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BERLIN Freitag 8. März 1929

Der Abend

Erfcheint täglich außer Sonntags.

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Nr. 114

B 57 46. Jahrgang.

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Krise der Sowjetdiktatur.

Selbstzerfleischung der Diktatoren.- Bucharins Weinkrampf.

Die Auseinandersehungen innerhalb der leitenden Körperschaften der russischen Kommunistischen Partei sind so weit fortgeschritten, daß man von beginnen. dem Zerfall sprechen kann.

Ueber die inneren Zustände in den leitenden Körper­schaften unterrichtet die folgende Zuschrift, die das Mit­teilungsblatt der russischen Sozialdemokraten aus Mo3. kau erhalten hat:

Die ,, Schlachtung". Bu cha rins durch Stalin erfolgte auf Grund der Aufzeichnungen Ka menems über eine Unterredung mit Bucharin , der Kamenem für einen Blod gegen Stalin ge­winnen mollte.

Die Bekanntgabe des Briefes in der Zentraffontrollkommiffion führte zu einer gewaltigen Explosion Bucharin , Re­

Drei Tote, sieben Verletzte.

Folgen einer Schlägerei zwischen Kommunisten und Hafen. freuzlern.

Heide( Holstein), 8. März.

In dem in Süderdithmarschen gelegenen Orte Wöhrden fam es gestern abend zu einem Zusammen­stoß zwischen Kommunisten und Nationalsozia= listen. Die Kommunisten, die sich in großer Ueberzahl befanden, griffen die Nationalsozialisten an, und es ent­wickelte sich eine heftige Schlägerei, in deren Verlauf zwei Nationalsozialisten durch Stiche getötet wurden. Auch ein Kommunist blieb tot auf dem Plate. Außerdem wurden sieben Verlekte, dar­unter ein Schwerverletter, ins Heider Krankenhaus gebracht.

Duisburg

die Stadt mit dem größten Binnenhafen der Welt feiert heule ihr 800 jähriges Bestehen.

Fall Ulik in Genf . Auf spätere Sitzung verschoben.

Genf , 8. März.

Der auf der Tagesordnung der heutigen Ratssigung stehende Fall Uliz mußte abgefeßt und auf eine der nächsten Sizungen verschoben werden, da die Verhandlungen noch kein Ergebnis haben, die zwischen der deutschen und der polnischen Abordnung und dem Berichterstatter, Botschafter Adatschigeführt werden. Der pol­nische Standpunkt geht im wesentlichen dahin, daß weder die pol­nische Regierung, noch der Völkerbund in das schwebende Ge richtsverfahren eingreifen könnten. Deutschland strebt da­gegen an, Garantien für eine objektive und gerechte Durchführung des Prozesses zu erhalten. Der Rat soll heute die übrigen Beschwerden des Deutschen Volksbundes verhandeln.

Bucharin

der von Stalin abgesetzte Chefredakteur der Pranda und Vorsitzende der Komintern.

dafteur der Prawda" und Mitglied des Politbureaus, wurde in flagranti bei dem Verfuch der Vorbereitung einer Parteirevolte und eines Staatsstreiches er= tappt. Die Zentraltontrollfommission lud Bucharin vor und ver langte von ihm eine Rechtfertigung seiner Handlungsweise. Gegen die Beschuldigung, die Barteidisziplin auf das schwerfte gebrochen zu haben, wußte Bucharin zum Schluß nicht mehr viel zu erwidern. Die Stimmung war in der Situng der Zentralton­trollkommission so grauenhaft und deprimierend, daß Bucharins Nerven dem nicht standhielten und er in einen hysterischen Weinkrampf ausbrach.

Daß der Zerfall der Partei bis zur äußersten Grenze fortgeschritten ist, wurde offenbar auch von der Mehrzahl der Mitglieder der zentralen Kontrollinstanz der Partei empfunden: ein Beschluß in Sachen Bucharin wurde von der Kontrollfommission nicht ge­faßt. Bucharin selbst legte feine Aemter als Redakteur der Bramba" und Mitglied des Präsidiums der Kommunistischen Inter­nationale nieder.

