BELRIN Mittwoch 6. Februar 1929
Der Abend
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Spalausgabe des„ Vorwärts
10 Pf.
Nr. 62
B 31 46. Jahrgang.
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Noch keine Entscheidung.
Reichskanzler Hermann Müller empfing heute vormittag in Gegenwart des Reichsaußenministers Dr. Stresemann und des Reichsjustizministers Koch den Reichsverkehrsminister v. Guèrard, um mit diesem in Anwesenheit des volksparteilichen und demokratischen Führers über lehte Möglichkeiten einer Berständigung ohne partielle krise zu beraten. Die Unterhaltung dauerte mehrere
jedoch hat auf die Opposition der sozialistischen Vertreter hin die ursprüngliche Vorlage vollkommen 11 t= gearbeitet. Das Gesetz war von der Regierung in einer derart losen Form gehalten worden, daß es, wie die sozialistischen Vertreter in der Kommission betonten, fünftig jede Parteipropaganda und jede WahlEonnte. Die Umarbeitung des Gesetzes ist nunmehr erledigt.
In Bombay find die Gerüchte entstanden, daß Angehörige der religiösen Sekte der Pathans( Afghanen) Kinder für Opferzwecke geraubt hätten. Dadurch sind Unruhen entstanden, die ein bedrohliches Ausmaß angenommen haben. Nachdem bereits am Sonntag bei Zusammenstößen zwei Personen getötet worden waren, sind Montng weitere 17 Personen ums Leben gekommen. Die Zahl der Verlegten ist sehr groß. Mehr als 300 000 Arbeiter in den Fabriken und Geschäften haben den Montag über gefeiert und sich in den Stadtteilen, in denen die Pathans wohnen, versammelt. An einer Stelle fam es zu einem Kampf zwischen etwa 1000 Arbeitern und 50 Pathans. Die Pathans wurden durch Inbrand. jehung der Wohnhäuser gezwungen, ihre Behausungen Stunden. Nach ihrer Beendigung fehrte Herr v. Guèrard aus der agitation untersagen oder unter schwere Strafe stellen zu verlassen und sich zum Kampf zu stellen. Als ein großes Polizeiaufgebot eintraf, lagen sieben Pathans schwerverletzt und und blutüberströmt am Boden, eine größere Anzahl anderer schlich sich verwundet hinweg. Auch zahlreiche Hindus wurden schwer verletzt und wurden von ihren Freunden mitgenommen, um nicht in die Hände der Polizei zu fallen. In der ganzen Stadt herrscht größte Unruhe, selbst der öffentliche Verkehr ist nicht mehr sicher, da die Straßenbahnen angehalten und nach Angehörigen der Pathans durchsucht werden. Die umfangreiche Razzia der Polizei, die nach dem Auftreten der Gerüchte über die Kinderverschleppung veranlaßt worden war, verlief ergebnislos. Für die den Pathans zugeschobenen Vergehen bestehen nicht die geringsten
Anhaltspunkte.
Immer wieder Krawalle.
Bombay, 6. Februar. Die Streitigkeiten zwischen der Hindubevölkerung und den mohammedanischen Bathans nahmen gestern einen so beunruhigenden Umfang an, daß das Geschäftsleben zum Erliegen tam und Truppen bereitgestellt wurden. Kurz nachdem sich eine Abordnung von 500 Bathans zum Polizeichef begeben hatte, um bessen Schuß zu erbitten, verbreitete sich das Gerücht, daß die Abordnung auf dem Rückwege zwei Hindus angegriffen habe. Der Eingeborenenbevölkerung bemächtigte sich eine ungeheure Erregung. Alle Läden wurden geschlossen. Die Polizei wurde ebenfalls von den Pathans angegriffen. Sechs Polizisten wurden ver=
wundet. Es folgten Kundgebungen gegen die Bathans, die sich in eine Moschee flüchteten. Sodann trat wieder Ruhe ein, jedoch ist das Geschäftsleben noch nicht wieder in Gang gekommen.
London , 5. Februar.( Eigenbericht.) Gerüchte, wonach ein Gewerkschaftsführer von der Polizei an gegriffen worden sei, führte in Colombo auf Ceylon zur Arbeitsniederlegung der Hafen, Docks und Verkehrsarbeiter und zu Zusammenstößen, bei denen 20 Personen verletzt wurden. Am Abend fam es zu einem neuen Angriff gegen die Polizei, wobei auch das Polizeigebäude in Brand gesteckt wurde.
Die Entschuldigung übereilt.
Was will Held nun eigentlich?
Reichskanzlei in den Reichstag zurüd, um den Fraktionsvorstand des Zentrums und darauf der Zentrumsfraktion Bericht zu erstatten. Der preußische Ministerpräsident Otto Braun war heute vormittag zu einer Besprechung beim Reichspräsidenten .
Reichsgerichtspräsident Bumte.
Der Nachfolger Simons.
Das Reichskabinett hat am Dienstag beschlossen, dem Reichspräsidenten als Nachfolger des Reichsgerichtspräsidenten Dr. Simons den Ministerialdirektor im Reichsjustizministerium Bum ke vorzuschlagen. Die Ernennung dürfte bereits in den nächsten Tagen erfolgen. Der Ministerialrat im preußischen Justizminifterium Dr. Bessau ist inzwischen zum Reichsgerichtsrat ernannt worden.
Ausnahmegesetz gegen das Elsaß . Kammerkommiffion ändert Poincaré - Entwurf.
Paris , 6. Februar.( Eigenbericht.)
