in hellsiem Cichte. Plöhlich, es war genau ein Biertel nach 8 Uhr, bemerkte ein Polizeibeamter einer Streife im ersten Stod wert des Kaufhaufes ftarten Feuerschein. Ehe der Beamte fich noch entschließen konnte, die Feuerwehr zu alarmieren, schlug auch schon eine gewaltige Stichflamme durch die ganze erste Etage, und die großen Schaufensterscheiben zersprangen laut flirrend auf dem Bürgersteig.
Auf den Alarm eilte die Feuerwehr mit mehreren Löschzügen an die Brandstätte. Noch ahnte niemand, welchen riesigen Umfang das Feuer, das zunächst nur einen Teil der ersten Etage ergriffen hatte, nehmen sollte. Im Nu hatte sich in der verkehrsreichen Gegend eine unübersehbare Menschenmenge angefammelt, fo daß es den anrüdenden Wehren nur schwer gelang, an den Brandherd heranzukommen. Was sich nun in den nächsten Minuten abspielte, rief in dem ganzen Straßenabschnitt eine Panit hervor. Die Wehren hatten noch nicht einmal die erften Schlauchleitungen an die Hydranten angeschloffen, als mehrere
gewaltige Stichflammen über die Innentreppen des Kaufhauses nach oben schlugen
und das zweite Stockwerk und das Lager, das sich im Dachgeschoß befindet, in Brand fetten. Die am Brandherd anwesenden Feuerwehren erwiesen sich dem wütenden Element gegenüber als völlig machtlos. Nacheinander wurde an die Hauptfeuerwache in der Lindenstraße 8., 10. und zum Schluß 14. Alarm gegeben. Von
allen Seiten raffelten unaufhörlich die Wehren heran. Der gesamte Straßenbahn-, Autobus und Fuhrwerksverkehr war inzwischen gesperrt worden und der gefährdete Straßenabschnitt durch ein starkes Polizeiaufgebot abgeriegelt.
Die Flammen fanden an den leicht brennbaren Waren überaus reiche Nahrung. Die Holzregale, Berkaufstische, Blufen, Kleider ufw. brannten wie Zunder. An ein erfolgreiches Löschen war überhaupt nicht mehr zu denken. Das
ganze Warenhaus glich einer riefigen Feuerfäute. Dem Flammenmeer entströmte eine so starke Hige, daß sich one Löschmannschaften in respektvoller Entfernung halten mußten. Die flarte Strahlenhige brachte die angrenzenden und gegenüberliegenden Häuser, die durch den Fahrdamm von dem brennenden Warenhaus fast 50 Meter getrennt liegen, in große Gefahr. Die Jalousien fingen an zu brennen, und eine Unmenge von Fensterfcheiben zerplatten. Auch die Schaufensterscheiben eines Konfitürenund eines Kolonialwarengeschäftes zersprangen unter der großen Hiheeinwirkung, und die
Auslagen fingen lichterloh zu brennen an.
Revue über alle Fahrzeuge, die noch irgendwie verwendet werden fönnen. Sogar eine uralte Dampfsprige zischt ihren Wasserdampf energisch in die Luft, die Schläuche bilden auf der Straße ein unentwirrbares Knäuel. Feuerwehrleute und Schupos rasen hin und her, versinken fnietief in die schwärzlichen Schneeschanzen. Funken ein boshafter Wind drückt den Rauch auf die Straße hinab.
| Die Situation war so, daß mit dem schlimmsten gerechnet werden konnte. Alle Aufmerksamkeit mußte jetzt den benachbarten und tonnte. Alle Aufmerksamkeit mußte jetzt den benachbarten und gegenüberliegenden Häusern zugewendet werden. Die Nachbardächer und die Ballone der Nachbarhäuser wurden mit Löschmannschaften besetzt und von hier aus unaufhörlich aus zahlreichen sprühen auf die Straße, brennende Feßen segein durch die Luft, und Schlauchleitungen größten Kalibers Waffer gegeben. Vor dem brennenden Gebäude hatten Mann neben Mann die Löschmannschaffen Aufstellung genommen, die aus unzähligen Schlauchleitungen Waffer in das Feuermeer schleuderten. Alle Augenblide stürzte ein weiterer Teil des brennenden Daches unter gewaltigem Funkenregen frachend in die Tiefe. Mehrmals mußten die Beamten wegen der großen Gefahr zurüdgezogen werden.
