Morgenausgabe
Tr. 73
A 37
-46. Jahrgang
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Technit Blid in bie Bücherwelt" und Jugend- Borwärts"
Mittwoch
13. Februar 1929
Groß- Berlin 10. Pf. Auswärts 15 Pf.
Die einipaltige Ronpareillez le 80 Pfennig. Refiame eile 5- Reichs mart. Kleine Anzeigen' bas eftge brudte Bart 25 Pfennig( zuläffig zmei feitgebrudte Borte), jebes weitere Wort 12 Bfennig. Stellengesuche bas erste Wort 15 Pfennig, jebes weitere Wert 10 Pfennig. Worte über 15 Buchstaben gählen für zwei Morte. Arbeitsmartt Belle 60 Pfennig. Familienanzeigen für Abonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigencanahme im Hauptgeschäft Lindenftraße 3, wochentägl, von 8 bis 17 Uhe.
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Condon, 12. Februar.( Eigenbericht.)
Die Erefutive der Sozialistischen Arbeiterinternationale hat nach
eingehenden Beratungen im Sinne eines Berichts von Albarba Holland an das Sekretariat des Völkerbundes folgendes Telegramm gesandt:
?
„ Die am 12. Jebruar 1929 in Condon tagende Sigung der Erefufive der Sozialistischen Arbeiterinternationale erwartet, daß die vorbereitende Abrüstungstommission des Bölferbundes ihre Arbeiten allerschnellstens zu einem erfolgreichen Abschluß bringt, damit die allen Böllern der Erde feierlichst gegebenen Abrüftungsversprechen durch einen allgemeinen Bet. trag endlich ihre Erfüllung finden. Die Sigung erklärt, daß die Sehnsucht der Völker nach dem Frieden bei den Regierungsvertretern in Genf ihren Ausdrud finden muß, damit die Organisation des Friedens wahrhaft zuffande fomme."
Außerdem wurde ein
Aftionsprogramm
beschlossen, das u a. folgendes vorfieht:
1. Aufforderung an die sozialistischen Parteien, Organisationen und evtl. abzuhaltenden Bolksversammlungen in den einzelnen Län. dern, die oben erwähnte Adresse gleichfalls zu beschließen und an die Dorbereitende Abrüstungskommission nach Genf zu senden.
2. Ausarbeitung eines gemeinsamen Blanes für eine Attion zugunsten der Abrüstung nach Fühlungnahme mit der Ge mertschaftsinternationale; Aufforderung an die Internationale Genossenschaftsattianz, fich der Bewegung für die Abrüstung anzuschließen.
3. Gemeinsame Prüfung der Mittel durch SAI. und JGB., um ben diesjährigen Maifeiern noch mehr als sonst den Charakter einer Friedensdemonstration zu verleihen.
4. Gemeinsame Borberitung von Demonftrationen der fozialistischen Parteien unb Gemertschaften anläßlich bes 15. Jahrestages der Kriegserflärung.
5. Borberitung eines Abkommens zwischen JGB. und SAI. mit dem Ziel einer gemeinsamen Aktion anläßlich der Bötter bundsversammlung im September in Genf .
Im weiteren Berlauf der Sigung unterbreitete Longuet im Namen der französischen und der tschechischen Delegation folgende Resolution über
Südilawien.
bie einstimmig angenommen wurde:
,, Das südslawische Volf gehört zu jenen Nationen, die für ihre nationale Befreiung und Einigung das größte Opfer gebracht haben. Ganze Jahrhunderte unter der Fremdherrschaft, in sechs Staaten geteilt, nach drei Balkankriegen und nach dem Weltkriege, nach dem Verlust von Millionen ihrer Volksgenossen haben die Südflamen zu lezt durch eine nationale Revolution ihre Einigung im einheitlichen fübflawischen Staat gefunden. Aber in einer Zeit, in der
Alle Oppositionsanträge abgelehnt.