Im Anschluß an die Aussprache über das elsässische Problem wird die Kammer in der nächsten Woche den Gesekentwurf der Regierung über die Ausnahmegesetze zur Unterdrückung der autonomistischen und separatistischen Umtriebe" in Beratung nehmen. In seiner großen Rede hat der Ministerpräsident Poincaré seinen Rücktritt angekündigt, falls die Kammer ihm in diesem Gesetz nicht die„ besonde ren Waffen" zur Niederwerfung der autonomistischen Strömung gebe. Die Zivilrechtskommission der Kammer
München , 6. Februar.( Eigenbericht.) Die„ Bayerische Volkspartei- Korrespondenz" schreibt am Dienstag:„ Wir halten es für gänzlich ausgeschlossen, daß der Schritt des Herrn v. Breger beim preußischen Ministerpräsidenten einen anderen Zweck und Sinn haben konnte, als die offi. zielle Uebermittlung der Antwort der bayerischen Staatsregierung auf die Erklärung, die Herr Dr. Braun am ver gangenen Sonnabend nachmittag abgegeben hatte. Ein Hinausgehen über diese Erklärung war nach der ganzen Sachlage feinesfalls geboten. Kein Mensch in Bayern hat ein Interesse daran, daß zwischen der bayerischen und der preußischen Regierung ein die sachlichen Auseinandersetzungen erschwerender Spannungszustand besteht. Es kann aber unmöglich zu einer befriedigenden Bereinigung der ganzen Angelegenheit kommen, wenn irgendwie der Anschein erweckt wird, als ob die bayerische Regierung sich gegenüber der preußischen Regierung im Unrecht befände. Leider ist zu befürchten, daß die preußische Pressemeldung in dieser Richtung gedeutet und ausgemünzt wird." Ja, hat sich Bayern nun entschuldigt oder nicht? Was will held mit Ein zweiter Bismard, diefer Poincare . Genau so hat jener inen Erklärungen bezwecken? fich die Herzen der Elfäffer erobern wollen!
200000 Textilarbeiter im Kampf.
Neue Kündigungen in Barmen.
Barmen, 6. Februar.
Der Arbeitgeberverband der Tegtilindustrie teilt durch Anschlag in den Betrieben mit, daß er durch die schlechte Lage der Betriebe gezwungen fei, eine Aenderung der bisherigen Arbeitsbedingungen vorzunehmen.
Sämtliche Arbeitsverträge werden mit Wirkung vom 18. Februar gekündigt, und es wird vorgeschlagen", neue Verträge mit folgender Berkürzung der Löhne abzuschließen:
Die Löhne der männlichen und der weiblichen Arbeiter werden um 8,5 Pro 3. getürat iedoch mit der Maßgabe, daß für männliche Arbeiter ein Mindestlohn von 63 P f. für die Stunde und für Arbeiterinnen von 48 Pf. für die Stunde garantiert wird. Der Fünfzehnerausschuß der Gewerkschaften ist zusammengetreten, um zu dieser neuen Berschärfung im Lohnstreit Stellung zu nehmen.
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Rund 200 000 Terfilarbeiterinnen und Terfilarbeiter- viel leicht korrigiert das Unternehmertum diese Zahl auf einstweilen mir 194 000 find in den Kampf gedrängt, in den Streit, ausgesperrt oder erst gekündigt.
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Die Herren schließen den Ring! Sie sind gut organisiert. Sie wollen ihre" Industrie mit aller Gewalt auf dem alten Elendsniveau erhalten. Die wenigen Verbesserungen, die die Textilarbeiter und-arbeiterinnen durch ihre Organisation errangen, sollen ihnen mieder entrissen werden. Garantieren wollen die Herren in Barmen einen Wochenlohn von rund 30 m. für Arbeiter und einen jolchen von 21 M. für die Arbeiterinnen. Davon gehen dann erst noch die entsprechenden Abzüge ab. Die Arbeiterschaft braucht aber ,, nur" die geforderten Ueber stunden zu machen, um über diese " garantierten" Mindest hungerlöhne ein wenig hinauszu= tommen.
Es ist ein schmähliches Spiel, das das Unternehmertum in der Tegtilindustrie mun schon seit Jahren un= unterbrochen mit feinen" Arbeiterinnen und Arbeitern treibt. Der Kampf zur Niederdrüdung der Textilarbeiterschaft auf den äußersten Hungeretat ist ein Kampf, der fich gegen die gesamte deutsche Arbeiterschaft richtet.
Haben die Textilherren erst einmal ihr Ziel erreicht, dann wird das Unternehmertum der übrigen Industrien versuchen, auch seine Arbeiter auf die gleichen Hungerlöhne zu setzen. Der Ausbeutungsdrang des Kapitals ist schamlos und grenzenlos. Damit muß die Arbeitnehmerschaft nun einmal rechnen, und sich wappnen, um ihm gehörig zu begegnen.
Industrielle fahren nach Moskau . Eine englische Industriedelegation beschlossen. London , 6. Februar. Eine Versammlung von englischen Fabrikanten, die an der Ausdehnung des Exports nach Rußland interessiert sind, nahm einen Beschluß an, wonach eine Delega tion der Industriellen nach Rußland gebildet werden soll. Dieser Beschluß gilt als eine Antwort auf eine russische Auslassung, daß der Besuch einer Delegation britischer Industrieller in Rußland willkommen geheißen Die führenden englischen Fabrikanten nahmen an dieser Versammlung teil. Die Delegation wird von sem englisch- russischen Komitee organisiert werden und spätestens am 8. März abreisen.