Die starte Hike machte sich vor allem in den angrenzenden Häufern bemerkbar, und die 1.Mieter mußten auf Anordnung der Polizei und Feuerwehr die Wohnungen aus Gründen persönlicher Sicherheit verlassen.
Um 10 Uhr für sie unter gewaltigem Getöfe der Mittelbau des Kaufhauses zusammen. Glücklicherweise befanden sich die Feuerwehrleute in größerer Entfernung von der Einsturzftelle, fo daß niemand zu Schaden gekommen ist. Der Fahrdamm und die Bürgersteige waren mit Kohle und Glassplittern dicht überjät
Ueber die
Entstehungsursache
wurden an der Brandstelle die widersprechendsten Vermutungen lauf. Bisher hat sich für die eine oder andere Behauptung noch nichts Positives ergeben. Wie bisher ermittelt werden konnte, waren gestern abend im linken Teil des Gebäudes Elektrotechniker mit dem Legen von Lichtleitungen beschäftigt. U. a. wurden mehrere Kabel gezogen, die an der Dede im ersten Stockwerk, dort, wo auch das Feuer zum Ausbruch gekommen ist, angebracht worden waren. Möglicherweise ist das Feuer durch Kurzschluß entstanden. mehrere Angestellte, die in dem Warenhause den Schlußdienst versahen, hatten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können. nur ein Wächter fehlte, der sich in den hinteren Räumen befunden hatte. Man befürchtete Schlimmftes um ihn, wie fich später herausstellte, hatte auch er in Erkennung der furchtbaren Gefahr rechtzeitig das Freie gewinnen fönnen.
Da die Gefahr bestand, daß das ganze Gebäude, deffen Deden und Mauern durch die Hiße überaus brüchig geworden waren, völlig zusammenstürzen würde, fonnten die Feuerwehrbeamten in das Gebäude nicht eindringen. Sämtliche Löscharbeiten vollzogen fich deshalb von der Straße und von den Nachbardächern aus.
Die Nachricht von dem Riesenbrand hatte die ganze Gegend wie ein Cauffeuer durcheilt. Von allen Eden und Enden rückten unübersehbare Scharen Neugieriger heran, die die Zugangsffraßen schwarz bevölkerten. Die Polizei, die von einer berittenen Bereitschaft unterstützt wurde, hatte alle Mühe, die Schauluffigen zurüdzuhalten, die stundenlang geduldig ausharrten.
Das Warenhaus gehörte früher dem Warenhausbefizer M. Stein und ging vor längerer Zeit in den Besitz von Hermann Tich über. Es ist ein ziemlich veraltetes Gebäude, das anscheinend auch in feuertechnischer Hinsicht feineswegs mehr den Anforderungen der Jetzfzeit entsprach.
Wie wir noch erfahren, find einige Feuerwehrleute durch die Hike- und Raucheinwirkungen erkrankt, doch besteht für fie teine
ernste Gefahr.
Die Fackel in der Nacht.
Gedränge auf dem Bahnhof Schwarzkopffftraße. 3ft ja alles polizeilich abgesperrt," murrt eine alte Frau.„ Gehen Sie gar nicht hin, tommt ja tein Mensch heran." Man fliegt die paar Stufen zur Straße hinauf und erschridt. Im Hintergrund steht ein blutendes Fanal am Simmel, umweht von Schwaden grauweißlichen Rauches, Hin und wieder zudt eine Stichflamme empor, ledt an der dunklen Silhouette des Nachbarhauses.
Das ganze große Gebäude ist strahlend rot illuminiert. Was ist übrig? Eine pappdünne Steinfuliffe mit nach außen gebogenen noch dünneren Stahlschienen steht vor einem rot leuchtenden Hintergrund, in dem phantastische Rauchschwaden einen grotesken Tanz aufführen und sich zu irrfimigen Figuren zusammenballen.
Alle Abstufungen des Rot sind zu erkennen, vom tiefsten Rubin züngelnde Flammen auf dem Gerüst, das ehemals den Namen der im Erdgeschoß bis zum schrillen Geld oben auf dem Dach, wo spizz Firma trug, nachtwandeln. Dann ist plöglich alles versunken, unter einem schmußigen Rauchschwaden begraben, in dem nur die Funken fprühend leuchten.