Warschau , 12. Februar.( Eigenbericht.) In der driffen Lesung des Etats enthielten sich die polnischen Sozialisten und die übrigen Linkspartelen der Stimme, da fie, roie Niedsjalfowifi eflärte, in der Ablehnung des Haushalts noch nicht die Erreichung ihres Zieles, nämlich die Wiedereinsetzung noch nicht die Erreichung ihres Zieles, nämlich die Wiedereinsehung des parlamentarisch- demokratischen Systems, erblicken. Der Kampf um diefes Hauptproblem, das felt dem Maiumfturz das politische Leben Polens beherrsche, werde vielmehr erst bei der Verfaffungsdebatte ausgetragen werden.
Sämtliche Anträge der Linksparteien auf Verminderung des ftehenden Heeres, Berkürzung der Dienstzeit und kürzung der Heeresausgaben, sind abgelehnt worden. Sozialdemokratie und Berfaffungsverschlechterung. Warschau , 12. februar.
Der sozialdemokratische Robotnit" wendet sich außerordentlich scharf gegen die vom Pilsudsti- Block eingebrachte Verfassungsreform. Das Blatt versichert, daß die sozialdemokratische Fraktion der Regierung nur deshalb noch nicht das Bertrauen ausgesprochen hätte, weil dieses gleichbedeutend mit dem Beginn revolutionärer Kämpfe auf der Straße sein müßte, da die Regierung frei willig die Macht dem Sejm nicht überlassen werde. Bis zum gegenwärtigen Augenblid wären die Sozialdemokraten Straßentämpfen ausgewichen; ste hätten dies mit vollem Bewußtsein getan im Gefühl der Berantwortung für das Schidfal des Staates und der arbeitenden Bevölkerung. Die Geduld habe jedoch ihre Grenzen. Wenn die Demokratie vor die Bahl gestellt werde zwischen der Aufrechterhaltung der Errungen schaften der arbeitenden Massen und der vom Pisudski- Block verge schlagenen„ Berfassungsverbesserung", sei eben feine Wahl
mehr vorhanden.
Jouitate
das faschistische Italien seine Anstrengungen verstärkte, die das faschistische Italien seine Anstrengungen verstärkte, die reaktionären Nachbarstaaten Südflawiens- Bulgarien, Ungarn , Albanien unter seine Führung zu bringen, und Südflawien einzu freisen, hat die
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höfifche und militärische Clique in Belgrad die Demokratie in Serbien gespalten und zu forrumpleren gesucht, und die Gegensätze zwischen Serbien und Kroatien ausgenügt, um schließlich die politische Freiheit in Südflawien zu vernichten, alle Rechtsgrundlagen zu zerstören und den Absolutismus aufzurichten. Dieser Absolutismus hat wie alle politischen Parteien auch die fozialistische Partet aufgelöst. Er hat die Arbeiterllaffe aller Möglichkeit legalen Kampfes beraubt, während er gleichzeitig mit den Unternehmerverbänden über die Revision der Ar beiterfuggefeße verhandell. Angesichts dieser Tatsache jendet die Exekutive der SAI. der Arbeiterklasse Südstawiens ihren Gruß. Sie erklärt ihre volle Solidarität mit den Sozialdemafraten Südflamiens und fordert alle sozialistischen und Arbeiter parteien auf, die jüdslawische Sozialdemokratie zu unterstützen in ihrem Kampf für die Wiederherstellung der Demokratie."
Henderson führt den Borsitz weiter.
London , 12. Februar.( Eigenbericht.)
Die Erefutive der SAJ., die ihren erfrankten Vorsitzenden Arthur Henderson einstimmig ersucht hatte, trop feiner grundsäglichen Bedenten die Wiederwahl zum Borfizenden anzunehmen, erhielt eine Antwort Hendersons, in der es u. a. heißt:
Es
Es hatte mir gefchenen, daß die Beit für meinen Rücktritt von einem Amt, das ich so lange ausgeübt habe, reif und der Augenblid gekommen ist einem anderen Play zu machen scheint, daß diese Auffassung von meinen Genoffen nicht geteilt wird. Unter diesen Umständen bin ich bereit, diesem Wunsche nachzukommen und den Borsiz, den man mir neuerdings über tragen, für eine weitere Amtsperiode anzunehmen."
Banffonto: Bank der Arbetter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65 Diskonto- Gesellschaft. Depofitentafie Lindenste 3
Muffolinis Bündnis mit der Kirche.