Im Zusammenhang mit diesen Borgängen herricht in den fom­munistischen Kreisen eine sehr forgenvolle Stimmung. Die tm Rreml und den Parteiheimen wohnenden Kommunisten balten es nicht für ausgeschlossen,

das von einer der kämpfenden Gruppen der Versuch unternommen wird, die Anhänger der gegnerischen Richtung in einem nächtlichen Ueberfall zu verhaften. Die Gerüchte von einem bevorstehenden Staatsstreich be­haupten fich immer hartnädiger.

Sensation im Fememordprozeß.

General Weber gegen General von Hammerstein.- Wer war getäuscht?

Steffin, 8. März.

Nach Abgabe des Gutachtens des militärischen Sachverständigen, General von Hammerstein, im Femetnordprozeß übergab Rechtsan walt Bloch Berlin ein Schreiben, das ihm heute morgen von dem jetzigen General der Infanterie 3. D. Weber, der im Jahre 1920 Generálmajor und Kommandeur des Wehr­freistommandos II in Stettin war, überfandt worden ist und in dem der General u. á. zum Ausdruck bringt, daß er mit Er staunen die Stettiner Prozeßverhandlungen verfolgt habe und in diesem Zusammenhang feststelle,

daß er sich niemals im Zweifel darüber gewesen sei, daß die Roßbacher eine ihm unterstellte Truppe waren.

Dieser Anschauung entsprechend habe er über diese Truppe ver­fügt. Er sei bereit, jederzeit hierüber auszusagen.

Der Berteidiger stellte hierauf den Antrag, General Weber als­3eugen darüber zu laden, daß die Roßbacher eine dem Wehrkreis­fommando II unterstellte Truppe waren.

General v. Hammerstein antwortete sehr laut und sichtlich erregt: Was General v. Weber in diesem Brief sagt, widerspricht allen amtlichen Kenntnissen des Reichswehrministeriums und der Seeresleitung. Es fönnte sein, daß der General die Dinge ver= wechselt und fich feine Meinung auf die Zeit vor der Auflösung der Roßbacher in Güstrow bezieht. Ich weiß nicht, wie der etwa 70jährige alte Herr zu der hier mitgeteilten Auffassung fommt.

Das Mar yrium einer Ehe Standrecht in Mexiko

Berichte 2. Seite

Wenn das, was er sagt, als richtig unterstellt wird, dann erkläre ich hiermit, daß der damalige Kommandeur der 2. Division das Minifterium und die Heeresleitung hintergangen hat.

Ich betone aber auch, daß ich dann alle Vorwürfe gegen den Ober­leutnant Roßbach zurücknehme.

eigentlich übrig als derjenige, der nicht getäuscht worden ist? Rechtsanwalt Bloch: Wer bleibt denn bei der Reichswehr

General v. Hammerstein: Bor allen Dingen der Reichs­wehrminister und der Chef der Heeresleitung, aber auch eine ganze Anzahl von anderen Reichswehrkommandeuren. Mir ist es unerklärlich, warum General v. Weber diese Aussage nicht schon vor einem Jahr dem Gericht oder besser noch dem Reichs­wehrminister gemacht hat.

Frieden mit Ghandhi. Und Schonung den Auslandsstoffen.

Condon, 8. März. In der gesetzgebenden Bersammlung in Neu- Delhi sprach ein Re­gierungsvertreter über die Vorgänge bei der Berhaftung Ghandis in Salfuffa. Ghandi habe zugesagt, daß von einer weiteren Ber­brennung ausländischer Kleider abgesehen werden solle, bis das mit seiner Verhaftung eingeleitete Gerichtsverfahren entschieden sei. Die Regierung fei fich bewußt, welch große Erregung die Berhaffung Ghandis hervorgerufen habe, aber sie hoffe, daß der Frieden des Landes hierdurch nicht beeinträchtigt werde.

Die Regierung in Bombay beschloß, einen Ausschuß zur Unter­suchung der Ausschreitungen einzusetzen. Zwei führende Inder find eingeladen worden, sich an der Untersuchung zu beteiligen.