Pfeifen schvillen, Kommandos dröhnen, ein Scheinwerfer tastet vorsichtig prüfend die brüchige Faffade ab, eine Leiter schraubt sich hoch. 3ijchend fährt eine Stichflamme aus einer entlegenen Dach verzierung in die Nacht. Von den Nachbarhäusern werden bide Wasserstrahlen in diese Feuersinfonie gesandt. Aengstliche Gesichter an den Fenstern der bedrohten Gebäude.. ,, Wird das Feuer übergreifen?" Werden wir gerettet werden?" ,, Oder, wo werden wir heute nacht schlafen?"
-
Aber dann verblassen ganz allmählich die brennenden Farben. Reine vormißige Flamme züngelt mehr auf dem verkohlten Dachgerüft. Die Fassade verliert ihre phantastische Form. Sie steht da, leer, ausgebrannt, Rauchschwaden dringen auf die Straße, legen 3eugnis ab von der Arbeit der Feuerwehr. Wo früher Weiße Woche" stand, gähnen jetzt schwarze Löcher.
Acht Feuerwehrbeamte verletzt.
"
Außer denen, die infolge der Hiße und Rauchwirkung erfrankten, haben acht Feuerwehrbeamte Brandverlegungen und Schnittwunden erlitten. Zum Teil tonnten die Verunglückten an Ort und Stelle verbunden werden, zum Teil mußten sie zur ärztlichen Beobachtung ins Krankenhaus gebracht
werden.
Das Städtische Rettungsamt war unter Leitung seines Direktors, Dr. Paul Frant, mit einem größeren Aerzte- und Wagenaufgebot gleichfalls zur Stelle.
Arbeiterwahlfieg in Schottland . Drei weitere in guter Aussicht.
London , 30. Januar. ( Eigenbericht.) Die Nachwahl in North Midlothian, bei der sich ein Sozialist, ein Konservativer, ein Liberaler und ein Vertreter der schottischen Nationalisten gegenüberstanden, hat den Sieg der Arbeiterpartei erbracht.
Der sozialistische Kandidat Clarke erzielte 7917. der konservative Kolville 6965, der liberale Keir 3136, der Schotte nur 842, wodurch er sein Wahldeposit ein büft. Bei den allgemeinen Wahlen von 1924 er hielten der Konservative Sutchison 11320 und der Ar beiterparteiler Clarke 9173 Stimmen. Es handelt sich also um einen neuen Mandatsgewinn der Oppo fition über die Regierungspartei.
Diesem Sieg in der ersten von vier schwebenden Neuwahlen tommt angesichts der Nähe der allgemeinen Wahlen große Bedeutung zu. Der Wahlkreis von North Midlothian hat sich in den letzten zehn Jahren aus einem Bergarbeiterdistrikt infolge Ab- und Auswanderung der arbeitslosen Bergarbeiter, in eine Art Vorort von Edinbourgh mit start bürgerlichem Einschlag verwandelt. Die Arbeiterpartei ist überzeugt, daß es ihren Kandidaten gelingen wird, auch die drei bevorstehenden Nachwahlen zu gewinnen. As einzige Gefahr wird im Hauptquartier der Arbeiterpartei allzu großes Vertrauen und Vernachlässigung der Wahlpflicht bezeichnet.
In der Zwischenzeit gehen die Verhandlungen zwischen Konser vativen und Liberalen fort. Die Sozialisten meinen, daß sich die Arbeiterpartei in den nächsten Monaten auf der ganzen Linie einem Bürgerblod gegenübersehen wird, der im wechselseitigen Zurüd ziehen liberaler und fonservativer Kandidaten überall dort zum Ausdrud fommt, wo die Gefahr besteht, daß die Beibehaltung beider bürgerlicher Kandidaten zu einem Sieg der Arbeiterpartei führen
lassen niemand hindurch, der nicht Preffevertreter ist oder sich aus Die Straße ist gesperrt. Schupos tontrollieren unentwegt, weisen kann, daß er in der Umgebung des Warenhauses beheimatet ist. Auf dem Fahrdamm steht der Wagenpart der Feuerwehr, eine| tönnte.