Der Vertrag zwischen der fatholischen Kirche und dem Königreich Italien, der vorgestern unterzeichnet, gestern mit realpolitischen Erwägungen auf beiden Seiten. Die fatho großem Bomp gefeiert wurde, verdankt seine Entstehung sehr lische Kirche hat von neuem gezeigt, daß sie den Vorteil, den fie für die Entwicklung ihres Eigenlebens findet, aus jeber Hand zu nehmen bereit ist und daß sie dabei Rücksichten auf Staatsformen und Regierungsmethoden nicht kennt.
Es gibt wohl feine Regierung Europas , die sich in ihrem praktischen Handeln weiter von den sittlichen Geboten des Christentums entfernt hat als die faschistische Regierung Italiens . Sie hat alle Freiheitsrechte des italienischen Volkes niedergetreten, den Arbeiter zum rechtlosen Baria herabgewürdigt, alle Bestrebungen des Proletariats, nach eigenen been seine Lage zu verbessern, mit blutiger Gewalt unterdrückt. Mit Dolch und Revolver hat der Faschismus die Ausrottung und Einschüchterung seiner politischen Gegner betrieben, und auf der langen Liste seiner blutigen Opfer stehen nicht nur Sozialisten und Liberale, sondern auch fatho= lische Priester. Mach außen verkörpert das faschistische Italien die Idee eines sich selbstheilig" sprechenden natio= nalen Egoismus, die dem internationalen Jdeal ber fatholischen Kirche schnurstrads entgegengesetzt ist und die alle Freunde eines wahrhaft gesicherten Friedens zu sorgfamer Wachsamkeit herausfordert.
Die Exekutive nahm den Entschluß Arthur Hendersons, den Vorfit bis zum nächsten Kongreß weiterzuführen, mit lebhafter Belosigkeit auszeichnet, ist weiter nicht verwunderlich. Nicht nur nugtuung zur Kenntnis. Die Exekutive beschloß noch ein umfangreiches Dokument
zugunsten der politischen Gefangenen,
in dem u. a. darauf hingewiesen wird, daß die von der Sowjet regierung zu hunderten und Taufenben verhafteten und nach Sibirien und Zentralaften verbannten politischen Gefangenen gezwungen find, mit einer Unterstützung von 13 Mart monat. ( ich zu vegetieren. Es tommt hinzu, daß diese Häftlinge von den Gewerkschaften und aus den Genossenschaften ausgeschlossen find. Dadurch wird ihnen je de Erwerbstätigteit ge. nommen, ihre Versorgung mit Lebensmitteln ist äußerst er schwert.
Im Unterhaus erklärte der Unterstaatssekretär für Indien , Lord Winterton, ber Ursprung der Unruhen sei auf einen Streit der Hinduarbeiter in den Bombayer Delwerten zurüd zuführen, der von Kommunisten organisiert worden sei. Die ftrei tenden Arbeiter feien dann durch Bathans erfekt worden, tenden Arbelter feien dann durch Bathans ersetzt worden, und die dadurch bei den streifenden Hindus ausgelöste Erbitte rung habe sich allmählich zu einem Kampf zwischen Hindus und Mohammedanern im allgemeinen entwickelt, wobei auf beiden Seiten sich Gefin del zusammengerottet und die Führung bei den Tumulten an fich geriffen habe. Es felen mehrere britische und indische Truppenabteilungen nach Bombay beordert worden, und wenn die Lage auch immer noch ernst sei, weise sie doch eine ersichtliche Besserung auf. Im ganzen jelen bis heute 112 Ber fonen getötet und 400 verwundet worden. Die Truppen feien in 14 Fällen zum Schießen gezwungen gewesen
Asylgewährung als Pressionsmittel.
Zürtei und Trotti.
Sonftantinopel, 12. Februar.( Eigenbericht.)
mit ihrer Bereitwilligkeit, dem aus Rußland verwiesenen Trogli ein beschränktes Asyl in Angora zur gewähren, will nach verläßlichen Informationen die türkische Regierung einen Drud auf Frankreich und England üben, um die beiden Mächte für ihre Wünsche bei der syrisch- türkischen Grenz regelung zum Entgegentommen zu veranlassen.
Dieses faschistische Italien hat nicht aus religiösem Eifer oder aus Begeisterung für die christliche Sittenlehre, fondern aus machtpolitischen Erwägungen einen Kirchenftaat in fleinstem Umfang wieder hergestellt, dem Bapst seine Stellung als„ Staatsoberhaupt" zurückgegeben und ihm eine reichlich bemessene gelbliche Entschädigung für früher erlittene Unbill bewilligt. Der Papst hat diese Zugeständnisse angenommen, ohne zu fragen, pon mem sie fommen und zu welchen 3weden sie genacht werden. In feinem Handeln zeigt sich der Dualismus zwischen geistiger Mission und kirchenpolitischem Wollen, der die ganze Kirchengeschichte durchzieht. Daß sich auch die Gegenseite durch die gleiche VorurteilsParis ist eine Meffe wert! Durch den Vertrag vom 11. Februar 1929 wird das einst firchenfeindliche Stalien zur fatholischen Großmacht. In England und Deutsch land überwiegt der Protestantismus. Spanien ist katholisch, aber seit dem Berlust seiner großen überfeeischen Besitzungen immer nur eine Macht zweiten Ranges. Frankreich hat eine antifleritale Gefeßgebung, Bugeständnisse Poincarés an die Kirche stoßen auf heftigsten Widerstand der radikalen Linden. Italien schien bis vor kurzer Zeit weit davon entfernt, in der Gunst der Kirche anderen Mächten den Rang ablaufen zu können; zwischen ihm und dem Batifan stand jener 20. September 1870, an dem die heilige Stadt von italienischen Truppen besetzt und der letzte Rest des Kirchenstaates vernichtet worden war. Jetzt aber ist nach fast sechzig Jahren des Unfriedens der Frieden in Rom wiederhergestellt, und Italien wird dadurch zur tatholischen Vormacht.
Es fann fein Zweifel daran sein, daß Mussolini , einst der grimmigste Pfaffenfresser der sozialistischen Partei Italiens , feinen Frieden mit dem Batifan vor allem deshalb geschlossen hat, weil er von ihm eine bedeutende Förderung jeiner imperialistischen Bestrebungen erhofft. Er will für den Faschistenstaat die Sympathien der Katholiken in der ganzen Welt gewinnen, zum mindesten vorhandene Antipathlen, die früher fich sehr deutlich bemerkbar machten, zum Schwinden bringen. Antifaschistische Aeußerungen, wie man fie einst sehr zahlreich in der deutschen Zentrumspresse fand, wird man dort und in der übrigen fatholischen Bresse der Welt in Zukunft vergeblich suchen. Darüber hinaus werden sich zwischen den kirchlichen Missionen des Vatikans und den politischen des Quirinals Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben, die bisher gefehlt haben. Das ist es, was Frankreich heute aufhorchen läßt. Hat sein Konkurrent im Mittelmeer einen Vorsprung gewonnen?
leber inner politische Wirkungen des neuen Bertrags in Italien wird man nur unter gewissen Vorbehalten sprechen können. Was in Italien noch reden darf. feiert die Genialität des Duce, und was anders denkt, muß schweigen. Man darf jedoch nicht annehmen, daß das System ber Gewalt imftande ift, geistige Strömungen, die starten geschichtlichen Traditionen entspringen, tiefer als unter eine schwache Decke hinabzudrücken, unterirdisch gehen sie weiter. Die nationale Tradition 3taliens ist antiflerital, denn im Kampfe mit dem Papsttum ist das geeinte Italien entstanden. Antiflerifal war bis zum Einbruch des Faschismus die Intelligenz, das Bürgertum, die Arbeiterschaft. Wenn jetzt der Katholizismus zur Staatsreligion erklärt wird, die kirchlichen Feiertage ftaatlich anerauftreten fönnen, wenn die rein firchliche Ehe staatlich anerfannt werden, die religiösen Orden als juristische Personen fannt und der geistlichen Gerichtsbarkeit unterstellt, der Religionsunterricht auf die Mittelschulen ausgedehnt wird, so